Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Antijudaismus
Das Verhältnis beider Formen zueinander und damit die Definition von Antisemitismus werden in der Antisemitismusforschung diskutiert. ... (Siehe Geschichte des …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Grundzüge
Antijudaismus bezeichnet Judenfeindschaft aus religiösen Motiven. Meist meint der Begriff antijüdische Theorien und Verhaltensweisen im Christentum; weiter gefasst gehören auch begrenzte antike Judenfeindschaft und Judenfeindlichkeit im Islam dazu. Er durchzog nach der Trennung von Christentum und Judentum (70–100) die Kirchengeschichte und trug dazu bei, dass Juden im christlichen Europa seit dem 4. Jahrhundert rechtlich, sozial und wirtschaftlich benachteiligt, ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben und vielfach ermordet wurden.
Zentral waren Vorstellungen, Juden hätten Jesus nicht als Messias und Sohn Gottes anerkannt, seien deshalb von Gott verworfen oder für seinen Tod kollektiv verantwortlich. Die jüdische Zerstreuung, Verfolgung und Diaspora wurden als angebliche Gottesstrafe gedeutet. Der kirchliche Antijudaismus machte ältere Stereotype zu europaweit verbreiteten Lehren und gilt als historische Voraussetzung des neuzeitlichen Antisemitismus. Wie beide Begriffe genau zusammenhängen, ist in der Forschung umstritten.
Antike und kirchliche Lehren
Die neutestamentlichen Schriften entstanden etwa zwischen 40 und 130; ihre Autoren des 1. Jahrhunderts waren Juden. Sie setzen die bleibende Erwählung Israels voraus und schreiben sowohl damaligen jüdischen religiösen Führern als auch den ausführenden Römern Schuld an Jesu Kreuzigung zu. Paulus betonte im Römerbrief, verfasst um 56, dass Gottes Bund mit Israel nie gekündigt worden sei, und warnte Christen in Rom vor Judenfeindschaft (Röm 9–11 EU). Dennoch wurden einzelne innerjüdische Polemiken, etwa Mt 27,25 EU, Joh 8,44 EU und 1 Thess 2,14–16 EU, später aus ihrem Zusammenhang gelöst und zur Verfolgung aller Juden benutzt. Ob der spätere Antijudaismus bereits im Neuen Testament angelegt war, ist stark umstritten.
Nach der Tempelzerstörung 70 und dem endgültigen Trennungsprozess um 100 entwickelten Theologen der Alten Kirche antijudaistische Lehren. Dazu gehörte die Ersatztheologie: Gott habe Israel verworfen, die Kirche sei nun das „wahre Israel“; die Bibel gehöre der Kirche, und die Tora sei durch den „neuen Bund“ überholt. Hinzu kam die Gottesmord-Theorie, die bis 160 aus dem Vorwurf der Ablehnung Jesu entstand. Sie erklärte alle Juden und Generationen nach ihnen für schuldig.
Seit der Konstantinischen Wende 313 und besonders seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion 380 verschlechterte sich die Rechtslage. Kaiserliche Gesetze beschränkten Mission, Ämter, Mischehen, Synagogenbau und Besitz christlicher Sklaven. Synagogen wurden angegriffen oder in Kirchen umgewandelt. Augustinus begründete zugleich eine Schutz- und Unterordnungslehre: Juden sollten als zerstreute „Zeugen“ der christlichen Wahrheit weiterleben, aber in einer untergeordneten Stellung. Diese Regelungen wurden im Codex Theodosianus und Codex Iustinianus zu Vorbildern mittelalterlicher Judenpolitik.
Mittelalterliche Ausgrenzung und Verfolgung
Unter den Karolingern waren Juden zunächst vergleichsweise geschützt, etwa durch Karl den Großen und Ludwig den Frommen. Seit dem späten 10. Jahrhundert schloss die christliche Ständegesellschaft sie jedoch aus „ehrenwerten“ Berufen aus. Zünfte verweigerten ihnen die Mitgliedschaft; Grundbesitz und politische Teilhabe waren erschwert. Viele wurden auf Handel, Pfandleihe und Kreditvergabe verwiesen. Daraus entstand das Klischee des reichen, habgierigen „Wucherjuden“, obwohl die meisten mittelalterlichen Juden arm waren.
Kreuzzüge verschärften die Gewalt. Beim Ersten Kreuzzug wurden 1096 zahlreiche Gemeinden, besonders im Rheinland, überfallen und zerstört, darunter in Speyer, Worms, Mainz, Trier und Köln. Päpstliche Schutzbriefe wie Sicut Judaeis von 1146 verboten Zwangstaufen und Übergriffe ohne Gerichtsverfahren, konnten Verfolgungen aber nicht zuverlässig verhindern. Im 13. Jahrhundert verstärkten Schutzsteuern, Kennzeichnungspflichten und räumliche Absonderung die Abhängigkeit. Das IV. Laterankonzil von 1215 ordnete eine besondere Kleidung für Juden und Muslime an und verbot Juden öffentliche Ämter; seit dem 15. Jahrhundert wurden Judengassen und Ghettos vielerorts durch Mauern und Tore abgeschlossen.
Besonders folgenschwer waren religiöse Anschuldigungen: Ritualmord, Hostienfrevel, Gotteslästerung, Brunnenvergiftung und Wucher. Ritualmordlegenden behaupteten fälschlich, Juden töteten christliche Kinder und verwendeten deren Blut für Matzen; sie ignorierten das jüdische Blutgenussverbot. Beim Hostienfrevel wurde ihnen eine angebliche Misshandlung konsekrierter Hostien vorgeworfen. Talmudverbrennungen, etwa 1242 in Paris, folgten dem Vorwurf der Gotteslästerung. Während der Pest von 1348/49 wurden Juden trotz päpstlicher Gegenargumente oft als angebliche Brunnenvergifter verfolgt; viele Pogrome begannen sogar vor dem Eintreffen der Pest. Ökonomische Interessen verschuldeter Bürger, Bauern und Herrscher verstärkten die Gewalt.
Es kam zu wiederholten Pogromen und Vertreibungen: England vertrieb 1290 alle Juden, Frankreich 1306 und endgültig 1394. Im Heiligen Römischen Reich wurden zwischen 1390 und 1520 Juden aus fast allen Reichsstädten sowie vielen Territorien vertrieben. Verfolgung und Vertreibung waren dabei häufig mit Enteignung und dem Erlass christlicher Schulden verbunden.
Frühe Neuzeit, Reformation und Neuzeit
In Spanien zwang das Alhambra-Edikt von 1492 Juden und Muslime zur Auswanderung oder Taufe. Auch getaufte Juden wurden als marranos beschimpft und wegen angeblich fehlender „Reinheit des Blutes“ diskriminiert. Die spanische Inquisition verfolgte Konvertiten, denen eine heimliche Fortsetzung ihres Glaubens unterstellt wurde. Damit wurde Judenfeindschaft erstmals auch mit Abstammung begründet.
Humanisten vertraten unterschiedliche Positionen. Johannes Reuchlin trat 1510 gegen die Verbrennung jüdischer Bücher ein und verlangte, Juden dürften kein Unrecht leiden; zugleich hielt auch er am Gottesmordvorwurf und an der bloßen Duldung fest. Viele Humanisten und Reformatoren übernahmen traditionelle antijudaistische Annahmen. Martin Luther verwarf 1523 Ritualmord- und Hostienfrevellegenden, kritisierte Gewalt und verlangte bessere Behandlung von Juden. Ab 1526 und besonders 1543 forderte er jedoch unter anderem die Zerstörung von Synagogen und Häusern, Beschlagnahmung von Schriften, Berufsverbote und gegebenenfalls Vertreibung. Luther dachte laut Artikel nicht rassistisch, seine Schriften bahnten aber Frühantisemitismus an.
Im 16. Jahrhundert verschärften Päpste im Kirchenstaat Zensur, Talmudverbrennungen und Ghettoisierung; die Bulle Cum nimis absurdum von 1555 zwang römische Juden in ein Ghetto. Im 17. und 18. Jahrhundert blieben antijüdische Polemiken wirksam, zugleich traten Vertreter eines Philosemitismus auf. Die Aufklärung forderte teilweise die rechtliche Gleichstellung, etwa Montesquieu und Moses Mendelssohn.
Im Deutschen Bund führten die Hep-Hep-Krawalle von August bis Oktober 1819 zu gewaltsamen Ausschreitungen in über 80 Orten und zu Rückschritten bei der Judenemanzipation. Im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik verbanden sich christliche antijüdische Muster zunehmend mit rassistischem und völkischem Antisemitismus. Während der NS-Zeit beriefen sich Nationalsozialisten und Deutsche Christen auf Luther; Kirchen leisteten der Judenverfolgung insgesamt keinen wirksamen Widerstand. Eine Ausnahme war Dietrich Bonhoeffer. Nach 1945 begannen Kirchen, ihre Mitverantwortung aufzuarbeiten. Die Evangelische Kirche im Rheinland fasste am 11. Januar 1980 einen wichtigen Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden. Die römisch-katholische Kirche verzichtete im Dezember 2015 auf Konversionsversuche gegenüber Juden; Benedikt XVI. distanzierte sich im November 2018 ausdrücklich von der katholischen Judenmission. Antijudaistische Stereotype wirken laut Artikel dennoch teils fort.
Antijudaismus im Islam
Im Dār al-Islām regelte die Dhimma die Stellung von Juden, Christen und anderen anerkannten Minderheiten. Als Ahl al-kitāb („Leute des Buchs“) und Dhimmis („Schutzbefohlene“) durften Juden ihre Religion ausüben und waren rechtlich geschützt. Sie mussten jedoch besondere Kopfsteuern zahlen, Kleiderordnungen beachten und durften keine Waffen tragen. Die Regeln wurden je nach Zeit und Ort unterschiedlich streng angewandt.
Der Artikel betont, dass es im mittelalterlichen Islam keine systematische, religiös geforderte und kontinuierlich ausgeübte Judenfeindschaft gab. Neben Phasen relativer Toleranz gab es schwere Verfolgungen, die nicht nur Juden betrafen. Nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel 713 unterwarfen sich Juden den Mauren, nachdem sie im Westgotenreich verfolgt worden waren. Bis 1031 gab es in al-Andalus eine relativ friedliche Koexistenz von Christen, Juden und Muslimen. Massaker wie in Córdoba 1013, Fès 1033, Granada 1066 und Marrakesch 1232 blieben lokale Ausnahmen.
1492 nahmen osmanische Herrscher aus Spanien vertriebene Juden und Muslime auf; bis zum Ersten Weltkrieg konnten jüdische Gemeinden im Osmanischen Reich aufblühen. Die Damaskusaffäre von 1840 war die erste Ritualmordanklage gegen Juden in der islamischen Welt. Seit dem Palästinakonflikt der 1920er Jahre und verstärkt seit Israels Staatsgründung 1948 übernahmen Teile arabisch-islamischer Eliten antisemitische Verschwörungstheorien aus europäischen und amerikanischen Quellen.