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Judenhass: Die lange Geschichte
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 124 Zeilen
- In diesem Video hier geht es um Hass gegen Jüdinnen und Juden - um die Geschichte des Antisemitismus.
- Viele denken dabei wohl als erstes an den Völkermord, den die Nationalsozialisten begangen haben, das ist auch richtig.
- Aber Antisemitismus gibt es schon viel länger, seit über 2.000 Jahren, in unterschiedlichsten Formen und: Es gibt ihn bis heute.
- Wenn wir von Antisemitismus sprechen, meinen wir die Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen.
- Und die beginnt sehr früh. Eigentlich in dem Augenblick,
- als Juden erstmals als ethnische Gruppe wahrgenommen werden. Die meisten Historiker:innen geben das 6. Jahrhundert vor Christus
- als Aufstiegszeit des Judentums im östlichen Mittelmeer an. Schon damals gibt es Konflikte mit antiken Glaubensrichtungen.
- Das Judentum ist monotheistisch, die Anhänger glauben nur an einen Gott. Das ist den polytheistischen Kulturen mit vielen Göttern mehr als suspekt.
- Aber zu einer Feindschaft gegenüber Juden kommt es erst, nachdem eine neue monotheistische Religion auf den Plan tritt,
- die sich aber auch auf einen Juden beruft, nämlich Jesus von Nazareth.
- Ich spreche, na klar, vom Christentum. Anfangs sind die Übergänge zwischen Juden und Christen noch fließend.
- Aber bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus spalten sich die Christen ab.
- Ein gewissen Konkurrenzkampf entsteht. Letztlich geht es ja um die Frage nach der einzig wahren Religion.
- Verus Israel, sagen die Gelehrten des Christentums, "Wir sind das wahre Israel".
- Also das Volk, das Gott in seinem neuen Bund ausgewählt hat. Folgerichtig bedeutet das, das alte Judentum sei nicht mehr
- von Gott ausgewählt - mehr noch: Die Juden hätten Jesus als Gottes Sohn nicht erkannt, ihn gekreuzigt.
- Damit werden die Juden zu Feinden des "wahren Glaubens". Viele Christen sind überzeugt, die Juden seien Gottesmörder
- und deshalb verdammt, heimatlos in der Welt umherzuirren. Dieses Bild vom Judentum geht in die Glaubenslehre
- der wachsenden christlichen Kirche ein Es mündet im sogenannten "Antijudaismus".
- Das ist die feindliche Ablehnung des Judentums aus religiösen Motiven. Um das Thema einzugrenzen, beziehen wir uns ab jetzt
- auf die Situation in Mitteleuropa und in deutschen Gebieten. Das heißt nicht, dass nicht auch anderswo Juden diskriminiert
- oder verfolgt wurden, im Gegenteil. Während des frühen Mittelalters, bis zum 11. Jahrhundert nach Christus,
- ist der Antijudaismus zwar allgegenwärtig, nimmt aber meist keine lebensbedrohlichen Formen an.
- Die meisten Juden und Christen leben weitgehend friedlich zusammen. Der Konflikt findet unter Gelehrten statt,
- Juden sind aber Christen rechtlich nicht gleichgestellt. Sie dürfen etwa keine Ämter bekleiden.
- Diese Ungleichheit wird im Lehenswesen größer. Seit dem 11. Jahrhundert verwalten Könige ihr Land,
- indem sie es an Fürsten verleihen. Lehenswesen haben wir mal erklärt, der Videolink ist in der Infobox
- beziehungsweise auf dem i oder im Beschreibungstext. Den Juden ist es nach dieser Herrschaftsordnung untersagt,
- Land zu erwerben. Oft lassen sie sich deshalb in Städten nieder.
- Dort ist es ihnen aber verboten, "ehrenwerten" Berufen nachzugehen wie Bäcker oder Maurer - sie konzen- trieren sich auf geächtete Berufe.
- Wie Trödelhändler, Pfandleiher und Kreditgeber. Geächtet, weil es Christen nach dem Kirchenrecht verboten war,
- Zinsen zu erheben. Weil manche Juden Geld gegen Zinsen verleihen,
- werden einige jüdische Bankiers sehr reich. Was ihnen häufig die Missgunst ihrer christlichen Zeitgenossen einbringt
- und ein gewaltiges Stereotyp, das sich bis heute hält: Juden als geldgierige Wucherer.
- Dieses Bild taucht in den kommenden Jahrhunderten immer wieder auf. In Romanen, Karikaturen, Zeitungsartikeln, Theaterstücken.
- Prominentes Beispiel: William Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Der erste traurige Höhepunkt des christlichen Antijudaismus
- ist das Jahr 1096. Der erste Kreuzzug beginnt, zu dem Papst Urban II. kurz zuvor aufrief.
- Auch dazu haben wir schon mal ein Video gemacht, oben auf dem i. Und eigentlich geht es im Kreuzzug um den Kampf
- gegen muslimische Seldschuken in Palästina, aber Hassprediger im ganzen Land befeuern den Antijudaismus.
- Nach dem Motto: Ihr müsst nicht in die Ferne ziehen, es gibt ungläubige Gottesmörder in euren Städten.
- Vor allem Bauern und Kleinverbrecher, später das große Kreuzritterheer hinterlassen im Rheinland eine Verwüstung.
- Viele jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms oder Xanten fallen wütenden, mordenden Mobs zum Opfer.
- Diese Massaker an jüdischen Mitbürgern werden später "Pogrome" genannt.
- Solche Pogrome finden seitdem immer wieder statt - in ganz Europa. Sie erhalten im 14. Jahrhundert weiteren Auftrieb.
- Denn seit 1346 wütet der Schwarze Tod, die Pest. Eine der schlimmsten Pandemien der Geschichte.
- Etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung stirbt. Die mysteriöse Krankheit erzeugt jede Menge Verschwörungsmythen.
- Pandemie und Verschwörungen - kommt euch das bekannt vor? Auch heute gibt es rund um Corona abstruse Behauptungen
- und Verleumdungen über Juden als Verursacher der Pandemie. Oft unter Codewörtern - Signalwörter,
- die von denen, die sie verstehen wollen verstanden werden. Das Mittelalter ist voller Theorien, die Juden entwürdigen sollen:
- Sie würden Satan huldigen, sich mit Säuen vergehen oder Christenkinder schlachten.
- Zur Zeit der Pest kommt noch eine Verleumdung dazu: Brunnenvergiftung. Weil man die Ursache der Pest nicht erklären kann,
- sucht man die Schuld bei den Juden: Sie hätten mit dem Teufel das Wasser vergiftet und die Pest erzeugt.
- Diese Suche nach Sündenböcken kommt in Krisen immer wieder zum Vorschein. Mit all den Behauptungen hat man längst die Ebene verlassen,
- auf der Juden "nur" Ketzer sind. Der Hass auf Juden wird zum Aberglauben.
- Schlimmer noch: zur Mentalität. In Bildern, Erzählungen oder Lustspielen
- werden sie als Inbegriff des Bösen dargestellt, als hinterhältige Herrscher der Welt, die alle Christen vernichten wollen.
- Der Vorwurf der Brunnenvergiftung führt zu zahlreichen Pogromen, sogenannte Pestpogrome.
- Die Täter vertreiben die Juden aus der Stadt oder bringen sie um und bereichern sich an ihrem Besitz.
- Das ist ein Muster, das wir häufiger erleben. Allein in den deutschen Gebieten
- werden mindestens 100 jüdische Gemeinden zerstört. Als die Pandemie 1351 endet,
- sind alle bedeutenden jüdischen Zentren in Deutschland ausgelöscht. Der Schwerpunkt des Judentums verlagert sich nach Osteuropa.
- Erst im 17. Jahrhundert kommen Juden verstärkt wieder nach Deutschland. Im 18. Jahrhundert bessert sich dann ihre rechtliche Situation.
- Die Werte der Französischen Revolution von 1789 finden auch Anklang in einigen deutschen Ländern.
- Bald erhalten die Juden dort offiziell die gleichen Rechte wie ihre christlichen Mitmenschen, man sagt "jüdische Emanzipation".
- Juden verlassen den Rand der Gesellschaft und werden gleichberechtigte Bürger.
- Zumindest theoretisch, denn die Emanzipation bringt einen neuen Charakter der Judenfeindlichkeit,
- die sich jetzt gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung richtet. Es ist eine Zeit großer Umbrüche - Revolutionen, Kriege, Verstädtung,
- Beginn der Industrialisierung - und Umbrüche bringen Unsicherheiten und Fehlentwicklungen mit sich. Krisen.
- Ihr wisst inzwischen: Wenn was nicht glatt läuft, sucht man Schuldige. Und sie finden sie auch hier wieder bei den Juden.
- Denn die alten Vorurteile sind nicht aus der Welt. Sie haben sich entwickelt.
- Kaum jemand glaubt im 19. Jahrhundert noch, dass Juden wörtlich einen Brunnen vergiften.
- Aber dass sie den Nicht-Juden Böses wollen, ist noch in den Köpfen drin. Unter dem Schlachtruf "Hep Hep" attackiert im August 1819
- ein wütender Mob in Würzburg Jüdinnen und Juden, beschimpft und misshandelt sie, demoliert ihre Häuser und Geschäfte.
- Die Krawalle breiten sich in allen deutschen Ländern und sogar Städten wie Amsterdam, Krakau und Helsinki aus.
- "Hep" soll für "Hierosolyma est perdita" stehen - Jerusalem ist verloren.
- Die Forderung der Angreifer: Die Gleichstellung der Juden soll enden. Diese Forderung wird von einem neuen Trend unterstützt,
- der Nationalbewegung. Die fordert einen Staat
- für ein sprachlich und kulturell einheitliches Volk. Für einige Theoretiker - Johann Gottlieb Fichte, zum Beispiel -
- gehören die deutschen Juden nicht dazu. Das Judentum sei ein Staat im Staate und besonders gefährlich
- für eine deutsche Nation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhält diese Theorie
- ihr perfides I-Tüpfelchen: die Rassenlehre. Sie teilt Menschen in Rassen mit unterschiedlichen Eigenschaften ein,
- die je nach Sichtweise gut oder schlecht seien. Im Mittelalter galten Juden noch als "bekehrbar".
- In den Augen der Rassisten sind Juden hingegen minderwertig. Egal, was sie tun.
- Anders gesagt: Nicht mehr die Art, wie Juden leben, wird angegriffen, sondern dass sie leben.
- Das ist Antisemitismus in einer neuen Form. Dieser Begriff, Antisemitismus, taucht in der Zeit auch erstmals auf.
- Der deutsche Journalist Wilhelm Marr gründet 1879 die Antisemitenliga. Ein politischer Verein mit pseudowissenschaftlichen Thesen,
- die nichts anderes sind als fiese Verschwörungsmythen. Die jüdische Rasse sei geldgierig, plane einen Umsturz
- und wolle die Weltmacht mit allen Mitteln an sich reißen. Solche Gedanken sind nicht überall salonfähig, aber sie sind da.
- Und sie bekommen nach dem Ersten Weltkrieg neuen Auftrieb. Denn nach der deutschen Niederlage 1918
- wollen die verantwortlichen Generäle die Schuld von sich abwälzen. Sie verbreiten die Lüge, Deutschland sei im Felde unbesiegt gewesen.
- Man habe den Krieg verloren, weil sich demokratische Politiker ergeben, die Soldaten von hinten erdolcht hätten.
- Diese "Dolchstoßlegende", wie sie genannt wird, findet in der Weimarer Republik großen Anklang
- und erhält zunehmend antisemitische Züge. Durch ihr angeblich weitverzweigtes Netz aus Unternehmen und Banken
- habe sich das internationale Judentum - in Anführungszeichen - an der deutschen Niederlage bereichert.
- Wieder die Juden als Sündenböcke. Untermauert werden diese Falschmeldungen
- mit den sogenannten "Protokollen der Weisen von Zion". Keine echten Protokolle, sondern eine Fälschung,
- in der eine jüdische Weltverschwörung ausgemalt wird. Das Blättchen erscheint erst 1903 in Russland,
- in den 1920er-Jahren wird es internationaler Bestseller. 1933 kommen die Nationalsozialisten, radikale Antisemiten, an die Macht.
- Antisemitismus wird in Deutschland politisches Programm. Juden werden systematisch diskriminiert und entrechtet.
- Es folgen Pogrome, Terror ... und schließlich der Holocaust, der Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden.
- Auf Hebräisch: Schoah. Der schreckliche Höhepunkt des Antisemitismus.
- Schoah, dieses Wort bedeutet soviel wie Untergang oder große Katastrophe. Falls ihr mehr über den Holocaust wissen wollt, schaut beim i vorbei,
- da haben wir ein Video verlinkt, auch im Beschreibungstext. Man sollte meinen, nach dieser Katastrophe
- würde Judenfeindlichkeit in Deutschland für immer verschwinden. Aber antisemitische Denkmuster bestehen fort.
- Und zum Völkermord an den Juden sagen viele: "Haben wir nicht gewusst." Erst ab Mitte der 1960er-Jahre beginnen die Westdeutschen langsam,
- die Nazi-Vergangenheit aktiv aufzuarbeiten. In der DDR wird offiziell von oben bestimmt:
- Wir sind ein antifaschistischer Staat und haben Antisemitismus überwunden. Aber so richtig mit Leben wird die Aussage nicht gefüllt.
- Der Antisemitismus lebt weiter. Bis heute. Überall auf der Welt. Im Oktober 2019 versucht ein schwerbewaffneter Mann
- Menschen in der Synagoge von Halle anzugreifen. Ein Fall, der in der Öffentlichkeit zu Recht viel Aufmerksamkeit erhält.
- Aber Antisemitismus gibt es auch im Alltag. Zum Beispiel, wenn jüdische Männer sich nicht trauen,
- auf der Straße ihre Kippa zu tragen aus Angst vor Beschimpfung, Gewalt. Darüber sprachen wir auch im Terra X-Geschichte-Podcast
- mit der Antisemitismus-Forscherin Hedwig Richter und mit dem jüdischen Rapper Ben Salomo. Link in der Infobox.
- Und es ist auch nicht immer nur das, was wir sehen können, wie Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen.
- Oft genug geht es um das in den Köpfen. Laut einer Studie aus 2020 stimmen 35 Prozent der Befragten
- der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland. Einflussreiche Juden? Das sind Denkmuster aus dem Mittelalter.
- Wir haben in diesem Video die Verfolgung der Juden skizziert, insbesondere in Deutschland.
- Es gab auch lange Phasen vergleichs- weise friedlichen Zusammenlebens. Eines darf der Hass von der Antike bis heute nicht vergessen lassen:
- dass es ein friedliches Miteinander gab und das auch künftig möglich ist. Und es ist unsere Aufgabe, dafür einzustehen.
- Wir müssen alte Muster und neue Falschmeldungen durchschauen, damit Diskriminierung gegen Juden keinen Platz hat.
- "Nie wieder" ist das Motto. Was denkt ihr: Was können wir gegen Antisemitismus machen?
- Und wie erlebt ihr selbst antisemitische Äußerungen? Seid ihr vielleicht selbst Juden, habt damit Erfahrung gemacht?
- Schreibt es gern in die Kommentare. Mehr zu diesem Thema erfahrt ihr auch hier in diesem Video
- und direkt darunter in dem Video von den Kollegen von Tru.Doku, die sich das angeschaut haben bezüglich des Anschlags von Halle.
- Danke fürs Zuschauen, bis bald.
Zum Nachlesen
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