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Judenhass: Die lange Geschichte

MrWissen2go Geschichte | Terra X12:38 919.460 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 124 Zeilen
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  1. In diesem Video hier geht es um Hass gegen Jüdinnen und Juden - um die Geschichte des Antisemitismus.
  2. Viele denken dabei wohl als erstes an den Völkermord, den die Nationalsozialisten begangen haben, das ist auch richtig.
  3. Aber Antisemitismus gibt es schon viel länger, seit über 2.000 Jahren, in unterschiedlichsten Formen und: Es gibt ihn bis heute.
  4. Wenn wir von Antisemitismus sprechen, meinen wir die Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen.
  5. Und die beginnt sehr früh. Eigentlich in dem Augenblick,
  6. als Juden erstmals als ethnische Gruppe wahrgenommen werden. Die meisten Historiker:innen geben das 6. Jahrhundert vor Christus
  7. als Aufstiegszeit des Judentums im östlichen Mittelmeer an. Schon damals gibt es Konflikte mit antiken Glaubensrichtungen.
  8. Das Judentum ist monotheistisch, die Anhänger glauben nur an einen Gott. Das ist den polytheistischen Kulturen mit vielen Göttern mehr als suspekt.
  9. Aber zu einer Feindschaft gegenüber Juden kommt es erst, nachdem eine neue monotheistische Religion auf den Plan tritt,
  10. die sich aber auch auf einen Juden beruft, nämlich Jesus von Nazareth.
  11. Ich spreche, na klar, vom Christentum. Anfangs sind die Übergänge zwischen Juden und Christen noch fließend.
  12. Aber bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus spalten sich die Christen ab.
  13. Ein gewissen Konkurrenzkampf entsteht. Letztlich geht es ja um die Frage nach der einzig wahren Religion.
  14. Verus Israel, sagen die Gelehrten des Christentums, "Wir sind das wahre Israel".
  15. Also das Volk, das Gott in seinem neuen Bund ausgewählt hat. Folgerichtig bedeutet das, das alte Judentum sei nicht mehr
  16. von Gott ausgewählt - mehr noch: Die Juden hätten Jesus als Gottes Sohn nicht erkannt, ihn gekreuzigt.
  17. Damit werden die Juden zu Feinden des "wahren Glaubens". Viele Christen sind überzeugt, die Juden seien Gottesmörder
  18. und deshalb verdammt, heimatlos in der Welt umherzuirren. Dieses Bild vom Judentum geht in die Glaubenslehre
  19. der wachsenden christlichen Kirche ein Es mündet im sogenannten "Antijudaismus".
  20. Das ist die feindliche Ablehnung des Judentums aus religiösen Motiven. Um das Thema einzugrenzen, beziehen wir uns ab jetzt
  21. auf die Situation in Mitteleuropa und in deutschen Gebieten. Das heißt nicht, dass nicht auch anderswo Juden diskriminiert
  22. oder verfolgt wurden, im Gegenteil. Während des frühen Mittelalters, bis zum 11. Jahrhundert nach Christus,
  23. ist der Antijudaismus zwar allgegenwärtig, nimmt aber meist keine lebensbedrohlichen Formen an.
  24. Die meisten Juden und Christen leben weitgehend friedlich zusammen. Der Konflikt findet unter Gelehrten statt,
  25. Juden sind aber Christen rechtlich nicht gleichgestellt. Sie dürfen etwa keine Ämter bekleiden.
  26. Diese Ungleichheit wird im Lehenswesen größer. Seit dem 11. Jahrhundert verwalten Könige ihr Land,
  27. indem sie es an Fürsten verleihen. Lehenswesen haben wir mal erklärt, der Videolink ist in der Infobox
  28. beziehungsweise auf dem i oder im Beschreibungstext. Den Juden ist es nach dieser Herrschaftsordnung untersagt,
  29. Land zu erwerben. Oft lassen sie sich deshalb in Städten nieder.
  30. Dort ist es ihnen aber verboten, "ehrenwerten" Berufen nachzugehen wie Bäcker oder Maurer - sie konzen- trieren sich auf geächtete Berufe.
  31. Wie Trödelhändler, Pfandleiher und Kreditgeber. Geächtet, weil es Christen nach dem Kirchenrecht verboten war,
  32. Zinsen zu erheben. Weil manche Juden Geld gegen Zinsen verleihen,
  33. werden einige jüdische Bankiers sehr reich. Was ihnen häufig die Missgunst ihrer christlichen Zeitgenossen einbringt
  34. und ein gewaltiges Stereotyp, das sich bis heute hält: Juden als geldgierige Wucherer.
  35. Dieses Bild taucht in den kommenden Jahrhunderten immer wieder auf. In Romanen, Karikaturen, Zeitungsartikeln, Theaterstücken.
  36. Prominentes Beispiel: William Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Der erste traurige Höhepunkt des christlichen Antijudaismus
  37. ist das Jahr 1096. Der erste Kreuzzug beginnt, zu dem Papst Urban II. kurz zuvor aufrief.
  38. Auch dazu haben wir schon mal ein Video gemacht, oben auf dem i. Und eigentlich geht es im Kreuzzug um den Kampf
  39. gegen muslimische Seldschuken in Palästina, aber Hassprediger im ganzen Land befeuern den Antijudaismus.
  40. Nach dem Motto: Ihr müsst nicht in die Ferne ziehen, es gibt ungläubige Gottesmörder in euren Städten.
  41. Vor allem Bauern und Kleinverbrecher, später das große Kreuzritterheer hinterlassen im Rheinland eine Verwüstung.
  42. Viele jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms oder Xanten fallen wütenden, mordenden Mobs zum Opfer.
  43. Diese Massaker an jüdischen Mitbürgern werden später "Pogrome" genannt.
  44. Solche Pogrome finden seitdem immer wieder statt - in ganz Europa. Sie erhalten im 14. Jahrhundert weiteren Auftrieb.
  45. Denn seit 1346 wütet der Schwarze Tod, die Pest. Eine der schlimmsten Pandemien der Geschichte.
  46. Etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung stirbt. Die mysteriöse Krankheit erzeugt jede Menge Verschwörungsmythen.
  47. Pandemie und Verschwörungen - kommt euch das bekannt vor? Auch heute gibt es rund um Corona abstruse Behauptungen
  48. und Verleumdungen über Juden als Verursacher der Pandemie. Oft unter Codewörtern - Signalwörter,
  49. die von denen, die sie verstehen wollen verstanden werden. Das Mittelalter ist voller Theorien, die Juden entwürdigen sollen:
  50. Sie würden Satan huldigen, sich mit Säuen vergehen oder Christenkinder schlachten.
  51. Zur Zeit der Pest kommt noch eine Verleumdung dazu: Brunnenvergiftung. Weil man die Ursache der Pest nicht erklären kann,
  52. sucht man die Schuld bei den Juden: Sie hätten mit dem Teufel das Wasser vergiftet und die Pest erzeugt.
  53. Diese Suche nach Sündenböcken kommt in Krisen immer wieder zum Vorschein. Mit all den Behauptungen hat man längst die Ebene verlassen,
  54. auf der Juden "nur" Ketzer sind. Der Hass auf Juden wird zum Aberglauben.
  55. Schlimmer noch: zur Mentalität. In Bildern, Erzählungen oder Lustspielen
  56. werden sie als Inbegriff des Bösen dargestellt, als hinterhältige Herrscher der Welt, die alle Christen vernichten wollen.
  57. Der Vorwurf der Brunnenvergiftung führt zu zahlreichen Pogromen, sogenannte Pestpogrome.
  58. Die Täter vertreiben die Juden aus der Stadt oder bringen sie um und bereichern sich an ihrem Besitz.
  59. Das ist ein Muster, das wir häufiger erleben. Allein in den deutschen Gebieten
  60. werden mindestens 100 jüdische Gemeinden zerstört. Als die Pandemie 1351 endet,
  61. sind alle bedeutenden jüdischen Zentren in Deutschland ausgelöscht. Der Schwerpunkt des Judentums verlagert sich nach Osteuropa.
  62. Erst im 17. Jahrhundert kommen Juden verstärkt wieder nach Deutschland. Im 18. Jahrhundert bessert sich dann ihre rechtliche Situation.
  63. Die Werte der Französischen Revolution von 1789 finden auch Anklang in einigen deutschen Ländern.
  64. Bald erhalten die Juden dort offiziell die gleichen Rechte wie ihre christlichen Mitmenschen, man sagt "jüdische Emanzipation".
  65. Juden verlassen den Rand der Gesellschaft und werden gleichberechtigte Bürger.
  66. Zumindest theoretisch, denn die Emanzipation bringt einen neuen Charakter der Judenfeindlichkeit,
  67. die sich jetzt gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung richtet. Es ist eine Zeit großer Umbrüche - Revolutionen, Kriege, Verstädtung,
  68. Beginn der Industrialisierung - und Umbrüche bringen Unsicherheiten und Fehlentwicklungen mit sich. Krisen.
  69. Ihr wisst inzwischen: Wenn was nicht glatt läuft, sucht man Schuldige. Und sie finden sie auch hier wieder bei den Juden.
  70. Denn die alten Vorurteile sind nicht aus der Welt. Sie haben sich entwickelt.
  71. Kaum jemand glaubt im 19. Jahrhundert noch, dass Juden wörtlich einen Brunnen vergiften.
  72. Aber dass sie den Nicht-Juden Böses wollen, ist noch in den Köpfen drin. Unter dem Schlachtruf "Hep Hep" attackiert im August 1819
  73. ein wütender Mob in Würzburg Jüdinnen und Juden, beschimpft und misshandelt sie, demoliert ihre Häuser und Geschäfte.
  74. Die Krawalle breiten sich in allen deutschen Ländern und sogar Städten wie Amsterdam, Krakau und Helsinki aus.
  75. "Hep" soll für "Hierosolyma est perdita" stehen - Jerusalem ist verloren.
  76. Die Forderung der Angreifer: Die Gleichstellung der Juden soll enden. Diese Forderung wird von einem neuen Trend unterstützt,
  77. der Nationalbewegung. Die fordert einen Staat
  78. für ein sprachlich und kulturell einheitliches Volk. Für einige Theoretiker - Johann Gottlieb Fichte, zum Beispiel -
  79. gehören die deutschen Juden nicht dazu. Das Judentum sei ein Staat im Staate und besonders gefährlich
  80. für eine deutsche Nation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhält diese Theorie
  81. ihr perfides I-Tüpfelchen: die Rassenlehre. Sie teilt Menschen in Rassen mit unterschiedlichen Eigenschaften ein,
  82. die je nach Sichtweise gut oder schlecht seien. Im Mittelalter galten Juden noch als "bekehrbar".
  83. In den Augen der Rassisten sind Juden hingegen minderwertig. Egal, was sie tun.
  84. Anders gesagt: Nicht mehr die Art, wie Juden leben, wird angegriffen, sondern dass sie leben.
  85. Das ist Antisemitismus in einer neuen Form. Dieser Begriff, Antisemitismus, taucht in der Zeit auch erstmals auf.
  86. Der deutsche Journalist Wilhelm Marr gründet 1879 die Antisemitenliga. Ein politischer Verein mit pseudowissenschaftlichen Thesen,
  87. die nichts anderes sind als fiese Verschwörungsmythen. Die jüdische Rasse sei geldgierig, plane einen Umsturz
  88. und wolle die Weltmacht mit allen Mitteln an sich reißen. Solche Gedanken sind nicht überall salonfähig, aber sie sind da.
  89. Und sie bekommen nach dem Ersten Weltkrieg neuen Auftrieb. Denn nach der deutschen Niederlage 1918
  90. wollen die verantwortlichen Generäle die Schuld von sich abwälzen. Sie verbreiten die Lüge, Deutschland sei im Felde unbesiegt gewesen.
  91. Man habe den Krieg verloren, weil sich demokratische Politiker ergeben, die Soldaten von hinten erdolcht hätten.
  92. Diese "Dolchstoßlegende", wie sie genannt wird, findet in der Weimarer Republik großen Anklang
  93. und erhält zunehmend antisemitische Züge. Durch ihr angeblich weitverzweigtes Netz aus Unternehmen und Banken
  94. habe sich das internationale Judentum - in Anführungszeichen - an der deutschen Niederlage bereichert.
  95. Wieder die Juden als Sündenböcke. Untermauert werden diese Falschmeldungen
  96. mit den sogenannten "Protokollen der Weisen von Zion". Keine echten Protokolle, sondern eine Fälschung,
  97. in der eine jüdische Weltverschwörung ausgemalt wird. Das Blättchen erscheint erst 1903 in Russland,
  98. in den 1920er-Jahren wird es internationaler Bestseller. 1933 kommen die Nationalsozialisten, radikale Antisemiten, an die Macht.
  99. Antisemitismus wird in Deutschland politisches Programm. Juden werden systematisch diskriminiert und entrechtet.
  100. Es folgen Pogrome, Terror ... und schließlich der Holocaust, der Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden.
  101. Auf Hebräisch: Schoah. Der schreckliche Höhepunkt des Antisemitismus.
  102. Schoah, dieses Wort bedeutet soviel wie Untergang oder große Katastrophe. Falls ihr mehr über den Holocaust wissen wollt, schaut beim i vorbei,
  103. da haben wir ein Video verlinkt, auch im Beschreibungstext. Man sollte meinen, nach dieser Katastrophe
  104. würde Judenfeindlichkeit in Deutschland für immer verschwinden. Aber antisemitische Denkmuster bestehen fort.
  105. Und zum Völkermord an den Juden sagen viele: "Haben wir nicht gewusst." Erst ab Mitte der 1960er-Jahre beginnen die Westdeutschen langsam,
  106. die Nazi-Vergangenheit aktiv aufzuarbeiten. In der DDR wird offiziell von oben bestimmt:
  107. Wir sind ein antifaschistischer Staat und haben Antisemitismus überwunden. Aber so richtig mit Leben wird die Aussage nicht gefüllt.
  108. Der Antisemitismus lebt weiter. Bis heute. Überall auf der Welt. Im Oktober 2019 versucht ein schwerbewaffneter Mann
  109. Menschen in der Synagoge von Halle anzugreifen. Ein Fall, der in der Öffentlichkeit zu Recht viel Aufmerksamkeit erhält.
  110. Aber Antisemitismus gibt es auch im Alltag. Zum Beispiel, wenn jüdische Männer sich nicht trauen,
  111. auf der Straße ihre Kippa zu tragen aus Angst vor Beschimpfung, Gewalt. Darüber sprachen wir auch im Terra X-Geschichte-Podcast
  112. mit der Antisemitismus-Forscherin Hedwig Richter und mit dem jüdischen Rapper Ben Salomo. Link in der Infobox.
  113. Und es ist auch nicht immer nur das, was wir sehen können, wie Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen.
  114. Oft genug geht es um das in den Köpfen. Laut einer Studie aus 2020 stimmen 35 Prozent der Befragten
  115. der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland. Einflussreiche Juden? Das sind Denkmuster aus dem Mittelalter.
  116. Wir haben in diesem Video die Verfolgung der Juden skizziert, insbesondere in Deutschland.
  117. Es gab auch lange Phasen vergleichs- weise friedlichen Zusammenlebens. Eines darf der Hass von der Antike bis heute nicht vergessen lassen:
  118. dass es ein friedliches Miteinander gab und das auch künftig möglich ist. Und es ist unsere Aufgabe, dafür einzustehen.
  119. Wir müssen alte Muster und neue Falschmeldungen durchschauen, damit Diskriminierung gegen Juden keinen Platz hat.
  120. "Nie wieder" ist das Motto. Was denkt ihr: Was können wir gegen Antisemitismus machen?
  121. Und wie erlebt ihr selbst antisemitische Äußerungen? Seid ihr vielleicht selbst Juden, habt damit Erfahrung gemacht?
  122. Schreibt es gern in die Kommentare. Mehr zu diesem Thema erfahrt ihr auch hier in diesem Video
  123. und direkt darunter in dem Video von den Kollegen von Tru.Doku, die sich das angeschaut haben bezüglich des Anschlags von Halle.
  124. Danke fürs Zuschauen, bis bald.

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