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Rassismus

Rassismus oder Rassenideologie ist ein Komplex von Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch den Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Wissenschaft und Definitionen
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Beispiele und deutsche Geschichte
  5. 5. Gegenwart, Ursachen und Bekämpfung

Begriff und Bedeutung

Rassismus oder Rassenideologie bezeichnet Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch die Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer Zuschreibungen als „Rasse“, „Volk“ oder „Ethnie“ eingeordnet und systematisch ausgegrenzt werden. Die zugeschriebenen Unterschiede werden übertrieben, als natürlich dargestellt, hierarchisch bewertet oder stereotypisiert. Rassismus wirkt nicht nur als persönliches Vorurteil, sondern auch institutionell und strukturell, etwa in Bildung, Justiz, Arbeitsmarkt, Behörden, Wohnungsmarkt oder öffentlichem Raum.

Zentral ist, dass Rassismus die Gleichrangigkeit einer Gruppe bestreitet und im Extremfall sogar ihre Existenzberechtigung infrage stellt. Er dient der Rechtfertigung von Machtausübung, Herrschaft, Ausgrenzung und ungleichem Zugang zu Ressourcen, Orten und gesellschaftlichen Positionen. Folgen können ungleiche Chancen, Rassentrennung, Pogrome, sogenannte „ethnische Säuberungen“ und Völkermord sein.

Historisch stützte sich Rassismus oft auf angeblich biologische Unterschiede wie Hautfarbe oder Körperform. Heute tritt er häufig auch als Kulturrassismus oder „Rassismus ohne Rassen“ auf: Dabei werden kulturelle, religiöse oder nationale Merkmale so behandelt, als seien sie unveränderliche Wesenseigenschaften. Der Begriff überschneidet sich mit Fremdenfeindlichkeit, ist aber nicht einfach dasselbe. Fremdenfeindlichkeit kann rassistische Elemente enthalten, muss aber nicht immer auf einer Vorstellung unveränderlicher Minderwertigkeit beruhen.

Wissenschaft und Definitionen

Die biologische Einteilung der heutigen Art Homo sapiens in „Rassen“ oder Unterarten gilt als wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. In der Humanbiologie können Populationen zur Untersuchung einzelner geographisch unterschiedlicher Merkmale abgegrenzt werden; solche Abgrenzungen belegen aber keine taxonomische Unterteilung der Menschheit. Genetische Unterschiede innerhalb einer sogenannten „Rasse“ können im Durchschnitt größer sein als Unterschiede zwischen solchen Gruppen, und sichtbare Merkmale wie Hautfarbe hängen nicht mit Eigenschaften wie Charakter oder Intelligenz zusammen.

In der Forschung gibt es verschiedene Definitionen von Rassismus. Albert Memmi definiert Rassismus als „die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“. Bei Memmi gehören drei Elemente zusammen: Unterschiede werden konstruiert oder überbetont, sie werden negativ bewertet, und diese Bewertung dient der Rechtfertigung von Privilegien, Herrschaft oder Aggression.

George M. Fredrickson betont besonders „Differenz“ und „Macht“. Rassismus liegt für ihn vor, wenn eine Gruppe eine andere auf Grundlage für erblich und unveränderlich gehaltener Unterschiede beherrscht, ausschließt oder zu eliminieren versucht. Philomena Essed beschreibt Rassismus als Ideologie, Struktur und Prozess, der Gruppen als wesensmäßig anders und minderwertig konstruiert und sie vom Zugang zu materiellen und nichtmateriellen Ressourcen ausschließt. Robert Miles hebt den Prozess hervor, in dem körperlichen oder genetischen Merkmalen Bedeutungen zugeschrieben werden, aus denen Kategorien und negative Eigenschaften abgeleitet werden. Mark Terkessidis verbindet Rassismus mit Ausgrenzungspraxis, Rassifizierung und „differenzierender Macht“.

Historische Entwicklung

Als soziale und psychische Erscheinung reicht rassistisches Denken weit zurück; als systematisches Lehrgebäude entwickelte es sich vor allem seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa und der angelsächsischen Welt. Für Antike und Mittelalter ist umstritten, ob man bereits von Rassismus sprechen soll. Einige Forschende verwenden Begriffe wie Proto-Rassismus, etwa für antike Vorstellungen, nach denen Klima, Herkunft oder angeblich angeborene Eigenschaften über den Wert von Menschen bestimmten. Im Mittelalter spielten religiöse Feindbilder eine wichtige Rolle, etwa gegen Juden und Muslime; zugleich gab es auch Hautfarbenabwertungen, etwa in Teilen der arabischen Welt.

Für die Entstehung des modernen Rassismus sind Reconquista und Conquista wichtig. Nach 1492 wurden Juden und Muslime in Spanien nicht nur religiös verfolgt, sondern durch die Idee der „Reinheit des Blutes“ dauerhaft als Abstammungsgruppen stigmatisiert. In Amerika verbanden sich Kolonisierung, Versklavung, Genozid an Indigenen und die Verschleppung afrikanischer Sklaven. Es entstanden an Hautfarbe und Herkunft orientierte Kastensysteme.

Seit dem 18. Jahrhundert versuchten Gelehrte, Menschen in angebliche Rassen einzuordnen. François Bernier stellte 1684 eine Systematik nach äußeren Merkmalen vor; Carl von Linné unterschied 1758 geographische Varietäten und verband sie mit Temperamenten. Solche Klassifikationen wurden zu Hierarchien ausgebaut. Joseph Arthur Comte de Gobineau gilt mit seinem Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1853–1856) als wichtiger Vordenker moderner Rassenlehre. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde „wissenschaftlicher“ Rassismus zur Rechtfertigung von Sklaverei, Kolonialismus, Imperialismus, Segregation und Gewalt genutzt.

Beispiele und deutsche Geschichte

Im 20. Jahrhundert nahmen rassistische Systeme staatliche Formen an. Beispiele sind die Jim-Crow-Gesetze in den USA, deren Rassendiskriminierung zwischen 1890 und 1960 ihren Höhepunkt erreichte, das Apartheidsregime in Südafrika nach 1948 und die Rassengesetze der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945. In Amerika entwickelte sich außerdem die Ideologie der weißen Vorherrschaft, die politische Rechte, soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Status an Weißsein band.

Im deutschen Kaiserreich verbanden sich Kolonialismus, Antisemitismus, Antislawismus und die Diskriminierung von Roma und Sinti mit rassistischen Vorstellungen. Ab 1884 beteiligte sich Deutschland am Kolonialismus. Der Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika führte 1904 zum Völkermord an den Herero und Nama. In den Kolonien wurden ab 1905 Eheschließungen zwischen „Weißen“ und „Eingeborenen“ verboten.

In der Weimarer Republik wurden Juden durch die Dolchstoßlegende diffamiert, jüdische Politiker bedroht und ermordet, und antisemitische Hetze verbreitet. Die NSDAP formulierte 1920 ein antisemitisch geprägtes 25-Punkte-Programm. Im Nationalsozialismus wurde Rassismus Kern der Staatsideologie. Die Nürnberger Rassengesetze von 1935, darunter das Blutschutzgesetz und das Reichsbürgergesetz, ordneten Rechte nach rassistischen Kriterien. Menschen wurden verfolgt, zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Direkte Folge war der nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden, rund zwei Dritteln aller damals lebenden europäischen Juden.

Gegenwart, Ursachen und Bekämpfung

Auch nach 1945 blieb Rassismus ein gesellschaftliches Problem. In der Bundesrepublik kam es besonders in den 1990er Jahren zu rassistisch motivierten Pogromen und Anschlägen, darunter Mölln, Solingen 1993, Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Von 2000 bis 2006 verübte der rechtsterroristische Nationalsozialistische Untergrund vermutlich zahlreiche völkisch-rassistisch motivierte Morde und Bombenanschläge. Studien und Berichte nennen Rassismus in Deutschland unter anderem auf dem Arbeitsmarkt, in Behörden, Berufsschulen, auf dem Wohnungsmarkt und im öffentlichen Raum.

Über die Ursachen rassistischen Denkens gibt es verschiedene Erklärungen. Rationalistische Ansätze sehen den klassischen Rassismus besonders im 18. Jahrhundert entstehen, als Denker wie Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel angebliche Rassenunterschiede wissenschaftlich zu erklären versuchten. Psychologische Ansätze betonen Abgrenzung, Projektion, Vorurteile und die Stärkung des Selbstwertgefühls durch Abwertung anderer Gruppen. Die Theorie der Sozialen Identität nach Henri Tajfel verweist darauf, dass Gruppen ihr Selbstbild oft durch Abgrenzung zu anderen Gruppen bilden. Soziologische Ansätze verstehen Rassismus als Ideologie zur Aufwertung der eigenen Gruppe und zur Stabilisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Zur Bekämpfung von Rassismus arbeiten internationale Organisationen wie ECRI auf Ebene des Europarates und CERD auf Ebene der UNO mit Monitoring und Empfehlungen. Viele Staaten haben Gesetze gegen Hasskriminalität und Antidiskriminierungsgesetze; Deutschland hat das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung trat 1969 in Kraft. Die Jenaer Erklärung von 2019 widerlegte den menschlichen „Rasse“-Begriff wissenschaftlich und betonte, dass Rassismus auf sozialen und politischen Konstruktionen beruht. Der 21. März ist seit 1966 Internationaler Tag gegen Rassismus; Anlass war das Massaker von Sharpeville 1960 mit 69 Toten.

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