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Sozialdarwinismus
Der Sozialdarwinismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorie, deren Weltbild auf einem biologistischen Determinismus beruht und in der Politik meist der …
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Kern und Grundannahmen
Sozialdarwinismus bezeichnet eine sozialwissenschaftliche Theorie und ein Weltbild, das von biologistischem Determinismus ausgeht. Es überträgt Teilaspekte des Darwinismus auf menschliche Gesellschaften und deutet deren Entwicklung als Ergebnis natürlicher Selektion und eines „Kampfes ums Dasein“. Politisch diente diese Vorstellung häufig zur Begründung rechtsextremer oder extrem wirtschaftsliberaler Positionen. Besonders verbreitet war sie von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg.
Nach Franz M. Wuketits stimmen unterschiedliche Formen des Sozialdarwinismus in drei Kernaussagen überein: Erstens sei die biologische Selektion vollständig auf soziale, ökonomische und moralische Verhältnisse anwendbar. Zweitens gebe es gutes und schlechtes Erbmaterial. Drittens sollten gute Erbanlagen gefördert und schlechte ausgemerzt werden.
Kritiker wenden ein, dass biologische Gesetzmäßigkeiten unkritisch und fehlerhaft auf Gesellschaften übertragen werden. Mehrere Grundannahmen des Sozialdarwinismus werden von der modernen Wissenschaft als überholt angesehen. Die Übertragung beruht unter anderem auf einem naturalistischen Fehlschluss: Aus einer vermeintlichen Tatsache der Natur wird unmittelbar eine gesellschaftliche oder moralische Forderung abgeleitet. Sie lässt sich weder zwangsläufig aus Charles Darwins Werk ableiten noch entspricht sie Darwins Welt- und Menschenbild.
Entstehung und problematische Begriffsgrenzen
Eine frühe bekannte Verwendung des Begriffs „Sozialdarwinismus“ findet sich 1879 in einem Artikel von Eduard Oscar Schmidt. 1880 verwendete Émile Gautier den Ausdruck in der anarchistischen Schrift Le darwinisme social, 1882 Giuseppe Vadalà-Papale in Darwinismo naturale e darwinismo sociale. Im deutschen Sprachraum wurde er vermutlich 1899 von Ludwig Woltmann in Die Darwinsche Theorie und der Sozialismus verwendet. Bis in die 1930er Jahre war der Begriff selten und meist ein polemisches Fremdlabel, keine Selbstbezeichnung. In seinem heutigen Gebrauch wurde er besonders durch Talcott Parsons in den 1930er Jahren und durch Richard Hofstadters Studie Social Darwinism in American Thought, 1860–1915 verbreitet.
Der Sozialdarwinismus entwickelte sich aus dem Evolutionismus, der eine zwangsläufige Höherentwicklung menschlicher Gesellschaften von sogenannten „Naturvölkern“ zu „Kulturvölkern“ annahm. Herbert Spencer, Edward Tylor und Lewis Henry Morgan übertrugen Vorstellungen stufenförmiger Entwicklung auf Gesellschaften. Spencer prägte den Ausdruck survival of the fittest und wandte die natürliche Auslese bereits 1852 auf menschliche Populationen an. Bei ihm standen jedoch evolutionärer Fortschritt und Lamarckismus stärker im Mittelpunkt als bei Darwin. Darwin machte die natürliche Selektion zu einem zentralen Prinzip der gesamten Biologie; Spencer hatte sie bereits vorher als Evolutionsfaktor beschrieben.
Das Verhältnis zwischen Darwin, Spencer und dem Sozialdarwinismus ist umstritten. Darwin verwendete survival of the fittest als Synonym für natürliche Selektion und äußerte sich auch zu möglichen Folgen von Fortpflanzungsunterschieden in menschlichen Gesellschaften. Daraus folgt jedoch keine eindeutige politische Lehre. Robert Corwin Bannister sieht eine nahezu vollständige Trennung zwischen Darwinisten und Sozialdarwinisten; Michael Ruse betont dagegen, dass der Sozialdarwinismus Spencer ebenso viel oder sogar mehr verdanke als Darwin. Außerdem ähnelten manche sozialdarwinistischen Ansätze eher dem Lamarckismus als dem Darwinismus.
Eric Goldmann prägte 1952 den Begriff „Reformdarwinismus“ für kollektivistische Varianten. Sie betonten Begriffe wie „Adaption“, „mutual aid“ und „struggle for the life of others“ und wandten sich gegen Spencers individualistischen Wettbewerb. Ein wichtiger Vertreter war Edward Alsworth Ross mit Social Control von 1901. Diese Richtung war eng mit der Eugenik verbunden und gewann Anfang des 20. Jahrhunderts in staatsinterventionistischen, progressiven Strömungen politische Bedeutung.
Politische und weltanschauliche Wirkungen
Sozialdarwinistische Ansätze unterschieden sich danach, ob sie den Wettbewerb zwischen Individuen oder zwischen Kollektiven wie Rassen und Völkern hervorhoben. Häufig wurden sie mit politischem Konservatismus, Laissez-faire, Imperialismus und Rassismus verbunden. Sozialdarwinismus kam jedoch grundsätzlich in allen politischen Lagern vor. Viele traditionell geprägte deutsche Konservative lehnten ihn aus religiösen Gründen ab. Nicht alle Sozialdarwinisten befürworteten eugenische Maßnahmen.
Richard Hofstadter deutete den Sozialdarwinismus Herbert Spencers und William Graham Sumners als theoretische Grundlage des Laissez-faire-Kapitalismus. Amerikanische Industrielle wie Andrew Carnegie und John D. Rockefeller sowie konservative und wirtschaftsliberale Vertreter nutzten solche Argumente, um staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zurückzuweisen. Kollektive Varianten, etwa bei Ernst Haeckel, sahen dagegen den Kampf zwischen Rassen und Völkern als Grundlage des Fortschritts. Religiös geprägte Formen von Benjamin Kidd und Henry Drummond wurden teilweise von religiös-konservativer Seite positiv aufgenommen.
Auch Marxisten und Sozialisten setzten sich mit Darwin auseinander. Karl Marx und Friedrich Engels begrüßten an Darwins Werk besonders die Zurückweisung einer Teleologie, also einer zielgerichteten Naturentwicklung. Sozialismus und Sozialdarwinismus wurden jedoch überwiegend als unvereinbar angesehen; der Darwinismus sollte meist auf Physiologie und Anatomie beschränkt bleiben. Größere Bedeutung gewann im Sozialismus der Lamarckismus, insbesondere später der Lyssenkoismus in der Sowjetunion. Eine Minderheit, darunter Ludwig Woltmann, versuchte, sozialdarwinistische Vorstellungen mit Marxismus zu verbinden.
Heute wird „Sozialdarwinismus“ oft als Kampfbegriff verwendet. Wegen seiner Vieldeutigkeit und widersprüchlichen historischen Verwendung ist die Bezeichnung wissenschaftlich umstritten. In der politischen Gegenwart gilt die Betonung einer angeblichen natürlichen Ungleichheit und eines Rechts des Stärkeren als typisches Element rechtsextremer Ideologie. Aus ethnischen, geistigen oder körperlichen Unterschieden wird dabei ein unterschiedlicher Rechts- und Wertstatus von Menschen oder Gruppen abgeleitet.
Eugenik und Rassenhygiene
Im frühen 20. Jahrhundert vermischten sich sozialdarwinistische Ansätze zunehmend mit Eugenik und Rassentheorie. Eugenik bezeichnet die Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und negativ bewertete Erbanlagen zu verringern. Sie wurde als „Transmissionsriemen“ zwischen Evolutionstheorie und staatlicher Planung verstanden.
Wichtiger als Darwin war dabei Francis Galtons Annahme, unter den Bedingungen der Zivilisation sei die natürliche Auslese ausgeschaltet und ohne Gegenmaßnahmen müsse eine Degeneration eintreten. Die Entwicklung verlagerte den Schwerpunkt von der Evolution auf die Selektion. Dadurch konnten sozialdarwinistische Vorstellungen zu einer politischen Weltanschauung ausgebaut werden. Die Humangenetik blieb lange mit eugenischen Zielsetzungen verbunden.
Die deutsche Eugenik war vor 1933 politisch und weltanschaulich nicht einheitlich. Sheila Faith Weiss beschreibt sie als heterogen und im Bildungsbürgertum verankert; vertreten waren unter anderem Konservative, SPD-Mitglieder und Funktionsträger christlicher Kirchen. Weingart, Kroll und Bayertz kommen dagegen zu dem Ergebnis, die Mehrzahl der Eugeniker sei nationalistisch, völkisch, rassistisch oder nationalsozialistisch gewesen. Sozialistische Eugenik blieb innerhalb der SPD eine Randerscheinung.
In der Gesellschaft für Rassenhygiene unterschied die Forschung einen radikalen Münchener Flügel um Friedrich Lenz, Alfred Ploetz und Ernst Rüdin von einem moderateren Berliner Flügel um Alfred Grotjahn, Hermann Muckermann und Hans Harmsen. Der Münchener Flügel befürwortete meist Zwangssterilisation oder sogar Euthanasie. Der Berliner Flügel setzte eher auf die Förderung der Fortpflanzung der „normalen“ Bevölkerung und auf freiwillige Sterilisationen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Berliner Flügel weitgehend durch Vertreter des Münchener Flügels verdrängt.
Sozialdarwinismus und NS-Ideologie
Aus dem Darwinismus folgt nicht zwangsläufig eine bestimmte politische Ideologie. Dennoch beriefen sich Eugeniker und Rassisten auf evolutionstheoretische Begriffe, um ihre Forderungen wissenschaftlich erscheinen zu lassen. In der Forschung gilt der Darwinismus teilweise als „Möglichkeitsbedingung“ der nationalsozialistischen Eugenik; die Deutung der Geschichte als Kampf zwischen Rassen wird als zentraler Bestandteil der NS-Ideologie angesehen. Andere Historiker, etwa Michael Ruse, sehen keinen bedeutenden Beitrag des Darwinismus zum Nationalsozialismus.
Ernst Haeckel bereitete in Deutschland den Boden für sozialdarwinistische Vorstellungen. Die Gesellschaft für Rassenhygiene, gegründet von Alfred Ploetz, spielte nach verschiedenen Historikern eine wichtige Rolle. Bis 1933 hatte sie 1.300 Mitglieder, darunter viele Naturwissenschaftler und Ärzte sowie einige hohe NSDAP-Funktionäre. Über die Bedeutung von August Weismanns Neodarwinismus besteht ebenfalls Streit: Nach einer Position waren Neodarwinisten wie Weismann Gegner des Sozialdarwinismus; nach einer anderen förderten Keimplasmatheorie und die Betonung der Selektion seine Radikalisierung.
Wesentliche Bestandteile des nationalsozialistischen Rassismus stammten jedoch auch aus vordarwinistischen oder antidarwinistischen Quellen. Arthur de Gobineau veröffentlichte seine Rassentheorie vor Darwins Origin of Species und war kein Anhänger Darwins. Houston Stewart Chamberlain lehnte den Darwinismus als materialistisch ab. Auch die Herkunft des nationalsozialistischen Antisemitismus ist umstritten; manche Historiker betonen christlichen Antijudaismus, andere unterscheiden ihn vom rassentheoretischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts.
Adolf Hitler übernahm in Mein Kampf die Begriffe „Existenzkampf“, „Lebenskampf“ und „Kampf ums Dasein“ und forderte das Recht des Stärkeren als „aristokratisches Prinzip der Natur“. Der Kampf zwischen Arten wurde auf den Kampf zwischen Menschenrassen übertragen. Zugleich war die nationalsozialistische Ideologie gegenüber der menschlichen Evolution teilweise antidarwinistisch. Ihre eugenischen Programme benötigten keine Evolutionstheorie, sondern vor allem Vererbungshypothesen; dennoch wurden biologische Begriffe wiederholt zur Rechtfertigung staatlicher Maßnahmen eingesetzt.
Diese Verbindung diente der Rechtfertigung von Imperialismus, Rassismus und der Entrechtung psychisch Kranker, geistig Behinderter und schwer Erbkranker. Im Nationalsozialismus führte sie zu Zwangssterilisationen, zum Genozid und zur massenhaften „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Im Sterilisationsgesetz von 1933 und den Nürnberger Gesetzen von 1935 sieht Peter Weingart wesentliche Elemente sozialdarwinistischer Züchtungsutopien.
Wissenschaftliche Einordnung und Kritik
Aus Sicht der modernen Evolutionstheorie ist Evolution nicht notwendig eine Höherentwicklung. Eine objektive Einteilung aller Lebensformen in höhere und niedrigere Gruppen ist grundsätzlich unmöglich. Darwins survival of the fittest bedeutet nicht das bloße Überleben und auch nicht körperliche Stärke, sondern den relativen Fortpflanzungserfolg beziehungsweise die reproduktive Fitness unter bestimmten Umweltbedingungen. Genetische Vielfalt und altruistisches Verhalten können die evolutionäre Fitness einer Art fördern. Pjotr Alexejewitsch Kropotkin betonte deshalb die Bedeutung gegenseitiger Hilfe; Lynn Margulis vertritt eine Theorie symbiotischer Evolution.
Die Übertragung von Tier- und Pflanzenwelt auf menschliche Beziehungen ist ein Analogieschluss, der zusätzliche Annahmen benötigt. Ein biologistischer Determinismus wird abgelehnt, weil gesellschaftliche Entwicklung aus dem Zusammenwirken genetischer und kultureller Faktoren entsteht. Auch die Vorstellung, die Industriegesellschaft habe die natürliche Selektion künstlich außer Kraft gesetzt, ist wissenschaftlich nicht haltbar: Menschen unterliegen auch dort biologischen Bedingungen.
Die Genetik widerlegt die Annahme eines grundsätzlich guten oder schlechten Erbmaterials. Gregor Mendel zeigte, dass sich Merkmale unabhängig voneinander vererben können. Genetische Eigenschaften sind außerdem umweltabhängig: Ein Selektionsnachteil kann unter anderen Umweltbedingungen ein Vorteil sein oder kulturell ausgeglichen werden. Eine gerichtete, auf ein Ziel zulaufende Evolution gibt es nicht; Evolution ist ein fortlaufender, nicht zielgerichteter Prozess.
Philosophisch wird die Gleichsetzung eines biologischen Ist-Zustands mit einem moralischen Soll-Zustand zurückgewiesen. Nach Humes Gesetz und dem naturalistischen Fehlschluss folgt aus einer Beschreibung der Natur keine moralische oder politische Verpflichtung. Der Versuch, aus der Natur gesellschaftliche Werte abzuleiten, ist als „Appell an die Natur“ ein logisch irrelevantes Argument, ein Fall der Ignoratio elenchi. Damit sind die zentralen Schlussfolgerungen des Sozialdarwinismus weder biologisch noch philosophisch tragfähig.