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Antisemitismus
Als Antisemitismus werden heute alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Der Ausdruck entstand 1879 als …
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Kernbegriff und Merkmale
Antisemitismus bezeichnet pauschale Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft. Gemeint sind Einstellungen und Handlungen, die Menschen oder Gruppen als „Juden“ einordnen, ihnen negative, angeblich feste Eigenschaften zuschreiben und damit Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung oder bis zur Vernichtung rechtfertigen. Die Forschung ordnet ihn als spezifische Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein.
Typisch sind langlebige Stereotype und Verschwörungsvorstellungen: Juden wurden etwa als „Feinde der Menschheit“, „Christus-“ oder „Gottesmörder“, „Brunnenvergifter“, „Ritualmörder“, „Wucherer“, „Parasiten“, „Ausbeuter“ oder heimliche „Weltherrscher“ dargestellt. Solche Bilder sind keine realen Beschreibungen, sondern ideologische Trugbilder. Sie stellen Juden oft als besonders mächtige Ursache gesellschaftlicher Krisen oder Katastrophen dar.
Der Ausdruck entstand 1879 als Eigenbezeichnung deutscher Judenfeinde um Wilhelm Marr. Er ist etymologisch eine Fehlprägung: „Semiten“ bezeichnet eine Sprachfamilie, zu der unter anderem Araber, Äthiopier und Malteser gerechnet werden; historisch richtete sich Antisemitismus jedoch nur gegen Juden. Seit 1945 wird der Begriff überwiegend kritisch als Sammelbegriff für judenfeindliche Ideologien und Handlungen verwendet. Umstritten ist, ob er alle historischen Formen der Judenfeindschaft oder vor allem die modernen rassistischen Formen seit etwa 1880 bezeichnen soll.
Antike und christlicher Antijudaismus
Antike Judenfeindschaft entstand seit dem Babylonischen Exil 586–539 v. Chr. Die jüdische Minderheit unterschied sich durch Ess-, Kleidungs-, Wohn- und Sabbat-Bräuche sowie durch Monotheismus, den Glauben an einen einzigen unsichtbaren Schöpfergott. Ägypter, Griechen und Römer bewerteten diese Abgrenzung teils positiv, teils als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es kam regional zu Verfolgungen, etwa 410 v. Chr. in Elephantine, 167 v. Chr. unter Antiochus IV. und zu einem schweren Pogrom in Alexandria 38 n. Chr. Antike Autoren überlieferten das Bild von Juden als angeblichen Menschenfeinden. Diese Fremdenfeindlichkeit gilt als Vorläufer, nicht als Hauptursache des späteren Antisemitismus.
Antijudaismus ist vorwiegend religiös begründete christliche Feindschaft gegen die jüdische Religion. Nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 verschärfte sich die Konkurrenz zwischen Christentum und Judentum. In Teilen des Neuen Testaments wurde Juden eine Kollektivschuld am Tod Jesu zugeschrieben. Die Substitutionstheologie erklärte seit etwa 130, die Kirche habe Israel als „Volk Gottes“ ersetzt. Der ab etwa 160 zentrale Gottesmord-Vorwurf behauptete, Juden hätten den Sohn Gottes gekreuzigt; daraus wurden Vorstellungen einer dauerhaften Verfluchung und die Forderung nach Taufe als Voraussetzung des Heils abgeleitet.
Als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, erhielten Juden einen verminderten Rechtsstatus. Im Hochmittelalter führten Ritualmord- und Hostienfrevellegenden, räumliche Absonderung, Kennzeichnung und Berufsverbote zu systematischer Ausgrenzung und wiederholten Pogromen, besonders während der Kreuzzüge, der Pestpandemie im 14. Jahrhundert und der Reconquista im 15. Jahrhundert. Die jüngere Forschung weist die Vorstellung zurück, mittelalterliche Juden hätten den Geldverleih oder die Hochfinanz beherrscht; das Bild des geldgierigen „Wucherjuden“ beruhte nicht auf ihrem tatsächlichen ökonomischen Verhalten. Martin Luther forderte 1523 zunächst bessere Behandlung, rief 1543 jedoch zur Vertreibung, Zwangsarbeit sowie Zerstörung von Synagogen und Wohnungen auf.
Neuzeitlicher und rassistischer Antisemitismus
In der Neuzeit traten religiöse Begründungen teilweise hinter ökonomische, soziale und politische Motive zurück, während ältere Stereotype weiterwirkten. Juden wurden mit Börse, Finanzkapital und Geldgier gleichgesetzt und als angebliche Verursacher von Wirtschaftskrisen oder als Vertreter absolutistischer Herrscher angegriffen. Auch Vertreter der Aufklärung übernahmen judenfeindliche Stereotype. Die Forschung erklärt Judenhass deshalb nicht einfach mit Bildungsmängeln.
Die Französische Revolution von 1789 förderte allgemeine Bürgerrechte und die jüdische Emanzipation. In Deutschland bekämpften unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und die Nationalbewegung die Gleichstellung der Juden. Nationaler Antisemitismus behandelte Juden als nicht zur Nation gehörenden „Fremdkörper“, obwohl viele sich anpassen und integrieren wollten. Anders als der spätere Rassenantisemitismus ließ der Nationalismus teils noch Assimilation oder Religionsübertritt als Weg aus der Diskriminierung gelten.
Politischer Antisemitismus stellt Juden als geschlossenes, einflussreiches Kollektiv dar, das durch geheime Planung nationale Herrschaft oder Weltherrschaft anstrebe. Ein Beispiel sind die Protokolle der Weisen von Zion. Kultureller Antisemitismus macht Juden für als schädlich bewertete Neuerungen in Kunst, Literatur, Musik oder Architektur verantwortlich; die NS-Propaganda bezeichnete solche Kunst als „entartete Kunst“. Seit der Aufklärung verband sich der neuzeitliche Antisemitismus zudem mit biologistischen und pseudowissenschaftlichen Begründungen, Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus. Im Nationalsozialismus wurde der Rassenantisemitismus Staatsideologie und bereitete den Holocaust vor und rechtfertigte ihn.
Antisemitismus nach dem Holocaust und Israelbezug
Post-Holocaust-Antisemitismus, auch Schuldabwehr-Antisemitismus, bezieht sich direkt oder indirekt auf die Shoa. Er leugnet oder relativiert den Holocaust aus Schuldabwehr, verweigerter Erinnerung, Entlastung oder Täter-Opfer-Umkehr. Ältere Klischees werden etwa als Vorwurf der „Holocaustausbeutung“, einer angeblichen jüdischen Unversöhnlichkeit oder eines „Kritiktabus wegen Auschwitz“ aktualisiert. Nach 1945 war Antisemitismus in der Bundesrepublik öffentlich geächtet, bestand aber laut Artikel in erheblichen Teilen der Bevölkerung fort.
Antizionismus ist Opposition zum Zionismus und nicht zwangsläufig antisemitisch; auch jüdische religiöse und nichtreligiöse Gruppen lehnten oder lehnen Zionismus ab. Israelbezogener Antisemitismus liegt nach den dargestellten Forschungspositionen vor, wenn klassische antisemitische Muster auf Israel übertragen werden: Israel wird dann als „kollektiver Jude“ konstruiert, dämonisiert, delegitimiert oder isoliert. Genannt werden etwa die Bestreitung seines Existenzrechts, NS-Vergleiche, Täter-Opfer-Umkehr, die Gleichsetzung von Zionismus mit Rassismus und Forderungen nach Maßstäben, die nicht an andere demokratische Staaten angelegt werden.
Die im Artikel zitierten Forscher Robert S. Wistrich und Monika Schwarz-Friesel bewerten bestimmte antizionistische Formen als gegenwärtig besonders wirksame beziehungsweise öffentlich vorherrschende Varianten des Judenhasses. Sie beschreiben eine Verbindung klassischer Stereotype mit Kritik an Israel. Zugleich wird zwischen einer Forderung nach dem Verschwinden von Juden, einer Forderung nach dem Verschwinden des Staates Israel und Kritik an Maßnahmen der jeweiligen israelischen Regierung unterschieden. Letztere ist nach dieser Unterscheidung nicht dasselbe wie Antisemitismus oder Antizionismus.
Definitionen und ihre Kontroversen
Eine allgemein akzeptierte Definition besteht nicht. Theodor W. Adorno und die Autoren von The Authoritarian Personality (1950) beschrieben Antisemitismus als Ideologie stereotyper negativer Ansichten über Juden, die sie als bedrohlich, unmoralisch und grundsätzlich verschieden darstelle und auf Beschränkung, Ausschluss oder Unterdrückung ziele. Helen Fein definierte ihn 1987 als anhaltende latente Struktur feindlicher Überzeugungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich in Einstellungen, Mythen, Ideologien, Bildsprache, Diskriminierung, politischer Mobilisierung und Gewalt zeigen könne.
Die EUMC veröffentlichte 2005 eine Arbeitsdefinition, die die IHRA am 15. Mai 2016 fast unverändert übernahm. Danach ist Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann“. Er kann sich gegen jüdische oder nichtjüdische Personen, Eigentum, Institutionen und gegen Israel richten, wenn Israel als jüdisches Kollektiv verstanden wird. Beispiele sind Aufrufe zur Schädigung von Juden, Verschwörungsmythen, Kollektivschuldzuweisungen, Holocaustleugnung, der Vorwurf, Juden oder Israel hätten den Holocaust erfunden oder übertrieben, sowie die Übertragung traditioneller antisemitischer Bilder auf Israel. Kritik an Israel, die wie an anderen Staaten geäußert wird, soll nicht als antisemitisch gelten. Die Definition war laut Beschlusstext nicht zur Umsetzung in europäisches oder nationales Recht gedacht; Österreich übernahm sie am 21. April 2017, die deutsche Bundesregierung im September 2017.
Kritiker wie Armin Pfahl-Traughber, Moshe Zimmermann, Peter Ullrich und weitere Wissenschaftler oder Organisationen beanstanden Unklarheit, geringe Trennschärfe und die Gefahr, legitime Israelkritik oder Meinungsfreiheit einzuschränken. Andere betonen, dass die Definition den israelbezogenen Antisemitismus sichtbar macht. Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus von 2021 definiert Antisemitismus als „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Institutionen als jüdische)“. Sie will die IHRA-Definition ergänzen und legt besonderes Gewicht auf die Unterscheidung von Antizionismus und Antisemitismus. Unterstützer der IHRA-Definition kritisieren dagegen, dies könne die Bekämpfung israelbezogenen Antisemitismus erschweren.
Staatliche Gegenstrategien
Die EU-Mitgliedstaaten verpflichteten sich 2020, alle Formen des Antisemitismus durch neue oder bestehende nationale Strategien und Aktionspläne zu verhindern und zu bekämpfen. Die Europäische Kommission legte im Oktober 2021 die „EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens“ für 2021 bis 2030 vor. Ihre drei Schwerpunkte sind: alle Formen von Antisemitismus verhüten und bekämpfen, jüdisches Leben in der EU schützen und fördern sowie über den Holocaust aufklären, dazu forschen und erinnern.
Die US-Regierung unter Präsident Joe Biden veröffentlichte im Mai 2023 die „U.S. National Strategy to Counter Antisemitism“. Sie umfasst Sensibilisierung für Antisemitismus und jüdisch-amerikanisches Erbe, bessere Sicherheit jüdischer Gemeinden, die Bekämpfung antisemitischer Diskriminierung sowie gemeinschaftsübergreifende Solidarität und gemeinsame Maßnahmen gegen Hass.
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