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Geschichte der Juden

Die Geschichte der Juden (auch: Geschichte des Judentums, Geschichte des jüdischen Volkes, Jüdische Geschichte) umfasst von den Anfängen ab ~1200 v. Chr. bis …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlinien von der Antike bis zum Mittelalter
  2. 2. Neuzeit, Diaspora und jüdische Lebenswelten
  3. 3. Antijudaismus und Antisemitismus
  4. 4. Schoah, Zweiter Weltkrieg und jüdischer Widerstand
  5. 5. Nachkriegszeit, Diaspora und islamische Herrschaft
  6. 6. Deutschland und Antisemitismus in der Gegenwart

Grundlinien von der Antike bis zum Mittelalter

Die Geschichte der Juden umfasst rund 3200 Jahre, von den Anfängen ab etwa 1200 v. Chr. bis zur Gegenwart. Sie begann mit einem Stämmebund der Israeliten, aus dem mehrere antike Staatswesen in der Levante hervorgingen. Nach deren Untergang lebten Juden unter verschiedenen Fremdherrschaften. Die römische Niederschlagung jüdischer Aufstände führte zu entscheidenden Einschnitten: 70 n. Chr. wurden Jerusalem und der zweite Tempel zerstört; 136 n. Chr. folgten die Vertreibung aus Palästina und das Ansiedlungsverbot in Jerusalem. Aus dem Verlust von Land und Tempel entwickelte sich das rabbinische Judentum.

Um die Zeitenwende lebten weltweit etwa acht Millionen Juden. Größere Gemeinschaften gab es unter anderem in Judäa, Babylonien, Ägypten, Syrien, Kleinasien und Mittel- sowie Süditalien. Vom Ende des 1. Jahrhunderts bis zur arabischen Eroberung der Levante im 7. Jahrhundert zerstreuten sich Juden endgültig als regional geschlossenes Volk und siedelten vor allem im Römischen und im Perserreich. Der Tanach, die jüdische Bibel, war spätestens um 90 n. Chr. abgegrenzt. Ab dem 2. Jahrhundert wurden rabbinische Lehrtraditionen in den beiden Talmudim und in Responsen gesammelt und verschriftlicht. Alexandria wurde seit dem 3. Jahrhundert ein Zentrum des hellenistischen Judentums; dort entstand eine griechische Bibelübersetzung. Im Perserreich lagen wichtige jüdische Gelehrtenzentren in den Akademien von Sura und Pumbedita in Babylonien.

Das jüdische Mittelalter wird ungefähr vom 7. bis zum 17./18. Jahrhundert datiert, also von der Islamisierung des Orients bis zum Beginn der Emanzipationsbewegung. Vom 8. bis 10. Jahrhundert entstanden jüdische Gemeinden in Mitteleuropa, in Österreich erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Die Radhaniten, jüdische Kaufleute, verbanden vom 8. bis 11. Jahrhundert christliche und islamische Länder und Handelsräume bis nach Indien und China. Unter den Karolingern ermöglichten Privilegien jüdischen Fern- und Sklavenhandel; später verschlechterte sich die Lage durch städtische Verfassungen und christliche Zunftordnungen.

Juden lebten häufig als Schutzbefohlene der Landesherren in eigenen Wohngebieten. Antijüdische Bilder wie die „Judensau“ sollten sie verhöhnen und ausgrenzen. Während der Pestpandemie ab 1348/49 wurden Juden der Brunnenvergiftung beschuldigt. In 85 von 350 Städten mit jüdischen Einwohnern kam es zu Morden, fast überall zu Ausweisungen. Die jüdische Bevölkerung verlagerte sich dadurch stärker nach Osteuropa, in die islamische Welt und nach der Vertreibung aus Spanien 1492 auch nach Eretz Israel. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts lebten schätzungsweise etwas mehr als eine Million Juden, davon 80 % in Asien und muslimischen Reichen; am Ende des Mittelalters verschob sich das Verhältnis zugunsten Europas.

Neuzeit, Diaspora und jüdische Lebenswelten

Die Neuzeit reicht in der jüdischen Geschichte von der Jüdischen Aufklärung bis zur Gründung Israels 1948. Nach der Reformation wurden manche europäische Länder toleranter. Seit der Französischen Revolution von 1789 setzte sich die rechtliche Gleichstellung der Juden schrittweise durch; am 27. September 1791 verkündete die Französische Nationalversammlung die Gleichberechtigung aller französischen Juden. Im Einflussgebiet von Napoleons Code civil wurden Juden auch in mehreren deutschen Gebieten vorbehaltlos emanzipiert.

Die Haskala entstand in den 1770er und 1780er Jahren in Berlin und Königsberg und verbreitete sich nach Osteuropa. Sie verband Ideen der europäischen Aufklärung mit dem Ziel von Toleranz, rechtlicher Gleichstellung und Akkulturation. Akkulturation bedeutete die Annäherung an Sprache und Kultur der Umwelt, ohne die jüdische Identität vollständig aufzugeben. Zur Haskala gehörten auch ein aufgeklärtes Religionsverständnis, die Wissenschaft des Judentums und Reformbewegungen des liberalen Judentums. Ihre letzte Phase endete in Russland um 1881 mit dem Aufstieg des jüdischen Nationalismus.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage in Osteuropa. Pogrome im Russischen Reich führten zwischen 1890 und dem Ende des Ersten Weltkriegs zur Auswanderung von rund zwei Millionen Juden in die Vereinigten Staaten. Für die Jahre 1881 bis 1914 werden etwa zwei Millionen Auswanderer aus dem russischen Ansiedlungsrayon genannt. Der Zionismus entstand als jüdische Nationalbewegung mit dem politischen Ziel eines jüdischen Nationalstaats in Palästina. Bekannt wurde er besonders durch Theodor Herzls 1896 veröffentlichtes Buch „Der Judenstaat“; unter deutschen Juden blieb er zunächst eine Minderheitsbewegung.

Die Diaspora bezeichnet die Auswanderung, Flucht oder das Leben in jüdischen Gemeinden außerhalb von Eretz Israel. Als Beginn gilt das Babylonische Exil nach der Verschleppung der Bewohner Judas durch Nebukadnezar im Jahr 587/86 v. Chr. Weitere Zentren entstanden in Ägypten, Nordafrika, Syrien, Kleinasien, Griechenland, Rom und später weltweit. Im Judentum wurde daneben lange der Begriff Galut für „Exil“ verwendet.

Auf der Iberischen Halbinsel lebten Juden im maurischen al-Andalus trotz Kopfsteuer mit vergleichsweise großen religiösen und beruflichen Möglichkeiten. Jüdische Wissenschaftler, Dichter, Ärzte, Kaufleute und Diplomaten wirkten dort; Maimonides gilt als bedeutendster jüdischer Denker des Mittelalters. Die Vorstellung einer „goldenen Diaspora“ ist jedoch unter Historikern umstritten, da eine rechtliche Gleichberechtigung nicht bestanden habe. Das Alhambra-Edikt vom 31. März 1492 zwang die Juden zur Ausreise oder Konversion. Mehr als 100.000 spanische Juden gingen ins Exil; viele fanden im Osmanischen Reich Aufnahme. Sie bildeten das sephardische Judentum und bewahrten Ladino, Traditionen und Lieder. In Sizilien mussten 1492/93 bis zu 100.000 Juden aus 52 Gemeinden auswandern.

Polen galt seit dem 10. Jahrhundert als vergleichsweise tolerant. Das Statut von Kalisch von 1264 und seine Bestätigung und Erweiterung durch das Statut von Wiślica 1334 gewährten Juden weitgehende Rechte. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort rund 3.350.000 Juden, 2018 nur noch 4.500. Der Chassidismus entstand nach den Pogromen des Chmelnyzkyj-Aufstandes von 1648, bei denen über 700 jüdische Gemeinden vernichtet wurden. Er betonte Tora, mündliche Überlieferung, Talmud, Kabbala sowie persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erfahrung.

Antijudaismus und Antisemitismus

Antisemitismus ist ein religiöses, kulturelles, soziales und politisches Vorurteil, das Juden als Minderheit stigmatisiert und ausgrenzt. Antisemitische Weltbilder erklären komplexe gesellschaftliche Verhältnisse durch ein angeblich bewusstes Wirken „der Juden“ und verbinden Juden mit Macht und Einfluss. Laut einer ADL-Umfrage von 2014 in über 100 Ländern mit 4.161.578.905 Erwachsenen waren 26 % beziehungsweise über eine Milliarde Menschen antisemitisch eingestellt. 35 % hatten noch nie vom Holocaust gehört; 41 % glaubten, Juden seien Israel gegenüber loyaler als ihrem eigenen Land. Im Nahen Osten, in der Türkei und in Nordafrika lag der Anteil antisemitischer Einstellungen bei 74 %.

Christlicher Antijudaismus stützte sich unter anderem auf die Substitutionstheologie, nach der die Kirche den Bund Gottes mit Israel ersetzt habe. Die Bezeichnung „Altes Testament“ wurde deshalb oft als „veraltet“ verstanden; zunehmend werden Tanach, Hebräische Bibel oder Erstes Testament verwendet, um diese Abwertung zu vermeiden. Der Vorwurf des „Gottesmords“ schrieb allen Juden eine Kollektivschuld an der Kreuzigung Jesu zu. Seit dem 2. Jahrhundert diente er zur religiösen Verwerfung und sozialen Diskriminierung des Judentums und prägte ein dauerhaftes antijüdisches Feindbild.

Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert wurden Juden der Hostienschändung beschuldigt. Erpresste Geständnisse führten häufig zu Hinrichtungen, Enteignungen und Vertreibungen ganzer Gemeinden. Die Ritualmordlegende entstand 1144 in Norwich und behauptete, Juden benötigten das Blut christlicher Kinder für Matzen oder magische und medizinische Zwecke. Solche Vorwürfe führten in Europa bis ins 20. Jahrhundert zu Massakern. Weitere Stereotype waren der „Geldjude“, der Juden eine besondere Nähe zu Geld und Wucher zuschrieb, sowie der „jüdische Parasit“, der Juden als volks- und staatsfremde Schädlinge entmenschlichte.

Martin Luther verwarf 1520 zwar antijüdische Passionspredigten, übernahm später jedoch antijudaistische Stereotype. Er forderte unter anderem die Zerstörung von Synagogen, Schulen und Häusern, Zwangsarbeit, ein Verbot der Religionsausübung und des Geldgeschäfts sowie die Todesstrafe für lehrende Rabbiner. Die römisch-katholische und die evangelische Kirche erkannten diese Stereotype nach 1945 schrittweise als Irrtum und Schuld an.

Die Verschwörungstheorie vom „Weltjudentum“ behauptet, Juden strebten nach Weltherrschaft. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ waren ein 1903 im Russischen Kaiserreich verbreitetes antisemitisches Pamphlet, das 1921 in der Londoner Times und im Berner Prozess von 1933 bis 1935 als Fälschung entlarvt wurde. Der „jüdische Bolschewismus“ verband Antikommunismus mit Judenfeindschaft. Nationalsozialistische Rassengesetze, darunter das am 15. September 1935 erlassene „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, verboten Ehen und außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden.

Schoah, Zweiter Weltkrieg und jüdischer Widerstand

Die Schoah war der nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden, darunter 2,7 Millionen aus Polen, 2,1 Millionen aus der Sowjetunion, 565.000 aus Ungarn und 300.000 aus Rumänien. Insgesamt wurden etwa zwei Drittel der europäischen Juden ermordet, darunter 1,5 Millionen Kinder. Als Beginn der Vernichtung gilt häufig die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Deutsche und ihre Helfer betrieben die Vernichtung von 1941 bis 1945 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden, mit dem Ziel, alle Juden im deutschen Machtbereich zu ermorden.

Das NS-Regime errichtete etwa 42.500 Lager: 980 Konzentrationslager, 30.000 Arbeitslager, 1150 jüdische Ghettos, 1000 Kriegsgefangenenlager und mindestens 500 Zwangs- und Wehrmachtsbordelle. Im Warschauer Ghetto lebten 450.000 Juden. Babi Jar war 1941 mit über 51.000 erschossenen Menschen das größte Massaker an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg unter Verantwortung des Heeres der Wehrmacht.

Im Deutschen Reich bekannten sich 1925 563.733 Personen zur jüdischen Religionsgemeinschaft, 0,9 % der Gesamtbevölkerung. 1933 waren es 499.682. Für das Deutsche Reich in den Grenzen von 1933 wird die Zahl der ermordeten Juden mit 160.000 angegeben; 340.000 flohen, wurden vertrieben oder wanderten aus. Aus dem Deutschen Reich und Österreich flohen etwa 95.000 Menschen in die USA. Viele, die in später besetzte europäische Länder gelangten, wurden dennoch deportiert.

Jüdische Soldaten und Widerstandskämpfer kämpften in vielen Armeen gegen Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg dienten insgesamt 1.406.000 jüdische Soldaten oder Widerstandskämpfer. Aus der Sowjetunion kämpften 500.000, von denen etwa 200.000 fielen. Beim Überfall auf Polen im September 1939 nahmen 120.000 jüdische polnische Bürger als Soldaten teil. Etwa 200.000 Juden flohen vor den Deutschen in das sowjetisch besetzte Ostpolen.

Jüdischer Widerstand umfasste unter anderem die Bielski- und Parczew-Partisanen, die Fareinikte Partisaner Organisatzije, Aufstände in zahlreichen Ghettos und den Warschauer Ghetto-Aufstand durch ŻZW und ŻOB. Dort wurden 12.000 Menschen in den Kämpfen getötet, weitere 30.000 nach den Kämpfen erschossen und 7000 in Vernichtungslager deportiert. In Frankreich half jüdischer Widerstand, über 70 % der französischen Juden zu retten; allein 72.000 jüdische Kinder wurden gerettet. Die Jüdische Brigade kämpfte in der British Army auf alliierter Seite; von etwa 30.000 jüdischen Freiwilligen aus Palästina starben über 700 im Dienst.

Nachkriegszeit, Diaspora und islamische Herrschaft

Nach 1945 bauten etwa 15.000 Juden in der Bundesrepublik Deutschland das Gemeindeleben wieder auf. In der DDR lebten 1961 noch etwa 1500 registrierte Gemeindemitglieder, 1989 etwa 400; in der Bundesrepublik waren es etwa 29.000. Von 1990 bis 2015 wanderten rund 230.000 Juden aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten nach Deutschland ein. 2015 lebten dort 117.000 Juden, davon 99.695 Gemeindemitglieder; Schätzungen nennen bis zu 200.000 Juden, 80 % davon russischer Herkunft.

In arabischen Ländern lebten 1948 über eine Million Juden. Verfolgung, Morde, Sondersteuern, Restriktionen und Diskriminierung führten zu einer Massenflucht. Die Zahl sank innerhalb von zehn Jahren auf 560.050 und lag 2014 bei 28.797. Der Verlust jüdischen Eigentums wird auf mehr als 350 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die im Artikel dargestellte Behandlung steht im Zusammenhang mit einer ambivalenten islamischen Tradition: Juden gelten in Koran, Hadith und islamischem Recht einerseits als Ahl al-kitāb, also als Angehörige einer Buchreligion, andererseits wurden ihnen Vertragsbruch, Betrug und Unglaube vorgeworfen. Es gab sowohl Schutz und wirtschaftliche Beziehungen als auch Massaker und Vertreibungen, etwa in Córdoba 1010–1013, Fez 1033 und Granada 1066. Ritualmordvorwürfe tauchten in der islamischen Welt erstmals um 1840 in der Damaskusaffäre auf.

Im 20. Jahrhundert verbanden islamistische und nationalistische Kreise antisemitische Propaganda mit dem Nahostkonflikt. Mohammed Amin al-Husseini unterstützte im Zweiten Weltkrieg die nationalsozialistische Propaganda. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ wurden in verschiedenen politischen Bewegungen verbreitet. Die Zuschreibung einer Kollektivschuld aller Juden an der Politik Israels und die Infragestellung des Existenzrechts Israels werden als „islamisierter Antisemitismus“ bezeichnet. In Iran bestehen weiterhin jüdische Gemeinden.

Seit 2001 ist das Internet ein wichtiges Medium antisemitischer Propaganda. Soziale Netzwerke, Video- und Gaming-Plattformen, Messengerdienste, Imageboards, Deep Web und Darknet können Hassreden, Vorurteile und Verschwörungstheorien anonym verbreiten. Antisemitische Online-Radikalisierung stand laut Artikel auch im Zusammenhang mit Gewalttaten in Halle 2019 und Pittsburgh 2018.

Diaspora-Gemeinden bestehen heute unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Österreich flohen nach dem „Anschluss“ etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung, rund 65.000 wurden ermordet. Heute leben dort etwa 8000 bis 15.000 Juden, überwiegend in Wien. In der Schweiz erhielten Juden erst 1866 Niederlassungsfreiheit und volle Bürgerrechte. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Schweiz rund 51.000 Zivilflüchtlinge auf, darunter etwa 20.000 Juden, wies aber mindestens 30.000 Personen ab. Heute leben dort etwa 18.000 bis 20.000 Juden.

Deutschland und Antisemitismus in der Gegenwart

Jüdisches Leben im Gebiet des heutigen Deutschlands ist seit dem Jahr 321 belegt, als ein Dekret Kaiser Konstantins Juden die Berufung in die Kölner curia erlaubte. Bedeutende mittelalterliche Gemeinden lagen in Mainz, Worms und Speyer, den SchUM-Städten. Die jüdische Präsenz im deutschen Sprachgebiet blieb trotz wiederholter Verfolgungen weitgehend bestehen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wirkten jüdische Unternehmer, Bankiers, Wissenschaftler, Künstler, Verleger und Journalisten am wirtschaftlichen und kulturellen Wandel mit. Bis 1933 war ein Drittel der deutschen Nobelpreisträger jüdischer Herkunft; weltweit gab es 2020 insgesamt 205 Nobelpreisträger jüdischer Herkunft.

Im Ersten Weltkrieg kämpften etwa 85.000 deutsche Juden, von denen etwa 12.000 fielen. Die staatliche „Judenzählung“ vom 1. November 1916 verstärkte dennoch antisemitische Ressentiments. Nach der Niederlage wurden Juden zu Sündenböcken für den verlorenen Krieg und für die Novemberrevolution gemacht. Die Hep-Hep-Krawalle von 1819 hatten bereits in über 80 Städten und Orten des Deutschen Bundes zu Ausschreitungen geführt.

Im 21. Jahrhundert wurden in Deutschland weiterhin zahlreiche antisemitische Straftaten registriert: 2017 waren es 1504, 2018 1799, 2019 2032 und 2020 2351. Für 2021 wurden 3027 Straftaten gemeldet, nahezu 30 % mehr als im Vorjahr; 93 % der erfassten Taten waren nach Polizeiangaben rechts motiviert. Der Deutsche Bundestag forderte am 18. Januar 2018 einstimmig einen unabhängigen Antisemitismus-Beauftragten; seit dem 1. Mai 2018 bekleidet Felix Klein dieses Amt. In einer Umfrage von 2019 äußerten 27 % der Befragten antisemitische Gedanken, 41 % meinten, Juden redeten zu viel über den Holocaust.

Die Schändung jüdischer Friedhöfe gilt als besonders schwerwiegender Ausdruck des Antisemitismus. Während der NS-Zeit wurden über 80 % der etwa 1700 jüdischen Ruhestätten geschändet; seit 1945 kam es in Deutschland zu über 2000 Schändungen. Die Halacha, das jüdische Religionsrecht, betrachtet dauerhafte Totenruhe als grundlegenden Glaubenssatz.

Das talmudische Prinzip Dina de-malchuta dina bedeutet: „Das Gesetz des Königtums/Reichs/Landes ist Gesetz.“ Es verpflichtet Juden in der Diaspora grundsätzlich, die Gesetze des Landes zu respektieren und zu befolgen; in bestimmten Fällen sind Landesgesetze sogar den Rechtsgrundsätzen der Halacha vorzuziehen.

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