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Römisches Palästina
Das römische Palästina bestand von 63 v. Chr. bis etwa 634 n. Chr. Es durchlief während dieser sieben Jahrhunderte verschiedene Grade der Abhängigkeit vom …
Inhalt6 Abschnitte
- 1. Römische Einbindung und Klientelkönigtum
- 2. Herodes und die Aufteilung seiner Herrschaft
- 3. Kriege, Aufstände und jüdische Neuordnung
- 4. Provinzen, Palmyra und die Vorherrschaft des Christentums
- 5. Persische Eroberung und oströmische Rückeroberung
- 6. Muslimische Eroberung und Ende der römischen Epoche
Römische Einbindung und Klientelkönigtum
Das römische Palästina bestand ungefähr von 63 v. Chr. bis 634 n. Chr. beziehungsweise bis zur Vollendung der muslimischen Eroberung um 640. In diesen sieben Jahrhunderten wechselte der Grad der römischen Kontrolle: Auf die religiöse Selbstverwaltung unter dem Hohepriester folgten ein römisches Klientelkönigtum, direkte Provinzialverwaltung und schließlich die oströmische Herrschaft. Besonders wichtig waren die Beziehungen zwischen Rom, den jüdischen Herrschern, den Nabatäern und später den christlichen und muslimischen Mächten.
Rom dehnte seinen Einfluss seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. in den östlichen Mittelmeerraum aus. Nach den Kriegen gegen Karthago und die hellenistischen Reiche annektierte es 64 v. Chr. das Restreich der Seleukiden und 30 v. Chr. das Ptolemäerreich. 63 v. Chr. beendete Pompeius die Herrschaft der Hasmonäer in Jerusalem. Er ließ Aristobulos II. und dessen Söhne nach Rom bringen, beließ aber Johannes Hyrkanos II. als Hohepriester. Hyrkanos erhielt als Ethnarch, also als Herrscher unterhalb eines Königs, religiöse Autonomie über Judäa, Idumäa, Galiläa und Peräa. Samaria und die hellenistischen Städte der Dekapolis gehörten nicht dazu. Palästina und Syrien wurden zur römischen Provinz Syria verbunden.
Die römischen Bürgerkriege und der Partherkrieg stärkten die Stellung des Idumäers Antipatros. Caesar verlieh Hyrkanos das erbliche Hohepriesteramt, machte Antipatros zum faktischen Herrscher Judäas und gab ihm das römische Bürgerrecht sowie Steuerfreiheit. Joppe fiel an Judäa, Jerusalem durfte befestigt werden, und der Tempel behielt seine eigene Gerichtshoheit über Judäa, Idumäa, Peräa und Galiläa.
Nach Antipatros’ Tod 43 v. Chr. stieg sein Sohn Herodes auf. Als Antigonos und die Parther 40 v. Chr. in Judäa einfielen, floh Herodes nach Rom. Dort wurde er zum König von Jerusalem ernannt. Nach seinem Sieg über Antigonos und der Niederlage von Marcus Antonius und Kleopatra bei Actium 31 v. Chr. wechselte Herodes zu Octavian, dem späteren Augustus. 30 v. Chr. bestätigte Augustus ihn als König.
Auch das nabatäische Reich um Petra geriet in römische Abhängigkeit. 62 v. Chr. wurde Petra gegen eine Zahlung von 300 Talenten Vasall Roms, bewahrte aber fast 200 Jahre lang eine relative Unabhängigkeit. Unter Aretas IV. (8 v. Chr.–40 n. Chr.) wurde Petra zu einer bedeutenden Stadt mit monumental ausgebautem Haupttempel; Schätzungen nennen 30.000–40.000 Einwohner. Wirtschaftliche Veränderungen und von Rom geförderte See- und Karawanenwege schwächten Petra später. 106 n. Chr. gliederte Trajan das Reich als Provinz Arabia Petraea in das Römische Reich ein.
Herodes und die Aufteilung seiner Herrschaft
Herodes der Große war von Rom eingesetzter Klientelkönig. Er herrschte seit 37 v. Chr. über Judäa, Galiläa und Samaria, seine Souveränität blieb jedoch eingeschränkt. Als Idumäer war er Jude, weil die Idumäer unter Johannes Hyrkanos I. zur Annahme des Judentums gezwungen worden waren. Dennoch bestritten manche Juden, dass er nach der Tora als König gelten könne.
Herodes verband römische Loyalität mit jüdischen Herrschaftsformen. Er baute Samaria zu Sebaste aus, errichtete in Jerusalem ein Theater und ein Amphitheater, gründete oder erweiterte Residenzen wie das Herodeion und ließ zwischen 20 und 10 v. Chr. den zweiten Tempel prachtvoll umgestalten. In Krisenzeiten beschaffte er Getreide aus Ägypten und erließ Steuern. Wirtschaftlich profitierte er unter anderem von Erdpech am Toten Meer und den von ihm gepachteten Kupferminen auf Zypern.
Seine Herrschaft war zugleich von Gewalt, Familienkonflikten und Eingriffen Roms geprägt. Herodes ließ unter anderem seinen Schwager Aristobulos, seine Ehefrau Mariamne I., mehrere Verwandte und schließlich auch seine Söhne Alexandros, Aristobulos und Antipatros hinrichten. Er starb Ende März oder spätestens Anfang April 4 v. Chr. Augustus bestätigte sein Testament nicht, teilte die Gebiete aber unter seinen Söhnen auf.
Herodes Archelaos erhielt Judäa, Samaria und Idumäa als Ethnarch; Herodes Antipas erhielt Galiläa und Peräa als Tetrarch; Herodes Philippos regierte über Ituräa, den Golan und Trachonitis. Archelaos wurde wegen seiner unberechenbaren Herrschaft 6 n. Chr. abgesetzt und nach Gallien verbannt. Seine Gebiete wurden römische Provinz. Antipas gründete Tiberias, wurde aber 39 n. Chr. nach Lugdunum verbannt. Herodes Agrippa I. erhielt ab 37 n. Chr. zunächst Philippos’ Gebiet, später die Gebiete des Antipas und 41 auch die des Archelaos; damit vereinigte er zeitweise das Reich seines Großvaters.
Nach Agrippas Tod 44 n. Chr. wurde sein Reich wegen der Minderjährigkeit seines Sohnes zur römischen Provinz. Herodes Agrippa II. war von 50 bis 70 der letzte Hasmonäerkönig. Er beaufsichtigte den Tempeldienst, durfte den Hohepriester einsetzen und war dadurch religiöses Oberhaupt der Juden in Palästina und der Diaspora. Den Jüdischen Krieg gegen Rom konnte er nicht verhindern.
Kriege, Aufstände und jüdische Neuordnung
Der Jüdische Krieg begann 66 n. Chr. Ursachen waren hohe Steuern, die Ausbeutung durch Statthalter und Provokationen gegenüber der jüdischen Religion. Der erste römische Gegenangriff unter Gaius Cestius Gallus scheiterte. Danach führte Vespasian mit etwa 60.000 Soldaten den Krieg; sein Sohn Titus setzte ihn fort. Bis 69 waren fast alle aufständischen Städte zurückerobert, Jerusalem war isoliert.
Im Frühjahr begann die Belagerung Jerusalems. Anfang August 70 wurde der herodianische Tempel zerstört. Die Quellen nennen unterschiedliche Zahlen: Josephus berichtet von etwa 1.100.000 Toten und 97.000 Überlebenden; Tacitus schätzte die Zahl der Belagerten auf 600.000. Viele Überlebende wurden versklavt oder in Zirkusspielen getötet. Der Tempelschatz, darunter die Menora, wurde nach Rom gebracht. Die jüdische Kopfsteuer, die zuvor dem Jerusalemer Tempel gegolten hatte, musste nun für den kapitolinischen Jupiter entrichtet werden. Nach dem Krieg wurde Judäa als römische proprätorische Provinz eingerichtet; Caesarea wurde Hauptstadt.
Das Sanhedrin, zuvor höchste religiöse und politische Instanz sowie oberstes Gericht, wurde als Gremium jüdischer Gelehrter neu gegründet. Nach 70 verlagerte sich die religiöse Autorität zunehmend auf die Rabbiner. Jochanan ben Sakkai gründete in Jawne eine Schule der Toraauslegung. Die Tannaiten sammelten und ordneten die mündliche Tradition, aus der unter anderem Mischna, Tossefta und halachische Midraschim hervorgingen. Später folgten die Perioden der Amoräer, Saboräer und Geonim. Das Sanhedrin tagte nach 135 zunächst in Uscha und nahm um 166 in Tiberias seinen Sitz. Der Vorsitzende, der Nasi beziehungsweise Patriarch, blieb bis zur Aufhebung des Amtes durch Rom die wichtigste geistliche Autorität.
Der Diasporaaufstand von 115–117 begann in den östlichen jüdischen Gemeinden und erfasste unter anderem Kyrenaika, Libyen, Ägypten, Mesopotamien und Zypern. Die Kämpfe waren sehr gewaltsam; nach den Aufständen wurden Kolonisten angesiedelt, um die Bevölkerungsverluste auszugleichen.
Der Bar-Kochba-Aufstand dauerte von 132 bis 135 und war der dritte große jüdische Aufstand gegen Rom. Umstritten ist, welche Maßnahmen Hadrians den Aufstand auslösten. Als mögliche Faktoren werden ein Beschneidungsverbot, die angebliche Rücknahme einer Erlaubnis zum Tempelbau und die geplante römische Kolonie Aelia Capitolina in Jerusalem genannt. Die These eines zunächst erlaubten und dann verbotenen Tempelbaus gilt heute als widerlegt; das Beschneidungsverbot wurde wahrscheinlich erst nach Beginn des Aufstands erlassen. Die Rebellion wurde von einer streng religiösen, römerfeindlichen Gruppe vorbereitet, während andere Juden Rom unterstützten.
Rom musste Verstärkungen nach Judäa schicken. Nahezu 100 Dörfer und Bergfestungen wurden einzeln erobert; über 500.000 Juden sollen ums Leben gekommen sein. Danach wurde die Provinz in Syria Palaestina umbenannt. Die Tora und der jüdische Kalender wurden verboten, jüdische Gelehrte hingerichtet und Schriftrollen verbrannt. Juden durften Aelia Capitolina zunächst nicht betreten. Später war der Zutritt einmal jährlich am 9. Av erlaubt, um die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung zu betrauern.
Provinzen, Palmyra und die Vorherrschaft des Christentums
Im 3. Jahrhundert geriet die römische Herrschaft durch die Reichskrise unter Druck. Palmyra wurde unter Septimius Odaenathus zum weitgehend selbstständigen Machtzentrum. Odaenathus besiegte persische Truppen und römische Usurpatoren und wurde zum kaiserlichen Stellvertreter im römischen Orient. Nach seiner Ermordung um 267 regierte seine Witwe Septimia Zenobia für ihren Sohn Vaballathus. Palmyra dehnte seinen Einfluss bis nach Ägypten, Arabien und Teilen Anatoliens aus. Kaiser Aurelian besiegte Zenobias Truppen 272, eroberte Palmyra und stellte die römische Herrschaft wieder her.
Seit 212 wurde das Munizipalsystem, also die römische Stadtverwaltung mit dem Rang eines municipium, auf fast die gesamte Provinz ausgedehnt. Städte erhielten Bäder, Amphitheater und Aquädukte; die Mehrheit der städtischen Bevölkerung sprach Griechisch und war stark romanisiert. Gleichzeitig entwickelte sich auf dem Land der Kolonat. Kolonen waren Bauern, die an das von ihnen bearbeitete Land gebunden waren und Abgaben entrichten mussten. Seit Konstantin konnten geflohene Kolonen zurückgeführt werden; seit 365 durften sie über ihr Arbeitsgerät nicht frei verfügen, seit 371 zogen die Grundherren ihre Abgaben selbst ein, und 396 verloren die Bauern das Recht, ihren Herrn zu verklagen.
Nach Konstantin I. endeten die Christenverfolgungen 313, und das Christentum wurde staatlich privilegiert. Der Artikel nennt für die Erhebung zur Staatsreligion sowohl 380 als auch 394. Die Provinz wurde neu gegliedert: Um 395 entstanden Palaestina I mit Caesarea, Palaestina II mit Skythopolis und Palaestina III beziehungsweise Palaestina Salutaris mit Petra. Jerusalem erhielt 451 nach dem Konzil von Chalcedon die kirchliche Jurisdiktion über Palästina. Im 6. Jahrhundert stand das Patriarchat Jerusalem auf einer Ebene mit Konstantinopel, Rom, Antiochia und Alexandria.
Juden konzentrierten sich weiterhin in Galiläa, besonders in Tiberias, und lebten auch im Hauran, auf dem Golan sowie zwischen Aschkelon und En Gedi. Samaritaner waren vor allem in Caesarea stark vertreten. Die zunehmend minderheitenfeindliche kaiserliche Politik führte zu jüdischen Erhebungen 351/352 und um 440 sowie zu samaritanischen Aufständen 484, 529/530 und 555; 578 erhoben sich Juden und Samaritaner gemeinsam.
Auch die Christen waren theologisch gespalten. Nach dem Konzil von Chalcedon 451 entstand ein dauerhafter Gegensatz zwischen der Reichskirche und den Monophysiten beziehungsweise Miaphysiten. Kompromissversuche wie das Henotikon, das Zweite Konzil von Konstantinopel 553 und der Monotheletismus scheiterten.
Persische Eroberung und oströmische Rückeroberung
Die Sassaniden eroberten ab 603 systematisch oströmische Gebiete. Jerusalem fiel 614 an den persischen General Schahrbaraz. Jüdische Einwohner unterstützten die Perser möglicherweise, weil sie sich von ihnen größere religiöse Freiheiten erhofften. Syrien und Ägypten wurden in das Perserreich eingegliedert; Jerusalem blieb bis 629 besetzt. Die christliche Bevölkerung erlitt durch die Eroberung einen schweren Schock, unter anderem weil das Heilige Kreuz als Beute nach Persien gelangte.
Kaiser Herakleios begann eine Gegenoffensive. In den Feldzügen von 624/25 und 627/28 drang er über Armenien und Aserbaidschan in das persische Hinterland vor. Am 12. Dezember 627 besiegte er die Perser nahe Ninive. Chosrau II. wurde 628 gestürzt und ermordet. Der Friedensschluss von 628 verpflichtete Persien, alle seit 603 eroberten Gebiete aufzugeben und das Heilige Kreuz zurückzugeben. Seine feierliche Rückführung erfolgte wahrscheinlich im März 630.
Im syrisch-palästinischen Grenzraum spielten christliche Araber eine wichtige Rolle. Die später so genannten Ghassaniden, in der Forschung zunehmend Jafniden genannt, wurden als foederati, also verbündete Grenztruppen, in den oströmischen Dienst aufgenommen. Ihr Herrscher regierte von Bosra über arabische Stämme entlang des Jordan. Unter al-Harith ibn Jabala, der um 530 zum basileus ernannt wurde, kämpften sie gegen Persien und dessen arabische Verbündete, die Lachmiden. Nach inneren Spannungen wurde ihr Verband ab 582 geschwächt; die oströmische Grenzverteidigung blieb dadurch anfällig.
Muslimische Eroberung und Ende der römischen Epoche
Nach Mohammeds Tod 632 musste Abu Bakr zunächst die arabische Koalition durch die sogenannten Ridda-Kriege zusammenhalten. Danach begann die Expansion nach Norden. Zwischen 634 und 642 eroberten muslimische Heere Palästina, Syrien und Ägypten; die traditionelle Darstellung beruht jedoch vor allem auf späteren arabischen Quellen und wird von jüngerer Forschung teilweise angezweifelt.
Erste Angriffe Mohammeds nach Norden, darunter die Tabuk-Kampagne um 630, scheiterten an innerarabischen Konflikten. Zugleich entstanden Vereinbarungen mit Nichtmuslimen: Für Maqna, Eilat, Jarba' und Adruh wurde Schutz gewährt, allerdings gegen Zahlung der Dschizya, einer Sondersteuer für Nichtmuslime.
634 besiegte ʿAmr ibn al-ʿĀs bei Gaza oströmische Truppen. Danach fielen unter anderem Pella, Tiberias und weitere Städte am See Genezareth. 635 waren Palästina, Jordanien und Südsyriens mit Ausnahme Jerusalems und Caesareas weitgehend in muslimischer Hand. In der Schlacht am Jarmuk, die traditionell auf den 15. August 636 datiert wird, erlitten die Oströmer eine entscheidende Niederlage; manche Forscher setzen sie bereits für 635 an. Anschließend wurden die muslimischen Eroberungen wieder aufgenommen. Jerusalem fiel wahrscheinlich 637 oder 638 nach einer etwa vier Monate dauernden Belagerung. Caesarea wurde 640 erobert.
Für die jüdische Gemeinde war besonders wichtig, dass Jerusalem nach fast einem halben Jahrtausend wieder zugänglich wurde. Kalif Umar soll die Stadt besucht, den Tempelberg vom Müll befreien lassen und Juden mit der Reinhaltung der Stadt beauftragt haben. Die neuen Herrscher ließen Juden wieder in Jerusalem zu, erhoben aber die Dschizya; führende Ämter standen überwiegend Arabern offen.
Die langen Kriege führten zu hohen Bevölkerungsverlusten. Im Golan waren von 173 spätantiken Siedlungen aus dem 5. und 6. Jahrhundert nur 14 auch durch frühislamische Keramik nach 636 belegt. Damit endete die römisch-oströmische Epoche Palästinas, deren politische, religiöse und wirtschaftliche Strukturen die Region über mehrere Jahrhunderte geprägt hatten.