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Der Besuch der alten Dame
Der Besuch der alten Dame ist eine „tragische Komödie“ in drei Akten des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Die Uraufführung mit Therese Giehse …
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Grunddaten und Bedeutung
Der Besuch der alten Dame ist eine „tragische Komödie“ in drei Akten von Friedrich Dürrenmatt. Das Stück erschien 1956 und wurde am 29. Januar 1956 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die Originalsprache ist Deutsch; Ort und Zeit der Handlung sind die Kleinstadt Güllen in der Gegenwart. In der weiblichen Hauptrolle der Uraufführung spielte Therese Giehse. Das Stück wurde ein Welterfolg und machte Dürrenmatt finanziell unabhängig.
Im Zentrum steht die Frage, ob eine Gemeinschaft ihre moralischen Grundsätze aufgibt, wenn ihr dafür großer Wohlstand versprochen wird. Die Handlung verbindet komische, groteske und tragische Elemente: Eine ganze Stadt wird durch Geld verführbar, während Alfred Ill als Einzelner seine Schuld erkennt und sein Schicksal annimmt.
Handlung
Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurück. Früher hieß sie Klara, genannt „Kläri“, Wäscher. Die Güllener hoffen auf finanzielle Hilfe und Investitionen, denn ihre Stadt ist wirtschaftlich ruiniert. Claire verfolgt jedoch einen anderen Plan: Sie will Rache an Alfred Ill.
Als Klara 17 Jahre alt war, wurde sie von dem 20-jährigen Alfred Ill schwanger. Ill leugnete die Vaterschaft und gewann den Prozess, weil er zwei Zeugen bestach. Klara musste entehrt, arm und wehrlos die Stadt verlassen. Ihr Kind wurde ihr weggenommen und starb später. Klara wurde zur Prostituierten, kam aber durch die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer zu großem Reichtum. Später folgten weitere Ehen, und aus Klara Wäscher wurde Claire Zachanassian.
Claire hat vor ihrer Rückkehr heimlich alle Fabriken und Grundstücke Güllens aufgekauft, um die Stadt allmählich zu ruinieren. Nun bietet sie den Bürgern „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet“ und nennt das „Gerechtigkeit für eine Milliarde“. Zunächst lehnen die Güllener empört ab. Gleichzeitig beginnen sie aber, über ihre Verhältnisse zu leben: Sie kaufen auf Kredit, tragen neue gelbe Schuhe, planen ein neues Stadthaus und neue Anschaffungen. Auch Ills Familie beteiligt sich am Konsumrausch.
Ill versucht, Hilfe zu bekommen, doch niemand steht wirklich zu ihm. Der Pfarrer rät ihm schließlich zur Flucht, weil seine Anwesenheit die Güllener in Versuchung bringe. Als Ill mit dem Zug fliehen will, wird er von den Bürgern umringt und steigt aus Angst nicht ein. Er erkennt: „Ich bin verloren.“ Später bringt ihm der Bürgermeister ein geladenes Gewehr, damit Ill sich selbst töten könne. Ill tut es nicht. Stattdessen erkennt er seine Schuld an und liefert sich seinen Mitbürgern aus.
Am Ende stimmen die Bürger öffentlich über die Annahme von Claires Stiftung ab; tatsächlich entscheiden sie damit über Ills Tod. Vor der Presse bleibt diese Bedeutung verborgen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit bilden die Bürger eine Gasse um Ill, die sich immer enger schließt. Danach liegt Ill tot am Boden. Amtsarzt und Bürgermeister sprechen von „Herzschlag“ und „Tod aus Freude“. Claire lässt den Toten in einen mitgebrachten Sarg legen, übergibt den Milliardenscheck und reist nach Capri ab, wo ein Mausoleum für Ill vorbereitet ist.
Zentrale Figuren
Claire Zachanassian ist die frühere Klara Wäscher aus Güllen. Sie wurde als junge Frau von Alfred Ill verraten und gedemütigt. 45 Jahre später kehrt sie reich, mächtig und rachsüchtig zurück. Sie nutzt ihr Vermögen, um die Stadt unter Druck zu setzen und ihre eigene Vorstellung von Gerechtigkeit durchzusetzen.
Alfred Ill ist 65 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. In seiner Jugend verließ er Klara aus Geldgründen, leugnete die Vaterschaft für ihr gemeinsames Kind und heiratete Mathilde Blumhard wegen ihres Krämerladens. Anfangs hoffen die Bürger, ihn nicht töten zu müssen, doch ihre Schulden und ihre Erwartungen an den kommenden Wohlstand wachsen. Ill erkennt schließlich seine Schuld und akzeptiert seinen Tod.
Ills Familie besteht aus seiner Frau Mathilde Blumhard, seiner Tochter Ottilie und seinem Sohn Karl. Auch sie reagieren zunächst schockiert auf Claires Angebot, beginnen aber wie die übrigen Güllener zu konsumieren: Mathilde kauft neue Kleidung, Ottilie nimmt unter anderem Tennisunterricht, Karl kauft ein neues Auto. Dadurch zeigt das Stück, dass selbst die engste Familie durch Geld korrumpierbar ist.
Der Polizist Hahncke steht für eine korrupte und korrumpierbare staatliche Ordnung. Als Ill die Verhaftung Claires fordert, weist der Polizist seine Argumente ab und stellt Ills Angst als Einbildung dar. Der Pfarrer gilt als fromm und moralisch, ist aber ebenfalls verführbar. Er möchte einerseits die Moral vertreten, andererseits zeigt auch er, dass die Stadt das Geld will.
Ort, Themen und Deutung
Güllen wird zu Beginn als verarmt, heruntergekommen und trostlos beschrieben. Früher hatte die Stadt bedeutende Geschäfte, Fabriken und kulturelles Ansehen; nun sind viele Betriebe pleite, und selbst der Bahnhof hat an Bedeutung verloren. Die Bürger wissen zunächst nicht, dass Claire Zachanassian selbst durch den Aufkauf der früher florierenden Betriebe den Ruin Güllens herbeigeführt hat. Der Ortsname erinnert offensichtlich an „Gülle“ und passt zur moralischen Verkommenheit der Stadt.
Ein zentrales Thema ist die Korruption der Menschen durch Geld. Heinz Ludwig Arnold beschreibt das Stück als ein „Stück von der Korruption der Menschen und der Schuld eines einzelnen“. Friedrich Torberg sieht in Claire symbolisch „die alte Dame Korruption“, „Versuchung“ und „Spekulation auf menschliche Gier“. Die Güllener gewöhnen sich Schritt für Schritt an etwas, das sie zuerst als unmenschlich erkennen.
Dürrenmatt verbindet Motive der Tragödie und Mittel der Komödie zu einer Tragikomödie. Tragisch ist Ills Weg: Er steht einem unausweichlichen Schicksal gegenüber, erkennt seine Schuld und wird dadurch zur ernst zu nehmenden moralischen Figur. Komisch und grotesk wirken dagegen die Bürger, die sich als anständig darstellen, aber immer stärker der Verführung des Geldes folgen. Auch Claires Tross, die sprechenden Namen und die überzeichneten Situationen gehören zur Groteske, also einer Darstellung, die verzerrt, makaber und zugleich komisch wirkt.
Das Stück enthält Bezüge zur antiken Tragödie. Claire wird mit Medea verglichen und erscheint durch ihren Reichtum fast wie eine Rachegöttin, die über Leben und Tod bestimmen kann. Am Schluss kommentieren zwei Chöre zynisch das „heilige Gut des Wohlstandes“. So verbindet Dürrenmatt Themen wie „Verhängnis und Gericht“, „Schuld und Sühne“, „Rache und Opfer“ mit der Kritik an einer Wohlstandsgesellschaft, in der „Geld ist Macht“ gilt.
Entstehung und Bearbeitungen
Nach einer Interpretation von Ulrich Weber entstand die Idee des Rachemotivs 1953/55 in der Erzählung Mondfinsternis, die 1981 in Stoffe I–III (Labyrinth) erschien. Diese Erzählung wurde 1978 von Dürrenmatt überarbeitet und 1996 von Radio DRS als Hörspiel produziert. Die Novelle Mondfinsternis gilt als Grundlage für Der Besuch der alten Dame.
Das Stück wurde mehrfach bearbeitet und verfilmt. Dürrenmatt schrieb den Stoff selbst für eine Oper um; die Musik stammt von Gottfried von Einem, die Uraufführung fand 1971 in Wien statt. Außerdem gab es unter anderem eine berndeutsche Mundartfassung 1973, eine lettische Erstaufführung 1983, Freilichtaufführungen und eine Musical-Version, die am 16. Juli 2013 bei den Thunerseespielen Premiere hatte.
Zu den Verfilmungen gehören eine ARD-Fassung von 1959 unter der Regie von Ludwig Cremer mit Elisabeth Flickenschildt, Bernhard Wickis stark veränderte Verfilmung Der Besuch von 1963 mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn, eine deutsch-schweizerische TV-Verfilmung von 1982 sowie weitere internationale Fassungen. 1957 entstand außerdem eine Hörspielbearbeitung des Bayerischen Rundfunks unter der Regie von Walter Ohm.
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