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Kapitalismus
Die Epoche des modernen Kapitalismus bezeichnet eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die im 18. Jahrhundert in Europa mit der industriellen Revolution begann …
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Grundlagen und Abgrenzung
Kapitalismus bezeichnet sowohl eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als auch eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Als historisches Weltsystem begann er nach Friedrich Lenger im späten 15. Jahrhundert mit dem weltweiten Fernhandel und dem Handelskapitalismus. Der moderne Kapitalismus setzte im 18. Jahrhundert in Europa mit der industriellen Revolution ein und dauert bis heute an.
Seine genaue Definition ist umstritten. Als zentrale Merkmale gelten meist Privateigentum an den Produktionsmitteln, also an den für die Herstellung von Gütern benötigten Mitteln, sowie die Steuerung von Produktion und Konsum über Märkte. Hinzu kommen Akkumulation, das heißt die Vermehrung und erneute Investition von Kapital, freie Lohnarbeit und das fortlaufende, rational organisierte Streben nach Gewinn. Soziologische Definitionen betonen, dass eine Minderheit über die Produktionsmittel verfügt, während die Mehrheit ihre Arbeitskraft gegen Lohn verkauft.
Kapitalismus und Marktwirtschaft sind nicht zwingend gleichbedeutend. Kapitalismus betrifft vor allem die Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln; Marktwirtschaft bezeichnet die Koordination wirtschaftlicher Vorgänge durch Angebot, Nachfrage und Preise. Märkte sind älter als der Kapitalismus und existieren unter verschiedenen Regierungs- und Eigentumsformen. Als seltene Gegenbeispiele nennt der Artikel die sozialistische Marktwirtschaft Jugoslawiens als Marktwirtschaft ohne Kapitalismus und das nationalsozialistische Deutschland als Kapitalismus ohne Marktwirtschaft. Häufig treten Privateigentum und Marktkoordination jedoch gemeinsam als kapitalistische Marktwirtschaft auf.
Die Wahrnehmung des Kapitalismus reicht von einer positiven Gleichsetzung mit Marktwirtschaft über Kritik an einer einseitigen Orientierung auf Profit bis zur sozialkritischen Betonung von Macht- und Klassenunterschieden. Wegen dieser gegensätzlichen Bewertungen gilt Kapitalismus als ein wesentlich umstrittener Begriff.
Klassische und marxistische Theorie
Adam Smith erklärte in Der Wohlstand der Nationen (1776), wie Arbeitsteilung, Tausch und Spezialisierung die Produktivität und damit den Wohlstand erhöhen. Geld dient als Tausch- und Rechenmittel. Smith unterschied drei Hauptklassen und Einkommensarten: Landbesitzer erhalten Grundrente, Lohnarbeiter Lohn und Kapitalbesitzer Profit. Kapital verstand er als den Teil eines Gütervorrats, der zur Einkommenserzielung eingesetzt wird. Kapitalakkumulation ermöglicht mehr Beschäftigung, bessere Maschinen und höhere Produktivität. Wenn Menschen ihren Eigennutz verfolgen, können sie unbeabsichtigt das Gemeinwohl fördern; dafür steht das Bild der „unsichtbaren Hand“.
Smith befürwortete wirtschaftliche Freiheit, sah aber notwendige Staatsaufgaben: äußere Sicherheit, Rechtssystem, Infrastruktur und Bildung. Außerdem akzeptierte er unter anderem Regeln für Banken, Zinsen, Gesundheit und bestimmte Zölle. Vor Monopolen und Absprachen der Besitzenden warnte er. Im Außenhandel vertrat er den absoluten Kostenvorteil: Arbeitsteilung zwischen Ländern kann allen Beteiligten nützen.
Karl Marx bezeichnete den Kapitalismus als eine auf Warenproduktion, Markt, Kapitalinvestition, Lohnarbeit und Profit beruhende Produktionsweise sowie als eine vom Kapital geprägte Gesellschaftsordnung. Eine Ware besitzt Gebrauchswert und wird für den Tausch hergestellt. Ihr Wert beruht nach Marx auf abstrakter Arbeit; entscheidend ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit unter normalen Produktionsbedingungen. Geld ist die allgemein anerkannte Wertform.
Marx unterscheidet die einfache Warenzirkulation W – G – W, also Ware – Geld – Ware, von der Kapitalbewegung G – W – G′, also Geld – Ware – mehr Geld. Kapital ist sich verwertender Wert; die Differenz zwischen G′ und G heißt Mehrwert. Sie entsteht, weil die menschliche Arbeitskraft mehr Wert schaffen kann, als sie selbst kostet. Der „doppelt freie“ Arbeiter darf seine Arbeitskraft rechtlich frei verkaufen, besitzt aber keine ausreichenden eigenen Produktions- oder Subsistenzmittel und muss sie deshalb verkaufen. Der Lohn entspricht nach Marx nicht dem gesamten geschaffenen Wert, sondern dem historisch und gesellschaftlich bestimmten Wert der Arbeitskraft, einschließlich der Mittel für Wohnung, Kleidung, Familie und Bildung.
Die Aneignung des Mehrprodukts durch eine andere Klasse nennt Marx Ausbeutung. Im industriellen Kapitalkreislauf G – W … P … W′ – G′ werden Produktionsmittel und Arbeitskraft gekauft, im Produktionsprozess P höherwertige Waren erzeugt und anschließend verkauft. Produktionsmittel bilden konstantes Kapital c; für Löhne eingesetztes Kapital ist variables Kapital v. Der Verwertungsgrad wird durch die Mehrwertrate m / v gemessen. Mehrwert kann durch längere Arbeitszeit als absoluter Mehrwert oder durch höhere Produktivität als relativer Mehrwert gesteigert werden. Wird Mehrwert erneut als Kapital eingesetzt, liegt Akkumulation vor. Profit setzt den Mehrwert dagegen zum gesamten vorgeschossenen Kapital c + v ins Verhältnis.
Konkurrenz, Kredit und Kapitalbewegungen führen nach Marx tendenziell zu einer durchschnittlichen Profitrate. Sein Versuch, Werte in Produktionspreise umzuwandeln, wird als Transformationsproblem diskutiert. Zugleich sah er eine Krisentendenz: Produktion wird ausgeweitet, während Lohnbegrenzung die Massennachfrage einschränkt, sodass Überproduktion entstehen kann. Ware, Geld, Lohnarbeit und Kapital seien keine zeitlosen Formen. Ihre allgemeine Durchsetzung setzte die „ursprüngliche Akkumulation“ voraus, bei der etwa englische Bauern vom Land verdrängt und zu Lohnarbeitern wurden.
Weitere wirtschaftliche Erklärungen
Die Neoklassik nimmt rational handelnde Akteure an, die ihren Nutzen maximieren. Unter strengen Voraussetzungen wie vollständiger Information, vielen kleinen Akteuren und freiwilliger Marktteilnahme kann der Markt knappe Ressourcen optimal verteilen. Fehlen diese Voraussetzungen, spricht sie von Marktversagen.
Die Historische Schule bestritt zeitlos gültige Wirtschaftsgesetze und untersuchte geschichtliche Entwicklungsformen. Werner Sombart unterschied Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus. Max Weber erklärte den modernen Kapitalismus durch zweckrationales Handeln und die Erwartung wiederkehrender Rentabilität im kontinuierlichen Betrieb. Recht, Bürokratie und Staat schaffen dafür einen berechenbaren Rahmen. In Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus führte Weber die Entstehung in Nordwesteuropa und den USA auch auf religiös geprägte, methodische Lebensführung zurück. Sombart betonte dagegen die wachsende Luxusnachfrage.
Die Österreichische Schule leitet allgemeine Wirtschaftsgesetze aus Güterknappheit und subjektiven Bewertungen ab und lehnt weitreichende Staatseingriffe ab. Ludwig von Mises hielt Sozialismus wegen der fehlenden Möglichkeit rationaler Wirtschaftsrechnung für nicht funktionsfähig. Unternehmergewinn entsteht nach ihm, wenn zukünftige Verbraucherbedürfnisse besser vorausgesehen werden als von Konkurrenten.
Joseph Schumpeter sah Innovationen als Hauptantrieb des Kapitalismus. Unternehmer führen neue Waren, Produktionsweisen, Rohstoffquellen, Märkte oder Organisationsformen ein. Kapital besteht für ihn aus Zahlungsmitteln, mit denen dafür notwendige Güter erworben werden; Banken schaffen durch Kredit zusätzliche Mittel. Erfolgreiche Innovationen bringen vorübergehend Unternehmergewinn, werden aber durch Nachahmer und steigende Faktorkosten eingeholt. Dieser Prozess wird als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnet. Schumpeter erwartete zugleich, dass Bürokratisierung und routinierte Großunternehmen die Unternehmerfunktion und damit die gesellschaftliche Funktion der Kapitalistenklasse schwächen.
Der Ordoliberalismus fordert einen staatlichen Ordnungsrahmen, der Wettbewerb und Freiheit sichert. Der Keynesianismus, ausgehend von John Maynard Keynes’ Allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936), betrachtet den Kapitalismus als instabil: Schwankende Nachfrage und Investitionen können dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit verursachen, weshalb konjunkturpolitische Eingriffe nötig seien. Der Monetarismus hält das System bei flexiblen Preisen eher für stabil und setzt auf eine stetige, am Wachstum orientierte Geldmengenpolitik sowie Preisstabilität. Libertäre und anarchokapitalistische Ansätze erklären soziale und ökologische Probleme vor allem durch staatliche Interventionen. Thomas Piketty argumentierte 2013, Ungleichheit sei ohne korrigierende Eingriffe ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus, und befürwortete progressive Einkommen- und Vermögensteuern.
Historische Entwicklung
Einzelne Elemente wie Eigentumsrechte, Märkte und Kapital gab es bereits in älteren Gesellschaften. Als mögliche Frühformen werden das Römische Reich, das Kalifat vom 9. bis 12. Jahrhundert, das mittelalterliche China, die arabische Welt und das Europa der Renaissance genannt. Marxistische Historiker sprechen dagegen erst dann von Kapitalismus, wenn die Produktion für den Markt verallgemeinert ist, was zuerst in England geschehen sei.
Seit dem 13. Jahrhundert entstanden mit dem europäischen Fernhandel kapitalistische Institutionen. Zentren waren zunächst Venedig, Pisa, Genua und Florenz, später Portugal, im 15. Jahrhundert Brügge und Antwerpen sowie danach die Hansestädte. In England und den nördlichen Niederlanden wurden feudale Strukturen zurückgedrängt; Markt und Protoindustrialisierung konnten sich entfalten.
Der Industriekapitalismus begann am Ende des 18. Jahrhunderts mit dem englischen Fabriksystem. Mechanische Spinnmaschinen wie die Spinning Jenny und der mechanische Webstuhl steigerten die Textilproduktion stark. Fabriken wurden zu Anlageobjekten industrieller Kapitalisten; Lohnarbeiter stellten in maschinenvermittelter Arbeitsteilung gemeinsame Produkte her. Gewerkschaften und Arbeiterparteien erkämpften später eine Beteiligung an Produktivitäts- und Wohlstandsgewinnen. Die von Marxisten erwartete allgemeine Verelendung und Weltrevolution traten daher bisher nicht im erwarteten Ausmaß ein.
In den vergangenen 300 Jahren wuchs die Weltwirtschaft inflationsbereinigt durchschnittlich um 1,6 Prozent jährlich. Vermögen wuchsen vor Steuern historisch eher um vier Prozent. Piketty zufolge lag die Vermögenswachstumsrate meist über dem Wachstum von Wirtschaft und Gesamteinkommen. Die größere Gleichheit im mittleren 20. Jahrhundert erklärt er mit Weltkriegen, politischen Umwälzungen und schweren Krisen, die große Vermögen verminderten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen Banken, Finanzmärkte, Manager, Kartelle und Monopole an Bedeutung. Bezeichnungen dafür sind Finanz-, Monopol- oder Staatsmonopolkapitalismus. Wiederkehrende Krisen wie 1857/58 und 1873 wurden zu einem wichtigen Problem.
Krisen, Sozialstaat und Globalisierung
Die ab 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise ließ den zuvor weitgehend unkontrollierten Finanzkapitalismus zusammenbrechen. Eine weltweite Depression führte zu staatlichen Eingriffen und neuen Stabilisierungsinstitutionen. In den USA entstanden unter Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal bedeutende Wirtschafts- und Sozialreformen.
In Deutschland entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft. Ein staatlicher Rahmen sollte Wettbewerb sichern sowie soziale Sicherheit und Gerechtigkeit ermöglichen. Erhards Vorstellung eines „Volkskapitalismus“ mit breiter Vermögensbildung verwirklichte sich nicht. Weil Einkommen und Vermögen ungleich verteilt blieben, wurde der Sozialstaat ausgebaut. Seit 1957 bezeichnete Soziale Marktwirtschaft deshalb zunehmend eine Marktwirtschaft mit eigenständiger Sozialstaatlichkeit. Dieses deutsche Modell wird auch Rheinischer Kapitalismus genannt.
Kapitalismus war stets mit internationalem Handel verbunden. Der Abbau von Handelsschranken durch das GATT ab 1948 und die stärkere Verflechtung von Handel und Kapitalverkehr, besonders nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems, werden als Globalisierung bezeichnet. Ob die Globalisierung des 20. Jahrhunderts stärker war als frühere internationale Verflechtungen, ist umstritten. Kritiker machen sie für die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich verantwortlich; Befürworter betrachten offene Märkte und die Übernahme westlicher Wirtschaftsformen als Weg zur Verringerung von Armut.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Realsozialismus sahen manche Beobachter Kapitalismus und Demokratie als einzig verbleibende Systeme. Später wurde verstärkt gefragt, ob beide langfristig miteinander vereinbar sind. Für neue Erscheinungsformen entstanden Begriffe wie Finanzmarkt-, Kasino-, Hyper-, Turbo- und Überwachungskapitalismus; realsozialistische Systeme wurden innerhalb der Linken teilweise als Staatskapitalismus bezeichnet.
Bewertung und heutige Debatten
Die Beurteilung des Kapitalismus bleibt wissenschaftlich und politisch umstritten. Kritische Ansätze betonen Eigentums- und Machtkonzentration, Abhängigkeit der Lohnarbeiter, Ausbeutung, Krisen, ökologische Belastungen und ungleiche Vermögensverteilung. Andere heben Produktivitätssteigerungen, technischen Fortschritt, gestiegenen Wohlstand und die Anpassungsfähigkeit marktwirtschaftlicher Institutionen hervor. Im 19. Jahrhundert litten viele Industriearbeiter unter Löhnen nahe dem Existenzminimum, Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden, Frauen- und Kinderarbeit sowie schlechten Lebensbedingungen in schnell wachsenden Städten. Sozialgesetze und Gewerkschaften veränderten diese Verhältnisse später erheblich.
Einige wirtschaftswissenschaftliche Nachschlagewerke halten den Begriff wegen seiner historischen, politischen und wertenden Bedeutungen für ungenau und bevorzugen Begriffe wie Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft. Andere verwenden „capitalism“ weiterhin selbstverständlich für westliche Wirtschaftssysteme. Strittig ist außerdem, ob der Kapitalismus zwangsläufig in ein anderes System übergeht. Marx erwartete seine Überwindung aufgrund innerer Widersprüche; Sombart und Schumpeter verwiesen auf Großunternehmen, Machtkonzentration, Bürokratisierung und Staatseingriffe. Nach dem Gabler Wirtschaftslexikon lässt sich eine solche zukünftige Entwicklung jedoch nicht wissenschaftlich zwingend beweisen.
Die Kulturevolutionsforschung erklärt den neuzeitlichen Investitionskapitalismus teilweise durch die Entwicklung „zusammengesetzter Maschinen“, etwa Windmühlen oder Getriebe. Solche Systeme aus mehreren einfachen Maschinen können fortlaufend verbessert werden. Kapital ermöglicht Investitionen in künftige technische Entwicklungen und verbindet Produktionsorte unterschiedlicher Entwicklungsstände über die Zeit. Diese Sicht betrachtet Technik als materielle Grundlage von Mehrwertproduktion, Wachstum, Fortschrittsdenken und kapitalistischer Klassenstruktur.
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