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Kastrat
Als Kastraten werden Sänger bezeichnet, die vor der Pubertät einer Kastration unterzogen wurden, um den Stimmwechsel zu unterbinden und eine schöne Sopran- …
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Begriff und körperliche Folgen
Kastraten waren Sänger, die vor der Pubertät kastriert wurden, damit der Stimmwechsel ausblieb und sie als Erwachsene eine Sopran- oder Altstimme behielten. Sie wirkten in Kirchen-, Kammer- und Opernmusik. Besonders vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert wurden einige von ihnen durch frühe, gezielte Ausbildung zu sehr berühmten Virtuosen. Komponisten wie Monteverdi, Alessandro Scarlatti, Händel, Mozart und Rossini schrieben Stimmen für sie.
Die Operation erfolgte meist im Alter von 7 bis 12 Jahren und brauchte das Einverständnis der Familie. Sie geschah häufig aus Hoffnung auf eine finanziell erfolgreiche Sängerkarriere, war aber unter nicht sterilen Bedingungen und ohne Antibiotika riskant. Da die Eingriffe meist geheim gehalten wurden, gibt es keine genauen Angaben über Todesfälle oder die Gesamtzahl der Operationen.
Durch das fehlende Testosteron blieben typische pubertäre Veränderungen aus: Kastraten hatten keinen Bartwuchs, keine männliche Glatzenbildung und waren zeugungsunfähig. Manche wurden wegen des verlängerten Längenwachstums ungewöhnlich groß; Osteoporose konnte früh einsetzen. Ihre Sprechstimme blieb eher hoch oder mittel, vermutlich ähnlich einem hohen Tenor. Im Alter traten teils Leibesfülle und Gynäkomastie, also Brustdrüsenwachstum, auf. Eine Kastration garantierte jedoch weder eine besondere Stimme noch musikalisches Talent oder beruflichen Erfolg.
Ausbildung und berufliche Wege
Eine erfolgreiche Laufbahn erforderte eine lange musikalische und gesangliche Ausbildung. Adlige Mäzene ließen einzelne Jungen für ihre Hofmusik ausbilden. Bedeutende Ausbildungsorte waren die vier neapolitanischen Konservatorien: Santa Maria di Loreto (1535), Pietà dei Turchini (1584), Poveri di Gesù Cristo (1589) und Sant’Onofrio a Porta Capuana (um 1600). Sie waren ursprünglich Waisenhäuser und Schulen für arme Jungen und spezialisierten sich im 17. Jahrhundert auf Musik. Für kleine Eunuchen gab es eigene Abteilungen und teilweise bessere Versorgung.
Lehrer wie Francesco Provenzale, Nicola Porpora und Francesco Durante unterrichteten dort. Porpora bildete unter anderem Farinelli und Caffarelli aus. Daneben gab es private Gesangsschulen, etwa von Francesco Antonio Pistocchi und Pier Francesco Tosi.
Zentral war die Atemkontrolle. Geübt wurden außerdem Weichheit, Kraft, Beweglichkeit und Koloraturfähigkeit der Stimme; Koloraturen sind schnelle, kunstvolle Tonfolgen. Der Triller war besonders wichtig. Das Ziel war der Belcanto, eine Gesangskunst mit großer technischer Kontrolle und Ausdrucksfähigkeit.
Nur wenige Kastraten wurden Opernstars. Viele arbeiteten in Kirchen, an Höfen oder als Musik- und Gesangslehrer; manche sangen zugleich in Kirche und Oper. Wer keine Laufbahn erreichte, hatte vermutlich oft ein schweres Leben. Relativ häufig traten Kastraten in den geistlichen Stand ein oder gingen in ein Kloster.
Kirchenmusik, Verbreitung und Ende
Kastratengesang war spätestens im 11. und 12. Jahrhundert in byzantinischen religiösen Zeremonien etabliert. In Europa wurden hohe Kirchenstimmen zunächst meist von Knaben oder Falsettisten gesungen. In der päpstlichen Kapelle wurde 1562 der Spanier Francisco de Soto als erster Kastrat aufgenommen. 1599 wurden mit Pietro Paolo Folignati und Girolamo Rosini die ersten offiziell als „eunuchus“ bezeichneten italienischen Kastraten eingestellt. Bis 1625 ersetzten Kastraten dort schrittweise alle Falsettisten: Sie galten als klangvoller, konnten auch Sopran singen und standen dauerhaft zur Verfügung, während Knaben beim Stimmbruch ausfielen.
Auch in Deutschland und Österreich sind Kastraten belegt: spätestens ab 1572 in München, ab 1610 in Württemberg, ab 1637 in Wien und ab der Mitte des 17. Jahrhunderts in Dresden. Frauen durften im Kirchengesang seit etwa dem 4. Jahrhundert nicht mitwirken; wiederholte Verbote weiblicher Bühnenauftritte in Rom und im Kirchenstaat verstärkten zudem den Bedarf an Kastraten für Frauenrollen.
Obwohl päpstliche Erlasse die Kastration im 18. Jahrhundert verboten und mit Exkommunikation bedrohten, blieben Kastraten zunächst in Kirchenchören beschäftigt. Clemens XIV. erlaubte 1769–1775 wieder Frauen als Sopranstimmen in Kirchen und auf Bühnen des Kirchenstaats. Um 1780 arbeiteten in den Kirchen Roms dennoch noch mehr als 200 Kastraten. Nach 1870 endeten die Operationen zur Gewinnung von Kastratenstimmen endgültig. Pius X. schrieb am 22. November 1903 vor, Sopran- und Altstimmen allein mit Knaben zu besetzen. Alessandro Moreschi, der letzte Kastrat der päpstlichen Kapelle, starb 1922; von ihm existieren Aufnahmen, deren Beurteilung wegen der damaligen Technik und seines vom Verismo geprägten Stils eingeschränkt ist.
Die Häufigkeit lässt sich nicht zuverlässig bestimmen. Schätzungen von „mehrere tausend Kastrationen pro Jahr“ im Italien des 18. Jahrhunderts gelten als nicht fundiert. John Rosselli schätzte 1988 dagegen mehrere hundert lebende Kastraten zu jedem Zeitpunkt zwischen etwa 1630 und 1750 und einen Rückgang ab etwa 1740 oder 1750.
Kastraten in Oper und weltlicher Musik
Im Barock und in der Klassik waren Kastraten ein wichtiger Teil des europäischen Musiklebens. In der Oper sangen sie meist keine Nebenrollen, sondern männliche Hauptrollen: der Primo uomo war der wichtigste männliche Sänger, der Secondo uomo der weniger wichtige. Entscheidend für den Aufstieg waren unter anderem Stimmkraft, Volumen, Beweglichkeit, Ausdruck und Stimmumfang, nicht allein die höchste Tonlage.
Die barocke Oper bevorzugte hohe Sopran- und Altstimmen und außergewöhnliche Klangeffekte. Deshalb sangen auch Helden, Könige, mythologische Figuren und Götter hohe Stimmen, etwa Julius Cäsar in Händels Giulio Cesare (1724) oder Nero in Monteverdis L’incoronazione di Poppea (1643). Kastraten übernahmen gelegentlich zunächst Frauenrollen „in travesti“, also in Verkleidung; später wechselten sie meist zu Heldenrollen. Farinelli sang 1725 in einer Serenata von Hasse zunächst Cleopatra, während die Altistin Vittoria Tesi deren Geliebten Marc’Antonio sang.
Berühmte Kastraten des 18. Jahrhunderts waren unter anderem Nicolino, Senesino, Farinelli, Carestini, Caffarelli und Antonio Bernacchi. Operngagen konnten weit höher sein als Einkommen im Kirchendienst. Der letzte große Kastrat auf der Opernbühne war Giovanni Battista Velluti (1780–1861); sein letzter Auftritt fand 1833 in Meyerbeers Il crociato in Egitto im Teatro della Pergola in Florenz statt. Mit dem Verschwinden der Kastraten endete eine prägende Form des Belcanto. Rossini schrieb 1860, Kastraten seien unvergleichliche Gesangslehrer gewesen und ihr Wegfall habe zum Verfall der Gesangskunst beigetragen.
Heutiger Ersatz und unsichere Privatgeschichte
Bei Aufführungen Alter Musik stellt die Besetzung früherer Kastratenrollen weiterhin ein Problem dar. Im 20. Jahrhundert wurden solche Rollen oft in tiefere Männerlagen transponiert. Die Historische Aufführungspraxis lehnt dies meist ab, weil eine andere Stimmlage die musikalische Struktur verändern kann, besonders in eng miteinander verflochtenen Liebesduetten.
Heute übernehmen häufig Frauenstimmen oder Countertenöre die Rollen. Countertenöre singen mit Falsett, das sich deutlich von einer Kastratenstimme unterscheidet. Im italienischen Barock hießen natürliche Stimmlagen voce naturale; dazu zählten Frauen-, Kinder- und Kastratenstimmen in Sopran oder Alt. Falsett galt als voce artificiale, als „künstliche Stimme“. Es klingt laut Artikel oft hauchiger und weniger voluminös und eignet sich daher weniger für die Opernbühne. Aus der Besetzung mit Frauen entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert die Praxis der Hosenrollen.
Für den Film Farinelli (1994) wurde eine synthetische Stimme aus Aufnahmen der Koloratursopranistin Ewa Małas-Godlewska und des Countertenors Derek Lee Ragin digital gemischt. Sie ist keine wirkliche Kastratenstimme.
Über Liebesleben und sexuelle Fähigkeiten von Kastraten gibt es viele Spekulationen, aber kaum Aussagen aus erster Hand. Die Erektionsfähigkeit ist umstritten. Anekdoten über Beziehungen und Verehrer sind daher oft nicht überprüfbar. Der Artikel nennt einzelne Ausnahmefälle und betont, dass daraus keine allgemeinen Schlussfolgerungen gezogen werden können.