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Erzählung

Eine Erzählung (lateinisch narratio) ist eine Form der Darstellung als Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Narrativität
  2. 2. Definition, Zeitbezug und Wahrheitsanspruch
  3. 3. Erzählung als literarische Gattung
  4. 4. Mündliches, faktuales und fiktionales Erzählen
  5. 5. Wirkung von Geschichten: Sinnbildung und Transportation

Grundbegriff und Narrativität

Eine Erzählung (lateinisch narratio) ist die mündliche oder schriftliche Wiedergabe eines Geschehens. Der Begriff bezeichnet sowohl den Vorgang des Erzählens als auch dessen Ergebnis, also eine Geschichte (englisch story). Er ist damit prozess-/produktäquivok: Er kann je nach Zusammenhang eine Tätigkeit oder ein Produkt meinen. Auch „Narration“ wird in diesem doppelten Sinn verwendet.

Narrativität bezeichnet die Gesamtheit der Eigenschaften, durch die ein Akt als Erzählen erkennbar wird. Sie ist quantifizierbar und kann helfen, Chronik, Historie und Erzählung zu unterscheiden. Sie besteht erstens darin, Ereignisse zu Zeit und Raum in Beziehung zu setzen oder diesen Rahmen überhaupt erst hervorzubringen; dies heißt Chronotopologisierung. Zweitens ist die Art des Erzählens sinnkonstitutiv: Das Wie der Darstellung trägt zum Inhalt und Sinn der Erzählung bei.

„Narrativ“ kann außerdem eine Vermittlungsmethode bezeichnen, bei der Sachverhalte oder Lehren als Story vermittelt werden. Ein Narrativ ist in der Anthropologie und Erzähltheorie (Narratologie) eine geschichtsbezogene Äußerung, die Inhalt und Subtext transportiert und Erlebtes in bekannte Kategorien einordnet. Mit Erzählungen beschäftigen sich unter anderem Sprach- und Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft, Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie Qualitative Sozialforschung. Die interdisziplinäre Erzähltheorie heißt Narratologie.

Definition, Zeitbezug und Wahrheitsanspruch

Eine Minimaldefinition lautet: „Jemand erzählt jemand anderem, dass etwas geschehen ist.“ Entscheidend ist die dynamische Verbindung zwischen dem, was erzählt wird, und dem, wie es erzählt wird. Zeitlich betrachtet besteht ein interaktiver Zusammenhang zwischen der Zeit des erzählten Geschehens und der Zeit, in der davon erzählt wird. Lassen sich keine Interaktionen dieser Art feststellen, liegt keine Erzählung vor.

Weber (1998) beschreibt Erzählen als „adressierte, serielle, entfaltend berichtende Rede mit zwei Orientierungszentren über nicht-aktuelle, zumeist vergangene, zeitlich bestimmte Sachverhalte vonseiten eines Außenstehenden“.

Bei story-Erzählungen besteht häufig eine Konnotation zur Fiktion, also zum Verdacht, das Erzählte sei zumindest teilweise frei erfunden. Im Englischen wird Literatur entsprechend in fiction und non fiction unterschieden. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung dokumentiert demgegenüber history. Vertreter der Postmoderne bezweifeln jedoch, dass „Große Erzählungen“ der Geschichtswissenschaft deshalb grundsätzlich einen höheren Wahrheitsanspruch erfüllen als „kleine Erzählungen“. Historische Erkenntnis setzt demnach notwendig Erzählen voraus: Quellen erzählen bereits, oder Historiker erzählen auf Grundlage nichterzählender Quellen Geschichte. Deshalb seien sowohl figurative Narrativität, also literarisches Erzählen, als auch historische Narrativität nicht ohne poetische Elemente denkbar.

Martin Kreiswirth, mit Bezug auf Meir Sternberg, betont die zeitliche Zweiwertigkeit beider Narrative. Geschichtsschreibung dokumentiere nicht unmittelbar Fakten, sondern bilde einen Diskurs, der nur beanspruche, Fakten zu dokumentieren. Geschichten seien umgekehrt nicht einfach freie Erfindungen, sondern ein Diskurs, der diese Freiheit des Erfindens beanspruche. Der Unterschied liegt daher nicht allein darin, ob etwas wahr ist, sondern ob das Erzählte einen Wahrheitswert beanspruchen soll.

Erzählung als literarische Gattung

Im weiteren Sinn kann „Erzählung“ die gesamte Epik bezeichnen. Dann umfasst der Begriff unter anderem Roman, Novelle, Anekdote, Kurzgeschichte, Sage, Märchen und Nacherzählung. Im engeren Sinn ist die Erzählung ein eigenes, nicht exakt abgegrenztes Literaturgenre mittlerer Länge.

Typisch ist ein Text, der meist kürzer und weniger verschachtelt als ein Roman ist, aber nicht die strengen formalen Anforderungen einer Novelle erfüllt. Ein Handlungsverlauf oder eine Entwicklung wird chronologisch und durchgängig aus einer Erzählperspektive dargestellt. Rückblenden werden, falls sie vorkommen, direkt in die Handlung eingebunden, etwa als Brief oder Erinnerung. Leo Kyrell beschreibt Erzählungen als Dichtungen, die sich an die Wirklichkeit des Lebens anschließen und „schlicht und anschaulich eine einfache Begebenheit darstellen“; bei heiterer und komischer Darstellung seien es Schwänke.

Von der Kurzgeschichte wird die Erzählung teilweise durch geringere Pointiertheit unterschieden. Die Übergänge zwischen den Genres sind fließend; einzelne Texte lassen sich nicht immer eindeutig zuordnen. „Erzählung“ wird daher oft auch als Sammelbegriff für Texte verwendet, die keiner anderen Gattung klar angehören, oder als Oberbegriff für Formen der Kurzprosa.

Vier grundlegende Erzählperspektiven werden unterschieden: die auktoriale Erzählsituation mit einem allwissenden Erzähler, die personale Erzählsituation mit einer Reflektorfigur, die Ich-Erzählsituation und die neutrale Erzählsituation.

Mündliches, faktuales und fiktionales Erzählen

Mündliche Erzählungen werden soziolinguistisch und konversationsanalytisch untersucht. In der Pragmatik nach John R. Searle ist Erzählen eine komplexe Sprachhandlung, die aus Behauptungshandlungen besteht. Sprachhandlungen sind – anders als Sprechhandlungen – auch schriftlich möglich.

Die Gesamtillokution, also die mit einem Text vollzogene kommunikative Handlung, eines Erzähltexts enthält die Behauptung, dass etwas so geschehen sei, wie es erzählt wird. Bei einem faktualen Erzähltext bezieht sich die Geschichte auf ein außerhalb und vor der Story tatsächlich Geschehenes. Ist dies nicht der Fall, wird die Erzählung als Lüge oder als Folge eines Irrtums bewertet.

Für fiktionale Erzählungen gilt diese Konsequenz nicht, sofern Autor und Leser einen Fiktionsvertrag schließen. Dabei setzt der Leser seine Ungläubigkeit willentlich aus und akzeptiert auch unrealistische Züge der Geschichte.

Wirkung von Geschichten: Sinnbildung und Transportation

Narrativität kann Erfahrungen und Lehren durch Geschichten vermitteln. Sie erschließt nach der dargestellten Position menschliches Sein, weil Menschen in Geschichten leben und von ihrer Dynamik in sie hineingezogen werden. Erzählen ermöglicht, eigene Erfahrungen zu versprachlichen, zu ordnen und zu interpretieren, an fremden Welten teilzuhaben und alternative Welten zu entwerfen.

Rolf Dobelli bewertet die Neigung, Sachverhalte als Geschichten darzustellen, dagegen als „story bias“, einen Denkfehler. Ein Beispiel ist der Übergang von der bloßen zeitlichen Aussage, dass eine Königin wenige Tage nach dem Tod ihres Ehemannes starb, zur wertenden Erklärung: „Der König starb, und dann starb die Königin vor Trauer.“ Geschichten bleiben zwar eher im Gedächtnis, konstruieren aber Sinn in die erzählte Realität hinein, vereinfachen und verdrehen laut Dobelli die Wirklichkeit und blenden Unpassendes aus. Die narrative Psychologie bewertet gerade den Konstrukt-Charakter von Erzählungen positiv.

Die Theorie der Transportation erklärt die persuasive, also einstellungs- und absichtsverändernde, Wirkung von Erzählungen: Menschen, die sich in einer Geschichte verlieren, können ihre Einstellungen und Absichten an diese Geschichte anpassen. Green & Strange entwickelten dafür die Transportation Scale (TS), die psychologische Zustände des Eintauchens quantifiziert. Weil die Originalskala umfangreich war, verwendeten viele Autoren verkürzte ad-hoc-Skalen. Appel, Gnabs, Richter & Green (2015) entwickelten eine Kurzform mit 6 Items. Sie replizierte die Faktorstruktur der Originalskala mit 3 Facettenfaktoren und einem General-Transportation-Faktor und erzielte zufriedenstellende Gütekriterien.

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