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Sprechender Name

Als sprechende Namen, auch redende Namen oder gräzisiert Aptronym, bezeichnet man Namen von Personen oder Örtlichkeiten in literarischen und filmischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Funktion
  2. 2. Literatur, Bibel und erfundene Orte
  3. 3. Comics, Filme, Kinderserien und Videospiele
  4. 4. Namen außerhalb der Fiktion
  5. 5. Fachliche Verwendung in Recht, Kryptographie und Programmierung

Grundidee und Funktion

Sprechende Namen, auch redende Namen oder Aptronyme, sind Namen von Personen, Orten oder Dingen, die durch ihre Benennung auf das Wesen, Eigenschaften oder die Rolle des Benannten hinweisen. Besonders häufig kommen sie in literarischen und filmischen Werken vor. Dabei gilt die Formel „nomen est omen“: Der Name wird zum Zeichen für das, was eine Figur oder ein Ort ist.

Ein sprechender Name steht einem Appellativum, also einem allgemein bedeutungstragenden Wort, nahe. Er übernimmt Wörter oder Wortbestandteile aus natürlichen Sprachen und erzeugt dadurch Konnotationen, also mitgedachte Bedeutungen. Der Name Superman verweist beispielsweise auf einen Mann mit Superkräften. Nach Hendrik Birus sind sprechende Namen einer von vier literarischen Namenstypen; sie beruhen auf Assoziationen der Ähnlichkeit zur Bedeutung von Wörtern des allgemeinen Wortschatzes.

Die Bedeutung kann direkt verständlich sein, wie oft in Kinderbüchern, oder als Anspielung verschlüsselt werden, die Leser erst entschlüsseln müssen. Dazu dienen Wortspiele wie Paronomasie, Polysemie und Anagramm, Lautmalerei sowie Akronyme und Apronyme. Sprechende Namen gehören zu den ältesten Stilmitteln: Schon in Mythen und Sagen benannten Namen Eigenschaften, etwa Prometheus als „der Vorausschauende“ und Epimetheus als „der danach Denkende“. In allegorischer Literatur können sie völlig unmittelbar sein, etwa der Riese „Verzweiflung“ in der „Burg des Zweifels“ in John Bunyans The Pilgrim’s Progress.

Im weitesten Sinn können viele Vor- und Familiennamen sowie Bezeichnungen von Dingen als „sprechend“ gelten, weil ihre Wortherkunft auf andere, oft alte sprachliche Bedeutungen zurückgeht. Im engeren Sinn ist entscheidend, dass diese Bedeutung für die Charakterisierung genutzt wird.

Literatur, Bibel und erfundene Orte

In der Literatur charakterisieren sprechende Namen Figuren häufig knapp und präzise. Gottlieb Biedermann in Max Frischs Biedermann und die Brandstifter erscheint als personifizierte Bravheit, kann die Brandstifter aber wegen seiner kleinbürgerlichen Willensschwäche nicht aufhalten. Walter Faber aus Homo faber steht für den technikgläubigen modernen Menschentyp; „homo faber“ bedeutet etwa technisch oder handwerklich tätiger Mensch. Lemuel Gulliver spielt auf englisch gullible („gutgläubig“, „leichtgläubig“, „einfältig“) und damit auf die Naivität der Figur an.

Weitere Namen können Eigenschaften, Gegensätze oder den Handlungsverlauf andeuten: Wurm aus Schillers Kabale und Liebe ist kriecherisch, machthungrig und zerstörerisch; Peter Schlemihl ist entsprechend der jiddischen Bedeutung von Schlemihl ein Pechvogel. Else Schweigestill in Doktor Faustus redet fast pausenlos. In Volpone tragen die Figuren italienische Tiernamen wie Volpone („Fuchs“), Corvino („Rabe“) und Voltore („Geier“) und werden mit vermenschlichten Tiereigenschaften verbunden. Baron Lefuet aus Timm Thaler ergibt rückwärts gelesen „Teufel“.

Viele biblische Namen sind sprechend oder werden so gedeutet. Adam bedeutet Mensch und ist mit adama („Erdboden“) verbunden; Eva bedeutet „die Belebende“ und hängt mit ḥayâ, „leben“, zusammen. Abel bedeutet Windhauch, Abraham „Vater der Vielen“, Sarah „Herrin“ und Nabal „Tor“. Moses ist eigentlich ein ägyptischer Name mit der Bedeutung „Sohn“, wird in Ex 2,10 EU aber als „der aus dem Wasser Gezogene“ umgedeutet. Simon erhält von Jesus den Namen Petrus, griechisch petros, „Fels“; Paulus bezeichnete sich als den Unbedeutenden, lateinisch Paulum.

Auch Ortsnamen können eine Bedeutung tragen. Nimmerland beziehungsweise Neverland ist praktisch „nirgendwo“, Phantásien ist das Land, in dem die Fantasien der Menschen leben, und Güllen aus Der Besuch der alten Dame deutet auf den Zustand der Stadt und die Moral ihrer Bürger hin. Metropolis bezeichnet eine große Stadt, Smallville dagegen eine Kleinstadt. In Seahaven aus Die Truman Show klingt see heaven („Sieh’ das Himmelreich“) an, während Blüdhaven an blood haven erinnert und so seine schwere Kriminalität andeutet.

Comics, Filme, Kinderserien und Videospiele

In Comics werden Namen oft durch Übersetzung, Klang oder Wortspiel gestaltet. Bart Simpson ist ein Anagramm von englisch brat („freches Balg“). Daniel Düsentrieb verweist auf unermüdliche Erfindungsgabe. Edward Nigma klingt wie enigma, englisch für „Rätsel“, und passt zum Riddler. Lucky Luke ist häufig vom Glück begünstigt; Sinestro klingt ähnlich wie sinister („dunkel“, „düster“). Wile E. Coyote verweist mit dem klanggleichen wily auf „schlau“ oder „gerissen“. Bei Figuren aus Asterix und Trolle von Troy stammen sprechende Namen in Übersetzungen oft von den jeweiligen Übersetzern.

In Filmen und Serien erfüllen Namen ähnliche Aufgaben. Cruella de Vil aus 101 Dalmatiner verbindet cruel („grausam“) und devil („Teufel“). Chuck Noland aus Cast Away wird zu C. Noland, gesprochen see no land („kein Land in Sicht“). K 9 aus Looney Tunes klingt wie canine und bezeichnet damit passend einen Hund. Die Sith-Namen in Star Wars beginnen mit Darth, das klanglich an dark („dunkel“) erinnert; Plagueis ist von plague („Seuche“) und Sidious von insidious („heimtückisch“) abgeleitet. Truman klingt wie true man und weist darauf hin, dass er in seiner Reality-Show der einzige echte, unwissend handelnde Mensch ist.

In Kinderserien sind Namen oft direkt verständlich. Beispiele sind Herr Pythagoras Oberschlau, Frau Melodia Tastenbruch und Herr Vistolin Leiseton aus Kleine Hexe Klavi-Klack sowie Rudi Ratte, Fritz Fantom und Gustav Geldsack aus Tom Turbo. Bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg heißen Figuren etwa Karla Kolumna, Zoodirektor Tierlieb, Ulrich Umsatz oder Bürgermeister Pressack. Tiere erhalten meist einen zur Tierart passenden alliterierenden Namen wie Leo Löwe.

In Videospielen entstehen sprechende Namen unter anderem durch scheinbare Abkürzungen: King K. Rool klingt wie King Cruel („König Grausam“), K. Lumsy wie Clumsy („ungeschickt“) und B. Locker wie Blocker. Alan Wake spielt auf awake („wach“, „erwacht“) an. Max Payne lässt sich als maximum pain („maximaler Schmerz“) lesen; die painkillers können zugleich als „Payne-Töter“ verstanden werden. In SimCity 3000 erscheinen Wortspiele wie „Dr. Akula übernimmt städtische Blutbank“.

Namen außerhalb der Fiktion

Auch im wirklichen Leben können Namen unbeabsichtigt oder absichtlich sprechend wirken. Ursachen können gezielte Vornamenswahl durch Eltern, Missverständnisse sowie unterschiedliche Bedeutungen oder Aussprachen in verschiedenen Sprachen sein. Der Nachname der Schauspielerin Ursula Andress klang für englischsprachige Kritiker und Kinobesucher ähnlich wie undress („sich ausziehen“) und wurde wegen ihrer Rolle als Honey Rider in James Bond jagt Dr. No als passend wahrgenommen.

Bei Karl Schwarzschild erinnert der nach ihm benannte Schwarzschildradius an einen „schwarzen Schild“: Der Ereignishorizont wird aus der Ferne als kugelähnliche schwarze Grenzfläche wahrgenommen, aus deren Innerem keine Informationen nach außen gelangen. Namen können nach Darstellung des Artikels gelegentlich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken; der Wunsch Erich Kühnhackls, Eishockey-Profi zu werden, sei durch seinen Namen verstärkt worden. Den umgekehrten Fall erzählt Johnny Cashs Song A Boy Named Sue: Ein Vater gibt seinem Sohn den weiblichen Namen Sue, damit er nicht „weibisch“ werde.

Fachliche Verwendung in Recht, Kryptographie und Programmierung

In rechtswissenschaftlichen Ausbildungsfällen werden Beteiligte meist mit Buchstaben bezeichnet, etwa A und B. Im Bürgerlichen Recht stehen K für Käufer und S für Schuldner, im Strafrecht T für Täter und O für Opfer. Volle Namen können ebenfalls sprechend sein, wenn ihre Kurzform zur rechtlichen Rolle passt: Titus Tunichtgut wird zu T. für einen Straftäter, Gustav Gutglaub zu G für einen Gläubiger und Volker Vergib wäre ein Verkäufer. Namen wie Dr. Klug für einen Richter, Rechtsanwalt Schlau oder Staatsanwalt Stahlmann können zusätzlich eine charakterliche Eigenschaft nahelegen.

In der Kryptologie tragen Kommunikationsparteien neben Alice, Bob, Carol und Dave auch Namen, die ihre Rollen ausdrücken. Eve stammt von eavesdropper („Lauscher“) und bezeichnet eine unerwünschte Mithörerin. Trudy stammt von intruder und steht für einen Eindringling in ein Computersystem.

In der Programmierung verbessern sprechende, genauer selbsterklärende Bezeichner die Lesbarkeit von Quelltext. Ohne sie sind komplexe Programme schlechter wartbar; Fehlersuche und Weiterentwicklung werden erschwert. Namenskonventionen können solche Namen für Datenfelder, Funktionen und andere durch Bezeichner ansprechbare Quelltextteile vorschreiben oder empfehlen. Ein Compiler verarbeitet zwar auch Namen wie „Proz“, „Numm5“, „Text4“, „ROUTINE_AB“ oder „XZ56AB“. Bezeichnungen wie „MWStSatz“, „RechnBetrag“, „StrasseHsNr“ und „BERECHNEN_RABATT“ machen ihren Verwendungszweck jedoch leichter erkennbar.

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