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Der Besuch der alten Dame to go & #MeinSenf (Dürrenmatt in 11 Minuten)

Sommers Weltliteratur to go14:30 19.056 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 100 Zeilen
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  1. [applaus] Grüß Gott, liebe Gemeinde. Herzlich willkommen zu Der Besuch der alten Dame
  2. von Friedrich Dürrenmatt aus dem Jahr 1956. Wir befinden uns in Güllen, einer verarmten Kleinstadt irgendwo in Europa.
  3. Diese überschuldete Kommune hat so wenig Geld, dass sie nur noch in Schwarz-Weiß vorhanden ist. hier im Hintergrund zu sehen, aber sie wird beobachtet. Heute
  4. versammeln sich die Honorationoren des Städtchens am heruntergekommenden Bahnhof. Darunter der Bürgermeister, der Pfarrer, das ist der Lehrer. Dann hier
  5. der Arzt an der Tasche erkennbar, natürlich der Polizist und der Kramladenbesitzer Alfred Ill. Dem kommt heute eine besondere Funktion zu, denn
  6. Güllen erwartet die Ankunft der superreichen Milliardärin Claire Zachaan, die in der Stadt geboren wurde und in ihrer Jugend mit Ill befreundet
  7. war. Viel Spaß. Jetzt brieft der Bürgermeister den IL erst noch mal und du leierst ihr das Geld aus der Tasche. Klar, ja, ich spreche erstmal mit ihr.
  8. Ja, genau. Sprechen, ich meine jetzt im Sinne von unterhalten. Genau. Du machst das übrigens, du wirst mein Nachfolger als Bürgermeister und oh, das ist ja da
  9. hält plötzlich der rasende Roland ein Schnellzug und der Bürgermeister wird leicht panisch. Was? Ich habe meinen Zylinder noch gar nicht hier. Hat doch
  10. seit 5 Jahren kein ICE mehr gehalten. Und Claire Zachaan tritt auf mit einer riesigen Entourage. Die deuten wir hier nur mal an. Der Bürgermeister hat den
  11. letzten im Ort verbliebenen Zylinder aufgetrieben und sagt: "Verehrte gnädige Frau." Den Rest seiner Ansprache schluckt ein vorbeirauschender Zug und
  12. sie so Alfred. Ja, Kara Mensch, schön dich zu sehen. Und sie reden ein bisschen über die guten alten Zeiten. Er nennt sie wie früher Wildkätzchen und
  13. wie hast du mich noch genannt? Zauberhäxchen und ich dich schwarzer Panther. Keine Bange, der tut nichts. Neben dem
  14. Panther hat sie auch noch einen Butler und einen siebten Gatten, einen Sarg dabei. Ja, man kann ja nie wissen. Und Senftenträger, die sieht man ja hier,
  15. ne? Mit deren Hilfe macht sie jetzt so eine kleine nostalgische Seseeing Tour, lässt sich also in den Konrads Weiler Wald tragen. Die Stadt ist so arm, dass
  16. sie keine Bäume haben. Die werden hier von Naturfreunden gespielt. Das ist wirklich eine Regieanweisung von Dürenmatt. Und sie so, Mensch, Alfred,
  17. hier auf dieser Bank haben wir uns zum ersten Mal geküsst und dann bin ich nach Hamburg ins Bordell und habe den Zachasian und seine Milliarden
  18. geheiratet und du hast den Kramladen hier in der Stadt geheiratet und er sagt selbstlos: "Na, das habe ich doch gern gemacht. Du warst jung und schön, die
  19. Zukunft gehörte dir und wir sind mittlerweile hier ganz unten angekommen." "Ja, aber das wird sich ja jetzt alles ändern." "Wie echt?" Und sie
  20. so: "Ja klar." Und der so, wow, super. Das ging ja leichter als gedacht. Er haut ihr vor Begeisterung auf den Schenkel. Aua. Sag mal, ist das aus
  21. Plastik? Ja, ist eine Prothese. Ist nicht die einzige. Sie ist so ein bisschen wie ein Borg aus Ersatzteilen zusammengesetzt. Abends gibt es im
  22. einzigen verbliebenen Hotel der Stadt einen Empfang zu ihren Ehren. Wieder sind alle Honoratioren versammelt und der Bürgermeister hält noch eine viel
  23. tollere Ansprache, vor allem kann man sie diesmal verstehen. Verehrte, gnädige. Ja, wir können das ein bisschen abkürzen. Es ist so, die Stadt bekommt
  24. von mir eine Milliarde. Zur Hälfte die Stadt und zur Hälfte die Familien. Unter einer Bedingung. Und die wah jubeln alle schon. Nur er sagt, was für eine
  25. Bedingung. Das sagt euch jetzt mein Butler. Den Butler haben wir vorher schon gesehen, aber jetzt nimmt er die Sonnenbrille ab und jemand so, das ist
  26. doch der Oberrichter Hofer, Bingo. Ich war vor 45 Jahren der Oberrichter Hofer, als Claire Zachaan, damals Claire Wescher, den hier anwesenden Alfred Ill
  27. auf Anerkennung der Vaterschaft eines Kindes verklagte. Der jedoch brachte zwei Zeugen bei und dann kommen so zwei komische Typen rein und sagt, das waren
  28. wir, das waren wir. Deswegen hat Claire den Fall verloren, musste Güllen in Schande verlassen und wurde zur Prostituierten. Und die zwei Pappnasen
  29. da wurden gekauft, geblendet und kastriert. Deshalb lautet das Angebot: Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ilet Stille, dann springt der
  30. Bürgermeister auf niemals. Und sie sagt einfach nur, ich warte. Sie richtet sich auf dem Balkon ihres Hotelzimmers ein, schaut hinunter auf
  31. das Städtchen und während täglich Grenze für den mitgebrachten Sarg eintreffen, demonstrieren die Gülner Solidarität mit ihrem Alfred Il Ja, wir kaufen natürlich
  32. nach wie vor trotzdem bei dir ein. Bitte einmal hier den teuersten Tabak und schreib es auf, gell? Und der so, na gut, ausnahmsweise, ja, ich hätte gern
  33. einmal den teuersten Whisky bitte auch anschreiben und ihr soll aber nicht, dass das zur Gewohnheit wird. Ja, ja, ist schon gut. Und der Dritte von allem
  34. das Beste und auf Pump bitte. Und er so: "Sag mal, wie wollt ihr das denn bezahlen? Und woher habt ihr plötzlich alle die neuen gelben Schuhe? Was für
  35. neue gelbe Schuhe? Ich habe es genau gesehen. Ihr spekuliert auf meinen Tod." Er tickt aus, schmeißt seine Kunden raus und geht zur Polizei und sagt: "Verhafte
  36. die Zachaan." Wieso das denn? Ja, wegen Anstiftung zum Mord. Und er kriegt einen Lachanfall und sagt: "Mann, du bist doch keine Milliarde wert. Das ist ein Witz.
  37. Und wieso putzt du dann dein Gewehr?" Weil der schwarze Panther von der Zachaan abgehauen ist. Und woher hast du den neuen Goldzahn? Pü? Und ganz
  38. aufgeregt geht er zum Bürgermeister und sagt, ich will Schutz. Ja, dann geh doch mal zur Polizei. Da war ich schon. Na, dann ist doch alles gut und jetzt
  39. müsstest du auch mal gehen. Ich habe hier noch zu tun. Sag mal, ist das ein Bauplan für ein neues Stadthaus? Man wird ja wohl noch mal planen dürfen. Und
  40. wieso hast du eine Pistole? Wegen dem schwarzen Panther. Boah. Und er rennt zum Pfarrer, der lustigerweise auch ein Gewehr dabei hat und sagt: "Ihr wollt
  41. mich alle umbringen?" Und der so, nein, mein Sohn. Da wird ihr Gespräch von Glockenleuten unterbrochen. Ist so, hä? Wir hatten doch früher nur eine Glocke
  42. und jetzt schlägt dem Fahrer das schlechte Gewissen. Du hast recht. Du bist in Gefahr. Hau lieber ab, bevor es zu spät ist. Da fällt ein Schuss.
  43. Jetzt nimmt Ill das Gewehr des Pfarrers und geht zur Zachaan, die ja auf ihrem Balkon tront und sagt: "Sag mir, dass das alles nicht wahr ist." Und sie so,
  44. weißt du noch damals, als du mich das erste Mal gesehen hast, da war ich auch auf einem Balkon und du hast mich so angestarrt, aber mit Augen voller Liebe
  45. und er lässt die Waffe sinken. Ja, ich muss ja auch noch die Milliarde transferieren. Und sie geht mal die Milliarde transferieren. Il hingegen
  46. geht zum Bahnhof. Ja, ich hau ab. Ich mache das nicht mit. Die Güllener folgen ihm alle. Ja, ist eine große Menschentraube und er hat schon total
  47. Angst und sagt, ich ich fahre jetzt weg. Und sie so ja, bitttechön, da kommt der Zug. Lasst mich durch. Ja, hier kannst du durch. Ihr lasst mich nicht durch.
  48. Doch, du kannst hier durch. Aber er kriegt es psychologisch nicht hin. Er bricht zusammen und fährt nicht weg. In der Peterschen Scheune
  49. schwälgt die Zachaan in Erinnerungen an ihre Jugend, nachdem sie gerade noch mal geheiratet hat, und empfängt den Lehrer und den Arzt. Äh, die haben einen
  50. Anlegen: "Ja, gnädige Frau, Sie sind doch Geschäftsfrau und wir wollten Sie fragen, wäre es nicht lukrativer, wenn Sie statt der Stadt eine Milliarde zu
  51. schenken, einfach Kredite geben und die Betriebe fördern würden?" Das ist eine super Idee, meine Herren. Ich würde die ganze Stadt kaufen, könnte ich auch, ne?
  52. Dummerweise gehört sie mir schon. Ich habe sie absichtlich pleite gehen lassen, um mich rechen zu können. Aber das ist doch total fies und unethisch.
  53. Sie sagt: "Die Welt machte mich zur nun mache ich sie zum Bordell. In der Stadt ist auch mittlerweile schon viel renoviert worden, aber die Güllner
  54. sind nicht mehr so nett. In Ils Laden beispielsweise sagen sie: "Ja, natürlich kaufen wir noch bei dir ein auf Pump und lass es dir ja nicht einfallen
  55. abzuhauen, gell?" Und der Lehrer kommt und ist nach seiner Begegnung mit der Zachaan jetzt ein bisschen betroffen und ein bisschen besoffen und macht einen
  56. Fass auf. Also er er stellt sich auf ein Fass und sagt: "Ich sag jetzt allen die Wahrheit. Wem willst du die Wahrheit sagen?" der Weltpresse. Wegen der Heirat
  57. Zachaan ist der internationale Medienzirkus vor Ort und er setzt so an: "Freunde, Güldner, Landsleute, leid mir euer Ohr, aber Ill unterbrecht ihn:
  58. "Halt die Klappe." Also kriegt die Presse nichts mit von dem unmoralischen Angebot der alten Dame, macht schön Bilder von ihm und der Bürgermeister
  59. weiß diese Kooperation sehr zu schätzen. Du wirst also unsere Entscheidung akzeptieren? Ja, na dann lasse ich dir zur Ansicht mal hier die Knarre da und
  60. der IL guckt sich das an und sagt: "Nee, das müsst ihr schon selber machen." Gr Opfer macht jetzt noch mal einen schönen Familienausflug. Wir haben ja auch seine
  61. Familie noch gar nicht kennengelernt. Das ist der Sohn. Ja, ich habe jetzt ein Opel Olympia auf Pump natürlich, ne? Müssten sich bitte vorstellen. Und ich
  62. bin die Tochter, ich mache jetzt Tennisstunden und Sprachkurse auf Pumpen natürlich, ne? müssten sich bitte vorstellen, die setzt sich hinten rein
  63. und Mutti so, ich habe einen ganz tollen neuen blauen Pelz, die setzt sich auch hinten rein und dann gondeln sie zu viert durchs Wirtschaftswunderland. Es
  64. ist aber auch wirklich herrlich, bis sie im Konrads Weiler Wald landen, wo eine letzte Begegnung zwischen Claire und Alfred stattfindet. Und sie so, ich
  65. hoffe, du weißt, dass das nichts persönliches ist. Ich mache das alles nur, weil ich deine Liebe zurück will, weil ich die Vergangenheit ändern will.
  66. Das verstehst du doch, oder? Und er so: "Ja, dann danke für die schöne Beerdigung." Abends gibt es nun eine
  67. Gemeindeversammlung im Stadttheater. Das ist auch schon auf Verdacht mal ganz toll aufgehübscht worden und es sind wieder alle da, ne? Die ganze Stadt
  68. hier, der Pfacher ist natürlich dabei, der Arzt, ganz wichtig. Die Presse ist aber auch da, ne? Denn ähm es wurde ihnen gesagt, dass es äh das Angebot
  69. gibt, eine Stiftung einzurichten von der Zachaan. Und jetzt hält der Lehrer eine flammende Rede und sagt, wir sollten das Angebot von Klerzaan annehmen, nicht des
  70. Geldes wegen, sondern der Gerechtigkeit halber. Und dann stimmen alle per Handzeichen dafür, alle außer der Spaßbremse, ne? Und die Presse so: "Oh,
  71. könnten Sie das bitte noch mal machen? Bei uns ist das Licht ausgefallen. Natürlich, wir stimmen noch mal ab und alle stimmen dafür außer Ill." Dann wird
  72. die Presse und die Damen werden rausgeschickt, denn jetzt passiert etwas, was in der Schweiz Tradition hat. Eine Gasse wird gebildet. Ja, also sie
  73. bilden eine Gasse äh der Freiheit und ähm dann musste Ilder durchmarschieren. Dann schließt die Gasse sich und wie von Zauberhand. Als die Gasse sich wieder
  74. öffnet, ist der Ill. Der Arzt beugt sich über ihn und sagt: "Ja, Herzinfarkt, ne?" Nein, tot durch Freude. Das kommt auch viel besser in
  75. der Presse. Die Zarhanas kommt wieder rein, übergibt dem Bürgermeister einen ganz großen Check. Er nimmt ihn und lächelt in die Kameras und dann geht sie
  76. und nimmt Ils Leiche mit nach Capri und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben die Einwohner der wunderschönen Stadt Güllen heute alle an der Cote
  77. Asyr. Entschuldigung, in Zukunft bitte gülden. Ja, wir wollen die Stadt umbenennen. Und das, liebe Gemeinde, war der Besuch der alten Dame von Friedrich
  78. Dürrenmt. Vielen Dank. [musik]
  79. In der Neufassung seines Dramas aus dem Jahre 1980 lässt Dürrenmatt die Güllener am Ende des Stückes in einer Art griechischem Chor die Handlung
  80. kommentieren. Sie sagen: "Ungheuer ist viel, Naturkatastrophen, Krieg, Atombombe, aber nichts ungeheurer als die Armut."
  81. Geht es in diesem Stück also in erster Linie darum, was Geld mit Menschen macht? [musik] Der Untertitel der alten Dame lautet:
  82. Eine tragische Komödie. Und ähnlich wie in seinem zweiten berühmten Stück die Physiker geht es hier ziemlich grotesk zu. Alle Untergebenen und Ehemänner der
  83. Zachaan heißen Kobi, Lobi, Tobi und so weiter. Sie heiratet allein während des Stückes zweimal. Alle Güllener kaufen ungebremst auf Kredit ein. Alle sind sie
  84. korrumpierbar. Gewissensbisse oder Familienbande gibt es wenig bis keine. Die ganze Geschichte inklusive des absurd hohen Kopfgeldes für IL, wir
  85. befinden uns immerhin in den 1950er Jahren, spielt im roten Bereich. Gleichzeitig ist die Sprache extrem knapp, nüchtern, sparsam, interessanter
  86. Kontrast. Die Story, eine Riesenshow, die als understatement erzählt wird. Ich mag den Ausdruck die normative Kraft des
  87. faktischen. Also, woran wir glauben, unsere Werte und Normen hängen sehr stark von den äußerlichen Bedingungen unserer Existenz ab. Damit es uns besser
  88. geht, tun wir auf Dinge, die wir losgelöst von uns selbst und vom Kontext als negativ beurteilen würden. Wenn es im Schlusschor heißt, nichts ist
  89. ungeheurer als die Armut, dann trifft das zwar für alle menschlichen Gesellschaften zu, aber im Wirtschaftswunderland der 1950er Jahre
  90. war die Macht des Geldes besonders stark spürbar. In dieser Hinsicht übertreibt Dürenmart gar nicht so sehr, glaube ich. Für viel Geld sind die Menschen selbst
  91. dann zu vielem, wenn nicht allen bereit, wenn es öffentlich geschieht, also alle es mitbekommen.
  92. Ich will an zwei Dinge erinnern, die die Aktualität dieses Stückes unterstreichen. Erst die Hochzeit von Amazon Chef Jeff Bezos im Juni 25 in
  93. Venedig, wo eine Stadt sich komplett zum Bordell eines Superreichen gebracht hat. Zweitens, unsere deutsche Haltung zur Aufrüstung seit dem russischen
  94. Angriffskrieg auf die Ukraine. Bis dahin haben wir tatsächlich jahrelang die Frage unserer nationalen Sicherheit verdrängt, wie Güllen die Frage der
  95. Gerechtigkeit verdrängt hat. Mit der eigenen Schwäche konfrontiert verändern sich die Normen bei nahezu allen Menschen in Deutschland. Ich verurteile
  96. diese Veränderung ausdrücklich nicht. Es ist einfach ein Beispiel für unsere eigene moralische Flexibilität. Soweit mein Senf zu, der Besuch der
  97. alten Dame von Friedrich Dürrenmt. Wenn euch das Video gefallen hat, dann unterstützt mich bitte. Wie könnt ihr das tun? Na, es muss ja keine Milliarde
  98. sein. Erstmal Video liken, teilen, Abo daassen auf YouTube, auf Instagram, auf TikTok. Wenn ihr neugierig seid und nachhaltig helfen wollt, dann werdet
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