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Friedrich Dürrenmatt
Bekannt wurde er vor allem mit den Kriminalromanen Der Richter und sein Henker, Der Verdacht und Das Versprechen, mit den Theaterstücken Der Besuch der alten …
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Bedeutung und Gesamtwerk
Friedrich Reinhold Dürrenmatt (* 5. Januar 1921 in Stalden im Emmental; † 14. Dezember 1990 in Neuenburg) war ein Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler. Er zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Seine Werke verbinden Spannung und Humor mit philosophischen und gesellschaftskritischen Fragen und beeinflussten Literatur, Theater und Film international.
Sein vielseitiges Gesamtwerk umfasst Erzählungen, Essays, Romane, Hörspiele, Theaterstücke, Gemälde, Zeichnungen und Karikaturen. Besonders bekannt sind die Kriminalromane Der Richter und sein Henker, Der Verdacht und Das Versprechen sowie die Theaterstücke Der Besuch der alten Dame, Die Physiker und Der Meteor. Viele Texte existieren in unterschiedlichen Fassungen oder wurden für Bühne, Rundfunk und Film bearbeitet.
Für die 29-bändige Werkausgabe von 1980 überarbeitete Dürrenmatt einen großen Teil seiner Werke. Besonders intensiv setzte er sich mit seinem Leben, seinem Denken und seiner Arbeitsweise in Labyrinth. Stoffe I–III (1981) und Turmbau. Stoffe IV–IX (1990) auseinander. Die Stoffe verbinden autobiografische Erinnerungen, Fiktion und philosophische Überlegungen. 1992 erschien aus dem Nachlass Gedankenfuge; 2021 wurden die Stoffe als fünfbändige, auch online verfügbare Edition neu herausgegeben.
Leben und künstlerische Entwicklung
Dürrenmatt wuchs als Sohn des reformierten Pfarrers Reinhold Dürrenmatt und dessen Frau Hulda zunächst in Stalden beziehungsweise Konolfingen auf. 1935 zog die Familie nach Bern. Seine Schulzeit, die er 1941 mit der Matura abschloss, empfand er als sehr belastend. Von Mai bis September 1941 gehörte er zunächst aktiv, danach passiv einer Fröntler-Vereinigung an und setzte sich für die Aufnahme extremer Nationalsozialisten ein. Später erklärte er dies mit dem Wunsch, sich von seinem Vater abzugrenzen. Religiöse Fragen wie Schuld, Verzeihen und Verantwortung blieben für sein Werk wichtig.
Schon als Jugendlicher malte und zeichnete er. Obwohl er zunächst Kunstmaler werden wollte, studierte er ab 1941 in Bern und zeitweise in Zürich Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. 1946 brach er das Studium ab, ohne die geplante Dissertation über Søren Kierkegaard zu beginnen, und entschied sich für den Beruf des Schriftstellers.
1946 heiratete er die Schauspielerin Lotti Geissler. Das Paar bekam drei Kinder. Die ersten Jahre als freier Autor waren wirtschaftlich schwierig; Aufträge westdeutscher Rundfunkanstalten für Hörspiele halfen der Familie entscheidend. 1952 bezog sie ein Haus oberhalb von Neuenburg. Dort schrieb, malte und zeichnete Dürrenmatt bis zu seinem Tod. Nach Lottis Tod 1983 heiratete er 1984 die Regisseurin Charlotte Kerr. In dieser Zeit erlebte er einen neuen künstlerischen Aufschwung und führte das Projekt Stoffe fort. Dürrenmatt starb im Dezember 1990 im Alter von 69 Jahren an Herzversagen.
Literarischer und dramatischer Erfolg
Dürrenmatts erstes Bühnenwerk Es steht geschrieben wurde im April 1947 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt und löste einen Theaterskandal aus. Der Blinde (1948) fand kaum Beachtung, während mit Romulus der Große (1949) und besonders Die Ehe des Herrn Mississippi der Durchbruch begann. Letzteres Stück wurde von Schweizer Bühnen zunächst abgelehnt, brachte ihm aber 1952 den ersten großen Erfolg in der Bundesrepublik Deutschland.
Aus Geldnot schrieb Dürrenmatt 1950 für ein Honorar von 1000 Franken den Kriminalroman Der Richter und sein Henker. Er erschien wie Der Verdacht zunächst als Fortsetzungsgeschichte im Schweizerischen Beobachter. Zu seinen weiteren wichtigen Prosawerken gehören Die Panne (1956), Das Versprechen (1958), Justiz (1985), Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter (1986) und Durcheinandertal (1989). Das Drehbuch zum Film Es geschah am hellichten Tag (1958) bildete die Grundlage für Das Versprechen.
Den Weltruhm begründete 1956 die Tragikomödie Der Besuch der alten Dame, uraufgeführt am Schauspielhaus Zürich mit Therese Giehse. Der Erfolg machte Dürrenmatt finanziell unabhängig. Nach dem Misserfolg von Frank der Fünfte folgte 1962 mit Die Physiker der zweite Welterfolg. 1966 erreichte er mit seinem persönlichsten Stück Der Meteor den dritten und letzten großen Welterfolg als Dramatiker. Seit 1967 arbeitete er auch praktisch am Theater, unter anderem in Basel, Zürich und Düsseldorf, und inszenierte Wiederaufführungen eigener Stücke.
Auch Hörspiele bildeten einen wesentlichen Teil seines Schaffens. Dazu gehören Der Prozeß um des Esels Schatten, Das Unternehmen der Wega, Die Panne und Abendstunde im Spätherbst. Die Panne erhielt 1957 den Hörspielpreis der Kriegsblinden, Abendstunde im Spätherbst 1958 den Prix Italia.
Dramentheorie und politische Haltung
Dürrenmatt wollte ähnlich wie Bertolt Brecht Distanz zwischen Publikum und Bühnengeschehen schaffen. Die Zuschauer sollten nicht passiv konsumieren, sondern selbstständig nachdenken. Dafür verwendete er Verfremdung: Vertrautes erscheint ungewohnt, sodass scheinbar allgemein anerkannte Vorstellungen und die Widersprüche gesellschaftlicher Strukturen sichtbar werden. Typisch sind außerdem tragisch-groteske Elemente, also die Verbindung scheinbar unvereinbarer Bestandteile. Anders als Brecht stellte Dürrenmatt jedoch keine bestimmte Weltanschauung wie den Marxismus vor.
Seine bevorzugte Form war die Tragikomödie, eine Mischung aus Tragödie und Komödie. Für ihn war sie „die einzig mögliche dramatische Form, heute das Tragische auszusagen“. In Theaterprobleme (1955) erklärte er, die Tragödie setze „Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung“ voraus. In der unübersichtlichen modernen Welt werde Schuld dagegen verwischt und abgeschoben; deshalb eigne sich vor allem die Groteske zu ihrer Darstellung. Zu Die Physiker formulierte er: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Der Besuch der alten Dame behandelt die Käuflichkeit des Menschen und die korrumpierende Wirkung des Wohlstands, Die Physiker die Bedrohung der Menschheit durch die Zivilisation und Die Panne die Schuld des Einzelnen.
Als gesellschaftskritischer Autor äußerte sich Dürrenmatt außerdem in Essays, Vorträgen und Reden zur internationalen Politik. Beispiele sind Sätze aus Amerika (1970), Ich stelle mich hinter Israel (1973), sein Vortrag zum 100. Geburtstag Albert Einsteins (1979), die Rede Kants Hoffnung auf der Moskauer Friedenskonferenz von 1987 und Die Schweiz – ein Gefängnis über Václav Havel (1990). Wegen seiner Stellungnahmen wurde er fünfzig Jahre lang von der schweizerischen Bundespolizei überwacht.
Malerei, Nachlass und Erinnerung
Dürrenmatt betrachtete Malerei und Literatur als gleichwertige Ausdrucksformen. Er illustrierte eigene Texte, entwarf Skizzen und teilweise Bühnenbilder. Seine Gemälde, Zeichnungen und Karikaturen blieben der breiten Öffentlichkeit lange unbekannt und wurden zu seinen Lebzeiten nur selten ausgestellt. Häufig deutete er Motive aus Mythologie und Religion neu. Zu seinen künstlerischen Vorbildern gehörten Albrecht Dürer, Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel, Giovanni Battista Piranesi, Francisco de Goya und sein Freund Varlin. Dürrenmatt verkaufte seine Bilder nicht. Er bezeichnete sie als die „gezeichneten und gemalten Schlachtfelder“, auf denen seine schriftstellerischen Kämpfe, Experimente und Niederlagen stattfänden.
Durch einen Erbvertrag vermachte er seinen literarischen Nachlass der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Als Gegenleistung wurde 1991 das Schweizerische Literaturarchiv als Abteilung der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern geschaffen; Dürrenmatt gilt deshalb als dessen Initiant und geistiger Vater. Im Jahr 2000 eröffnete das von Mario Botta entworfene Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Das Museum bewahrt und vermittelt sein bildnerisches Werk im Zusammenhang mit seinen literarischen Arbeiten und zeigt es in einer Dauerausstellung.
Auszeichnungen und bleibende Würdigung
Dürrenmatt erhielt zahlreiche bedeutende Auszeichnungen. Dazu zählen der Deutsche Kritikerpreis für Der Richter und sein Henker (1952), der Preis der New Yorker Kritiker für Der Besuch der alten Dame (1959), der Große Schillerpreis (1960), der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur (1983), der Kyoto-Preis für Künste und Philosophie (1984), der Gottfried-Keller-Preis für sein Gesamtwerk und der Georg-Büchner-Preis (beide 1986) sowie der Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (1989). Mehrere Universitäten verliehen ihm Ehrendoktorwürden, darunter Manchester, Nizza, Jerusalem, Neuenburg und Zürich.
Nach seinem Tod wurde sein Andenken vielfach gewürdigt. Der Asteroid (14041) Dürrenmatt erhielt 2000 seinen Namen. Zum 100. Geburtstag erschienen 2021 in der Schweiz eine Sondermünze und eine Sonderbriefmarke. Zwischen Prêles und Ligerz führt außerdem ein fünf Kilometer langer Dürrenmattweg mit 13 interaktiven Stationen durch verschiedene Aspekte seines Lebens und Schaffens.