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Gleichnis
Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede.
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Grundidee und literarische Merkmale
Ein Gleichnis ist eine kurze, bildhafte Erzählung, die einen meist komplexen oder theoretischen Sachverhalt anschaulich machen soll. Es besitzt einen didaktischen Anspruch: Hörer oder Leser sollen den gemeinten Zusammenhang verstehen, sich möglicherweise selbst in der Erzählung wiedererkennen und dazu angeregt werden, ihre Situation oder ihr Verhalten zu verändern.
Dabei werden zwei Textebenen unterschieden: die Ebene des Gesagten, also die konkrete Bildebene, und die Ebene des Gemeinten, also die Sachebene. Beide treffen sich in einem Vergleichsmoment, dem „Dritten des Vergleichs“ oder Vergleichungspunkt. Beim Gleichnis als ausdrücklichem Vergleich wird die Sachebene gewöhnlich direkt neben der Bildebene genannt, etwa durch eine Formulierung wie „so wie“. Bei der Parabel müssen die Leser die Sachebene dagegen stärker selbst erschließen.
Lessing unterscheidet entsprechend zwischen Sachteil und Bildteil: Ein abstrakter Gedanke oder Sachverhalt wird in ein konkretes Bild aus einem anderen Lebensbereich übertragen. Dies kann mit oder ohne selbstständige Handlung sowie mit oder ohne ausdrückliche Deutung geschehen. Für Lessing dient das der Enthüllung und damit dem besseren Verständnis. Herder betont dagegen stärker die Verhüllung: Eine Lehre werde durch die bildhafte Erzählung eingekleidet und nicht einfach offengelegt.
Abgrenzung und heutige Einteilung
Die traditionelle Forschung unterschied mehrere Formen wie Gleichnis im engeren Sinne, Parabel, Beispielerzählung, Allegorie, Vergleich, Bildwort und Metapher. Häufig galt: Ein Gleichnis sei kurz, habe keine selbstständige Handlung und enthalte eine Deutung; eine Parabel sei länger, besitze eine selbstständige Handlung und komme ohne Deutung aus. Diese klare Trennung ist jedoch umstritten, weil die Übergänge fließend sind und die Begriffe in der Literatur häufig synonym verwendet werden. Joachim Jeremias bezeichnete die Unterscheidungsversuche als „ein unfruchtbares Bemühen“. Ruben Zimmermann schlägt vor, nur noch „Parabel“ als übergreifenden Gattungsbegriff zu verwenden.
Zimmermann bestimmt eine Parabel nach sechs Kriterien: Sie ist narrativ, also erzählend; fiktional, also erfunden; realistisch, also an einer vorstellbaren Wirklichkeit orientiert; metaphorisch, weil sie über das unmittelbar Erzählte hinausweist; appellativ, weil sie die Angesprochenen zu einer Reaktion auffordert; und kontextuell, weil ihre Bedeutung mit ihrem Zusammenhang verbunden ist. Auch nach heutiger Auffassung ist es sinnvoll, die traditionellen Kriterien zu kennen, doch gelten starre Grenzen als weniger wichtig als die gemeinsame bildhafte Ausdrucksweise.
Weitere Einteilungen unterscheiden Vorgangs- und Handlungsgleichnisse beziehungsweise Natur- und Handlungsgleichnisse.
Formen und typische Beispiele
Das Gleichnis im engeren Sinne entwickelt einen Vergleich zu einer kleinen Szene. Es schildert einen alltäglichen Vorgang und verwendet Bilder aus der Erfahrungswelt der Hörer oder Leser. Meist steht es im Präsens und beginnt beispielsweise mit „Das Reich Gottes ist wie …“ oder „Es gleicht …“. Ein Beispiel ist das Gleichnis vom Wachsen der Saat in Mk 4,26–29.
Die Parabel erzählt dagegen von einem einmaligen, ungewöhnlichen Vorfall mit einer unerwarteten Wendung. Im Unterschied zum Gleichnis im engeren Sinne steht kein alltäglicher, regelmäßig wiederkehrender Vorgang im Mittelpunkt. Die meisten Gleichnisse der synoptischen Evangelien gehören nach dieser Einteilung zu den Parabeln. Ein Beispiel ist das Gleichnis von den beiden Söhnen in Lk 15,11–32.
Die Beispielerzählung wird teilweise zu den Parabeln gerechnet. Sie zeigt und kritisiert ein bestimmtes Verhalten an einem konkreten Beispiel und fordert zu einer Verhaltensänderung auf. Häufig antwortet sie offen auf eine bestimmte Frage. Im Neuen Testament kommt dieser Typ nur bei Lukas vor: beim barmherzigen Samariter (Lk 10,30–37), beim reichen Kornbauern (Lk 12,16–21), beim reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) sowie beim Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9–14).
Eine Allegorie ist eine kunstvoll gestaltete Erzählung, die mit dem Gesagten eigentlich etwas anderes ausdrückt. Zu ihrer Entschlüsselung ist eine Art Schlüsselgeschichte nötig, die nur Eingeweihten bekannt ist. Unter den Gleichnissen Jesu finden sich nur wenige Allegorien; als Beispiel gilt das Gleichnis vom Sämann in Mk 4,1–20.
Biblische Gleichnisse und ihre Auslegung
In der Hebräischen Bibel bezeichnet das hebräische Wort „maschal“ unter anderem eine kurze Parabel, ein Gleichnis, Sprichwort oder einen Weisheitsspruch. Gemeint ist im engeren Sinne ein weisheitlicher Spruch, der besonders als Sprichwort, Rätselspruch oder Weisheitsspruch auftreten kann. Ein religiös-theologischer Zusammenhang wird dabei in die menschliche Erfahrungswelt übertragen. Das Wortfeld ist jedoch weiter und umfasst auch Vergleich, Allegorie, Fabel, Rätselwort, Symbol, fingierte Gestalt und apokalyptische Offenbarungsrede.
In der rabbinischen Literatur besteht ein Maschal meist aus zwei Teilen: Der „Maschal“ ist eine fiktive Handlung und bildet die Bildebene. Er bereitet den Übergang zum „Nimschal“ vor, einer zitierten Bibelstelle aus dem Tanach, die als Schriftbeweis, Ausgangspunkt und Höhepunkt des Gleichnisses dient. Mehrere „meschalim“ können zu einer Argumentationskette verbunden werden und neue Schlussfolgerungen ermöglichen.
Die Gleichnisse Jesu stehen in den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas. Das Johannesevangelium enthält trotz seiner bildreichen Sprache keine Gleichnisse in derselben Form. Einzelne Forscher sehen jedoch in den „Ich-bin-Worten“ Gleichnisartiges oder erkennen auch dort Parabeln. Außerhalb des Neuen Testaments kommen Gleichnisse in frühchristlichen Texten wie den Nag-Hammadi-Schriften und besonders im Thomasevangelium vor.
Adolf Jülicher unterschied Gleichnis im engeren Sinne, Gleichniserzählung beziehungsweise Parabel, Beispielerzählung und Allegorie. Bild und Sache sollten seiner Ansicht nach in einer einzigen Pointe, dem „tertium comparationis“, zusammenlaufen. Diese schematische Auffassung wird heute nicht mehr vertreten. Seit der Mitte der 1960er Jahre bezog die Forschung stärker Erkenntnisse aus Literaturwissenschaft, Metapherntheorie, Kommunikationswissenschaft und anderen Bereichen ein. Gleichnisse wurden als erweiterte Metaphern, Sprachereignisse, offene Kunstwerke, Spiele oder Bühnenstücke verstanden.
Eberhard Jüngel sprach statt vom „Tertium Comparationis“ vom „Primum Comparationis“: Nicht nur ein einzelner Gedanke, sondern mehrere Einzelzüge seien auf eine Pointe ausgerichtet. Dan Otto Via betonte die Offenheit der Gleichnisse und ihre Fähigkeit, die Existenz von Menschen über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg zu verändern. Seit Jüngel wird außerdem angenommen, dass die Gleichnisse Jesu das Reich Gottes nicht nur abbilden, sondern transportieren. Didaktische Ansätze heben entsprechend hervor, dass der Kommunikationsprozess auf eine Verhaltensänderung der Zuhörer zielt. Religionsgeschichtliche Untersuchungen zeigen zugleich, dass Jesus in der Tradition des rabbinischen Judentums steht und Gleichnisse auch außerhalb Palästinas, etwa im Hellenismus, verbreitet waren.
Gleichnisse im Koran
Auch der Koran verwendet Gleichnisse. Sie erscheinen erstmals in der mittelmekkanischen Periode als neues Element der religiösen Verkündigung. In spätmekkanischer Zeit werden sie unter der Bezeichnung „mathal“ beziehungsweise „maṯal“ im Koran selbst thematisiert; auch in medinischer Zeit bleiben sie ein fester Bestandteil der koranischen Rede.
Sure 2:264–265 stellt zwei Arten von Almosenspendern gegenüber. Als Bild dient die Wirkung eines Regengusses auf unterschiedliche Bodenformen: Ein steiniger Grund mit einer dünnen Erdschicht wird kahl und hart, während ein Garten durch den Regen fruchtbar bleibt. Wer Almosen gibt, um von anderen Menschen gesehen zu werden, gleicht dem steinigen Grund. Wer nach Gottes Wohlgefallen strebt, gleicht dem Garten.
Sure 29 trägt den Namen „Die Spinne“ nach dem Gleichnis in Vers 41, das die Schwäche und Verletzlichkeit eines Spinnennetzes hervorhebt. Die Gleichnisse stießen jedoch auch auf Ablehnung, wie Sure 17:89 zeigt. Nach Sure 2:26 störten sich Gegner Mohammeds insbesondere an der vermeintlichen Geringwertigkeit der Gegenstände, die in solchen Gleichnissen vorkamen.