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Demografischer Wandel in Deutschland
Als demografischer Wandel in Deutschland werden zusammenfassend verschiedene Veränderungen und Tendenzen der Bevölkerungsentwicklung bezeichnet.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und zentrale Entwicklung
Der demografische Wandel in Deutschland bezeichnet zusammenfassend Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung; der Begriff wird häufig gleichbedeutend mit dem demografischen Übergang verwendet. Er betrifft die Altersstruktur, das Verhältnis von Männern und Frauen, die Anteile von Menschen mit und ohne Staatsbürgerschaft sowie Eingebürgerten, Geburten und Sterbefälle sowie Zu- und Fortzüge. Die Folgen unterscheiden sich je nach Bundesland und Kommune.
Kennzeichnend ist, dass seit 1973 die Sterberate (Mortalität) über der Geburtenrate liegt. Höhere Lebenserwartung bei zugleich sinkender Geburtenrate vergrößert den Anteil älterer Menschen gegenüber jüngeren. Der Rückgang von Mehrkindfamilien mit drei oder mehr Kindern erklärt 68 % des gesamten Geburtenrückgangs; 26 % werden auf gestiegene Kinderlosigkeit zurückgeführt.
Migration sorgt weiterhin für einen positiven Wanderungssaldo, obwohl die Zuzugsrate in den letzten zwei Jahrzehnten ständig gefallen ist. Seit der 2011 eingeführten Arbeitsmarktfreizügigkeit für Arbeitnehmer aus neu zur Europäischen Union hinzugetretenen Staaten wird bis 2060 ein durchschnittlicher jährlicher Wanderungssaldo von 147.000 bis 311.000 Menschen erwartet. Zuziehende ausländische Personen sind im Durchschnitt jünger als Fortziehende. Das verjüngt die verbleibende Bevölkerung, hebt deren Gesamtalterung aber nicht auf. Die 15. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung berücksichtigt als einschneidende Veränderungen die Covid-19-Pandemie und die russische Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022.
2009 wanderten absolut 734.000 Menschen aus Deutschland aus; zugleich migrierten 721.000 Menschen nach Deutschland, darunter 606.000 Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.
Folgen für soziale Sicherung und Versorgung
Der Wandel stellt Gesetzgeber, Kommunen, Wohlfahrtseinrichtungen, Wirtschaft und Bürger vor neue Aufgaben. Wenn die Bildungsinvestition je Schüler nicht steigen soll, können insbesondere Grundschulen und andere (Vor-)Schulen zusammengelegt werden. Mit dem steigenden Anteil älterer Menschen müssen Mobilität und Pflege gesichert werden; denkbar ist etwa der Umbau alter Staatseinrichtungen zu Altersheimen oder betreutem Wohnen.
Die gesetzliche Rentenversicherung für Arbeiter und Angestellte beruht grundsätzlich auf dem Umlageverfahren: Die laufenden Beiträge finanzieren die laufenden Leistungen. Staatliche Zuschüsse, Betriebsrenten und private Vorsorge tragen ebenfalls die altersbedingten Kosten. Bei unverändertem Renteneintrittsalter stehen wegen Überalterung beziehungsweise Unterjüngung mehr Rentenempfänger weniger Beitragszahlern gegenüber, sofern die Zahl versicherungspflichtig Beschäftigter nicht steigt. Reformforderungen richten sich daher auf ein höheres Renteneintrittsalter, Rentenkürzungen und mehr private Vorsorge etwa über Privatversicherungen und Aktien.
Diese Sicht ist umstritten. Gewerkschaften sowie unter anderem Gerd Bosbach und Albrecht Müller betonen, dass Zahl und Beitragsleistung der Versicherten nicht allein von der Bevölkerungsentwicklung abhängen. Sie nennen höhere Vollerwerbstätigkeit von Frauen und unterbeschäftigten Männern, weniger Arbeitslosigkeit, Mobilisierung der Stillen Reserve, einen früheren Erwerbsbeginn, die Einbeziehung von Beamten und Selbständigen sowie Arbeitsmarktintegration von Einwanderern. Höhere Beiträge könnten außerdem durch den Ausschluss nicht beitragsbezogener Fremdleistungen, steigende Bruttoeinkommen entsprechend Produktivität und Wachstum sowie mehr stabile Vollzeit- und Festanstellungen entstehen. Nach Bosbach sinken bei weniger Kindern und Jugendlichen zugleich entsprechende Aufwendungen; zur Belastungsbilanz gehören daher auch Schule, Ausbildung und Studium, nicht nur die Altersvorsorge.
Historisch verdreifachte sich der Anteil der über 65-Jährigen von 1900 bis 1990 von 4,9 auf 14,9 %, während sich der Anteil der unter 20-Jährigen halbierte. Die Lebenserwartung von Männern stieg von 45 Jahren auf 76 Jahre im Jahr 2002; das Renteneintrittsalter sank ab 1911 von 70 auf 65 Jahre. Von 1955 bis 2014 verdoppelte sich die Zahl der Erwerbstätigen. Das reale BIP verdreifachte sich von 1960 bis 2005. Zwischen 1991 und 2011 stieg die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen um 22,7 % und je Erwerbstätigenstunde um 34,48 %, während die durchschnittlichen Arbeitsstunden je Erwerbstätigen um 7,5 % sanken. Kritiker folgern daraus, langfristige Prognosen seien unsicher; sie verweisen auch auf Frankreich und nennen Arbeitsplatzsicherheit, Normalarbeitsverhältnisse und ein kinderfreundliches Umfeld als wichtige Bedingungen für höhere Geburtenzahlen.
Im Gesundheitswesen steigen voraussichtlich Pflege- und Krankheitskosten: Mehr hochbetagte Pflegebedürftige treffen auf weniger Pflegekräfte, und die Krankheitskosten pro Kopf liegen jenseits des erwerbsfähigen Alters um ein Mehrfaches über denen durchschnittlicher Jugendlicher oder Erwerbstätiger. Die hausärztliche Unterversorgung auf dem Land könnte sich verschärfen, weil bis 2021 42 % der Hausärzte in Ruhestand gehen und junge Ärzte Städte bevorzugen.
Wirtschaft, Wohnen und Arbeitswelt
Bevölkerungswachstum gilt als wesentlicher Treiber des Wirtschaftswachstums. Eine sinkende Bevölkerung führt daher zu geringeren Wachstumsraten, sowohl insgesamt als auch beim BIP pro Kopf. Eine 2019 veröffentlichte WIFO-Untersuchung für die Bertelsmann Stiftung erwartet bis 2040 eine Dämpfung des Pro-Kopf-Einkommens von 3.700 Euro. Da das Kaufverhalten stark vom Alter abhängt, verlagert eine wachsende ältere Kundengruppe die Nachfrage zu für sie passenden Produkten und Dienstleistungen. Nach 2020 prägt insbesondere der Ruhestand der Baby-Boomer Kauf- und Reiseverhalten.
Bei Immobilien vermutet Andreas Beck, dass ab 2025 insgesamt mehr Immobilien angeboten werden und die Nachfrage nachlässt. Regional können die Wirkungen gegensätzlich sein: Jüngere Generationen ziehen weiter in urbane Zentren, wo Kaufpreise und Mieten deutlich steigen. Wenn immobilienstarke Baby-Boomer ihre selbst genutzte Wohnfläche im Alter verkleinern, könnte das Angebot großer Immobilien besonders in ländlichen Regionen und Kleinstädten zunehmen und Preise sinken.
Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter altert und schrumpft. Beim Ausscheiden von Beschäftigten geht Know-how verloren; zugleich kann sich die Zeit im Erwerbsleben etwa durch ein höheres Rentenalter oder veränderte Erwerbsbiografien von Frauen verlängern. Automatisierung kann Arbeitskräftemangel mindern, verringert aber zugleich die Nachfrage nach Geringqualifizierten. Raschere Geschäfts- und Prozessabläufe treffen auf eine kürzere „Halbwertszeit des Wissens“, also einen schnelleren Wertverlust fachlicher Qualifikationen.
Die Annahme, Lernfähigkeit sei im Alter grundsätzlich geringer, ist wissenschaftlich widerlegt. Wichtig werden deshalb die Anerkennung von Erfahrung, Weiterbildung, Wissenstransfer zwischen Mitarbeitergenerationen sowie altersgerechte Arbeitsprozesse und Rollen. Seit 2005 entstanden mit Förderung des Europäischen Sozialfonds, des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und mehrerer Länder betriebliche Demografieprojekte. Demografieberater unterstützen demografiesensible Personalentwicklung; außerdem fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung Forschung zur Arbeitsgestaltung und Innovationsfähigkeit. Viele Personalleiter sehen den Wandel als besondere Herausforderung. Unternehmen gründeten 2006 ein Demografie-Netzwerk als gemeinnützigen Verein, um Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit älter werdender Beschäftigter zu fördern.
Zuwanderung und Integration
Nach dem Zensus 2011 lebten in Deutschland 6 Millionen Ausländer und weitere 9 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund. Dieses multiethnische Segment umfasste 19 % der Gesamtbevölkerung und soll in den folgenden Jahrzehnten wachsen. Migranten leben vor allem in Großstädten und Ballungszentren der alten Bundesländer. 2007 hatten Frankfurt am Main 42 %, Augsburg 40 %, Nürnberg 38 % und Stuttgart 37 % Migrantenanteil; bei Kindern unter sechs Jahren hatten dort 57–68 % mindestens einen Elternteil mit Migrationshintergrund. Die häufigsten Herkunftsländer waren 2011 Türkei, Ex-Jugoslawien, Italien und Polen.
Der Artikel beschreibt schlechtere Lebenschancen von Migranten: Auf Transferleistungen waren 6 % der Deutschen, aber 15 % der Ausländer angewiesen; diese Differenz sei größer als in europäischen Nachbarländern. Zugleich nahm die Akzeptanz in Westdeutschland über Jahrzehnte zu. 2010 berichteten zwei Drittel der Migranten von keiner Benachteiligung bei Arbeit oder Behörden, im nachbarschaftlichen Bereich drei Viertel. Der Anteil derjenigen, die sich als ausländerfeindlich sehen, sank in Westdeutschland von 24 % im Jahr 2002 auf 22 % im Jahr 2012, stieg aber in Ostdeutschland von 30 auf 38 %. Wegen Alterung und Schrumpfung ist Deutschland auf Zuwanderung angewiesen; Integration bleibt erforderlich, damit Menschen mit Migrationshintergrund wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch angemessen teilhaben können.
Politische und kommunale Gestaltung
Von 1992 bis 2004 bereitete die Enquete-Kommission Demographischer Wandel des Deutschen Bundestags Bevölkerungszahlen auf, bewertete gesellschaftliche, ökonomische und soziale Folgen für alle Generationen und formulierte Empfehlungen. Die Bundesregierung beschloss 2009 eine Demografiestrategie; 2012 fand ein Demografiegipfel statt. Arbeitsgruppen arbeiten unter dem Motto „Jedes Alter zählt“. Strategische Ziele sind: wirtschaftliches Wachstumspotenzial stärken, sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, gleichwertige Lebensverhältnisse in den Regionen fördern sowie solide Finanzen für staatliche Handlungsfähigkeit und verlässliche soziale Sicherungssysteme gewährleisten.
Staatliche Infrastruktur muss sich der Nachfrage anpassen. Weniger Schüler können kleinere Klassen, aber auch die Verkleinerung oder Zusammenlegung von Schulen und Kindergärten bei höheren Kosten für weniger Steuerzahler bedeuten. Dagegen sind zusätzliche Einrichtungen und Kapazitäten in Altenarbeit und Altenpflege nötig. In Regionen mit sinkender Einwohnerzahl können weniger Neubauten, Rückbau von Ortsteilen oder die Aufgabe ganzer Siedlungen erforderlich werden.
Kommunen entwickeln hierfür strategische Konzepte. Familienpolitik soll ein ausgewogenes Generationenverhältnis unterstützen; Infrastruktur soll den größeren Anteil älterer Menschen berücksichtigen. Bielefeld richtete 2004 als erste bundesdeutsche Kommune eine Stabsstelle Demographische Entwicklungsplanung beim Oberbürgermeister ein. In Langenfeld wurden ab 2002 Folgen gesteuert und 2003, 2007 sowie 2010 in Grundsatzentscheidungen behandelt. Die zunächst auf ältere Menschen ausgerichteten Aktivitäten wurden seit 2007 interdisziplinär und intergenerationell gebündelt. Seit 2013 steht die Quartiersentwicklung der sechs Stadtteile im Mittelpunkt; entsprechend dem Wunsch, möglichst lange im vertrauten Wohnumfeld zu bleiben, soll der Grundsatz „ambulant vor stationär“ umgesetzt werden.
Bildung und lokale Projekte
Die Universität Rostock bietet einen Masterstudiengang Demografie und gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung den Promotionsstudiengang Demografischer Wandel an. Studierende der Masterstudiengänge Demografie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre können Kurse des Promotionsstudiengangs besuchen und ihre Masterarbeit als Exposé für eine geplante Dissertation anrechnen lassen.
An der Universität Stuttgart besteht seit 2009 der berufsbegleitende Masterstudiengang Integrierte Gerontologie. Er verbindet gerontologische Fragen mit ingenieur-, sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Inhalten und soll ganzheitliche Lösungsstrategien unter anderem für Politik, Verwaltung, Tourismus, Medien, Einzelhandel und Personalmanagement ermöglichen. An der Fachhochschule Dortmund gibt es den Masterstudiengang Soziale Nachhaltigkeit und demografischer Wandel.
In rund einem Viertel der 71 bayerischen Landkreise untersucht das Projekt „Bevölkerungsentwicklung meiner Gemeinde“ den Wandel auf Gemeindeebene. Schüler aller Schulformen erstellen unter Anleitung Prognosen für die nächsten 25 Jahre und stellen sie in ihrer Kommune vor. Gemeinde- und Landkreisresultate werden auf den Homepages der Landkreise veröffentlicht; der Landkreis Hof war der erste Landkreis mit veröffentlichten Ergebnissen.
Lernvideos zu Demografischer Wandel in Deutschland
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