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Auswanderung

Meist wandern Einzelpersonen oder einzelne Familien aus; in der Geschichte gab es aber auch Auswanderungen von großen Bevölkerungsgruppen. Deutsche Emigranten …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und Grundmodell
  2. 2. Ursachen, Hindernisse und staatliche Regeln
  3. 3. Historische Entwicklungen in Europa
  4. 4. Massenauswanderung, Überfahrt und Ausbeutung
  5. 5. Vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Begriff, Bedeutung und Grundmodell

Auswanderung oder Emigration bedeutet, ein Heimatland auf Dauer zu verlassen. Wer auswandert, wird als Emigrant oder Auswanderer bezeichnet. Auf die Auswanderung aus dem Herkunftsland folgt die Einwanderung oder Immigration in ein anderes Land. Davon zu unterscheiden ist die Binnenmigration, also der Wohnsitzwechsel innerhalb eines festgelegten Gebietes. Meist wandern einzelne Menschen oder Familien aus; historisch gab es jedoch auch Wanderungen großer Bevölkerungsgruppen.

Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gibt jedem Menschen das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen, jedes Land einschließlich des eigenen zu verlassen und in sein Land zurückzukehren. In der Wissenschaft wird meist der umfassendere Begriff Migration verwendet. Die Migrationsforschung untersucht Wanderungsbewegungen aus der Sicht verschiedener Sozialwissenschaften. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes hat eine Person in Deutschland einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.

Wanderungen lassen sich durch Push- und Pull-Faktoren erklären. Push-Faktoren sind belastende Bedingungen im Herkunftsland, die Menschen zur Auswanderung drängen, etwa Krieg, Hunger oder wirtschaftliche Not. Pull-Faktoren sind wirkliche oder angenommene Vorteile des Ziellandes, die eine anziehende Wirkung haben. Für das Herkunftsland kann Auswanderung den Verlust von Bevölkerung und Fähigkeiten bedeuten, zugleich aber knappe Ressourcen entlasten. Das Aufnahmeland muss Aufgaben der Akkulturation und Integration bewältigen, besonders den Spracherwerb; gleichzeitig gewinnt es Arbeitskräfte, Fachwissen und kulturelle Vielfalt.

Ursachen, Hindernisse und staatliche Regeln

Menschen wandern aus, um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu erreichen, eine hohe Steuer- und Abgabenlast zu vermeiden oder ihre Lebensqualität bei gesichertem Lebensstandard zu erhöhen. Weitere Ursachen sind politische Verfolgung, die Flucht von Straftätern vor der Polizei, religiöse oder sprachlich-kulturelle Konflikte sowie bereits im Zielland lebende Angehörige und Bekannte. Rentner können beispielsweise wegen des Klimas in südliche Regionen ziehen. Akute Bedrohungen durch Krieg, Bürgerkrieg, Naturkatastrophen, Hungersnot oder gezielte Vertreibung führen ebenfalls zur Flucht. In früheren Zeiten entstanden Wanderungen auch durch Versklavung.

Auswanderung kann durch bewachte und befestigte Grenzen verhindert oder erschwert werden, etwa am früheren Eisernen Vorhang. Auch Armut wirkt als Hindernis, wenn Menschen die Transportkosten nicht bezahlen können. Umgekehrt können Staaten die Auswanderung fördern, beispielsweise um Arbeitslosigkeit zu verringern. Als Beispiel nennt der Artikel die Türkei in den 1960er Jahren. Spanien förderte demnach auch die Abreise unerwünschter arbeitsloser Ausländer und ihrer Familien.

Das deutsche Auswandererschutzgesetz von 1975 macht die geschäftsmäßige Beratung Auswanderungswilliger erlaubnispflichtig. Geschäftsmäßige Werbung darf Menschen nicht zur Auswanderung anreizen. Zahlungshilfen von Unternehmen, internationalen Einrichtungen oder ausländischen Regierungen sind grundsätzlich verboten, sofern das Ziel nicht in den Staaten der Europäischen Gemeinschaft liegt. Diese Regeln sollen verhindern, dass die Unsicherheit Auswanderungswilliger finanziell ausgenutzt wird.

Historische Entwicklungen in Europa

In der Frühen Neuzeit kam erzwungene Emigration ganzer Gruppen häufiger vor als freiwillige Auswanderung. Beispiele sind die Vertreibung der Juden aus Spanien und der Mauren nach 1492 sowie die Flucht protestantischer Glaubensgemeinschaften. Während Reformation und Gegenreformation von 1550 bis 1750 wurde das Prinzip „cuius regio eius religio“ immer strenger angewandt: Untertanen, die nicht die Konfession ihres Landesherrn annehmen wollten, mussten das ius emigrandi, das Recht zur Auswanderung, nutzen. Protestanten verließen Böhmen zwischen 1620 und etwa 1680 in mehreren Wellen. Nachdem Ludwig XIV. 1685 durch das Edikt von Fontainebleau das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben und den Protestantismus verboten hatte, flohen Tausende Hugenotten vor allem nach England, in die Niederlande, nach Preußen und in andere protestantische Territorien des Heiligen Römischen Reiches.

Im Mittelalter wanderten Menschen aus dem Heiligen Römischen Reich in slawisch und baltisch besiedelte Gebiete im Osten aus. Diese Ostsiedlung führte je nach Region zu Vermischung, Assimilation oder zur Bildung deutscher Minderheiten und trug wesentlich zur Ausdehnung des deutschen Sprachraums bei. Später entstanden weiter östlich gelegene deutsche Sprachinseln, darunter die Siedlungen der Wolgadeutschen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg zogen Arbeitsmigranten aus der übervölkerten Schweiz und aus Vorarlberg in zerstörte, teilweise entvölkerte Gebiete Südwestdeutschlands. Landesherren förderten außerdem die Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen durch Vergünstigungen. So nahm Preußen 1733 Salzburger Exulanten auf. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wanderten viele Menschen aus deutschen Staaten nach Ungarn, Rumänien und Russland aus. In teilweise abgeschlossenen Siedlungen blieben Sprache und Kultur über Jahrhunderte erhalten. Andere gingen wegen der Religionsfreiheit nach Amerika, besonders nach Pennsylvania. Für das 18. Jahrhundert werden ungefähr 200.000 Auswanderer aus Deutschland nach Amerika angenommen.

Massenauswanderung, Überfahrt und Ausbeutung

Im deutschsprachigen Raum erreichte die um 1820 einsetzende Auswanderung im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Eine erste große Welle entstand 1816 und 1817. Der Vulkan Tambora hatte im April 1815 große Mengen Asche in die Atmosphäre geschleudert. Dadurch waren die Sommer 1815 und 1816 auf der Nordhalbkugel extrem nass und kalt; zwei Ernten fielen aus. Viele Menschen aus Südwestdeutschland fuhren über die Donau nach Südrussland, unter anderem nach Bessarabien, in die Umgebung von Odessa und nach Tiflis. Ein kleinerer Teil zog in die USA.

Die größte Massenauswanderung des Jahrhunderts folgte zwischen 1845 und 1865. Pauperismus, also massenhafte Armut, und eine anhaltende Wirtschaftskrise trieben Menschen fast ausschließlich in die Vereinigten Staaten. Die Erschließung und Besiedlung von Land ging dort mit der Bekämpfung und Vertreibung indigener Völker einher. Seit 1848 verstärkte der kalifornische Goldrausch die Anziehungskraft. Nach der gescheiterten Märzrevolution emigrierten auch politisch Verfolgte, die sogenannten Achtundvierziger oder Forty-Eighters. Die Paulskirchenverfassung von 1849 sah Freizügigkeit im Bundesgebiet und Auswanderungsfreiheit vor, trat jedoch nicht in Kraft. Friedrich Naumann gab 1916 die Zahl der zwischen 1821 und 1912 in die USA Ausgewanderten mit 5,45 Millionen an. Bis zum Ersten Weltkrieg gingen außerdem schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Deutsche in die australischen Kolonien. Nach 1880 folgte eine weitere, schwächere Welle in die USA.

Auswanderer konnten Opfer organisierter Täuschung werden. In Auschwitz betrieben die Hapag-Agenten Jacob Klausner und Simon Herz eine Agentur, die 1889/90 wegen fortgesetzten Betrugs untersucht wurde. Berichten zufolge bestachen sie Beamte und Polizisten, täuschten amtliche Verbindungen vor und zwangen Reisende teilweise, andere Fahrkarten verfallen zu lassen und Hapag-Passagen zu kaufen. Die Agentur schloss Ende der 1880er Jahre jährlich Verträge mit etwa 12.400 Menschen. Analphabetismus, Angst vor Behörden und verbreitete Korruption erleichterten den Betrug. Zum Schutz von Auswanderern entstand unter anderem der am 13. September 1871 gegründete Verein zum Schutze Katholischer Auswanderer, heute Raphaels-Werk.

Die hygienischen Bedingungen auf frühen Auswandererschiffen waren schlecht. Auf dem Segelschiff „Bremen“ lebten etwa 400 Menschen im Zwischendeck; Kranke konnten nicht von Gesunden getrennt werden. Enge, Feuchtigkeit, Abfälle, fehlende Reinigung und sanitäre Anlagen förderten Krankheiten. 1854 standen dort nur Eimer zur Verfügung. Desinfektionsmittel gab es noch nicht; Schiffe wurden mit Wacholderbeeren, Essig oder Schwefel ausgeräuchert. Bremen und Hamburg schrieben 1870 die Trennung kranker und gesunder Reisender vor. Dampfschiffe, Schiffsärzte und Behandlungsräume verbesserten die Lage. Die „Lahn“ besaß 1887 bereits WCs und Gruppenwaschräume; auf der „Columbus“ gab es 1929 auch in der dritten Klasse Mehrbettkabinen mit Waschmöglichkeiten.

Vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Nach dem Ersten Weltkrieg wanderten während der Inflation Gruppen nach Argentinien und Südbrasilien aus. Dort entstanden deutschsprachige Siedlungen. Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 zwangen Judenverfolgung und die Unterdrückung der politischen Opposition viele Menschen zur Emigration. Rund 2.000 deutschsprachige Filmschaffende verließen während der NS-Zeit ihre Heimat; Hollywood gewann dadurch Produzenten, Regisseure und Schauspieler. Auch Wissenschaftler, Schriftsteller und Politiker wie Albert Einstein, Thomas Mann, Bertolt Brecht und Willy Brandt emigrierten. Etwa 10.000 Emigranten aus Deutschland und Österreich dienten im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee und kämpften gegen das NS-Regime.

Nach 1945 kehrten einzelne Emigranten zurück, wurden in Westdeutschland aber teilweise angefeindet. Andere lehnten eine Rückkehr ab. Zugleich flohen Täter des NS-Regimes über sogenannte Rattenlinien vor der Strafverfolgung. Bis zum Sommer 1949 behinderten politische Beschränkungen die Auswanderung aus Deutschland. Danach gingen viele Menschen wegen der wirtschaftlichen Not nach Australien oder Südamerika. Für Wissenschaftler kamen bis 1955 alliierte Forschungseinschränkungen hinzu.

Zwischen 1945 und 1990 verließen mehrere Millionen Menschen die Sowjetische Besatzungszone und die DDR, überwiegend aus Ablehnung des sozialistischen Gesellschaftsmodells und mit dem Ziel Westdeutschland. Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 stoppte die Massenflucht. Ab Sommer 1989 nahm sie erneut stark zu und beschleunigte den Zusammenbruch der DDR.

Auch andere europäische Länder erlebten große Wanderungen. Aus Österreich gingen bis 1923 schätzungsweise 40.000 Burgenländer in die USA; manche Dörfer verloren mehr als 10 Prozent ihrer Bevölkerung. Schweden wuchs zwischen 1815 und 1850 von 2,5 auf 3,5 Millionen Einwohner. Die 1840 einsetzende Auswanderung erreichte in den 1880er Jahren ihren Höhepunkt; bis 1930 verließen mehr als 1,2 Millionen Schweden das Land. Aus der Tschechoslowakei flohen gefährdete Menschen vor und während der deutschen Besatzung. Nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 gingen bis 1989 etwa eine halbe Million Tschechen und Slowaken in den Westen, darunter 60.000 unmittelbar nach dem Umsturz und etwa 245.000 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968.

Starke und anhaltende Auswanderung kann bei niedriger Geburtenrate Bevölkerungsschwund und Alterung verstärken; der Artikel nennt Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Serbien. Für Deutschland weisen die Zahlen je nach Jahr und Erhebungsmethode deutliche Unterschiede auf. 2009 wanderten unabhängig von der Staatsangehörigkeit 734.000 Menschen aus Deutschland aus und 721.000 ein. Für 2015 wurden 138.273 ausgewanderte Deutsche gezählt. Seit 2016 gelten alle abgemeldeten Deutschen, die nirgendwo sonst in Deutschland erfasst sind, statistisch als Auswanderer. Dadurch wurden 2016 281.411 Fälle erfasst; nach der früheren Methode wären es etwa 131.000 gewesen. 2017 wanderten 249.000 Deutsche aus. Museen in Bremerhaven, Hamburg, Oberalben, Ulm und Cuxhaven dokumentieren verschiedene Epochen und Regionen dieser Auswanderungsgeschichte.

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