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Demografischer Übergang

Das Modell des demografischen Übergangs ist im wissenschaftlichen Sinn keine Theorie, sondern eine modellhafte Beschreibung der Bevölkerungsentwicklung. Es geht …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Vier Phasen
  3. 3. Fünf Phasen
  4. 4. Unterschiedliche Verläufe
  5. 5. Modell und Theorie

Grundidee und Bedeutung

Der demografische Übergang, auch demografische Transformation genannt, beschreibt in der Demografie einen typischen Verlauf der Bevölkerungsentwicklung von Staaten oder Gesellschaften. Dabei sinkt zuerst die Sterberate, also die Zahl der Sterbefälle im Verhältnis zur Bevölkerung, und danach zeitlich versetzt die Geburtenrate, also die Zahl der Geburten im Verhältnis zur Bevölkerung. Der Begriff unterscheidet sich vom allgemeineren demografischen Wandel, der jede Veränderung der Bevölkerungsstruktur bezeichnen kann.

Vor dem demografischen Übergang standen in vormodernen Gesellschaften hohe Geburtenzahlen und hohe Sterbefälle insgesamt ungefähr im Gleichgewicht. Es gab Zeiten mit Geburtenüberschuss und Zeiten mit hoher Sterblichkeit, zum Beispiel durch Seuchen. Zwischen 10 000 v. Chr. und 1750 n. Chr. lag das Bevölkerungswachstum bei etwa 0,2 % pro Jahr. Mit der Industrialisierung änderten sich die demografischen Strukturen deutlich, und die Bevölkerung wuchs stärker.

Das Modell ist im wissenschaftlichen Sinn keine Theorie, sondern zunächst eine modellhafte Beschreibung der Bevölkerungsentwicklung. Erste Ansätze stammen von Warren S. Thompson (1929) und Frank W. Notestein (1945). Verwendet wird es vor allem zur idealtypischen Beschreibung der Veränderungen von Mortalität, also Sterblichkeit, und Fertilität, also Geburtenverhalten, in westlichen Industrieländern wie England und Schweden, zur Einordnung verschiedener Länder nach ihrem Stand in der demografischen Entwicklung und zur Untersuchung der Ursachen des Transformationsprozesses.

Vier Phasen

Das ursprüngliche Modell teilt den demografischen Übergang in vier Phasen ein.

In Phase I, „high stationary“, schwanken Geburten- und Sterberate stark, liegen aber beide auf hohem Niveau dicht beieinander. Dadurch gibt es kein wesentliches Bevölkerungswachstum, aber einen hohen demografischen Umsatz, also viele Geburten und Sterbefälle.

In Phase II, „early expanding“, sinkt die Sterberate, während die Geburtenrate ungefähr gleich hoch bleibt. Dadurch öffnet sich die Bevölkerungsschere: Es entsteht ein Geburtenüberschuss, der laufend größer wird.

In Phase III, „late expanding“, schließt sich diese Schere wieder. Die Geburtenrate sinkt, bald sogar schneller als die Sterberate. Der Geburtenüberschuss nimmt deshalb laufend ab.

In Phase IV, „low stationary“, liegen Geburten- und Sterberate auf niedrigem Niveau eng beieinander. Es gibt wieder kein wesentliches Bevölkerungswachstum, diesmal aber bei niedrigem demografischem Umsatz. Als Sonderform kann die Sterberate die Geburtenrate übersteigen; dann nimmt die Bevölkerung ab.

Für westliche Staaten wie Westeuropa und Nordamerika wird grob folgende zeitliche Einteilung genannt: Phase I bis etwa 1840, Phase II von 1840 bis 1910, Phase III von 1910 bis 1980/90 mit starken Schwankungen durch die beiden Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise und den Babyboom, Phase IV seit den 1980er Jahren bis heute. Wegen niedriger Fruchtbarkeitsraten, genannt werden Werte zwischen 1,21 in Spanien und Singapur und 2,0 in Irland und den USA, kann geringes Bevölkerungswachstum dort nur noch durch Einwanderung erhalten werden.

Fünf Phasen

In neueren Arbeiten, etwa seit den 1970er Jahren, wird häufig ein 5-Phasen-Modell verwendet.

Phase I ist die prätransformative oder Vorbereitungsphase der Agrargesellschaft. Geburten- und Sterberaten sind hoch und unterscheiden sich kaum. Die Sterberate kann stark schwanken und durch Krankheiten, Seuchen, Hungersnöte oder Kriege zeitweise über der Geburtenrate liegen. Das Bevölkerungswachstum ist sehr gering.

Phase II ist die frühtransformative oder Einleitungsphase der frühindustriellen Gesellschaft. Die Geburtenrate bleibt konstant hoch und kann wegen des verbesserten Gesundheitszustands von Frauen sogar leicht steigen. Die Sterberate sinkt langsam und meist ungleichmäßig, parallel zum epidemiologischen Übergang, also dem Wandel von Krankheits- und Todesursachen. Die Bevölkerungsschere öffnet sich. Mehr Menschen im Erwerbsalter und ein geringerer Abhängigenquotient können wirtschaftliches Wachstum ermöglichen; dies wird demografische Dividende genannt.

Phase III ist die mitteltransformative oder Umschwungphase. Durch bessere Lebensumstände, Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung fällt die Sterberate auf ein sehr niedriges Niveau. Die Geburtenrate sinkt langsam, weil sich das generative Verhalten, also das Verhalten in Bezug auf Kinderzahl und Familiengründung, verändert. Früher wurden mehr Kinder für die Altersversorgung gebraucht, auch weil man wegen hoher Sterblichkeit davon ausging, dass etwa 50 % sterben. Sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit führt zu einem Umdenken: Weniger Kinder reichen aus, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben, und zugleich sinken Aufwand und Kosten für Betreuung und Versorgung von Kindern im Alter von ca. 0–15 Jahren. In dieser Phase erreicht das Bevölkerungswachstum seinen höchsten Stand. Häufig öffnet sich das demografische Fenster: Der Großteil der Bevölkerung ist zwischen 15 und 65 Jahre alt, also arbeitsfähig. Dieser Anteil ist größer als der Jugendsockel von 0 bis 15 Jahren und der Rentensockel ab 65 Jahren. Dadurch gibt es mehr Menschen, die wirtschaftlich etwas erwirtschaften, als Menschen, die versorgt werden müssen, was meist zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führt.

Phase IV ist die spättransformative oder Einlenkungsphase der Industriegesellschaft. Die Sterberate sinkt kaum noch, die Geburtenrate nimmt dagegen durch Empfängnisverhütung stark ab. Das Bevölkerungswachstum geht zurück, und die Bevölkerungsschere schließt sich.

Phase V ist die posttransformative oder ausklingende Phase der postindustriellen Gesellschaft. Geburten- und Sterberate sind stabil und niedrig. Das Bevölkerungswachstum ist gering und schwankt kaum.

Unterschiedliche Verläufe

Der tatsächlich beobachtete demografische Übergang verlief nicht in allen europäischen Ländern gleich. In England begann er früh und dauerte etwa 200 Jahre. In den Niederlanden dauerte er etwa 90 Jahre, in Deutschland etwa 70 Jahre.

Auch die Ausprägung der Bevölkerungsschere unterscheidet sich. Frankreich ist eine wichtige Ausnahme: Dort gingen Sterbe- und Geburtenrate fast gleichzeitig zurück. Deshalb kam es im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht zu einem starken Bevölkerungszuwachs durch eine große Öffnung der Schere.

Um solche Unterschiede darzustellen, wurde in den 1980er Jahren das variable Modell des demografischen Übergangs entwickelt. Es arbeitet mit verschiedenen Kurven der Geburtenrate, bezeichnet als g1, g2 und g3, und der Sterberate, bezeichnet als s1, s2 und s3. Diese Kurven haben unterschiedliche Neigungen und können verschiedene Transformationsprozesse abbilden. Der französische Übergang wird durch eng beieinanderliegende Kurven dargestellt, nämlich s1 und g1. In Deutschland liegen die Kurven weiter auseinander, entsprechend s2 und g2. Für Staaten der Dritten Welt können weit auseinanderliegende Kurven verwendet werden, also s3 und g3.

Das variable Modell macht den demografischen Übergang flexibler beschreibbar. Es erlaubt, Staaten nach ihrem Stand im Prozess des demografischen Übergangs und nach der Art ihres Verlaufs zu klassifizieren und zu typisieren.

Modell und Theorie

Ein Modell beschreibt im Grundsatz nachträglich beobachtete Entwicklungen. Wird der demografische Übergang dagegen als Theorie verstanden, bedeutet das die Behauptung, dass die einzelnen Phasen gesetzmäßig so ablaufen, wie das Modell sie beschreibt. Dann kann das Modell auch zur Prognose der Bevölkerungsentwicklung einzelner Staaten verwendet werden. Nach dem Artikel hat sich dafür das variable Modell als am besten geeignet gezeigt.

Gegen eine solche Theorie des demografischen Übergangs gibt es mehrere Kritikpunkte. Erstens sei sie kulturspezifisch, weil sie auf westlichen generativen Verhaltensmustern beruhe. Zweitens würden bestimmende Faktoren nicht ausreichend erklärt; das generative Verhalten sei nur bedingt mit Modernisierungsprozessen verbunden. Drittens habe die Theorie nur geringen Prognosewert, weil sie im Wesentlichen nur vorhersage, dass die Geburtenrate irgendwann nach der Sterberate sinkt. Viertens sei die Entwicklung nicht abgeschlossen, da es in den Industrieländern keine Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung gebe; dies wird als sogenannter zweiter demografischer Übergang bezeichnet.

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