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Kinderarmut in den Industrieländern
Arme Kinder verunglücken häufiger als nichtarme Kinder. Sie haben doppelt so häufig Verkehrsunfälle und Verbrühungen wie Kinder aus wohlhabenden Familien.
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Begriff und Messung
Kinderarmut bezeichnet die Armut von Personen in einem festgelegten Altersrahmen, meist von der Geburt bis zum 18. Geburtstag. In Industrieländern geht es selten um existenzgefährdende absolute Armut, sondern meist um materielle, relative Armut. Kinder gelten dann als arm, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen unter einer relativen Armutsgrenze liegt. Diese Grenze wird häufig bei 50 % oder 60 % des Medians des gewichteten Nettoäquivalenzeinkommens eines Landes angesetzt.
Die Berechnung ist umstritten, weil jede Definition normative Entscheidungen enthält. Wichtig ist die Äquivalenzskala: Sie legt fest, wie stark Erwachsene, Jugendliche und Kinder im Haushalt bei der Berechnung des Bedarfs gewichtet werden. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2001 nennt die „Alte OECD-Skala“ mit Gewicht 1 für die erste Person, 0,7 für weitere Haushaltsmitglieder ab 15 Jahren und 0,5 für Jugendliche unter 15 Jahren. Die „Neue OECD-Skala“ setzt 1, 0,5 und 0,3 an. Dadurch fällt die Gewichtung von Kindern niedriger aus, was kritisiert wird. Andere Studien zählen Kinder als arm, wenn ihre Haushalte auf Sozialleistungen angewiesen sind. Wegen dieser unterschiedlichen Verfahren sind Armutsquoten verschiedener Länder nur eingeschränkt vergleichbar.
Verbreitung und historische Entwicklung
Nach einer UNICEF-Studie stieg die Zahl der in Armut lebenden Kinder zwischen 1995 und 2005 in 17 von 24 OECD-Staaten und sank in sieben. Besonders stark stieg sie in Polen (+4,3 %), Luxemburg (+4,1 %) und der Tschechischen Republik (+4,1 %), besonders stark sank sie in England (−3,1 %), den USA (−2,8 %) und Norwegen (−1,8 %). Deutschland lag mit +2,7 % über dem Durchschnitt. Skandinavische Länder zeigen, dass Kinderarmut durch soziale und steuerliche Maßnahmen beeinflusst werden kann.
Historisch hat sich Kinderarmut stark verändert. Seit der industriellen Revolution wurde sie als Teil der sozialen Frage verstanden. Um 1840 starben in Manchester 57 % der Arbeiterkinder vor dem fünften Lebensjahr; viele Arbeiterkinder mussten wegen niedriger Elternlöhne arbeiten. Seit Ende des 19. Jahrhunderts suchten Politik und Wissenschaft nach Gegenmitteln, etwa durch Sozialgesetze unter Otto von Bismarck. Nach Rückgängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit wieder zu starkem Hunger, Obdachlosigkeit und Armut. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts schien Armut in vielen Industriestaaten fast besiegt; in Deutschland sprach Helmut Schelsky von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Seit den 1960er Jahren nahm Kinderarmut jedoch wieder zu. 1965 war in Deutschland nur jedes 75. Kind unter sieben Jahren auf Sozialhilfe angewiesen. Heute zeigt sich Kinderarmut eher als relative Armut: eingeschränkte materielle Grundversorgung, geringere soziale Teilhabe, schlechtere Gesundheit und verminderte Bildungschancen.
Folgen für Gesundheit, Bildung und Lebenswege
Kinderarmut kann die Entwicklung von Kindern belasten, aber nicht jedes arme Kind ist gleichermaßen betroffen. Entscheidend ist, ob mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, etwa niedrige Bildung der Eltern, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen der Eltern oder Diskriminierung. Schutzfaktoren wie eine enge Bindung an eine Bezugsperson, Unterstützung im Umfeld oder ein „positives Temperament“ können Folgen abschwächen. Roland Merten spricht von multipler Deprivation, wenn mehrere negative Einflüsse zusammenwirken.
Gesundheitlich wird Kinderarmut unter anderem mit Übergewicht, motorischen Störungen, lückenhaftem Impfschutz, chronischen Krankheiten, Drogenkonsum und Entwicklungsstörungen verbunden. In armen Wohnvierteln kommen Belastungen durch Autoabgase, Nikotin, Unfälle und schlechtere Wohnverhältnisse hinzu. Arme Kinder ernähren sich häufiger ungesund, etwa mit mehr Fleisch, Fast Food, Chips und Limonaden und weniger Obst, Gemüse und Vollkornbrot. Psychische Belastungen entstehen durch dauerhaften Druck und Stress.
Auch Bildung und kognitive Entwicklung sind betroffen. Kinder aus benachteiligten Wohnvierteln zeigen bei der Einschulung häufiger Defizite in Feinmotorik, Grobmotorik und Sprache. In Deutschland haben Kinder aus Familien, die lange in Armut leben, durchschnittlich einen um 9 Punkte geringeren IQ als Kinder aus nie verarmten Familien; bei kürzerer Armut beträgt der Unterschied 4 Punkte. Studien aus den USA fanden IQ-Unterschiede zwischen 6 und 13 Punkten, betonten aber Umweltfaktoren wie mangelnde Förderung, schlechte Ernährung und Schulen. Kritiker weisen darauf hin, dass Intelligenztests möglicherweise nicht alle Fähigkeiten armer Kinder erfassen.
Armut beeinflusst außerdem Lebenswege. Arme Jugendliche werden häufiger minderjährig Eltern; in Großbritannien bekommen in Armut lebende Teenager etwa zehnmal so häufig ein Kind wie wohlhabende Gleichaltrige. Arme Kinder und Jugendliche sind bei kriminellem und aggressivem Verhalten überrepräsentiert, wobei Ursachen und Werteorientierungen nicht eindeutig geklärt sind. Dennoch gibt es Gegenbeispiele: Berufstätigkeit der Eltern, hohe Elternbildung, stabile Familienwerte, starke Gemeinschaften und kulturelle Orientierung an Bildung können helfen, der Armutsfalle zu entkommen.
Deutschland und regionale Unterschiede
Für Deutschland nennt der Artikel mehrere, teils unterschiedliche Zahlen. Laut UNICEF lebten im Herbst 2011 etwa 14 % der Kinder in relativer Armut. Im Mai 2012 wurden rund 1,2 Millionen Kinder in relativer Armut genannt; Deutschland lag damit auf Platz 15 von 29 Industrienationen. Eurostat meldete 2014 rund 2,27 Millionen Kinder, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren. Im Mai 2016 war nach Daten der Bundesagentur für Arbeit etwa jedes siebte Kind von Hartz IV abhängig. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2020 bezeichnete Kinderarmut als „eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland“: 21,3 % beziehungsweise 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren seien von Armut bedroht.
Die AWO-Studie untersuchte Armut bei Kindern in mehreren Dimensionen, darunter materielle und finanzielle Armut, Bildungsbenachteiligung, geistige und kulturelle Armut, soziale Armut, fehlende Werte, seelische und psychische Armut, Vernachlässigung und ausländerspezifische Benachteiligung. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, Kinder aus Zuwandererfamilien und Kinder von Eltern ohne Schul- und Berufsabschluss. 42 % der Eltern armer Kinder haben keinen Beruf erlernt.
Die Unterschiede zwischen Regionen sind groß. Im Juni 2005 bezogen in Bayern 6,6 % der Kinder Sozialgeld, in Berlin 30,7 %. Noch stärker fallen Unterschiede zwischen Städten und Landkreisen aus: Bei Kindern bis 14 Jahren reichte die Sozialgeld-Dichte von 40,6 % in Görlitz und 38,6 % in Bremerhaven bis 0,29 % im Landkreis Ebersberg und 0,28 % im Landkreis Eichstätt. Ländliche Gemeinden weisen meist geringere Kinderarmut auf als größere Städte.
Als Ursachen werden unter anderem Familienstruktur, Staatsbürgerschaft, Ost-West-Unterschiede, Arbeitsmarkt, Steuer- und Sozialsystem genannt. Das Deutsche Kinderhilfswerk kritisiert, dass keine eigenständige Kindergrundsicherung vorgesehen sei. Christoph Butterwegge betont eine Verbindung von Kinderarmut und Mütterarmut. Die OECD verweist darauf, dass gute Betreuungsangebote Kinderarmut wirksamer vorbeugen könnten als reine Transfers und Steuernachlässe.
Internationale Beispiele
UNICEF untersuchte 2007 sechs Dimensionen von Kinderarmut und Wohlergehen: materielle Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen, Lebensweise und Risiken sowie Selbsteinschätzung der Kinder. Die Niederlande erreichten insgesamt den besten Rang und lagen in jeder Dimension unter den zehn besten Staaten. Großbritannien und die USA schnitten besonders schlecht ab. Ein direkter Zusammenhang zwischen Wohlergehen von Kindern und Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wurde nicht nachgewiesen.
In der Schweiz bezogen 2005 insgesamt 237.000 Personen, also 3,3 % der Bevölkerung, staatliche Unterstützung. Kinder und Jugendliche waren unter Sozialhilfebeziehenden mit 31 % überrepräsentiert. In Österreich führen vergleichsweise hohe Familienleistungen zu relativ geringer Kinderarmut, begünstigen aber auch längere Berufsausstiege vieler Frauen. In Frankreich lebten 1999 eine Million Kinder unter der Armutsgrenze von 590 Euro; UNICEF ermittelte 2005 einen Wert von 7,5 %. Besonders riskant war die Lage in Nordfrankreich, in Familien mit Eltern nichtfranzösischer Staatsangehörigkeit und in den Banlieues.
Großbritannien verzeichnete einen starken Anstieg: Der Anteil der Kinder in Haushalten mit weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens stieg von 12 % im Jahr 1979 auf 26 % 1995–1996 und sank 2003–2004 auf 21 %. Nach Abzug der Wohnungskosten stieg er von 14 % auf 35 % und sank auf 28 %. Unter Tony Blair sollte Kinderarmut bis 2005 um ein Viertel gesenkt, bis 2010 halbiert und bis 2020 beendet werden; das Ziel für 2005 wurde nicht erreicht. In Italien leben über 15 % der Kinder in relativer Armut, wobei familiäre Solidarität im Süden teilweise kompensierend wirkt.
In Osteuropa beschreibt UNICEF erhebliche Probleme. In Polen lebten Ende 2003 12 % der Bevölkerung in Armut, besonders Landbevölkerung, Kleinstädte im Norden und kinderreiche Familien; 42 % der kinderreichen Familien waren arm. In Rumänien lebten 2006 mehr als eine Million Kinder in Armut, 350.000 in extremer Armut. In den USA lagen 2004 37 Millionen Menschen, also 12,7 % der Bevölkerung, unter der Armutsgrenze. Bei Kindern sank die Quote nach Angaben einer Tabelle von 20,5 % 1996 auf 16,3 % 2001; afroamerikanische und hispanische Kinder waren deutlich stärker betroffen. Japan hatte mit 14 % eine Kinderarmut über dem OECD-Mittel, besonders bei erwerbstätigen Alleinerziehenden.
Gegenmaßnahmen und Bewertung
Gegen Kinderarmut werden Bildungsmaßnahmen, soziale Hilfen und familienpolitische Reformen diskutiert. Im Bildungsbereich werden mehr Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Horte, Sozialpädagogen, Schulpsychologen und betreute Freizeitangebote gefordert. Kompensatorische Erziehung soll Nachteile sozial schwacher Kinder ausgleichen. Das US-amerikanische Head-Start-Programm ist das weltweit umfangreichste Programm dieser Art. HIPPY stärkt Selbsthilfe, indem Migranteneltern mit ihren Kindern Deutsch üben. Bildungsgutscheine zeigten in US-Versuchen dagegen kaum signifikante Leistungssteigerungen. Weitere Vorschläge sind die stärkere Behandlung von Kinderarmut in der Lehrerausbildung, Career Academies und eine Mindestquote für Studierende aus bildungsfernen Schichten nach dem Vorbild der affirmative action.
Weitere Maßnahmen betreffen Kinderrechte, Transferleistungen und Arbeit. Kinderschutzorganisationen fordern die verfassungsmäßige Verankerung von Kinderrechten und die vollständige Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Diskutiert werden Kindergeld, Erziehungsgehalt, Elterngeld, zweckgebundene Beihilfen und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu zählen Ganztagsschulen, Betriebskindergärten und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle. Auch Suppenküchen, Volksküchen und Tafeln können akute materielle Not lindern.
Zur Wirksamkeit früher Hilfen nennt der Artikel vor allem amerikanische Befunde. Sie geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus, wenn Hilfen früh, intensiv und kontinuierlich ansetzen, die Familie kooperiert und Kinder Schutz, Sicherheit und verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen erhalten. Wichtig sind finanzielle, soziale und emotionale Unterstützung, konkrete Alltagshilfe und Beratung. Langfristige Wirkungen von Programmen wie Head Start hängen demnach auch davon ab, ob zugleich Familiensituation und Nachbarschaftsbeziehungen verbessert werden.