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Wirtschaftswachstum
Unter Wirtschaftswachstum wird allgemein in der Wirtschaft eine Zunahme der Wirtschaftsleistung (je Staat, Region oder weltweit) im Zeitablauf verstanden.
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Grundidee und Messung
Wirtschaftswachstum bedeutet die Zunahme der Wirtschaftsleistung eines Staates, einer Region oder der Welt im Zeitablauf. Meist wird es als prozentuale Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemessen, etwa monatlich, vierteljährlich oder jährlich. Die Wachstumsrate ist der Quotient aus der Änderung des Inlandsprodukts und dem Wert der Vorperiode.
Das BIP ist der Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft erbracht werden. Beim nominalen BIP-Wachstum wird die Wertschöpfung zu Marktpreisen bewertet. Preisänderungen durch Inflation oder Deflation beeinflussen deshalb das Ergebnis. Reales BIP-Wachstum ist um Preisveränderungen bereinigt und soll die tatsächliche Leistungsentwicklung der Wirtschaft zeigen.
Absolutes Wachstum bezeichnet die Veränderung des BIP gegenüber dem Vorjahr, relatives Wachstum die Wachstumsrate. In Deutschland stieg das bereinigte BIP pro Kopf Mitte der 1950er Jahre von etwa 5.000 Euro jährlich um rund 500 Euro pro Person; dies entsprach etwa 10 %. Anfang der 1990er Jahre lag es bei etwa 25.000 Euro, während die Rate auf 2 % sank. Der absolute Zuwachs blieb mit etwa 500 Euro gleich. Die Wirtschaftsleistung nahm damit eher linear als exponentiell zu.
Extensives Wachstum erhöht zwar das BIP, verbessert aber nicht zwingend die Güterversorgung je Einwohner, wenn die Bevölkerung schneller wächst. Intensives Wachstum liegt vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, also das BIP stärker wächst als die Bevölkerung. Bei schrumpfender Bevölkerung kann das BIP trotz steigender Arbeitsproduktivität sinken, während das Pro-Kopf-Einkommen wächst. Das BIP je Einwohner der Vereinigten Staaten war 2008 26 % höher als in Deutschland, das BIP je Arbeitsstunde aber nur 6 %.
Quantitatives Wachstum ist rein mengenmäßiges Wachstum oder der Versuch, wirtschaftliche, soziale und politische Probleme vor allem durch Wachstum zu lösen. Qualitatives Wachstum soll Lebensqualität durch bessere und vielfältigere Produkte und Dienstleistungen sowie Strukturwandel erhöhen, ohne die Umwelt übermäßig zu belasten.
Bedeutung für Politik, Beschäftigung und Wohlstand
Das reale BIP wurde als wichtiger Indikator für Konjunktur- und Geldpolitik entwickelt. Es zeigt die wirtschaftliche Leistung und damit die Fähigkeit eines Landes, materiellen Wohlstand zu schaffen. Das BIP pro Kopf wird häufig als Kennzahl für Wohlstand und Lebensqualität verwendet.
Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Wirtschaftswachstum ein Hauptziel staatlicher Wirtschaftspolitik. Eine größere Wirtschaftsleistung vergrößert die Verteilungsmasse und kann soziale Ziele erleichtern. In Deutschland gehört „stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum“ neben außenwirtschaftlichem Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und Preisniveaustabilität zum „magischen Viereck“ des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes von 1967 (§ 1 StabG). Wachstum ist damit auch ein Rechtsbegriff. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt der Europäischen Union fördert Wachstum ebenfalls ausdrücklich.
Benjamin M. Friedman betont besonders für Entwicklungsländer, Wachstum hebe den Lebensstandard und könne politische und soziale Reformen, wirtschaftliche Mobilität, Fairness, Toleranz und Demokratie stärken. Er verweist für die USA auf Zeiten der Stagnation oder Schrumpfung – die 1880er-, 1890er-, 1920er-Jahre und die Zeit nach der Ölkrise –, in denen negative Haltungen zu Immigration sowie rassistische und religiöse Vorurteile zunahmen, während Großzügigkeit gegenüber Armen und demokratische Stärke abnahmen.
Viele Ökonomen betrachten Wachstum als nötig, um Arbeitslosigkeit nicht steigen zu lassen oder zu senken. Die Beschäftigungsschwelle bezeichnet den Punkt, ab dem Wachstum neue Arbeitsplätze schafft. Rationalisierung kann Arbeitskräfte freisetzen; bei gleich bleibendem Arbeitsangebot muss die Wirtschaft wachsen, um dies auszugleichen. Das Okunsche Gesetz, das Arthur Melvin Okun empirisch untersuchte, beschreibt den Zusammenhang von Wachstum und Arbeitslosigkeit. Es lässt zugleich erwarten, dass die Arbeitskräftenachfrage bei starkem Wachstum wegen besserer Kapazitätsauslastung weniger als proportional wächst. Bei einer „jobless recovery“ oder „jobless growth“ erholt sich die Wirtschaft ohne neue Arbeitsplätze; als Erklärungen werden Automatisierung, Produktivitätssteigerungen und längere tatsächliche Arbeitszeiten genannt. Die Beschäftigungsschwelle lag in Deutschland seit 1990 längere Zeit bei etwa 2 % und sank 2005 auf 1 %. Nach den Hartz-Reformen erwarteten die meisten Ökonomen ein weiteres Sinken, weil auch unattraktive Niedriglohn- und prekäre Arbeit angenommen würde.
Wohlstand und Grenzen des BIP
Das BIP pro Kopf korreliert stark mit dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI). Der HDI berücksichtigt neben Einkommen auch Lebenserwartung und Bildung. Zwischen der realen Kaufkraft je Einwohner und den HDI-Indikatoren Lebenserwartung beziehungsweise Bildung besteht jeweils eine Korrelation um 0,8. Tendenziell verbessern sich Lebensbedingungen mit der Wirtschaftskraft eines Landes. Bis etwa 20.000 US-Dollar BIP pro Kopf besteht zwischen Ländern eine starke Korrelation von durchschnittlichem Einkommen und Zufriedenheit.
Ob weiteres Wachstum oberhalb einer bestimmten Schwelle die Lebensqualität noch verbessert, ist umstritten. Fred Hirsch diskutierte soziale Grenzen des Wachstums. Tibor Scitovsky sprach bei steigender Konsumhöhe und stagnierender Zufriedenheit von einer „joyless economy“. Richard Easterlins Easterlin-Paradox besagt, dass das Glücksempfinden nach Erfüllung grundlegender Bedürfnisse nicht weiter steigen müsse und das relative Einkommen im Vergleich zu anderen Bewohnern desselben Landes besonders wichtig sei. Wolfers und Stevenson widersprachen 2008: Ihre Vergleiche von Glück und Einkommen innerhalb von Gesellschaften, zwischen Ländern und im Zeitverlauf zeigten nur geringe Unterschiede. In Japan und Europa stieg die subjektive Zufriedenheit mit dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen; mehr Einkommenswachstum ging mit mehr Glückszuwachs einher. Richard G. Wilkinson und Kate Pickett betonten dagegen die Bedeutung ungleicher Einkommens- und Vermögensverteilung für gesellschaftliche Probleme.
Das BIP als alleiniger Wohlstandsmaßstab wird kritisiert, weil es unter anderem Einkommensverteilung, Hausarbeit, Ehrenamt, Qualität und Zugänglichkeit von Gesundheits- und Bildungssystem, Kriminalität, Suchterkrankungen, Umweltbelastungen und Folgekosten nicht angemessen erfasst. Auch dem Umweltschutz und der Gesundheit weist es keinen direkten Wert zu; Naturkapital kann es nicht danach bewerten, ob es aufgebaut, geschützt oder geschädigt wird. Kostenlose Informationen und Unterhaltung im Internet sowie unbezahlte Arbeit, etwa an freier Software, werden ebenfalls nicht erfasst. Als ergänzende Maße gibt es beispielsweise die W3-Indikatoren der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestags von 2011 bis 2013. Die Vereinten Nationen verwenden für qualitatives Wachstum den HDI.
Grünes Wachstum und Wachstumskritik
Innerhalb der OECD wird neben quantitativem stärker qualitatives Wachstum diskutiert: Wohlstand soll steigen, während Umweltbelastungen und der Verbrauch begrenzter Rohstoffe sinken. UNESCO und Vereinte Nationen nennen hierfür zusätzlich Kulturgutschutz, hochwertige Bildung, kulturelle Vielfalt und sozialen Zusammenhalt in bewaffneten Konflikten. Wachstum könne sich vom industriellen Sektor zu Dienstleistungen und Information verlagern; erschöpfliche Rohstoffe und Energieträger wie Erdöl könnten durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Recycling, Miniaturisierung und neue Produkte könnten Wachstum von der Nutzung natürlichen Kapitals und von der Natur als Senke entkoppeln. Befürworter verweisen auf Dienstleistungen, Umwelttechnik, Innovationen und menschliche Kreativität als Quelle von Ersatzmöglichkeiten bei Knappheiten.
Die Studienlage zur Entkopplung ist uneindeutig. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung für die Heinrich-Böll-Stiftung fand anhand von Daten aus 34 Ländern über ein Vierteljahrhundert einen signifikanten Trend zur Entkopplung von Wachstum, Verbrauch fossiler Energien und CO₂-Emissionen im Energiesektor. Eine Meta-Studie des European Environmental Bureau sah dagegen bislang keinen empirischen Beweis für eine Entkopplung von Umweltbelastung und Wachstum. Die wenigen gegenteiligen Untersuchungen seien methodisch mangelhaft, nur zeitlich und räumlich begrenzt oder auf einige kurzlebige Schadstoffe beschränkt.
Seit dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome wird diskutiert, ob unbegrenztes Wachstum möglich und sinnvoll ist. Eine Position sieht ökologische Grenzen: Rohstoffe, Energiequellen und die Aufnahmefähigkeit der Ökosysteme, die „planetaren Grenzen“, seien begrenzt. Deshalb sei eine stationäre Wirtschaft oder Schrumpfung erforderlich. Selbst grünes Wachstum müsse enden, wenn Umweltbelastung und Rohstoffverbrauch nicht ausreichend entkoppelt werden können. Soziale Probleme müssten dann anders gelöst werden als durch Wachstum.
Die starke politische Ausrichtung auf Wachstum wird teils als Fetisch, Heiliger Gral, Ideologie oder Wachstumsmanie bezeichnet. Gefordert wird eine Neuorientierung zu Genügsamkeit. Die These des Wachstumszwangs besagt, moderne Gesellschaften seien nur mit Wachstum stabil; ohne dieses drohten unkontrollierte Schrumpfung oder ein inakzeptabler Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wie solche Zwänge überwunden werden können, ist umstritten und reicht von Kulturkritik und sozialreformerischem oder ökologischem Linksliberalismus über Suffizienz und Selbstversorgung bis zu Kapitalismuskritik.
Wachstumstheorie und Produktionsfaktoren
Die Wachstumstheorie ist ein Teil der Volkswirtschaftslehre. Sie erklärt Ursachen des Wirtschaftswachstums und des Pro-Kopf-Einkommens mithilfe mathematischer Modelle. Zu den bekannten frühen Modellen zählen das 1939 beziehungsweise 1946 veröffentlichte Keynesianische Harrod-Domar-Modell, das 1956 veröffentlichte neoklassische Solow-Swan-Modell und das 1965 etablierte neoklassische Ramsey–Cass–Koopmans-Modell, dessen Grundideen bereits 1928 veröffentlicht wurden. Seit Mitte der 1980er Jahre entstanden endogene Wachstumsmodelle wie das AK-Modell.
Die neoklassische Wachstumstheorie führt Wachstum auf zunehmende Produktionsfaktoren zurück. Die Wachstumsbuchhaltung berechnet, welchen Beitrag einzelne Faktoren leisten. Die klassische Nationalökonomie unterschied Boden, Arbeit und Kapital; seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Boden meist dem Kapital zugerechnet. Kapital sind produzierte Vermögensgüter, die in der Produktion eingesetzt werden, beispielsweise Maschinen, Bürogebäude oder Humankapital. Es kann als Kapitalstock angesammelt werden und das Produktionspotenzial erhöhen.
Wie stark ein Faktor zum Wachstum beiträgt, hängt von seiner Produktionselastizität ab. Der Teil des Wachstums, der nicht durch mehr Produktionsfaktoren erklärt wird, heißt totale Faktorproduktivität und wird meist technischem Fortschritt zugeschrieben. Andere Ökonomen betonen Natur und Rohstoffe. Länder mit höherer Produktivität in den Jahren 1960–1965 hatten 1990 auch das größte Pro-Kopf-Einkommen. Forschung und Entwicklung soll die Produktivität erhöhen: Die USA, Frankreich, Deutschland, Japan und Großbritannien geben dafür 2 bis 3 Prozent ihres BIP aus.
Langfristiges Wachstum hängt außerdem stark von politischen, institutionellen und sozialen Rahmenbedingungen ab. Douglass North betont die Bedeutung von Institutionen für Sparen und Investieren. Robuste Eigentumsrechte, Schutz vor Enteignung und die Begrenzung des Zugriffs von Politikern und Eliten auf Eigentum korrelieren mit höheren Spar- und Investitionsquoten sowie höherem Wachstum. Wichtig sind auch Rechtssicherheit, wirksame Gerichte und Verwaltung, Schutz vor Korruption und Geldwäsche, Vertrags- und Registersicherheit, öffentliche Sicherheit und Forschung. Als weitere Schwerpunkte nennt der Artikel Währungs- und Finanzstabilität, robuste Banken, einen soliden Rechtsrahmen, Kapitalverkehrsliberalisierung mit Wechselkursflexibilität, effiziente Zahlungs- und Settlementsysteme sowie Standards und Kodizes. Politische Stabilität und Schutz geistigen Eigentums gelten besonders für innovative, IT- und Start-up-Unternehmen als bedeutsam.
Systemtheoretische Sicht
Die Systemtheorie betrachtet die Wirtschaft als funktionales System aus Elementen, die handeln und reagieren. Dabei werden Gesetzmäßigkeiten natürlicher Systeme auf Wirtschaftssysteme übertragen. Talcott Parsons und Niklas Luhmann beschäftigten sich mit diesem Ansatz.
Luhmann bezeichnet Wirtschaftswachstum als Wunschvorstellung. Die „unsichtbare Hand“ habe seit dem 18. Jahrhundert das Knappheitsparadox unsichtbar gemacht: Wirtschaft bestehe nicht vor allem darin, Menschen Zugang zu knappen Gütern zu verschaffen, sondern erzeuge und befriedige fortlaufend Bedürfnisse, die sie selbst in Gang halten. Die Vorstellung, Wachstum sei Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität, sei nach Luhmann eine Suggestion für Politik und Öffentlichkeit. Sie beruhe auf zeitlicher Asymmetrie: Gegenwärtig würden Ressourcen genutzt, für die kommende Generationen zahlen müssten. Wenn dies nicht mehr möglich sei, träten externe Kosten und ökologische Folgen hervor. Kurzfristiges Wachstum, das Lebensressourcen späterer Generationen übermäßig verknappt, könne gesellschaftliche Stabilität schwächen und Generationenkonflikte sowie existenzielle Probleme auslösen.
Frederic Vester beschreibt „normales Wachstum“ lebender Systeme als kurze Phase, die durch negative Rückkopplungsmechanismen begrenzt wird. Im anschließenden stationären Zustand können Umstrukturierungen stattfinden; danach kann möglicherweise erneut Wachstum ohne schädliche Folgen einsetzen. Wird diese Regulierung durch menschliches Fehlverhalten außer Kraft gesetzt, kann exponentielles Wachstum zwar erzwungen werden, aber abrupt abbrechen und zum Zusammenbruch des Systems führen. Eingriffe in eine Komponente können vielfältige, unbeabsichtigte und schwer vorhersehbare, auch irreversible Folgen haben. Dies könne bei modernen agrarischen Systemen mit zu hohen oder zu abrupten Anforderungen an die Ertragssteigerung auftreten. Traditionelle Agrarsysteme hätten sich dagegen kontinuierlich entwickelt und könnten deshalb eher systemgerecht mit natürlichem Wachstum umgehen.
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