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Demografie Deutschlands

Ergebnisse der 13. Bevölkerungsvorausberechnung · 2020 Variante 1: 81.434.000 statt 79.914.000 (1-W1) · 2020 Variante 2: 81.953.000 statt 80.437.000 (1-W2).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und aktuelle Lage
  2. 2. Geburten, Sterbefälle und Lebenserwartung
  3. 3. Migration und Bevölkerung mit Migrationshintergrund
  4. 4. Regionale Entwicklung und Binnenwanderung
  5. 5. Alterung und Vorausberechnungen
  6. 6. Demografische Politik und Deutungen

Grundlagen und aktuelle Lage

Die Demografie Deutschlands untersucht, wie sich die Bevölkerung in Deutschland zusammensetzt und verändert. Dabei werden natürliche Faktoren wie Geburten und Sterbefälle sowie künstliche oder gesellschaftliche Faktoren wie Zu- und Abwanderung betrachtet. Nach den neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes hatte Deutschland 83.555.478 Einwohner am 30. September 2023. Damit ist Deutschland nach Russland das zweitbevölkerungsreichste Land Europas und stand 2025 weltweit an 19. Stelle.

Ein zentrales Merkmal ist die niedrige Geburtenrate. Die zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer, also die durchschnittliche Zahl der Kinder je Frau, lag 2023 bei 1,35 und damit deutlich unter der Ersatzrate von 2,1 Kindern je Frau, die ohne Zuwanderung nötig wäre, um die Bevölkerung langfristig stabil zu halten. 2024 wurden nur 677.000 Geburten gezählt, der fünftniedrigste Wert seit der Wiedervereinigung; 2025 lag die Zahl nach vorläufiger Schätzung mit 654.300 Geburten auf dem niedrigsten Stand seit dem Nachkriegsjahr 1946. Bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit betrug die Geburtenrate 1,23, bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit 1,84. Seit 2017 sinken die Geburtenraten fast durchgehend, mit Ausnahme des Corona-Jahres 2021.

Seit 1972 gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr Sterbefälle als Geburten. Diese negative natürliche Bevölkerungsentwicklung nennt man Geburtendefizit oder Sterbeüberschuss. 2015 lag der Sterbeüberschuss bei 187.625 Personen, 2022 bei 327.522 und 2023 bei 334.897. Ohne Zuwanderung hätte Deutschland daher seit Jahrzehnten eine schrumpfende Bevölkerung. Migration hat den Rückgang und die Alterung der Bevölkerung bisher teilweise ausgeglichen.

Geburten, Sterbefälle und Lebenserwartung

In Westdeutschland sank die Zahl der Geburten seit Ende der 1960er Jahre stark; dies wird oft als „Pillenknick“ bezeichnet. In der DDR verlief die Entwicklung etwa drei Jahre später ähnlich, wobei die Geburtenraten im Osten ab 1969 höher waren als im Westen. Nach der Wiedervereinigung fiel die Geburtenrate in Ostdeutschland stark unter das Vorwendeniveau.

Die Geburtenzahlen schwankten stark: 2013 wurden 682.069 Kinder geboren, 2014 waren es 714.927, 2015 dann 737.575. Im Jahr 2015 lag die zusammengefasste Geburtenziffer Deutschlands bei 1,50 und damit unter dem Durchschnitt der Europäischen Union von 1,58. 2024 betrug sie 1,35 und 2025 nach den angegebenen Daten 1,32.

Frauen mit Migrationshintergrund bringen im Durchschnitt mehr Kinder zur Welt als in Deutschland geborene Frauen. Bei Frauen im Alter von 45 bis 54 Jahren im Jahr 2016 lag die durchschnittliche Kinderzahl insgesamt bei 1,6 Kindern je Frau; bei in Deutschland geborenen Frauen bei 1,5 und bei Zuwanderinnen bei 2,0. Bei Frauen mit höherer Bildung waren die Unterschiede klein, bei Frauen mit niedrigem Bildungsstand größer.

Die Sterbefälle lagen von den 1950er Jahren bis etwa 2020 meist zwischen 800.000 und 1.000.000 pro Jahr. Seit 2004 stiegen sie an; 2022 wurden 1.066.341 Sterbefälle gezählt. Die Lebenserwartung ist langfristig stark gestiegen: 1875 lag sie bei 38,5 Jahren, 1950–1955 bei 67,5 Jahren und 2015–2020 bei 81,1 Jahren. Laut Sterbetafel 2018/2020 des Statistischen Bundesamtes hatte ein neugeborenes Mädchen eine Lebenserwartung von 83,4 Jahren und ein neugeborener Junge von 78,6 Jahren. Die Entwicklung stagnierte damals wegen der außergewöhnlich hohen Sterbefallzahlen im November und Dezember 2020 während der zweiten Corona-Welle.

Migration und Bevölkerung mit Migrationshintergrund

Migration ist ein entscheidender Grund dafür, dass die Bevölkerung Deutschlands trotz Geburtendefizit nicht stärker geschrumpft ist. Bis zum frühen 20. Jahrhundert war Deutschland selbst ein starkes Auswanderungsland: Im 19. Jahrhundert wanderten etwa 5 Millionen Menschen aus dem Gebiet des Kaiserreichs in die USA aus, im 20. Jahrhundert über zwei Millionen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg überwog die Einwanderung. Etwa 14 Millionen ethnische Deutsche wurden aus den ehemaligen Ostprovinzen des Reiches und anderen Gebieten Osteuropas vertrieben; rund 12 Millionen gelangten in das heutige Deutschland. Nach 1950 kamen weitere 4,5 Millionen ethnische Deutsche aus Osteuropa zurück. In der Zeit des Wirtschaftswunders wurden wegen Arbeitskräftemangels Gastarbeiter aus Ländern wie der Türkei, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland angeworben. Viele blieben dauerhaft.

Weitere große Wanderungsbewegungen folgten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, während der Jugoslawienkriege, nach der EU-Osterweiterung 2011 und während der Flüchtlingsbewegung 2015/16. 2015 gab es 476.649 Asylsuchende, 2016 waren es 745.545. Im Jahr 2015 wanderten insgesamt etwa 2.136.954 Menschen nach Deutschland ein, während etwa 997.552 auswanderten; der positive Wanderungssaldo betrug 1.139.402. Besonders hohe Nettozuwanderung kam 2015 aus Syrien (+298.483), Rumänien (+92.346), Afghanistan (+79.572), Polen (+63.045) und Irak (+59.705). Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 verzeichnete Deutschland 2022 allein aus der Ukraine eine Nettozuwanderung von 962.000 Menschen.

2022 hatten 23,8 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, das waren 28,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei den unter 15-Jährigen lag der Anteil bei 41 Prozent, bei den 15- bis 49-Jährigen bei 36 Prozent und bei den über 50-Jährigen bei 19 Prozent. Fast die Hälfte der Zugewanderten oder ihrer Nachkommen sind inzwischen deutsche Staatsbürger, viele zusätzlich mit doppelter Staatsbürgerschaft. Die Zahl der Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft lag laut Ausländerzentralregister 2023 bei 13.895.865; die größten Gruppen stammten unter anderem aus der Türkei, der Ukraine, Syrien, Rumänien und Polen. Die Einbürgerungen erreichten im Jahr 2000 nach dem neuen Staatsangehörigkeitsgesetz 186.700 Personen, sanken danach lange tendenziell und lagen 2023 bei 200.095. Deutschlands Einbürgerungsquote lag 2021 mit 1,2 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 2,2 Prozent.

Regionale Entwicklung und Binnenwanderung

Die Bevölkerungsentwicklung unterscheidet sich regional stark. Nach der Wiedervereinigung verloren die ostdeutschen Bundesländer in den ersten 15 Jahren viele Einwohner durch Abwanderung, während westdeutsche Bundesländer insgesamt wuchsen. Von 1990 bis 31. Dezember 2003 verloren die ostdeutschen Bundesländer einschließlich Berlin 8,9 Prozent ihrer Bevölkerung. Besonders stark war der Rückgang in Sachsen-Anhalt mit −14,9 Prozent; Brandenburg konnte den Rückgang durch Zuzüge in die Umgebung Berlins teilweise begrenzen und verlor −2,5 Prozent. Die westdeutschen Bundesländer wuchsen seit 1990 um 8,4 Prozent, besonders Baden-Württemberg mit +11,2 Prozent.

Seit der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre hat sich der Ost-West-Gegensatz abgeschwächt. Trotzdem verlieren viele ländliche Regionen Ostdeutschlands weiter Einwohner, besonders wegen eines negativen Geburtensaldos und einer älteren Bevölkerung. Gleichzeitig wachsen städtische Räume, etwa München, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main, Berlin, Leipzig und Dresden. Teilweise wachsen auch die Umlandkreise großer Städte schneller als die Zentren selbst, wie im Fall Berlins.

Zwischen Ende 2019 und Ende 2022 nahm die Bevölkerung in den meisten kreisfreien Städten zu. Große Wachstumsräume waren Berlin, Hamburg, Frankfurt und München. Ländliche Regionen in den neuen Ländern verloren in drei Jahren bis zu 2,15 Prozent ihrer Bevölkerung, besonders periphere Teile Brandenburgs sowie ländliche Gebiete in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Auf Bundeslandebene wuchsen in diesem Zeitraum fast alle Länder; die größten Zuwächse gab es in Hamburg (+2,4 Prozent) und Berlin (+2,3 Prozent), Verluste in Sachsen-Anhalt (−0,4 Prozent) und Thüringen (−0,3 Prozent).

Binnenwanderung bedeutet Wanderung innerhalb Deutschlands. Ein wichtiger Auslöser war die Arbeitsplatzsuche nach dem Beitritt der DDR. Landflucht bezeichnet den Umzug vieler Menschen vom Land in Städte oder Ballungsräume. In Deutschland setzte sie seit etwa 1820 ein und trat seit 1990 in Ostdeutschland wieder stärker auf, etwa von Dörfern nach Leipzig, Dresden, Erfurt oder Jena. Stadtflucht ist das Gegenteil: In Westdeutschland zogen in den 1960er- und 1970er-Jahren viele Menschen ins Umland großer Städte, oft wegen Eigenheimen und Suburbanisierung.

Alterung und Vorausberechnungen

Die Altersstruktur Deutschlands hat sich deutlich verändert. Anfang des 20. Jahrhunderts entsprach sie eher einer klassischen Alterspyramide mit vielen jungen Menschen. Heute sind starke Jahrgänge in höheren Altersgruppen zu finden; wegen niedriger Geburtenraten und höherer Lebenserwartung ähnelt die Struktur eher einer „Urnenform“. Der Altenquotient, also das Verhältnis der Menschen im Rentenalter zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter, lag 2005 bei etwa 32. Für 2030 wurden etwa 49 beziehungsweise 51 erwartet, für 2050 56 beziehungsweise 63. Im Jahr 2015 lag das durchschnittliche Alter der Deutschen bei 44,2 Jahren.

Die Bevölkerungsanteile zeigen diese Alterung: 2005 waren 14,3 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt, 18,9 Prozent waren 65 Jahre oder älter. 2019 waren nur noch 12,9 Prozent unter 15 Jahre alt, aber 22,7 Prozent 65 Jahre oder älter. Zuwanderung schwächt die Alterung etwas ab, weil Migranten häufig jünger sind und im Durchschnitt eine höhere Geburtenrate haben.

Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes sind Modellrechnungen, keine sicheren Prognosen. Sie gehen vom aktuellen Altersaufbau aus und rechnen mit bestimmten Annahmen zu Geburten, Sterbefällen und Wanderung. Große unvorhersehbare Ereignisse wie Kriege oder Epidemien werden dabei nicht einbezogen. Deshalb sind die Ergebnisse unsicher: In früheren Vorausberechnungen unterschieden sich die erwarteten Bevölkerungszahlen für spätere Jahre um mehrere Millionen Menschen.

In vielen koordinierten Vorausberechnungen wurde für Deutschland bis 2050 oder 2060 ein Bevölkerungsrückgang erwartet. Die 12. koordinierte Vorausberechnung auf Basis 31. Dezember 2008 nannte für 2060 je nach Variante 64,651 Millionen bis 70,120 Millionen Einwohner. Spätere Berechnungen lagen wegen veränderter Annahmen und stärkerer Zuwanderung höher. Die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, definiert als 20 bis 64 Jahre, soll nach Berechnungen auf Basis 2013 von 49 Millionen im Jahr 2013 bis 2060 je nach Zuwanderung auf 34 bis 38 Millionen sinken. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft kam dagegen zu der Einschätzung, dass Deutschland wegen größerer Einwanderung weiter wachsen und 2035 rund 83,1 Millionen Menschen umfassen könnte.

Demografische Politik und Deutungen

Die Bundesregierung formulierte 2015 als Ziel ihrer Demografiepolitik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Wohlstand aller Generationen erhöhen und die Lebensqualität verbessern. Die Demografiestrategie von 2015 nennt vier zentrale Ansatzpunkte: wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand langfristig sichern, gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land unterstützen und die Handlungsfähigkeit des Staates sowie verlässliche soziale Sicherungssysteme erhalten.

Zur Umsetzung wurden Arbeitsgruppen genannt, unter anderem zu starken Familien, Jugend, gesundem Arbeiten, selbstbestimmtem Leben im Alter, Menschen mit Demenz, Regionen im demografischen Wandel, Fachkräftesicherung, ausländischem Arbeitskräftepotenzial, Bildungsbiografien und öffentlichem Dienst.

Kritisiert wurde, dass die Strategie stark auf wirtschaftliches Wachstum, Karriere und Fachkräfte ausgerichtet sei und Bevölkerungserhalt, Familie oder Kinder nicht ausreichend betone. Als kommunales Beispiel gilt Bielefeld: Die Stadt richtete 2004 als erste bundesdeutsche Kommune eine Stabsstelle Demographische Entwicklungsplanung ein. Das Bielefelder Konzept von 2006 verband demografische Ziele unter anderem mit Integration, Bildung, Familienpolitik, Wohnen, Gesundheit und Wirtschaft.

Auch wirtschaftliche Akteure bewerteten die Entwicklung. Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands beschrieb 2006 niedrige Geburtenraten und unzureichende ökonomische Zuwanderungsgewinne als prägend und betonte, Kinder seien für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft wichtig. Deutsche Bank Research nannte 2013 den Nachwuchsmangel als Risiko für den Mittelstand und verwies auf Fachkräftezuwanderung als mögliches Lösungsszenario. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, sagte im Dezember 2015 im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, er sehe ohne Zuwanderung „keine Lösung“ für die Überalterung der deutschen Gesellschaft.

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