Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Dekolonisation Afrikas
Die Phase der staatlichen Dekolonisation (auch Entkolonisierung genannt) setzte in Afrika im Gefolge des Zweiten Weltkriegs ein. Schon vorher hatte es …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Verlauf
Dekolonisation Afrikas bezeichnet die schrittweise staatlich-politische, wirtschaftliche und kulturelle Verselbständigung afrikanischer Kolonien. Die europäischen Kolonialmächte schieden dabei aus der direkten Führung aus. Die staatliche Entkolonisierung begann in Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945 waren Liberia, Äthiopien und Ägypten die drei unabhängigen Staaten Afrikas; bis 1960 stieg ihre Zahl auf 15. Im „Afrika-Jahr“ 1960 wurden weitere 17 Kolonien unabhängig, darunter Kongo und Nigeria. In den 1960er Jahren folgte vor allem Ostafrika, in den 1970er Jahren Mosambik, Angola und die Kapverdischen Inseln. Als letzter Schritt gelten die Siedlungskolonien im südlichen Afrika: Mit dem Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 war diese Phase abgeschlossen.
Die Machtübernahme durch indigene Gruppen verlief teils durch Verhandlungen, teils in Kriegen gegen die Kolonialmächte. Im Kalten Krieg unterstützten die Sowjetunion und China Unabhängigkeitsbewegungen in einigen Ländern, um den Einfluss der USA und Europas zurückzudrängen. Die formelle europäische Kolonialherrschaft endete zugleich mit der kolonialen Ära weltweit. Nach der Darstellung des Artikels ist Dekolonisierung jedoch politisch, wirtschaftlich und kulturell nicht vollständig abgeschlossen: Ehemalige Kolonien bleiben Rohstofflieferanten und -produzenten für den globalen Norden und in wirtschaftlicher Abhängigkeit. In der Wissenschaft gilt Dekolonisation deshalb nicht einfach als Bruch, sondern auch als Fortsetzung der Geschichte des Kolonialismus.
Gründe und Rahmenbedingungen
Als die europäische Wirtschaft in den 1950er Jahren wieder wuchs, wurde über die Unabhängigkeit afrikanischer Kolonien diskutiert. Eine zentrale Frage war ihre Rentabilität für die Mutterländer. Teilweise entschieden sich diese aus makroökonomischen Gründen zur Dekolonisation, weil sie ihre Kolonien nicht mehr finanzieren konnten und ein politischer Rückzug als günstiger galt.
Gleichzeitig bedrohte wachsender Nationalismus die europäischen Machthaber. Asiatische Unabhängigkeitsbewegungen, besonders in Indien, dienten als Vorbild. Langfristig erschienen weder eine militärische Sicherung der Herrschaft noch eine Umgestaltung der Kolonialreiche aussichtsreich. Hinzu kamen während des Krieges gegebene Versprechen größerer Selbstverwaltung, als Kolonialtruppen die europäischen Armeen verstärkten. Etwa ab 1950 wurden Staaten in die Unabhängigkeit entlassen. Häufig trugen lokale Eliten den Prozess: Sie arbeiteten in unteren Verwaltungsfunktionen, hatten aber kaum Aufstiegschancen. Bei der Machtübergabe versuchten die Kolonialherren dennoch, ihnen genehme Regierungen zu fördern oder einzusetzen, um Einfluss zu behalten.
Unterschiedliche Wege der Unabhängigkeit
Großbritannien erwog als erste Kolonialmacht eine weitgehende Dekolonisation. Es investierte zunächst in die Kolonien, führte Reformen ein, gewährte politische Mitspracherechte und indigenisierte die Verwaltung, unterdrückte aber zugleich nationale Befreiungsbewegungen. Trotz angestrebter Verhandlungen kam es zu Gewalt: Der Mau-Mau-Aufstand in Kenia wurde 1956 niedergeschlagen; die Wahlen in Nigeria 1951 verschärften regionale Konflikte. In Südrhodesien führten die einseitige Unabhängigkeit weißer Siedler und der Widerstand afrikanischer Nationalisten unter Robert Mugabe zu Eskalationen.
Die Goldküste, das heutige Ghana, wurde zum Vorbild weiterer Dekolonisationen, etwa in Botsuana, Mauritius, Nigeria, Sierra Leone und Uganda. Nach den Accra Riots führte die Convention People’s Party (CPP) unter Kwame Nkrumah die Unabhängigkeitsbewegung. Nkrumah wurde nach einem Generalstreik verhaftet. Die Verfassung von 1951 sah lokale Selbstregierung vor; die CPP gewann die ersten Wahlen, Nkrumah wurde freigelassen und später Premierminister. Nach einem zunächst abgelehnten Unabhängigkeitsgesuch und einem weiteren Wahlsieg der CPP entließ Großbritannien die Kolonie im März 1957 in die Unabhängigkeit. Die meisten ehemaligen britischen Kolonien wurden Mitglieder des Commonwealth of Nations.
Frankreich wollte seine Kolonien in der Französischen Union eng an sich binden. Nach dem Algerienkrieg rückte es 1962 endgültig von der Kolonialidee ab. Beim Referendum vom 28. September 1958 bevorzugte nach dem Artikel der überwiegende Teil der Bevölkerung französischer Kolonien eine weitere Anbindung an Frankreich gegenüber vollständiger Eigenständigkeit; zwei Jahre später war das französische Kolonialreich dennoch weitgehend beendet. Algerien blieb bis zum Sieg der FLN 1962 faktisch Kolonie. Die spätere Politik, als Françafrique bezeichnet, sollte über politischen Einfluss, Sicherheitsgarantien und französische Schutztruppen den Zugang zu Rohstoffen sichern. Der Artikel nennt Beteiligungen Frankreichs an Wahlfälschungen, Putschversuchen und geheimen Militäroperationen; seit der Jahrhundertwende sei die Politik widersprüchlich und mündete von 2020 bis 2023 in Militärputsche in acht Ländern.
Portugal lehnte die Unabhängigkeit von Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik sowie São Tomé und Príncipe zunächst ab. Aufstände ab 1960 führten zum Portugiesischen Kolonialkrieg. Portugal verbesserte zugleich die Lage der Afrikaner und machte sie zu portugiesischen Staatsbürgern. Guinea-Bissau erklärte 1973 seine Unabhängigkeit. Der durch den Krieg verursachte wirtschaftliche und menschliche Verschleiß trug zur Nelkenrevolution 1974 bei; danach beendete Portugal den Krieg und erkannte 1975 die Unabhängigkeit seiner afrikanischen Kolonien an. Spanien gab 1975 Äquatorialguinea und Westsahara auf; Westsahara wurde kurz darauf von Marokko okkupiert.
Treuhandgebiete und besondere Fälle
Die früheren deutschen Kolonien wurden nach dem Ersten Weltkrieg als Mandatsgebiete im Auftrag des Völkerbundes verwaltet. Rechtlich galten sie nicht mehr als Kolonien, in der Herrschaftspraxis bestand aber viel Kontinuität. Frankreich und Großbritannien teilten Kamerun und Togo; Großbritannien verwaltete Tanganjika, Belgien Ruanda-Urundi. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese und frühere italienische Kolonien UN-Treuhandgebiete. Die meisten erlangten um 1960 die Unabhängigkeit.
Südwestafrika war eine Ausnahme. Die Südafrikanische Union erkannte die UN-Treuhandschaft nicht an und wollte das Gebiet in Südafrika eingliedern. Unter internationalem Druck rückte sie davon ab. Als Namibia wurde Südwestafrika erst 1990 unabhängig, mit dem Ende des südafrikanischen Apartheidsregimes und auf Grundlage der Resolution 435 des UN-Sicherheitsrates von 1978.
Auch andere Fälle verdeutlichen unterschiedliche Ausgangslagen: Libyen war von 1943 bis 1949 britisch und französisch besetzt und wurde nach einem UN-Beschluss von 1949 unabhängig. Das Italienische Treuhandgebiet Somalia erhielt 1960 die Unabhängigkeit und vereinigte sich mit Somaliland zu Somalia. Im belgischen Kongo war die Bevölkerung bis 1960 von politischer Partizipation ausgeschlossen. Die ersten freien Wahlen mit über 100 Parteien führten zur Kongo-Krise; Patrice Lumumbas Mouvement National Congolais-Lumumba gewann nur 33 von 137 Mandaten, und seine zentralistischen Pläne begünstigten separatistische Tendenzen in Katanga.
Folgen und wichtige Daten
Die kolonial gezogenen Grenzen wurden meist zu Staatsgrenzen, obwohl sie bei der Eroberung willkürlich und ohne Rücksicht auf Stammes- oder Völkergrenzen entstanden waren. Da es zugleich häufig keinen an ein Gebiet gebundenen Volksbegriff gab und sich manche Ethnien erst in Unabhängigkeitsbewegungen ab 1940 formierten, wurden fast alle afrikanischen Staaten Vielvölkerstaaten. Dies legte nach dem Artikel einen Grund für verbreitete Instabilität; oft ist das Militär die einzige übergreifende Institution. Weil die Kolonialverwaltung die schwarze Bevölkerungsmehrheit meist von Selbstverwaltung ausschloss, fehlte zudem vielfach demokratische Erfahrung, was Diktaturen nach der Unabhängigkeit begünstigte.
Die Wirtschaft vieler Kolonien war auf Rohstoffexporte sowie Lebens- und Genussmittelexporte ausgerichtet; verarbeitendes Gewerbe wurde vernachlässigt. Nach der Unabhängigkeit änderte sich daran wenig. Viele Volkswirtschaften blieben Weltmarktpreisen ausgesetzt, die sie kaum beeinflussen konnten. Während der Ölkrise der 1970er Jahre sanken Nachfrage und Preise für Rohstoffe. Als weiteres Problem nennt der Artikel Tribalismus: Die Loyalität gilt häufig stärker der eigenen ethnischen Gruppe als der nationalen Gesamtgesellschaft.
Die Tabelle führt als frühe unabhängige Staaten Äthiopien (1137), Liberia (26. Juli 1846), Ägypten (28. Februar 1922) und Südafrika (11. Dezember 1931) auf. Ghana wurde am 6. März 1957 unabhängig. 1960 folgen unter anderem Kamerun, Togo, Kongo, Somalia, Benin, Niger, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Tschad, Senegal, Mali, Nigeria und Mauretanien. Weitere markante Daten sind Angola am 11. November 1975, Simbabwe am 18. April 1980, Namibia am 21. März 1990, Eritrea am 24. Mai 1993 und Südsudan am 9. Juli 2011. Für Westsahara nennt die Tabelle den 27. Februar 1976, bewertet ihren Status aber als unklar und das Gebiet als teils von Marokko besetzt.
Lernvideos zu Dekolonisation Afrikas
14:37
Blutiger Kampf: So endete die Kolonialzeit in Afrika
MrWissen2go Geschichte | Terra X · 588.210 Aufrufe
10:08
Die Kolonisierung Afrikas - Zusammenfassung auf einer Karte
Geo-Geschichte · 212.323 Aufrufe
59:55
Wie der Kolonialismus die Welt bis heute prägt | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
SRF Kultur Sternstunden · 43.534 Aufrufe