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Dekolonisation

Der Zweite Weltkrieg gab den Anstoß zu einer weltweiten Dekolonisierung, in der Indien (1947), Indonesien (1945) und später die britischen, portugiesischen und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und zeitlicher Rahmen
  2. 2. Dekolonisation in Asien
  3. 3. Dekolonisation in Afrika
  4. 4. Chronologie der Unabhängigkeit
  5. 5. Ergebnisse und Folgeentwicklungen
  6. 6. Filme zum Thema

Kernbegriff und zeitlicher Rahmen

Dekolonisation bezeichnet die Ablösungsprozesse, die zum Ende kolonialer Herrschaft führen. Dazu gehören außerdem die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die auf die staatliche Unabhängigkeit folgen. Es handelt sich daher nicht nur um die formale Gründung eines unabhängigen Staates, sondern um einen längerfristigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozess.

Im engeren Sinn setzte die weltweite Dekolonisierung vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Von den 1940er Jahren bis 2002 wurden 120 Kolonien und abhängige Territorien von den Kolonialmächten unabhängig. Der Zerfall der Sowjetunion führte 1991 zur Unabhängigkeit der Staaten Zentralasiens. Im weiteren Sinn begann Dekolonisation bereits früher, unter anderem mit dem Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten von Amerika von 1775 bis 1783 und mit der Unabhängigkeit der spanischen Kolonien auf dem amerikanischen Doppelkontinent von 1813 bis 1824.

Dekolonisation in Asien

Die Dekolonisation des 20. Jahrhunderts entwickelte sich zunächst in Asien und hatte ihre Wurzeln bereits in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Besonders wichtig war Britisch-Indien, aus dem die heutigen Staaten Indien, Pakistan und Bangladesch hervorgingen. Dort entstand früh eine Nationalbewegung, die sich zunehmend progressiv und antikolonial verstand. Der 1885 gegründete Indische Nationalkongress bildete ihre organisatorische Klammer und gewann in den 1920er Jahren an Einfluss. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Mahatma Gandhi zur charismatischen Leitfigur.

Die Bewegung war jedoch innerlich konfliktreich. Die hinduistische Nationalbewegung hatte kein tragfähiges Konzept für den Umgang mit anderen Religionen und der britischen Kolonialverwaltung. Ab Ende der 1920er Jahre verschärften sich die Spannungen. Die britische Verwaltung ging zunächst gegen die Bewegung vor und unterstützte später kooperationsbereite Fraktionen. Der Nationalkongress unterdrückte seinerseits Strömungen, die zu keinen Kompromissen mit den Briten bereit waren. Seine Intoleranz gegenüber Muslimen und der Personenkult um Gandhi nahmen zu.

In Südostasien konnten nationale Bewegungen an vorkoloniale Staatlichkeit anknüpfen und Religionen als Identifikationskerne nutzen. Zwischen 1920 und 1930 entwickelten sie sich in allen südostasiatischen Staaten von kleinen Gruppen Gebildeter zu größeren Organisationen. Zunächst arbeiteten sie meist mit den Kolonialbehörden zusammen. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte jedoch zu einer Radikalisierung mit Aufständen, Revolten, Parteigründungen und Kolonialkrisen. Während des Zweiten Weltkriegs förderte Japan mit panasiatischer Propaganda die Unabhängigkeitsbewegungen. Nach der japanischen Niederlage setzten diese den Widerstand fort. In Burma, Laos, Vietnam, Kambodscha und besonders Indonesien hinterließen die Japaner Waffen, mit denen sich die Unabhängigkeitskämpfer nach 1945 gegen die Rückkehr britischer, französischer und niederländischer Herrschaft wehrten.

Zentralasien war seit dem 18. Jahrhundert vom Russischen Zarenreich kolonisiert worden. Dort entstanden 1868 das Generalgouvernement Turkestan und 1882 das Generalgouvernement der Steppe. Das heutige Kasachstan wurde zu einer Siedlungskolonie europäischer Siedler, vor allem Russen und Ukrainern, in geringerer Zahl auch Deutschen. Ihr Bevölkerungsanteil überstieg zeitweise den der Kasachen. Nach der Gründung der Sowjetunion wurden in den 1920er Jahren eigenständige Sowjetrepubliken geschaffen. Turksprachen und Tadschikisch wurden neben Russisch zu Amtssprachen, während Russisch das öffentliche Leben dominierte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion erlangten Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit.

Georgien, Armenien und Aserbaidschan erlangten nach dem Ende der Zarenzeit 1918 kurzzeitig die Unabhängigkeit. Armenien und Aserbaidschan wurden 1920, Georgien 1921 von der Roten Armee besetzt und 1922 von der Sowjetunion annektiert. Ihre endgültige Unabhängigkeit erhielten sie erst 1991. Der Nordkaukasus blieb dagegen Bestandteil der Russischen Föderation. Unruhen führten dort zum Ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 und zum Zweiten Tschetschenienkrieg von 1999 bis 2009. Auch Sibirien, das seit dem 16. Jahrhundert von Russland kolonisiert worden war, gehört weiterhin zum russischen Staatsgebiet; dort bestehen Bestrebungen nach stärkerer Föderalisierung.

Dekolonisation in Afrika

In Afrika verlief die Entwicklung ähnlich wie in Asien, setzte aber später ein. Erst nach 1945 kam es zu einer stärkeren Politisierung und zur Bildung von Verbänden und Parteien. Die Führer traten teilweise traditionell auf, stützten sich aber auf westliche Ideologien. Afrikanische Eliten waren kleiner als die asiatischen und stärker in die Institutionen des Kolonialsystems eingebunden.

Eine frühe Nationalbewegung entstand ab 1947 in Ghana unter Kwame Nkrumah. Der britische Versuch, wie in Indien kooperationsbereite Kräfte einzubinden, stärkte Nkrumah gegenüber seinen inneren Gegnern. In Nigeria entstand dagegen keine gemeinsame Sammlungsbewegung. Dort konkurrierten verschiedene regionale Nationalismen, wie es für viele afrikanische Staaten typisch war. Stammesverbände bildeten sich vielfach erst während der Dekolonisation. Ausnahmen gab es dort, wo charismatische Persönlichkeiten wie in Ghana und Kenia wirkten oder europäische Ideologien wie in Tanganjika eine wichtige Rolle spielten.

Das Jahr 1960 gilt als Schlüsseljahr der Dekolonisation Afrikas und wird als „Afrikanisches Jahr“ bezeichnet, weil damals die meisten afrikanischen Staaten unabhängig wurden. In diesem Jahr erlangten unter anderem Madagaskar, Mauretanien, Mali, Niger, Tschad, die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, die Republik Kongo, Gabun, Kamerun, Nigeria, Togo, Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Senegal und Somalia die Unabhängigkeit. Die Entwicklung setzte sich danach mit Sierra Leone, Südafrika und Tanganjika 1961, Algerien, Uganda, Ruanda und Burundi 1962, Kenia 1963, Sambia und Malawi 1964, Gambia 1965, Botswana und Lesotho 1966, Swasiland beziehungsweise Eswatini 1968, Guinea-Bissau 1974 sowie Angola, Mosambik, Kap Verde, den Komoren und São Tomé und Príncipe 1975 fort. Namibia folgte 1990, der Südsudan 2011.

Chronologie der Unabhängigkeit

Die Chronologie zeigt, dass Dekolonisation in mehreren Wellen verlief. Zu den frühen Unabhängigkeiten gehören die Vereinigten Staaten 1776 von Großbritannien, Haiti 1804 von Frankreich sowie die Unabhängigkeiten spanischer Kolonien in Nord-, Mittel- und Südamerika zwischen 1810 und 1825. Dazu zählen Mexiko, Kolumbien, Paraguay, Venezuela, Argentinien, Chile, Ecuador, Peru, Costa Rica, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Bolivien und Uruguay. Brasilien wurde 1822 von Portugal unabhängig, El Salvador 1838 von der Zentralamerikanischen Konföderation und Liberia 1847 von den Vereinigten Staaten. Für Kuba nennt die Tabelle 1898 eine nominelle und 1902 eine faktische Unabhängigkeit; Panama wurde 1903 von Kolumbien unabhängig.

Die zweite große Welle begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Ägypten wurde 1922 vom Vereinigten Königreich unabhängig, die Philippinen 1946 von den Vereinigten Staaten, Indien 1947 vom Vereinigten Königreich, Burma und Ceylon 1948 sowie Indonesien und Laos 1949. Es folgten Libyen 1951, Kambodscha 1953, Vietnam 1954, Sudan, Marokko und Tunesien 1956, Ghana 1957 und Guinea 1958.

In den 1960er Jahren erlangten zahlreiche weitere Staaten die Unabhängigkeit. Dazu gehörten Kuwait 1961, Malaysia 1963, Singapur 1965, Guyana 1966, Äquatorialguinea 1968 und Mauritius 1968. In den 1970er Jahren folgten unter anderem Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate 1971, die Bahamas 1973, Suriname 1975, die Seychellen und die Westsahara 1976 sowie Dschibuti 1977. Simbabwe wurde 1980, Belize 1981, Kanada 1982, Australien, die Marshallinseln und Neuseeland 1986, Mikronesien 1991 und Palau 1994 unabhängig. Ost-Timor wird für 2002, der Südsudan für 2011 aufgeführt.

Der Artikel nennt im Überblick Indonesien mit 1945, während die Chronologie Indonesiens Unabhängigkeit von den Niederlanden mit 1949 angibt. Die Tabelle reicht außerdem über den im Überblick genannten Zeitraum bis 2002 hinaus, da sie auch den Südsudan 2011 aufführt.

Ergebnisse und Folgeentwicklungen

In den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 50 Kolonien formal unabhängig. Während des Krieges konnten die Kolonialmächte ihre Herrschaft finanziell, politisch und militärisch nicht mehr vollständig sichern. Außerdem hatten sie einheimischen Truppen für ihre Kriegsbeteiligung größere Selbstbestimmung als eine Art „Belohnung“ versprochen.

Die wichtigsten sozialen Träger der Entkolonialisierung waren lokale Eliten, die untere Funktionen in der Kolonialverwaltung ausübten und wegen fehlender Aufstiegsmöglichkeiten unzufrieden waren. Besonders folgenreich war die Grenzziehung in Afrika, die ethnische Siedlungsräume nicht berücksichtigte. Dadurch wurden in vielen Staaten unterschiedliche ethnische Gruppen zusammengefasst und einzelne Gruppen auf mehrere Staaten verteilt. Diese Zersplitterung trug zu ethnischen Konflikten bei, die vielfach bis heute andauern.

Nach dem Rückzug der Kolonialmächte kam es in vielen ehemaligen Kolonien zu heftigen, oft kriegerischen Konflikten innerhalb der Nationalbewegungen oder zwischen verschiedenen Ethnien. Bei charismatischen Führern entstand häufig ein Personenkult. Staat und Führungspersonal wurden meist nicht ausreichend institutionell getrennt. Anfangs bestehende Mehrparteiensysteme verwandelten sich oft in Einparteienherrschaften, die einen Alleinherrscher stützten. Ein besonders wichtiger Machtfaktor war das Militär, das sich auf ein europäisch ausgebildetes Offizierskorps stützte und häufig von einer bestimmten Ethnie dominiert wurde.

Politische, soziokulturelle und wirtschaftliche Bindungen an die frühere Kolonialmacht blieben vielfach bestehen. Ehemalige Kolonialmächte beanspruchten weiterhin ein besonderes Mitspracherecht auf internationaler Ebene. Viele ehemalige Kolonien blieben als sogenannte Entwicklungsländer von der früheren Kolonialmacht abhängig. Deshalb bestehen bis heute Auseinandersetzungen über das Zusammenleben, Heimat- und Identitätsgefühle, Nationalismus, Migration und Tourismus, neue Sklaverei sowie Rohstoffe für die digitale Zukunft.

Filme zum Thema

Der Artikel nennt als filmische Zugänge unter anderem den dreiteiligen Dokumentarfilm „Entkolonisieren“ von Karim Miské und Marc Ball, der 2019 für Arte in Frankreich entstand, sowie mehrere Spielfilme und historische Filmdramen zur Dekolonisation, darunter „Die 317. Sektion“, „Flucht aus der Hölle“ (1960), „Das schwarze Bataillon“, „Geschwader Fledermaus“, „Non oder Der vergängliche Ruhm der Herrschaft“, „Ein portugiesischer Abschied“, „Schlacht um Algier“ und „Kanonenboot am Yangtse-Kiang“.

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