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Kolonialmacht
Ein Land wird zur Kolonialmacht, wenn es über Kolonien herrscht, also Regionen außerhalb seiner Landesgrenzen regiert. Kolonialmacht kann nur ein …
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Begriff und Abgrenzung
Eine Kolonialmacht ist ein Territorialstaat, der Kolonien beherrscht, also Regionen außerhalb seiner eigenen Landesgrenzen regiert. Staaten, deren Herrschaft auf einem Gefolgschaftssystem beruht, gelten dagegen nicht als Kolonialmächte; sie können höchstens Tributländer besitzen. Ein Tributland ist einem anderen Staat zu Abgaben oder Leistungen verpflichtet, wird aber nicht notwendigerweise als Kolonie regiert.
Frühe Formen von Kolonialherrschaft
Schon Griechen und Phönizier gründeten zahlreiche Pflanzstädte am Mittelmeer und am Schwarzen Meer. Diese Gründungen gehören zur Griechischen Kolonisation. Als erste Kolonialmacht der Geschichte gilt das Imperium Romanum; zugleich wird es als klassisches Beispiel eines Weltreichs angesehen.
Handelsreiche im Mittelalter
Im Mittelalter verfügten die Stadtrepubliken Genua und Venedig über ausgedehnte Handelsreiche. Ihre Stützpunkte lagen im Mittelmeerraum und am Schwarzen Meer. Norwegen besaß ein kolonialähnliches Reich auf den Britischen Inseln sowie in Grönland, Island und auf den Färöern.
Kolonialismus und Imperialismus der Neuzeit
Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 begann ein Zeitalter des Kolonialismus, das im 20. Jahrhundert endete. Spanische und portugiesische Seefahrer unternahmen im Auftrag ihrer Könige Entdeckungs- und später Eroberungsfahrten. Sie eroberten große Teile des amerikanischen Kontinents.
Imperialismus bezeichnet die weltweite Ausdehnung von Herrschaftsgebieten auf Übersee-Territorien, die vor allem europäische Groß- und Mittelmächte zwischen etwa 1870 und 1914 betrieben. Der Hochimperialismus wurde von einem Frühimperialismus vorbereitet, dessen Beginn ungefähr auf 1815 datiert wird und der besonders durch informellen Imperialismus geprägt war.
Der klassische Imperialismus wird in drei Arten gegliedert:
- Entwicklung vom Handelsstützpunkt zu einem Herrschaftsgebiet mit Ansätzen einer eigenen Industrie, etwa in Indien.
- Beherrschung bei äußerlich gewahrter Souveränität und Autonomie, etwa in China zur Zeit der „Ungleichen Verträge“ während der Qing-Dynastie.
- Wirtschaftliche Beherrschung souveräner Staaten ohne eigene Industrie, etwa der Balkanstaaten und des Osmanischen Reiches.
Wichtige Kolonialmächte und ihre Gebiete
Neben Spanien und Portugal wurden England, die Niederlande, Frankreich, Dänemark-Norwegen, Russland, später auch Italien, Deutschland, Belgien, die USA und Japan zu Kolonialmächten. England baute ab etwa 1815 das British Empire aus. Die Niederlande besaßen Siedlungen in Nordamerika, Indien und Südostasien. Auch Brandenburg-Preußen, Kurland und Schweden hatten zeitweise Niederlassungen in Übersee.
Zum Staatenbund Dänemark-Norwegen gehörten Besitzungen im Nordostatlantik sowie dänische Kolonien in der Karibik, Westafrika und Ostindien. Das Russische Reich dehnte sich im Binnenkolonialismus über Sibirien bis nach Alaska und Kalifornien aus. Frankreich stützte seinen Status zunächst auf Kanada und Louisiana; später lagen seine Schwerpunkte in Westafrika und Indochina.
Deutschland, Italien und Belgien erwarben im „Wettlauf um Afrika“ Kolonien, darunter Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und Belgisch-Kongo. Italien unterlag 1896 bei Adua in Äthiopien, besaß später aber große Gebiete in Nord- und Ostafrika. Deutschland verlor seine Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg, Italien nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 übernahmen die USA ehemalige spanische Kolonien wie Kuba, Puerto Rico, die Philippinen und Guam; für ihre Machtstellung und Wirtschaftskraft waren diese jedoch zweitrangig. Japan errichtete mit der Großostasiatischen Wohlstandssphäre ein Kolonialreich, das weite Teile der heutigen VR China, ganz Korea, Indochina und zahlreiche pazifische Inseln umfasste.
Dekolonisation und Überseegebiete heute
Die Weltkriege leiteten die Dekolonisation ein, also den Prozess, in dem Kolonien unabhängig wurden. In der Zwischenkriegszeit und bis in die NS-Zeit blieb Kolonialismus dennoch auch in Deutschland, das keine Kolonien mehr besaß, präsent. Mehrere Staaten gaben ihren Status als Kolonialmacht erst nach kriegerischen Auseinandersetzungen auf: Frankreich nach dem Indochinakrieg (1946–1954) und dem Algerienkrieg (1954–1962), Portugal nach dem Portugiesischen Kolonialkrieg (1961–1974), Belgien während der Kongo-Krise (1960–1965), das Vereinigte Königreich nach dem Mau-Mau-Krieg in Kenia und die Niederlande nach dem Indonesischen Unabhängigkeitskrieg.
1960 wurden 18 afrikanische Kolonien unabhängig: 14 französische, zwei britische, eine belgische und eine italienische. Deshalb heißt 1960 auch Afrikanisches Jahr oder Afrika-Jahr.
Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und die USA besitzen weiterhin Territorien außerhalb des Mutterlandes, beispielsweise Französisch-Guayana, Réunion, Neukaledonien, die Falklandinseln, Aruba, Guam und Puerto Rico. Heute werden sie jedoch nicht mehr als Kolonialmächte bezeichnet, weil der Besitz solcher Gebiete ihre Stellung im internationalen Staatensystem nicht mehr beeinflusst. Konflikte um Überseegebiete kamen dennoch vor, etwa im Falklandkrieg 1982.