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Kolonialismus
Die Dependenztheorie sieht in der fortgesetzten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien eine Hauptursache der in ihnen verbreiteten Armut. Andere …
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Begriff, Kennzeichen und historische Reichweite
Kolonialismus bezeichnet die dauerhafte Inbesitznahme fremder Territorien durch eine auswärtige Macht sowie die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der dort ansässigen Bevölkerung. Kolonisten und Kolonialisierte sind einander meist kulturell fremd. Kennzeichnend sind ein politisches Über- und Unterordnungsverhältnis, ungleiche wirtschaftliche Beziehungen und die Abschöpfung von Ressourcen und Arbeitskraft. Im neuzeitlichen europäischen Kolonialismus rechtfertigten die Herrschenden dies häufig mit angeblicher kultureller oder rassischer Überlegenheit. Eurozentrismus bedeutet dabei die Betrachtung und Bewertung der Welt aus einer vermeintlich überlegenen europäischen Perspektive.
Koloniale Expansion ging oft mit militärischer Eroberung, Besiedlung und dem Aufbau eigener Verwaltungszentren einher. Zunächst konnten Privatpersonen oder Handelsgesellschaften handeln; langfristig gelangten fast alle Kolonien unter staatliche Kontrolle. Kolonialismus war aber weder auf Europa noch auf die Neuzeit beschränkt. Als ältere oder außereuropäische Formen behandelt der Artikel unter anderem die arabisch-muslimischen Eroberungen seit dem 7. Jahrhundert, das omanische Kolonialreich in Ostafrika und Praktiken des späten Osmanischen Reiches. Bei vormodernen Reichen ist allerdings umstritten, ob der moderne Kolonialismusbegriff auf das jeweilige Herrschaftssystem als Ganzes übertragen werden kann.
Die Epoche des neuzeitlichen europäischen Kolonialismus begann im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Portugal besetzte ab 1415 außereuropäische Stützpunkte; nach Christoph Kolumbus’ erster Amerikareise 1492 errichteten Portugal, Spanien, die Niederlande, England und Frankreich große Überseereiche. Erste Kolonien wurden durch Revolutionen unabhängig: die USA 1776, Haiti 1804 und die meisten lateinamerikanischen Länder zwischen 1809 und 1825. Trotzdem erreichte die koloniale Aufteilung der Welt im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Der Zweite Weltkrieg und die Gründung der Vereinten Nationen 1945 leiteten die breite Dekolonisation, also die Auflösung kolonialer Herrschaft, ein.
Herrschafts- und Organisationsformen
Die historischen Kolonien unterschieden sich erheblich. Vier Grundtypen dienen der Einordnung:
• Beherrschungskolonien entstanden meist durch militärische Eroberung. Entsandte Kolonialbeamte errichteten einen von der Metropole, dem politischen Zentrum der Kolonialmacht, beaufsichtigten Apparat zur Kontrolle und wirtschaftlichen Ausbeutung. Beispiele sind Britisch-Indien, das deutsche Togo, das japanische Taiwan und die amerikanischen Philippinen. Vergleichbar war das omanische Ostafrika mit Plantagenwirtschaft auf Grundlage versklavter Arbeitskräfte.
• Siedlungskolonien beruhten auf dauerhafter Masseneinwanderung. Die Siedler verdrängten oder unterwarfen die einheimische Bevölkerung, behielten ihre eigene Kultur und übernahmen zunehmend die Selbstregierung. In Neuengland, Kanada, Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile wurden indigene Bevölkerungen verdrängt. Algerien und Südafrika blieben dagegen von einheimischen Arbeitskräften abhängig. In Jamaika und Kuba wurden nach der Ausrottung der angestammten Bevölkerung versklavte Menschen aus anderen Regionen eingeführt.
• Integrationskolonien verbanden Beherrschungs- und Siedlungselemente. Beamte aus dem Mutterland besetzten Schlüsselstellen, während eine wachsende Siedlerschicht politische Mitwirkungsrechte erhielt. Die Kreolen in Spanisch-Südamerika besaßen formal gleiche Rechte wie die Bewohner des Mutterlandes und weitgehende lokale Autonomie. Die Kolonialwirtschaft stützte sich auf bestehende leistungs- und besteuerungsfähige Agrarsysteme.
• Stützpunktkolonien waren militärisch geschützte Handelsplätze. Sie dienten nicht primär der großflächigen Besiedlung, sondern der kommerziellen Erschließung des Hinterlandes und der Sicherung von Handelswegen. Dazu gehörten portugiesische, niederländische und omanische Plätze in Afrika und Asien. Großbritannien schuf seit dem 18. Jahrhundert ein globalstrategisches Netz von Gibraltar über Sues und Kapstadt bis zu Hafenkolonien wie Singapur und Hongkong.
Expansion, Wirtschaft und Zwangsarbeit
Ein wichtiges Motiv der europäischen Expansion war die Suche nach direkten Handelswegen zu asiatischen Luxusgütern, nachdem arabische Zwischenhändler, politische Umbrüche in Asien und das Vordringen der Osmanen den Fernhandel erschwert hatten. Bartolomeu Dias umsegelte 1488 das Kap der Guten Hoffnung; Vasco da Gama erreichte 1498 Indien auf dem Seeweg. Die Portugiesen gelangten 1509 nach Malakka und eroberten es 1511 unter Afonso de Albuquerque. Kolumbus’ Atlantiküberquerung 1492 leitete die europäische Eroberung und Besiedlung Amerikas ein. Fortschritte im Kreditwesen und die wendige Karavelle erleichterten die teuren Fahrten.
Gold, Silber, Gewürze, Elfenbein, Land, Steuern und Arbeitskräfte gehörten zu den wichtigsten wirtschaftlichen Zielen. Ab 1475 brachten die Portugiesen größere Goldmengen aus Guinea nach Portugal. Nachdem Pizarro dem Inka-Herrscher Atahualpa über 13.000 Pfund Gold und 26.000 Pfund Silber abgepresst hatte, verstärkte sich der spanische Goldrausch. Die vor 1550 erschlossenen Silbervorkommen Boliviens und Mexikos trugen dazu bei, dass die Preise in Europa im 16. Jahrhundert um 400 Prozent stiegen.
Sklavenhandel und Sklavenarbeit waren Bestandteile verschiedener kolonialer Systeme. Seit den arabisch-muslimischen Eroberungen wurden Gefangene versklavt und über transsaharische sowie indisch-ozeanische Netze gehandelt. Im omanisch-sansibarischen Reich arbeiteten versklavte Afrikaner auf Nelken- und Getreideplantagen; weitere Menschen wurden nach Arabien und an den Persischen Golf verschleppt. In der Karibik beruhte besonders der Zuckerrohranbau auf der massenhaften Einfuhr afrikanischer Sklaven. Während der Atlantikpassage starben zwischen 25 und 40 Prozent; viele Versklavte wurden wegen der harten Arbeit und drakonischer Strafen nicht älter als 35 Jahre. Der sogenannte Dreieckshandel verband Europa, Westafrika und die Karibik, doch neuere Forschung betont, dass die meisten Schiffe eher zwischen einzelnen Regionen pendelten als tatsächlich ein Dreieck zu fahren.
Kolonialbesitz war für die Mutterländer nicht automatisch rentabel. Eroberungen folgten häufig drei bis vier Jahrzehnte Raubwirtschaft bei geringen Infrastrukturinvestitionen. Einzelne Firmen und Personen konnten hohe Gewinne erzielen, während staatliche Militär- und Verwaltungskosten die Gesamtbilanz belasteten. 1914 gingen knapp 9 Prozent der französischen Auslandsinvestitionen in französische Kolonien, aber annähernd ein Viertel nach Russland; von den deutschen Auslandsinvestitionen entfielen nur 2 Prozent auf die Schutzgebiete. Die kolonisierten Gesellschaften blieben überwiegend arm und wirtschaftlich abhängig. Japan baute dagegen gezielt eine industrielle Kolonialwirtschaft in Korea, der Mandschurei und Teilen Chinas auf; das laut Jürgen Osterhammel äußerst repressive Regime hinterließ zugleich industrielle Grundlagen.
Kolonialreiche, Ideologien und Imperialismus
Portugal und Spanien begründeten die ersten großen neuzeitlichen Überseereiche. Der Vertrag von Tordesillas von 1494 begrenzte Portugals südamerikanischen Besitz im Wesentlichen auf Brasilien. Die Niederlande bauten ihre Herrschaft besonders über die 1602 gegründete Vereinigte Ostindien-Kompanie (VOC) und die Westindische Kompanie von 1621 aus. Die VOC durfte unter anderem eine eigene Armee unterhalten; ihre durchschnittliche jährliche Dividende betrug 18 Prozent. Großbritannien stützte sich zunächst ebenfalls auf eine Ostindien-Kompanie, weitete deren Stützpunkte in Indien zur Territorialherrschaft aus und erreichte 1921 mit über 37 Millionen km² und rund 500 Millionen Menschen – jeweils ungefähr ein Viertel der Landfläche beziehungsweise Weltbevölkerung – die größte koloniale Ausdehnung.
Frankreich verlor 1763 einen Großteil seiner frühen Besitzungen an Großbritannien, errichtete aber seit 1830 vor allem in Afrika und Indochina das zweitgrößte Kolonialreich. Deutschland erwarb ab 1884 unter anderem Gebiete in Südwestafrika, Ostafrika, Kamerun, Togo und Neuguinea. Die Aufstände der Herero und Nama 1904–1907 sowie der Maji-Maji-Aufstand 1905–1908 kosteten Tausende Afrikaner das Leben. Russland expandierte über Sibirien und Zentralasien bis Alaska; Japan und die USA traten um 1900 als Kolonialmächte hinzu. Auch das omanisch-sansibarische Reich, osmanisch-ägyptische Herrschaft im Sudan und spätosmanische Peripheriepolitik werden als koloniale Formen behandelt.
Koloniale Ideologien erklärten Fremdherrschaft zur religiösen oder zivilisatorischen Aufgabe. Muslimische Chronisten bezeichneten frühe Eroberungen als futūḥ, „Öffnungen“, und als Ausbreitung einer göttlich legitimierten Ordnung. Europäische Mächte beriefen sich zunächst auf Missionierung, später auf eine civilizing mission, mission civilisatrice oder Kulturmission. Kolonisierte Menschen wurden als grundsätzlich „anders“, rückständig oder rassisch minderwertig dargestellt. Daraus leitete man eine angebliche Vormundschaftspflicht, die „Bürde des weißen Mannes“, ab. Verwaltung erschien als Herstellung von Ordnung und Zwangsarbeit als „Erziehung zur Arbeit“. Diese Rechtfertigungen verdeckten Ausbeutung und willkürliche Gewalt, etwa Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl gegen die Herero 1904.
Kolonialismus und Imperialismus waren eng verschränkt: Kolonien dienten Rohstoffinteressen, Macht, Prestige und strategischer Konkurrenz. Imperialismus bezeichnet dabei den weiter reichenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss großer Mächte, der nicht auf formelle Kolonien beschränkt sein musste. Auch „ungleiche Verträge“ schufen indirekte Abhängigkeiten in Halbkolonien wie China, Siam oder Afghanistan.
Wettlauf um Afrika und Dekolonisation
Beim um 1880 einsetzenden „Wettlauf um Afrika“ erweiterten europäische Mächte ihren dortigen Kolonialbesitz bis 1914 um mehr als 23 Millionen km². Außer Äthiopien und Liberia blieb kein Gebiet unabhängig. Wirtschaftliche, geopolitische und missionarische Interessen, Nationalprestige und rassistische Vorstellungen wirkten zusammen. Die Berliner Kongokonferenz 1884/85 garantierte 14 Signatarmächten Handelsfreiheit im Kongogebiet und erklärte tatsächliche Besitznahme zur Voraussetzung kolonialer Ansprüche. Sie beschleunigte damit die Aufteilung Afrikas. Bereits bestehende außereuropäische Herrschaftsgebiete wie das omanisch-sansibarische Reich wurden dabei ebenfalls aufgeteilt; Sansibar wurde 1890 britisches Protektorat.
Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur. Deutschland verlor seine Kolonien, die formal als Mandate des Völkerbundes an die Siegermächte gingen. Auch die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches kamen als A-Mandate unter britische oder französische Kontrolle. Diese Gebiete sollten formal auf Selbstständigkeit vorbereitet werden, tatsächlich wurden dort koloniale Praktiken fortgesetzt. Britische Dominions wie Kanada, Australien und Neuseeland gewannen dagegen mehr Eigenständigkeit, festgehalten in der Balfour-Erklärung 1926 und im Statut von Westminster 1931.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die geschwächten europäischen Mächte ihre Kolonialreiche zunehmend nicht mehr halten. Großbritannien entließ in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre Indien, Pakistan und Burma in die Unabhängigkeit und wandelte sein Empire schrittweise in das Commonwealth um. Frankreich verlor Indochina nach der Niederlage bei Điện Biên Phủ 1954. Die Niederlande gaben unter Druck der USA und der UNO ihre Rückeroberungsversuche in Indonesien bis 1950 und 1962 auch Neu-Guinea auf.
Im „afrikanischen Jahr“ 1960 wurden 18 afrikanische Kolonien unabhängig. Die Übergänge verliefen sehr unterschiedlich und teils gewaltsam. Algeriens 1954 begonnener Unabhängigkeitskrieg endete 1962; Marokko und Tunesien waren bereits 1956 unabhängig geworden. Portugal gab nach der Nelkenrevolution 1974 seine afrikanischen Kolonien und Osttimor auf. Als letzte bedeutende Nachzügler europäischer Kolonialherrschaft wurden Hongkong 1997 und Macau 1999 übergeben. Die Dekolonisation Afrikas fand größtenteils zwischen 1960 und 1975 statt.
Folgen, Postkolonialismus und offene Fragen
Der europäische Kolonialismus schuf ein weltumspannendes, regional unterschiedlich aufgebautes Handels- und Herrschaftssystem. Er verbreitete europäische Staats- und Verwaltungsmodelle, hinterließ aber auch willkürlich gezogene Grenzen, wirtschaftliche Abhängigkeiten, rassistische Denkweisen und gesellschaftliche Traumata. Besonders in Afrika und im Nahen Osten führten Grenzziehungen, die ethnische und religiös-kulturelle Zusammenhänge wenig berücksichtigten, wiederholt zu Spannungen und Kriegen.
Über den Zusammenhang zwischen kolonialer Vergangenheit und heutigem Entwicklungsrückstand besteht kein Forschungskonsens. Die Dependenztheorie erklärt verbreitete Armut vor allem durch fortgesetzte Abhängigkeit von ehemaligen Kolonialmächten. Andere Ansätze betonen geografische Bedingungen oder bereits vor der Kolonisierung bestehende gesellschaftliche Strukturen. Daron Acemoğlu und James A. Robinson heben die Bedeutung inklusiver politischer und wirtschaftlicher Institutionen hervor, die möglichst breiten Bevölkerungsschichten nutzen. Kolonialregime errichteten dagegen häufig extraktive Institutionen zur Ausbeutung. Nach der Unabhängigkeit konnten neue Eliten solche Strukturen übernehmen, wie für die Demokratische Republik Kongo beschrieben. Botswana zeigt nach dieser Argumentation zugleich, dass Kolonialvergangenheit nicht zwangsläufig Entwicklungsrückstand oder fehlende Demokratie verursacht.
Postkolonialismus bezeichnet sowohl die fortwirkenden kulturellen und politischen Folgen der Kolonialzeit als auch ihre wissenschaftliche Untersuchung. Diese Folgen prägen nicht nur ehemalige Kolonien, sondern durch Migration und andere Verbindungen auch frühere Kolonialmetropolen wie London, Paris und Brüssel. Neokolonialismus meint neue oder fortbestehende kolonialartige Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse nach dem formalen Ende der Kolonialreiche. Antikolonialismus bezeichnet Kritik und Widerstand gegen Kolonialismus und Neokolonialismus.
Die ehemaligen Kolonien sind spätestens seit 1990 weitgehend staatlich unabhängig, doch Abhängigkeiten, imperialistische Bestrebungen und Debatten über koloniale Kontinuitäten bestehen fort. Die Einordnung der Sowjetunion und Russlands, Chinas Politik in Tibet, Marokkos Politik in der Westsahara und die Frage, ob der Zionismus als Kolonialismus gelten kann, sind umstritten oder politisch stark aufgeladen. Daher unterscheidet die Forschung zwischen formaler Dekolonisation und dem Fortwirken kolonialer Strukturen.
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