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Wie der Kolonialismus die Welt bis heute prägt | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
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Transkriptautomatisch erstellt · 468 Zeilen
- Im Geschichtsunterricht lernten wir, wie imperiale Herrscher auszogen und fremde Länder überfielen und plünderten.
- Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlangten die meisten Kolonien Unabhängigkeit.
- Wovon die jungen Staaten damals träumten und weshalb ihre Unabhängigkeit
- hinter einer wahren Befreiung zurückblieb, darüber schrieb Adom Getachew ein fulminantes Buch.
- Über ihre Thesen sprechen wir jetzt. Mit Untertiteln von SWISS TXT
- "Die Welt nach den Imperien" erschien diesen Winter auf Deutsch. Es ist ein wissenschaftlich fundiertes Buch,
- das sich aber an eine breite Öffentlichkeit wendet. Das Buch gewann nach Erscheinen viele bedeutende Preise in den USA.
- Wenn man das so anschaut, denkt man, das sei ein Lebenswerk. Wie lange haben Sie sich mit dem Thema beschäftigt?
- Es war meine Doktorarbeit in Yale und wurde dann zu meinem ersten Buch.
- Darin stecken also etwa zehn Jahre Arbeit, bis es das deutschsprachige Publikum im vergangenen Jahr erreichte.
- Eine lange Zeit also. Sie sind in Äthiopien und Botswana aufgewachsen,
- bevor Sie dann als Teenager in die USA zogen. War für Sie als Kind
- das Erbe der Kolonialzeit irgendwie spürbar? Eines der wichtigsten Ereignisse meiner frühen Kindheit
- war natürlich das Ende der Apartheid in Südafrika. Ich war etwa sechs Jahre alt, als die ersten Wahlen stattfanden,
- die für viele Menschen auf dem afrikanischen Kontinent das Ende dieser langen Geschichte der Dekolonisierung darstellten.
- Das war vielleicht der erste politische Moment, an den ich mich erinnere –
- auch wenn ich zu jung war, um es wirklich zu begreifen. Es gab Diskussionen in der Familie
- und wir alle sassen vor dem Fernseher und sahen zu, wie Nelson Mandela das Gefängnis verliess.
- Das war ein wichtiges Ereignis in meiner Kindheit. Sie kommen wohl aus einer politisch interessierten Familie,
- wenn man solche Bücher schreibt? Das stimmt zum Teil.
- Mein Vater gehörte der Studentenbewegung in Äthiopien an. Er war auf dem College, als die Revolution begann,
- die Haile Selassie stürzen sollte. Darüber hinaus war unsere Familie aber nicht wirklich politisch.
- Wie viele Kinder von Einwanderern sollte ich Ärztin werden. Meine Eltern hofften,
- dass ich mich der Wissenschaft und Medizin zuwenden würde. Aber ich entdeckte die Politikwissenschaft
- schon an der Highschool, insbesondere in einem Sommerprogramm der Howard University,
- einem traditionell schwarzen College in Washington, D.C., wo ich aufs Gebiet der internationalen Beziehungen stiess.
- Das wollte ich Sie fragen: Sie kamen kurz vor 9/11 in die USA. Was brachte Sie sozusagen mehr in dieses Gebiet?
- War es die Kindheit oder war es eher nachher das Erleben von antirassistischen Strömungen,
- aber auch von Rassismus in den USA, was Sie dazu brachte, sich mit postkolonialen Studien zu beschäftigen?
- Es war weniger die Kindheit. Bis zu meinem Studium wollte ich für die Vereinten Nationen arbeiten,
- auch ein Thema in meinem Buch. Ich sah mich als UN-Mitarbeiterin, die auf dem afrikanischen Kontinent
- leben und vielleicht in der Entwicklungshilfe arbeiten würde. Zwei Dinge waren dann ausschlaggebend:
- Erstens das Ralph-Bunche-Sommerprogramm, an dem ich als Highschool-Schülerin teilnahm.
- Ralph Bunche war ein afroameri- kanischer Politikwissenschaftler, der für die UNO gearbeitet und an der Howard University gelehrt hatte.
- Im Sommerkurs sollten schwarze Student/-innen dazu ermutigt werden, sich mit internationaler Politik zu beschäftigen.
- Dort entdeckte ich diese ganze neue Welt der Geschichte und Theorie. Dann wurde ich am College
- an das Gebiet der afroamerikanischen Studien herangeführt, wo ich mich mit den Verbindungen zwischen der afroamerikanischen
- und der afrikanischen Geschichte beschäftigte. Beides waren wichtige intellektuelle Erfahrungen.
- Die Zeit nach 9/11 war in den USA stark von Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Patriotismus geprägt.
- Ich war gerade erst angekommen und empfand das als befremdlich. Ich fühlte mich sehr als Aussenseiterin.
- Das war auch eine wichtige persönliche Erfahrung. Ein ganzes Feld, das Sie bewegte.
- Für mich war es interessant, mich daran zu erinnern, als ich Ende der 1990er-Jahre politische Philosophie studierte.
- Da war Postkoloniale Theorie noch nicht wirklich etabliert in der Schweiz.
- Ich hörte davon eigentlich nichts, erst viel später. Das ist interessant.
- Dieses ganze Feld hat sich erst neu herausgebildet. Vielleicht können Sie kurz erklären, was Postkoloniale Theorie genau ist,
- womit Sie sich schwerpunktmässig befassen. Das ist eine wirklich gute Frage.
- Das Fachgebiet Postkoloniale Theorie stützt sich ja auf frühere Entwicklungen in der Literatur und der Geschichte,
- die mit der Veröffentlichung von Edward Saids Buch "Orientalismus" einsetzten.
- Es ging in den Postcolonial Studies darum, die Beziehungen zwischen Metropole und Kolonie
- mit Blick auf die Verflechtungen dieser beiden Räume zu hinterfragen. Es handelte sich ja nicht um ein kurzes Aufeinanderprallen,
- sondern um eine tiefe gegenseitige kulturelle, intellektuelle, politische und wirtschaftliche Prägung.
- Man denke beispielsweise an das koloniale Erbe in der Literatur des viktorianischen Englands.
- Vielleicht mache ich kurz ein Beispiel. Shalini Randeria war auch mal bei uns zu Gast.
- Sie sprach über Teetrinken in England. Der Tee, der aus einem anderen Land kam,
- der Zucker, der aus einem anderen Land kam. Sich bewusst zu machen, dass wir in die Geschichte verstrickt sind
- und einander geprägt haben, waren die ersten Bewegungen. Genau, das ist ein perfektes Beispiel dafür.
- Die Teatime gilt als ein urbritisches Ritual, dabei stammt der Tee natürlich aus der Kolonie
- und auch der Zucker musste von dort hergebracht werden. Und gerade die industrialisierte Zuckerproduktion
- aus Sklavenplantagen veränderte das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben in England dramatisch.
- Viele der frühen postkolonialen Debatten befassten sich mit genau diesen Handelskreisläufen und der Art und Weise,
- wie sie das kulturelle und politische Leben prägen. Sie haben aber völlig recht, dass die Postkoloniale Theorie
- in der politischen Philosophie erst viel später Einzug gehalten hat, nämlich Ende der 1990er-, Anfang der 2000er-Jahre -
- aus einer Reihe von Gründen. Zum einen denke ich, auch wegen meiner eigenen Erfahrung,
- dass 9/11 und der darauffolgende Einmarsch der USA in Afghanistan und in den Irak
- einen neuen Diskurs über das Imperium eingeleitet haben. Man hörte damals viele Argumente für ein sog. Empire Lite,
- wie es Michael Ignatieff in seinem Buch nannte, wonach die USA eine neue, proto-imperiale Rolle
- auf der internationalen Bühne spielen sollten. Ein Konzept, von dem man dachte, es gehöre der Vergangenheit an,
- bot politischen Theoretikern und Philosophen die Gelegenheit, sich Gedanken zu den Hinter- lassenschaften des Imperialismus
- und des Kolonialismus zu machen. Heute sind Sie Professorin an der Universität Chicago -
- u.a. zu solchen Fragen. Und Sie beschäftigen sich in diesem Buch auch mit der Geschichte -
- der Kolonialgeschichte, aber auch mit der Geschichte der Dekolonisierung. Etwas ist uns allen bewusst:
- Geschichte speist sich nicht nur aus einem musealen Interesse, alles zu bewahren und auszustellen,
- sondern wir wollen die Gegenwart verstehen und die Zukunft nachhaltig gestalten.
- Genau das merkt man in diesem Buch so gut. Ich möchte über beides sprechen - die Vergangenheit,
- die Gegenwart und die Zukunft. Beginnen wir mit einem Rückblick in diese Zeit.
- Ich habe ein paar Karten mitgebracht. Wir alle kennen diese Karten aus dem Geschichtsunterricht.
- Wir haben hier nur die Kolonien pinkfarben eingefärbt. 1822 sehen wir diese Gebiete.
- Dann 1914 ist Afrika fast gänzlich eingenommen. Indien ist auch immer noch ganz besetzt.
- 1959 ist Indien keine Kolonie mehr und Afrika beginnt sich langsam zu befreien.
- 1974 sind dann viele Länder wieder in der Unabhängigkeit. Mich berühren diese Karten jedes Mal, v.a. diese hier.
- Wenn man sich das vor Augen führt: Es hat für mich immer wieder etwas Berührendes.
- Geht es Ihnen auch so? Es fasziniert mich total, deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.
- Rückblickend ist offensichtlich, wie falsch eine solche Weltkarte ist.
- Es scheint uns heute klar, dass die Periode des Imperialismus notwendigerweise in die Unabhängigkeit führen musste.
- Aber die Geschichte des Imperialismus beginnt ja viel früher als 1914 oder 1822,
- wie hier auf den Karten. Sie beginnt im 15. Jahrhundert.
- Wir haben also eine Geschichte von 400 Jahren ... Lateinamerika müsste man anders ...
- Oder die Vereinigten Staaten. Es gibt es eine lange Geschichte imperialer Beziehungen
- durch den transatlantischen Sklavenhandel. Vor dem Höhepunkt des Imperialismus im Jahr 1914
- liegen vier Jahrhunderte, die in vier Jahrzehnten völlig transformiert wurden.
- Deshalb ist diese Geschichte, wie unsere Welt sich entwickelt, so fesselnd.
- Ihr Buch fokussiert ja auf den Kontinent Afrika und den karibischen Raum.
- Würde man in anderen Regionen - in Lateinamerika, den USA, oder aber in Australien oder Indien -
- die Dekolonisierung, die Geschichte ganz anders erzählen? Insbesondere die Länder,
- die im 20. Jahrhundert unabhängig wurden, teilen viele gemeinsame Erfahrungen.
- Indien hat eine gemeinsame Geschichte mit den Teilen der Welt, über die ich schreibe,
- und es gibt auch einen regen intel- lektuellen und politischen Austausch zwischen Indien und dem afrikanischen Kontinent.
- So hat Gandhis Theorie der Gewaltlosigkeit jemanden wie Kwame Nkrumah stark beeinflusst.
- Und doch ist die Geschichte der afrikanisch-karibischen Kolonien, also des sog. Black Atlantic, ganz spezifisch geprägt
- durch die Erfahrung der Versklavung und der Rassenhierarchie, welche für den Imperialismus zentral ist.
- Sie ergibt sich aus diesem besonderen Kontext der afrikanischen und karibischen Kolonien.
- Sie haben Kwame Nkrumah erwähnt, den ersten Präsidenten von Ghana. Damals hiess das Land noch Goldküste.
- Im März 1957 erlangte es aber die Unabhängigkeit. Wir wollen kurz zurückblicken, denn interessant an Ihrem Buch ist,
- dass Sie die Geschichte nicht als Automatismus erzählen. Oft wird so getan, als wäre die Geschichte der Imperien
- ein natürlicher Bewegungsprozess gewesen. Sie kamen und gingen wie eine Welle.
- Sie zeigen auf: Es war ein harter Kampf, die Dekolonisierung voranzutreiben.
- Wir hören Kwame Nkrumah zu, wie er an diesem Tag der Unabhängigkeit von Ghana sprach.
- * Die Band beginnt zu spielen. * Kwame Nkrumah ist für Sie eine Leuchtgestalt der Intellektuellen,
- die damals die Dekolonisierung von innen heraus vorantrieben. Warum ist er für Sie so wichtig?
- Er ist aus sehr vielen Gründen wichtig für mich. Zentral ist die Symbolik dieses Moments im Jahr 1957,
- der auch am Anfang meines Buchs steht, als mit Ghana die erste schwarze Kolonie die Unabhängigkeit erhielt.
- Viele wichtige afroamerikanische Persönlichkeiten waren zugegen: Martin Luther King,
- aber auch bedeutende Persönlichkeiten aus der Karibik, wie Arthur Lewis,
- Nobelpreisträger für Entwicklungs- ökonomie aus St. Lucia. Dieser Moment der nationalen Unabhängigkeit
- hat also eine internationale Dimension. In seiner Rede sagt Nkrumah ja denn auch,
- dass ohne die Unabhängigkeit Afrikas unsere Unabhängigkeit bedeutungslos sei.
- Er versteht also die ghanaische Unabhängigkeit als ersten Schritt zum Aufbau einer Art afrikanischer Föderation.
- Seine Vision der Anbindung der nationalen Unabhängigkeit an den Internationalismus ist für mich wirklich wichtig.
- Nkrumahs internationalistische Vision rührt auch daher, dass er viel Zeit ausserhalb von Ghana verbrachte.
- Sein Aufstieg ist ungewöhnlich. Er stammt aus einer sehr kleinen Stadt
- und hat keine Verbindungen zu traditionellen Machthabern. Er ist nicht das Kind von Häuptlingen,
- sondern eine ganz normale Person. Aber er erhält die Möglichkeit,
- in den USA an einem weiteren traditionell schwarzen College namens Lincoln University zu studieren.
- Während seiner Zeit dort geht er auf Tuchfühlung mit der afroamerikanischen intel- lektuellen Tradition und Politik.
- Er hält 1960 vor der UN-Vollversammlung auch eine historische Rede.
- Ein paar Monate später wird die Resolution 1514 verabschiedet. Es ist die Resolution,
- die die Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker beinhaltet.
- Das war sozusagen der Startschuss, dass es auf internationaler Ebene einklagbar wurde.
- Diese Länder haben ein Anrecht, unabhängig zu werden. Diese Resolution von 1960 ist ein Brennpunkt in meinem Buch.
- Sie ist so bedeutsam, weil durch sie der Antikolonialismus in Sprache gefasst und legitimiert wird.
- Der guinea-bissauische und kapverdische Unabhängigkeitskämpfer Amílcar Cabral sagte,
- dass wir mit der Verabschiedung der Resolution zum ersten Mal in der Geschichte das Völkerrecht auf unserer Seite haben.
- Durch die Resolution entfällt jede Legitimation, dass koloniale Imperien eine rechtmässige Form
- politischer Herrschaft sein könnten. Zentral innerhalb der Resolution ist die Idee, dass alle Völker -
- unabhängig von Rasse, Religion, wirtschaftlichem oder politischen Entwicklungsstand -
- ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Und diese Unabhängigkeit ist der Knackpunkt in diesem Buch
- und auch wenn wir heute über diese Geschichte sprechen. Es reicht ja nicht, eine Nationalhymne zu haben,
- eine Flagge zu hissen und zu sagen, dass das Land unabhängig ist. Sie machen das an zwei Begriffen der Freiheit deutlich,
- die in der politischen Theorie sehr wichtig sind. Sie wurden u.a. auch von Philip Pettit aufgenommen.
- Philip Pettit war auch bei uns zu Gast. Man kann die Sendung nachsehen.
- Der eine Begriff ist der Begriff "non-intervention". Die Idee, was auch in der Resolution steht,
- dass kein Land einfach hingehen, einmarschieren und sagen kann, es sei jetzt sein Gebiet.
- Also das Recht darauf, dass nicht eingegriffen wird. Der andere anspruchsvollere Freiheitsbegriff
- ist der Begriff der "non-domination". Also nicht beherrscht zu werden.
- Dazu gehört natürlich auch nicht abhängig zu sein. Eigentlich hatten die Vordenker der Dekolonisierung
- genau diesen Begriff im Blick, sagen Sie. Es ging eigentlich darum,
- die wirtschaftliche Abhängigkeit zu überwinden, richtig? Genau.
- Unabhängigkeit wird ja oft so verstanden, dass mit dem Hissen der Flagge und dem Abspielen der Nationalhymne
- die Nation ihre Unabhängigkeit und Souveränität erhält, die sie hoffentlich von einem Einmarsch
- durch ein anderes Land schützt. Nkrumah und andere richten ihren Blick weiter.
- Sie wissen, dass sie zwar unabhängig sind, aber dass ihre Wirtschaft
- auf landwirtschaftlichen Produkten basiert - in Ghana auf Kakao, der auf dem internationalen Markt verkauft wird.
- Sie wissen, dass ihre Entwicklung von Ressourcen abhängt, die sie selbst nicht haben und die sie nur über Kredite
- oder Vereinbarungen mit anderen beschaffen können. Das alles sind Formen politischer und wirtschaftlicher Ungleichheit,
- die auch nach der Unabhängigkeit bestehen bleiben. Ghana ist in Bezug auf Devisen und Wechselkurse
- vom internationalen Markt abhängig. Dieses Abhängigkeitsverhältnis
- kann von mächtigeren Akteuren manipuliert werden. Kein Land muss also tatsächlich in ihr Gebiet einmarschieren,
- aber es kann bestimmte Anforderungen in Bezug auf Kredite stellen, und die Schwankungen des internationalen Marktes bedeuten,
- dass sie immer einer gewissen willkürlichen Macht ausgesetzt sind. Deshalb sind für Nkrumah das Problem der Abhängigkeit
- und die Abwehr einer drohenden Beherrschung so wichtig, angesichts der ungleichen Beziehungen innerhalb der Welt.
- Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Länder ein Stück weit alleingelassen wurden.
- Man zog sich zurück, liess aber Gesellschaften zurück, die einerseits überhaupt nicht homogen waren,
- weil die Grenzen willkürlich gezogen worden waren. Man hatte auch zu wenig in Bildung investiert.
- Viele wichtige Stellen waren vorher in den Händen von Kolonialherren. Diese Länder sagen auch: "Ihr habt euch hier bedient,
- geht und lässt international keinen gleichwertigen Partner zurück." "Wir sind immer unten."
- "Das gibt uns nicht die Möglichkeit, auf Augenhöhe zu sagen, dass es mehr braucht als einfach nicht einzumarschieren."
- Dieses Mehr führte auch dazu, dass eine neue Weltwirtschaftsordnung gefordert wurde.
- Darüber diskutiert man bis heute. Es gibt die gleiche Diskussion in der politischen Philosophie.
- Das beschreiben Sie auch. In den 1970er-Jahren gab es John Rawls,
- der seine Theorie der Gerechtigkeit vorlegte, die klar besagte,
- dass sie nur innerhalb von Staaten umsetzbar sei. Und auf der anderen Seite Charles Beitz,
- der sagte, dass wir globale Gerechtigkeit unbedingt global denken müssen.
- Wir müssen Sozialstaatprinzipien global ausweiten. Wo verordnen Sie sich in diesem Streit?
- John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit lässt sich als eine eigentliche Theorie
- des nordatlantischen Sozialstaats verstehen. Es wurde verschiedentlich auf die Ironie hingewiesen,
- dass sie 1970 genau in dem Moment erscheint, in dem dieses System durch den Aufstieg des Neoliberalismus
- unterminiert wird. Von den 1940ern bis in die 70er-Jahre
- war der Sozialstaat prägend: in den USA mit dem New Deal und in Grossbritannien
- mit dem Nationalen Gesundheitsdienst. Aber diese Systeme der innerstaatlichen Umverteilung
- lassen die Beziehungen zwischen den nordatlantischen Staaten, den ehemaligen imperialen Metropolen und den Kolonialstaaten,
- unberücksichtigt. Daraus entstehen Versuche, sich ein universalisiertes
- internationales Wohlfahrtssystem vorzustellen. In Anlehnung an den schwedischen Entwicklungsökonomen Gunnar Myrdal
- bezeichne ich den Versuch, eine neue internationale Wirtschaftsordnung aufzubauen,
- als Wohlfahrtswelt. Eine neue internationale Wirtschaftsordnung
- ist in vielerlei Hinsicht die ehrgeizigste Vision einer antikolonialen Gestaltung der Welt, die dieses Buch aufzeigt.
- Sie ist ehrgeizig, weil sie versucht, eine internationale Arbeitsteilung
- zwischen den reichen und den armen Staaten zu erreichen. Die armen Staaten sind landwirtschaftlich,
- die reichen Staaten industriell geprägt. Wir brauchen einen Mechanismus, um diese Beziehungen auszugleichen,
- um - wie Sie sagen - einander auf Augenhöhe begegnen zu können. Das erfordert einen grundsätzlichen Umbau der Wirtschaftsbeziehungen.
- Die Länder des Nordens müssen sich für die landwirtschaftlichen Güter der Länder des Globalen Südens öffnen.
- Die Preise für diese Güter auf dem Weltmarkt müssen gestützt werden. Es braucht eine ganze Reihe von Interventionen,
- die sich an den Sozialstaat anlehnen, indem man Gleichheit schafft, wo es Ungleichheit gibt.
- Warum diese Spiegelung nicht funktioniert - ein Argument bei John Rawls war ja immer,
- dass er meinte, es brauche ein dichtes Netz an Austausch. Es sei ähnlich wie die Früchte, die man gemeinsam erarbeitet hat.
- Die werden dann umverteilt. Er würde sagen, die Beziehungen seien viel zu lose
- und man könne nicht global etwas herstellen. Und es bräuchte die Angst vor einer Weltregierung,
- um diese Verteilungsprinzipien durchzusetzen. Ich sehe tiefe Verflechtungen.
- Denken Sie nur an die Beziehungen Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien.
- Im früheren Französisch-Westafrika wird mit dem CFA-Franc eine Währung verwendet, die an den französischen Franc
- bzw. heute an den Euro gekoppelt ist. Sogar auf Ebene der Währungspolitik
- gibt es also ziemlich tiefe Verflechtungen zwischen Metropole und ehemaliger Kolonie.
- Ähnliche wirtschaftliche Bande bestehen zwischen den Commonwealth- Staaten und Grossbritannien.
- Es ist also nicht das Fehlen tiefgreifender Beziehungen, sondern eine Frage der Abwesenheit eines Staates
- auf internationaler Ebene, denn der Wohlfahrtsstaat wird in der Tat erst durch den Staat möglich.
- Es braucht eine staatliche Gewalt, die ... ... z.B. Steuern eintreibt.
- Genau, jemand muss besteuern und jemand muss verteilen. Was macht man also, wenn es einen solchen Weltstaat nicht gibt?
- Es gab kreative Versuche, die UNO als eine Art Ersatzmechanismus zu nutzen.
- Aber natürlich ist die UNO kein Staat. Besonders zu Beginn der 1970er-Jahre hatte die Länder des Globalen Südens
- zumindest eine gewisse Verhandlungsmacht. Die Länder waren organisiert, es gab Absprachen
- und sie konnten gewisse Forderungen auf den Tisch legen. In den späten 1970er- und den 1980er-Jahren
- sieht die Wirtschaftsordnung ganz anders aus. Die Staaten des Südens sind zunehmend verschuldet
- und ihnen fehlt die Verhandlungs- macht, Forderungen zu stellen. Diese Schuldenlast ist immer wieder ein grosses Thema.
- Das Zurückbezahlen der Zinsen überschreitet bald einmal das Haushaltsbudget von jungen Staaten.
- Schon Kwame Nkrumah prägte den Begriff des Neokolonialismus. Er sprach schon davon und meinte,
- es bleibe alles weit hinter dem zurück, was sie forderten und was man ihnen nach der Kolonialzeit auch schuldete.
- Wir sind nirgendwo hingekommen. Das ist ein Moment der riesigen Desillusionierung.
- Wann setzte die ein? Die Desillusionierung? - Ja.
- Die Geschichte der Desillusionierung ist sehr kompliziert. Es gibt auf der einen Seite diese internationale Dimension,
- über die wir gerade gesprochen haben, mit den neokolonialen Strukturen der Abhängigkeit,
- die diese Staaten weiterhin in einem Geflecht von Hierarchie und Herrschaft gefangen halten.
- Das ist ein sehr wichtiger Teil der Geschichte. Mit dem Ende des Kalten Kriegs Ende der 1980er-Jahre
- schwindet in der neuen unipolaren Welt der Spielraum. Staaten mit einer gewissen kollektiven Macht
- auf der internationalen Bühne beginnen, diese zu verlieren. Ebenso wichtig wie die internationale Dimension
- für den Prozess der Desillusionierung ist aber die nationale Ebene, wo demokratische Bestrebungen
- in den zunehmend autoritären Staaten untergehen. Nkrumah selbst steht sinnbildlich für diesen Wandel.
- Als er 1966 abgesetzt wird, ist Ghana zwar kein Polizeistaat, aber einem solchen sehr nahe.
- Es gibt weit verbreitete politische Unterdrückung und tiefgreifende Formen des Autoritarismus.
- Die Menschen, die wir 1957 feiern sahen, blicken ernüchtert zurück und fragen sich:
- "Ist es das, wofür wir gekämpft haben, nur damit eine kleine Gruppe von Menschen über uns herrscht?"
- "Ist das nicht das Gleiche wie unsere koloniale Vergangenheit?" Um die Desillusionierung zu verstehen,
- müssen wir auf nationaler und internationaler Ebene denken. Und das scheint mir ein grosser Verdienst des Buches zu sein.
- Sie betrachten nicht nur die internationale Ordnung und machen auch nicht einseitige Schuldzuweisungen -
- wobei der Begriff der Schuld fehl am Platz ist -, sondern Sie betrachten, was intern passiert.
- Ein gutes Beispiel ist Kongo, wo sich bald nach der Unabhängigkeit Katanga,
- eine sehr ressourcenreiche Provinz, abspalten wollte. Oder auch Nigeria, wo die Ostprovinz Biafra unabhängig werden wollte.
- Und sie erzählen die Geschichte und sagen, das war wirklich eine grosse Enttäuschung -
- auch zu merken, dass man wegen interner Konflikte nicht vorankommt. Gibt es denn eine einfache Erklärung, warum dieses Bemühen
- um Demokratisierung dieser jungen Staaten nicht vorankam? Es gibt sicher keine einfache Antwort,
- aber ich kann einige Überlegungen zu den Gründen des Scheiterns dieser demokratischen Vision anstellen.
- Wie alle ideologischen und politischen Projekte ist auch der Antikolonialismus ein in sich widersprüchliches Projekt,
- das unterschiedliche Ziele verfolgt. Dazu gehört einerseits die Verpflichtung
- auf ein bestimmtes demokratisches Bestreben, wonach sich die Menschen selber regieren sollen.
- Eine der grossen Errungenschaften der Dekolonisierung besteht darin, dass die Idee der Volkssouveränität universelle Gültigkeit erlangt hat
- und die Demokratie zur einzig legitimen Regierungsform geworden ist.
- Gleichzeitig ist das antikoloniale Projekt zutiefst der Modernisierung und der Entwicklung verpflichtet.
- Die Führungsrolle soll der Staat übernehmen, weil das Volk nicht für fähig gehalten wird,
- sich selbst zu regieren. Es gilt als rückständig und ungebildet.
- So wird die Sprache der Kolonialherren wieder eingesetzt. Die Modernisierungs- und Entwicklungsbestrebungen
- führen also zu einer Überbetonung von Expertentum und staatlicher Macht
- auf Kosten der demokratischen Selbstverwaltung. Das ist ein Widerspruch.
- Ein anderer erwächst aus der Theorie des Neokolonialismus und dem Gefühl, dass unsere Staaten in ihrer Ab- hängigkeit unglaublich fragil sind.
- Auf dieser Grundlage plädiert Nkrumah für etwas so Radikales wie eine Föderation aller afrikanischen Staaten,
- für die Vereinigten Staaten von Afrika. Dieselbe Angst vor der Zerbrechlichkeit der Staaten
- führt aber zu einer tiefen Paranoia und zu Misstrauen gegenüber jeder Art von Dissens innerhalb des Staates.
- So wird jede abweichende Meinung zu einem möglichen Werk externer Kräfte im Kontext des Kalten Krieges.
- Und diese Art von Angst wiederum führt erst recht zu einem Polizeistaat.
- Es ist ja auch völlig klar. Wir sprechen über so unterschiedliche Staaten.
- Dann ist es schwierig, eine einfache Antwort zu finden. Wenn wir über Neokolonialismus sprechen,
- denken wahrscheinlich viele als Erstes an China. An China, das sich jetzt in Afrika aufbaut.
- Prozesse, die wir schwer nachvollziehen können und die uns mit Sorge erfüllen.
- Man denkt an die sog. Seidenstrasse. Der ganze Ausbau der Handels- und Infrastruktur
- von China Richtung Asien, Afrika, Europa. Dazu gehört z.B. eine neue Militärbasis in Dschibuti.
- Es gehört eine riesige Zugstrecke durch Kenia dazu, Fabriken, Häfen ... In Äthiopien steht eine der grössten Schuhfabriken Chinas.
- Es gibt viele Reportagen, in denen junge afrikanische Arbeiterinnen und Arbeiter sagen,
- sie seien glücklich, dass die Fabrik dasteht, da sie endlich arbeiten können.
- Aber der Lohn reicht natürlich nicht für den Lebensunterhalt. Und die Fabrikbesitzer sind natürlich immer Chinesen.
- Was sagen Sie zu dieser Entwicklung? Ja, der Wandel ist enorm,
- schon nur, wenn ich mir ansehe, was zeit meines Lebens passiert ist. Als ich in den 90er-Jahren dort aufwuchs,
- gab es keine chinesische Präsenz in Äthiopien oder Botswana. Seit den 2010er-Jahren hat sogar ein kleines Land wie Botswana
- mit etwas mehr als 2 Mio. Einwohnern eine Chinatown in der Hauptstadt Gaborone.
- Dasselbe gilt für Äthiopien. Die wechselseitigen Beziehungen sind hoch komplex.
- Die afrikanischen Staaten haben sich China als Handels- und Entwicklungspartner zugewandt,
- weil es aus Sicht der afrikanischen Staaten anfangs ein besseres Angebot machte:
- keine Konditionalitäten bei Krediten, einen stark erleichterten Zugang zu Investitionsgeldern.
- Damit sage ich nicht, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Auch dies ist eine ungleiche Beziehung,
- in der die Chinesen die Bedingungen mehrheitlich diktieren. Man wird sehen, was angesichts der hohen Schulden passiert,
- die afrikanische Staaten bei China haben. Was für eine Art Gläubiger wird China sein?
- Wird man nachsichtig sein, oder wie der IWF oder die Weltbank jeweils mit Konditionalitäten arbeiten?
- Dieser Moment wird für die Beurteilung der Beziehungen entscheidend sein.
- Wir hatten hier am Tisch auch Felwine Sarr zu Gast, einen senegalesischen Vordenker, Sozialwissenschaftler,
- der das Buch "Afrotopia" geschrieben hat. Das Buch entwickelt sozusagen eine positive Vision
- für den Kontinent Afrika. Es deutet auch immer wieder darauf hin: Es ist der jüngste Kontinent.
- Mit vielen jungen Menschen, die auch als Arbeitskräfte attraktiv sind.
- Er sagt, Afrika sei nicht dumm. Und wir sollten aufhören, so auf die Entwicklung zu blicken,
- als würde sich Afrika nichts dabei überlegen. Ich möchte ihm kurz das Wort geben und zuhören.
- Die Afrikaner sind nicht dumm, sie wissen sehr wohl, dass das Verhältnis asymmetrisch ist.
- Zwischen Pest und Cholera wählt man das kleinere Übel. Die Chinesen kommen mit ihrer Infrastruktur -
- Brücken und Strassen - und belästigen niemanden mit unerfüllbaren Geldforderungen.
- Sie mischen sich nicht in die Politik ein, sondern bedienen kurzfristige Bedürfnisse.
- Auch wenn das Verhältnis tatsächlich asymmetrisch ist. Wir sollten darauf hinarbeiten,
- uns solche ungleichen Partner- schaften mit China, Europa, den USA nicht mehr aufzwingen lassen zu müssen.
- Oder auch mit einem mächtigen afrikanischen Nachbarn. Faire Beziehungen lassen sich nur dann wiederherstellen,
- wenn sie an unserer politischen und wirtschaftlichen Souveränität, der Governance, an der Beziehung zwischen Zivilgesellschaft
- und politischen Eliten und dem Bewusstsein für unsere Interessen arbeiten.
- Aber das ist ein langer Prozess und geschieht nicht über Debatten. Wenn man sich der Ausbeutung der Ressourcen entziehen will,
- muss man über ein Jahrzehnt investieren, um eigene Kapazitäten aufzubauen und faire Verträge auszuhandeln.
- Sie stimmen ihm wahrscheinlich zu. Wie er das beschreibt - wie kann das gelingen?
- Was braucht es auch von internationaler Seite? Erwartet man auch etwas von Europa?
- Es ist ja China, das sich da engagiert. Das sind sehr schwierige Fragen.
- Deshalb schreibe ich auch über die Vergangenheit und nicht über die Zukunft:
- Es ist viel schwieriger, zu wissen, was passieren wird. Aber es gibt doch ein paar Denkansätze.
- Sie sprachen ja gerade die Jugend- lichkeit des Kontinents an. Man spürt das in jedem afrikanischen Land,
- sobald man aus dem Flugzeug steigt. Wie Felwine Sarr sagte, hängt vieles von der Beziehung
- zwischen der Zivilgesellschaft und den politischen Eliten ab. In Nigeria, dem grössten Land Afrikas,
- haben gerade Wahlen stattgefunden. Der mutmassliche Sieger ist ein 80-jähriger Mann -
- in einem Land, in dem der Grossteil der Bevölkerung unter 30 ist. Es steht also eine Aufarbeitung des Gesellschaftsvertrags an.
- Vielleicht ist das dem gar nicht so unähnlich, was bei uns in den USA geschieht,
- wo wir ja auch einen 80-jährigen Präsidenten haben. Entscheidend wird der Druck sein,
- den diese junge Bevölkerung auf ihre Führer ausüben wird. Erst vor ein paar Jahren gab es in Nigeria
- die grössten Massenproteste seit der Unabhängigkeit. Sie wurden von der Jugend angeführt.
- Die politische Situation wird also in diesen Ländern infrage gestellt. Auch hier verdient der innenpolitische Aspekt Beachtung.
- In Äthiopien haben die letzten Proteste der grössten ethnischen Gruppe, der Oromo,
- in den 2010er-Jahren eine Regierung zu Fall gebracht, die seit 1991 an der Macht war.
- Dieser Widerstand ist nicht nur Schauplatz heftiger Konflikte, aus ihm erwächst auch der Wandel.
- Daneben gibt es auch den Wandel im internationalen Kontext, den Sie erwähnt haben.
- In einer neuen multipolaren Ordnung, in der die globale Vorherrschaft der USA,
- von China und Russland infrage gestellt wird, haben kleinere postkoloniale Staaten vielleicht bessere Karten
- am Verhandlungstisch. Vergessen wir nicht, dass die Dekolonisierung
- und erste Fortschritte in diesen Ländern in den Jahrzehnten nach dem Krieg erzielt wurden,
- als der Kalte Krieg für eine Bipolarität in der globalen Ordnung sorgte.
- Ob sich die Dinge für diese Länder heute ähnlich positiv entwickeln, ist angesichts einer anderen Dynamik des neuen Kalten Kriegs aber unklar,
- weil immer mehr Mittel in die militärische Aufrüstung und Überwachung fliessen
- und so fehlen für die Transformation der ungleichen Beziehungen. Ich sehe aber in einem gewissen Sinn eine Art von Öffnung,
- mit Blick auf eine neue Entwicklung, die ich in diesem Buch nicht wirklich bespreche:
- Mehr und mehr tritt eine Sprache der Reparation und der Restitution in den Vordergrund.
- So verhandelt Deutschland mit Namibia über eine Wiedergutmachung für den Völkermord von 1904.
- Felwine Sarr hat ein ganzes Buch über die Rückgabe von Kunstobjekten geschrieben.
- Diese neue Sprache der Gerechtigkeit, der Wiedergutmachung und der Rückgabe
- schafft neue Möglichkeiten, die alten Beziehungen anzugehen. Die ganze Frage der Wiedergutmachung, die bis anhin nicht erledigt wurde,
- die immer wieder aufs politische Parkett kommt und neu vielerorts aufflammt.
- Mich interessiert auch, was wir als Inspiration von diesen Ländern mitnehmen können.
- Da gibt es ganz viel. Was Sie in einem Interview erwähnten
- und was wirklich ein berührender Moment ist, ist die Rede von Martin Kimani, dem kenianischen UN-Botschafter.
- Er sprach vor dem UN-Sicherheitsrat in der Sondersitzung vom 21.2.2022. Es wurde eine Sondersitzung einberufen
- anlässlich des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Er legte noch einmal dar, was sozusagen zu lernen ist
- von vielen afrikanischen Staaten, mit den willkürlich gezogenen Grenzen und mit den unterschiedlichen Ethnien innerhalb eines Landes.
- Auch ihm möchte ich noch kurz das Wort geben. Das ist eine erstaunliche Reaktion auf den Russland-Ukraine-Krieg,
- auch weil darin festgehalten wird, dass nationalstaatliche Grenzen nichts Natürliches sind.
- Das ist in Europa und in der Schweiz, wo Menschen verschiedener Sprache und Herkunft leben, bestens bekannt.
- Das Versprechen von Nkrumah und vielen anderen war: Wir kehren nicht zu den alten Nationen zurück,
- sondern schaffen neue. Diese neuen Nationen können alle Menschen einschliessen,
- die sich innerhalb unserer Grenzen befinden. Wir wissen, dass diese Grenzen künstlich sind,
- aber das trifft in gewisser Weise auf alle politischen Grenzen zu. Darin liegt eine wichtige Lektion.
- Auf dem afrikanischen Kontinent bleibt immer noch viel zu tun. Wie können die Menschen dazu gebracht werden,
- dass sie sich alle als Bürger/-innen dieses Landes fühlen? Welche Art von Respekt
- vor ethnischen, religiösen und sprachlichen Unterschieden muss die Vision einer Nation umfassen?
- Welche Formen der Dezentralisierung ermöglichen eine wirkliche Selbstverwaltung auf lokaler und regionaler Ebene?
- Das sind die Altlasten der Dekolonisierung, die noch aufzuarbeiten sind.
- Das ist so interessant, denn davon kann man auch lernen. Wenn es heisst, Kriege würden wegen des Nationalismus geführt,
- stimmt das vielleicht gar nicht. Wenn man erst einmal verstanden hat, dass Nationen etwas sind,
- das sich zusammenfügt, ein Territorium bestimmt und schaut, dass es allen darin gut geht.
- Das international anerkannt werden will. Aber wenn wir anerkennen,
- dass ganz unterschiedliche Kulturen und Ethnien zusammenleben, ist das ja gar kein Anlass, Krieg zu führen.
- Dann ist es Anlass, diese Grenzen zu verteidigen, aber eben nicht, sich alles einzuverleiben,
- was zu diesem Ursprungsmythos einer Nation gehört. Interessanterweise gibt es unter afrikanischen Ländern
- kaum zwischenstaatliche Kriege in der Art, wie wir sie aus der europäischen Kriegsgeschichte kennen.
- Es kommt also nicht so sehr auf die Grenzen zwischen den Staaten an, sondern auf die Grenzen innerhalb der Staaten.
- Die meisten Kriege auf dem afrikanischen Kontinent seit der Dekolonisierung waren Bürgerkriege.
- In meinem Buch nenne ich die Konflikte in Nigeria, im Kongo, oder heute im Sudan und in Äthiopien.
- Es geht letzten Endes um die Frage, wie die interne Pluralität der Staaten überwunden,
- wie religiöse und ethnische Unterschiede respektiert und wie sinnvolle Formen der Selbstverwaltung
- für Minderheiten innerhalb der Länder geschaffen werden können, die zum Schauplatz von politischen Konflikten
- und politischer Gewalt auf dem Kontinent geworden sind. Diese Fragen sind noch zu klären.
- Blicken wir in unsere Gegenwart. Zu den ganzen Bemühungen der Dekolonisierung gehört ja auch,
- das eigene Denken zu hinterfragen. Stichwort: Critical Whiteness aus den USA.
- Also der Aufruf, dass wir Weissen unser Denken überdenken.
- Dass wir über die ganzen Vorurteile und Privilegien kritisch nachdenken. Dazu gehören auch Curricula, also Lehrpläne zu erweitern,
- oder auch Strassen umzubenennen, Statuen zu entfernen. Und in diesem Kontext denkt man an Cecil Rhodes.
- Die Statue, die 2010 im Kontext der Kampagne "Rhodes Must Fall" in Südafrika abmontiert wurde.
- Was ist die Geschichte von Cecil Rhodes, und warum war das so wichtig, auch für die Idee der Dekolonisierung?
- Wir sollten die Dekolonialisierung in Bezug auf die Politik, die Wirtschaft, aber auch in Bezug auf das Wissen
- und die Kultur betrachten. Diese spezielle Bewegung
- ging vom universitären Kontext in Südafrika aus, wo Schwarze weitgehend ausgeschlossen waren
- von höheren Bildungseinrichtungen, insbesondere den öffentlichen Vorzeigeuniversitäten
- wie der Universität Kapstadt. Der von den Studenten der Universität geführte Kampf
- um die Entfernung der Rhodes-Statue war Teil eines umfassenderen Diskurses
- über die Dimensionen der Apartheit, die immer noch in den Lehrplänen und der Struktur der Universität fortbestehen.
- Die Rhodes-Statue wurde zum Symbol für eine breiter gefasste Frage, was es bedeutet,
- an einer echten Post-Apartheid- Universität zu studieren. Auf die "Rhodes Must Fall"-Bewegung
- folgte sehr rasch eine "Fees Must Fall"-Bewegung, mit der Forderung nach einer kosten- losen öffentlichen Hochschulbildung,
- um die Spaltungen und Ungleichheiten der Apartheit zu überwinden. Die "Rhodes Must Fall"-Bewegung begann zwar in Südafrika,
- wurde aber bald in Oxford in Grossbritannien aufgegriffen. Ich beschäftige mich im Moment damit,
- wie Dekolonisierung zu einem zentralen politischen Thema in ehemaligen imperialen Metropolen wie dem Vereinigten Königreich wird.
- Für diejenigen, die Cecil Rhodes nicht kennen: Das war ein Kolonialherr britischer Herkunft,
- der auch sagte, die britische "Rasse" sei allen anderen Rassen überlegen,
- auch den afrikanischen Ethnien. Rhodesien war auch nach Cecil Rhodes benannt.
- Deswegen ist er eine Hassfigur, eine problematische Figur. Wir haben die Diskussion natürlich auch in der Schweiz,
- nämlich anhand von Alfred Escher. Alfred Escher war ein sehr wichtiger Ökonom und auch Politiker.
- Seine Statue steht vor dem Zürcher Hauptbahnhof. Er war aktiv in der Zeit, in der Zürich und die ganze Schweiz
- massiv vom Sklavenhandel profitierten. Es gab die Forderung, die Statue abzumontieren.
- Die Stadt Zürich vertritt den Standpunkt, dass sie die Geschichte aufarbeiten - das sei wichtig -,
- aber die Statue stehen lassen will, denn das Problem ist ja immer: Was man wegnimmt, verschwindet aus dem Denken.
- Gehört es nicht dazu, dass wir mit diesen Monumenten umgehen, sie in unsere Kultur und Welt inkludieren,
- weil wir nicht vergessen sollten, was passierte? Es ist eine interessante Frage, und ich schwanke hin und her.
- Revolutionäre Veränderungen wurden natürlich oft von einem Bildersturm begleitet.
- Die Französische Revolution riss die Statuen der Monarchie nieder, die Amerikanische Revolution fällte die Statuen von König George.
- Es gilt aber zwischen einem öffentlichen Gedenken und dem Feiern von Geschichte zu unterscheiden.
- Statuen helfen uns nicht nur, uns an unsere Geschichte zu erinnern,
- sondern huldigen auch einer be- stimmten Version unserer Geschichte. Im Bemühen, eine Form der öffentlichen
- Darstellung von Geschichte in ihrer ganzen Komplexität zu finden, kann man entscheiden,
- die Statuen an ihrem Platz zu belassen und andere Arten von öffentlicher Ikonografie
- in der Stadt zu schaffen, die die vielseitigen Eigenschaften einer solchen Figur abbilden.
- Vielleicht entscheidet man aber auch, die Statue zu entfernen
- und andere Formen des öffentlichen Gedenkens zu suchen. Es lohnt sich, das Huldigen und das Erinnern
- unserer Vergangenheit auseinanderzuhalten. Es geht bei diesen verschiedenen Auseinandersetzungen
- um die öffentliche Geschichte eigentlich darum, wer das Sagen hat. Wer entscheidet, welche Geschichte gefeiert wird,
- und wie können wir diesen Raum für verschiedene Versionen unserer kollektiven Geschichte öffnen?
- Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich finde es sehr interessant, wie unterschiedlich wir urteilen.
- Als 2010 in Georgien die Statue von Stalin niedergerissen wurde, protestierte niemand.
- Es war völlig nachvollziehbar, dass man Stalin nicht mehr verehrt. Ich will Alfred Escher nicht mit Stalin gleichsetzen,
- aber die Geschichte von Cecil Rhodes ist ja schon eine wahnsinnig blutige und grauenhaft Geschichte.
- Insofern ist es interessant, wie wir mit den unterschiedlichen historischen Vermächtnissen umgehen.
- Ganz genau. Es ist schwierig, in den grossen ikonischen Statuen
- die Vielzahl an Bedeutungen zu erkennen, die Menschen mit einer bestimmten Darstellung verbinden.
- In Richmond, Virginia, gab es ein sehr interessantes Projekt
- rund um die Konföderierten-Statuen, die eigentlich abgerissen werden sollten.
- Während der "Black Lives Matter"- Proteste im Jahr 2020 projizierten Künstler
- auf die Konföderierten-Statue von Robert E. Lee Bilder von George Floyd
- und von wichtigen schwarzen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik
- und verwandelten sie so in einen kulturellen Raum für die Proteste. Sie transformierten die Bedeutung der Statue.
- Dieser Versuch, mit den verkalkten Versionen der Geschichte zu interagieren
- und ihre Deutung zu hinterfragen, ist eine der kraftvollsten Aktionen der letzten Jahre.
- Es gibt ja auch Kritik an den Bemühungen um Critical Whiteness.
- Es gibt viele Weisse, die sich dagegen wehren. Auch dafür gibt es einen Fachbegriff: White Fragility.
- "Ich werde kritisiert. Ich darf nichts mehr sagen." Also ein Zurückzucken, zunehmende Reflexe.
- Es gab einen Text von Joachim Gauck, der mich damals sehr beschäftigte. Er schrieb einen Artikel in "Die Zeit" und meinte,
- er würde es auch kritisch sehen, wenn er als Weisser, oder die Weissen allgemein,
- plötzlich alle nur noch schuldig gesprochen würden. Es habe doch auch weisse Sklaven gegeben.
- Er betont, dass es vom 16. bis 18. Jh. im Osmanischen Reich weisse Sklaven gegeben habe.
- Oder auch weisse Sklaven im Reich Griechenlands und Roms. Menschen, die besiegt und versklavt wurden.
- Was entgegnen Sie auf solche Einwürfe? Er sagt, das Wichtige sei, die Menschenrechte zu schützen
- und nicht einseitig Schuldzuweisungen zu machen. Es lohnt sich, das,
- was man als politische Verantwortung bezeichnen könnte, von einer Art krimineller Schuld zu trennen.
- Es geht nicht darum, dass wir vor Gericht alle für die Verbrechen unserer Vorfahren verantwortlich sind.
- Aber ich denke, wir alle tragen die Last der Verantwortung
- für die Art und Weise, wie wir direkt und indirekt von einer Welt profitieren,
- die zutiefst ungleich und hierarchisch ist. Ich beschäftige mich weniger mit dem Thema White Fragility
- oder damit, wie Weiss-Sein sich auf die persönliche Erfahrung auswirkt - was es wohl tut.
- Es ist viel wichtiger, auf der Ebene der Strukturen und Institution zu denken,
- darüber nachzudenken, wie wir in Machtstrukturen eingebettet sind. Es gibt keine klare Linie,
- wonach Weisse profitieren und Schwarze nicht. Ich bin Professorin an der Universität von Chicago.
- Ich lebe im reichsten Land der Welt. Auch ich trage in gewisser Weise Verantwortung
- und profitiere von dieser hierarchisch organisierten Welt. Deshalb ist es besser,
- über Race und wirtschaftliche Ungleichheit in diesen strukturellen und institutionellen Zusammenhängen
- als auf Ebene des Einzelnen zu denken. Ist es nicht eine Schwierigkeit, dass wir manchmal denken,
- etwas sei die richtige Art - pragmatisch, politisch -, es gehe nicht darum, Einzelne verantwortlich zu machen?
- Da stimme ich Ihnen zu. Aber manchmal passiert nichts,
- weil es das individuelle Bemühen um gewisse Dinge braucht. Das stimmt.
- Und natürlich braucht es einzelne Menschen, die von der Politik berührt werden.
- Man denke nur an die vielen weissen US-Amerikaner, die sich der Bürgerrechtsbewegung angeschlossen haben,
- oder an die vielen Europäer, die sich zu unterschiedlichen Zeiten gegen die Übel des Empire ausgesprochen haben.
- Auf solche Persönlichkeiten kommt es an, denn es braucht Bündnisse der Solidarität zwischen Menschen,
- die eine unterschiedliche Stellung in der Gesellschaft haben. Man holt die Menschen nicht dadurch ab, dass man sie auffordert,
- sich selbst zu hinterfragen oder sich mit ihrem Weiss-Sein oder ihren Privilegien auseinanderzusetzen.
- Manchmal ist es vielleicht besser zu sagen: "Schau, meine Vision von der Welt
- bedeutet auch eine bessere Welt für dich." In den USA läuft seit der Wahl von Donald Trump
- die Diskussion über die weisse Arbeiterklasse und die Gründe für ihren Rechtsrutsch und darüber,
- was Weiss-Sein für diesen Teil der Wählerschaft bedeutet. Natürlich muss der tief verankerte Rassismus in Amerika
- überwunden werden. Ob dies gelingt, hängt auch von einer Vision ab,
- von der sich die Menschen tatsächlich etwas versprechen. Man hat die Menschen bislang noch nicht
- an eine solche Vision herangeführt. Ein sehr schönes Bild: eine gemeinsame Vision,
- von der wir alle profitieren, wenn die Welt gerechter wird. Und aber auch Ihr Plädoyer, zu überdenken,
- dass wir auch von einer sehr ungerechten Welt profitieren. Von einer Welt, die hinter den Erwartungen
- der 1950er- bis 1970er-Jahren zurückbleibt, als man eben wirklich eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung
- anstreben wollte. Ich danke Ihnen ganz herzlich für diesen Blick zurück und nach vorne.
- Danke, dass Sie hier waren, Adom Getachew. - Ich danke Ihnen. Was es heisst, den afrikanischen Kontinent
- utopisch und frei zu denken, erklärt Felwine Sarr in diesem Gespräch. Und dazu auch eine Sternstunde mit Shalini Randeria,
- die unsere egozentrischen Denkmuster aufdeckt. Schaut rein, es lohnt sich.
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