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Bewahrung der Schöpfung

Bewahrung der Schöpfung ist ein biblisch motiviertes und religiös orientiertes Motto, das seit den 1980er Jahren in den ethischen Diskurs und in die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und biblische Grundlage
  2. 2. Christliche Auslegung im Konziliaren Prozess
  3. 3. Andere religiöse Bezüge
  4. 4. Kritik und offene Fragen
  5. 5. Wirkung in Gesellschaft, Bildung und Kultur

Kernidee und biblische Grundlage

„Bewahrung der Schöpfung“ ist ein biblisch motiviertes und religiös orientiertes Motto. Seit den 1980er Jahren wurde es wichtig für ethische Diskussionen sowie für Ziele vieler christlicher Friedens- und Umwelt-Initiativen. Auslöser war der Konziliare Prozess, der 1983 auf der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver begann. „Bewahrung“ betont die Verantwortung des Menschen für seine Umwelt. „Schöpfung“ meint neben dem Glauben an Gott als Schöpfer auch eine gemeinsame, christlich geprägte Welt der Menschheit und aller Lebewesen.

Die wichtigste biblische Grundlage liegt in der Hebräischen Bibel, für Christen dem Alten Testament. Nach jüdisch-christlichem Glauben sind Natur, Universum und Kosmos eine Schöpfungstat Gottes. Im Buch Genesis erscheint die Schöpfung als Garten Eden. Der Mensch wird dort beauftragt, den Garten „zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15 LUT). Daraus folgt die Vorstellung, dass die Erde dem Menschen anvertraut ist: Er soll sie im Auftrag des Schöpfers hegen, pflegen, kultivieren und ihre Möglichkeiten entwickeln.

Der Mensch gilt in der biblischen Schöpfungsgeschichte als Ebenbild Gottes und erhält dadurch eine besondere Verantwortung. Er ist zugleich ein kreatives Geschöpf unter anderen Mitgeschöpfen. Der Auftrag schließt ein, die Erde zu kultivieren und als bewohnbaren Lebensraum für alle Menschen einzurichten. Der schonende Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde wird im Alten Testament als ethische Aufgabe verstanden.

Christliche Auslegung im Konziliaren Prozess

In den Kirchen, die seit 1983 dem Konziliaren Prozess nahestehen, beruht das Motto auf dem Glauben, dass die Erde und alles Leben Schöpfungswerk Gottes und deshalb heilig beziehungsweise geheiligt ist. Weil alle Formen des Lebens miteinander und mit Gott verbunden sind, soll die Schöpfung bewahrt und achtsam geschützt werden. Der schonende Umgang mit der Erde gilt dabei als traditionelles ethisch-theologisches Anliegen, das aus jüdischer Zivilisation und Kultur stammt.

1985 erklärten der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam, sie seien durch das Ausmaß der Umweltzerstörung aufgeschreckt und durch moderne Schriftauslegung angestoßen worden, die Bibel nach dem gottgewollten Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen zu befragen. Neben dem Bild des Gartens wurde dabei das Bild des Hirten wichtig. Die Begriffe kavash und radah aus Genesis 1,28 wurden so erläutert, dass „Untertanmachen“ bedeutet, die Erde oder den Boden mit seinem Wildwuchs durch Kultivierung zu Kulturland zu machen. Das „Herrschen“ über die Tierwelt wurde davon unterschieden und mit dem fürsorglichen Walten eines Hirten gegenüber seiner Herde verglichen: Gott legt dem Menschen das Leiten und Hegen der Tiergattungen auf.

Die Oekumenische Weltversammlung von Seoul in Südkorea vertiefte 1990 diese Sicht in ihrer 7. Grundüberzeugung. Sie bekannte: Gott liebt die Schöpfung, ist Ursprung und Erhalter des ganzen Kosmos, und alles Leben soll heilig gehalten werden. Land, Wasser, Luft, Wälder, Berge und alle Geschöpfe einschließlich der Menschen seien in Gottes Augen „gut“. In Seoul wurden insgesamt „Zehn Grundüberzeugungen“ verabschiedet, die in Entsprechung zu den Zehn Geboten zusammenfassen sollten, was Christen gemeinsam zu sozialethischen Fragen sagen können.

Andere religiöse Bezüge

Auch außerhalb des Christentums gibt es verwandte Vorstellungen. Im Bahaitum ist ein Leben in Frieden und im Einklang mit der Natur wichtig, um die Schöpfung Gottes zu bewahren. Für Bahai ist Gott der Schöpfer des Universums; er hat auch die Entstehung aller Arten geplant und in die Wege geleitet.

Im Judentum gibt es die Vorstellung von Tikkun olam, hebräisch תיקון עולם. Der Ausdruck bedeutet „Reparatur der Welt“, „Verbesserung der Welt“ oder „Reparieren der Erde“. Traditionell bezog sich dies eher auf soziale Fragen, wird neuerdings aber teilweise auch im Sinne von Umweltschutz und Wiederaufforstung verstanden. Diese Vorstellung ist mit „Bewahrung der Schöpfung“ vergleichbar, wird aber als mehr als ein bloßes Motto verstanden: Das Judentum als Religion der Zeit und der Tat sieht sich von Gott aufgerufen, die Schöpfung zu vollenden und zu heilen. Tora und Tanach enthalten Gebote, die als Umweltschutz und gegen Raubbau gedeutet werden können. Zum Neujahrsfest der Bäume werden Bäume gepflanzt, und der jüdische Festkalender ist stark vom natürlichen landwirtschaftlichen Jahreslauf geprägt.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verband sich die Umweltbewegung außerdem mit dem Symbol „Mutter Erde“. Ein indianischer Sammelbegriff wurde auf viele indigene Völker ausgeweitet und als „irgendwie heilige“ Mutter Erde im Sinne der gesamten Biosphäre zu einem mystisch-romantisch geprägten Symbol für nachhaltigen Umgang mit der Welt. Dadurch entstanden neue spirituelle Verknüpfungen und eine Nähe zum Gedanken der Bewahrung der Schöpfung. Lieder wie der Kanon „Jeder Teil dieser Erde“ nach einer Häuptling Seattle zugeschriebenen Rede trugen zu einer interreligiösen Erweiterung des Themas bei.

Kritik und offene Fragen

Die christliche Deutung der Bibel als Auftrag zu Umweltschutz und Schöpfungsethik ist nicht überall anerkannt. Manche christliche Kirchen mit Nähe zum Evangelikalismus, besonders außerhalb Deutschlands, sehen Umweltschutz nicht als Aufgabe von Kirche und Gemeinde. In solchen Gemeinden wird der Klimawandel teils gar nicht anerkannt oder als Hinweis auf die Endzeit verstanden. Aktiv betriebener Umweltschutz kann dann als Störung in Gottes größerem Plan gelten. Ein Pastor der Northland Bible Baptist Church im US-Bundesstaat Minnesota sagte dazu sinngemäß, die Zukunft des Planeten liege allein in Gottes Hand und nicht bei Menschen, Industrie, Autos, Waffen oder CO2-Emissionen.

Auch in anderen christlichen Konfessionen gibt es Vorbehalte. Der Erzbischof von Washington, Donald Kardinal Wuerl, sagte 2015 vor dem Erscheinen der päpstlichen Enzyklika Laudato si’, Umweltschutz sei gewiss wichtig, dürfe aber „die wirtschaftliche Entwicklung nicht gefährden“.

Als Unschärfe wird genannt, dass nicht immer klar ist, in welchem Zustand die Schöpfung bewahrt werden soll und aus welcher Perspektive darüber geurteilt wird. Offen bleibt, ob westliche christlich geprägte Zivilisationen mit Globalisierung, Klimaänderung und Atomzeitalter maßgeblich sind, oder ob eher eine postindustrielle, naturnähere, mystische oder andere christlich geprägte Ordnung gemeint ist.

Wirkung in Gesellschaft, Bildung und Kultur

Das Motto wurde von zahlreichen Initiativen, Arbeitsgruppen und Preisen aufgegriffen. Genannt werden unter anderem der Bremer Friedenspreis, Vogelschutz-Reservate „Bewahrung der Schöpfung“ im Rhônedelta, ein Illustrationspreis für Kinder- und Jugendbücher, der Kardinal-König-Preis, die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR, die Europäische Ökumenische Versammlung, die Friedensdekade der Ökumene sowie verschiedene Arbeitskreise und Initiativen.

Auch staatliche und internationale Texte greifen ähnliche Anliegen auf. Das Schweizer Umweltschutzgesetz von 1985 enthält mit den Worten „schützen“ und „erhalten“ den Gedanken des Bebauens und Bewahrens. Artikel 1 nennt als Ziel, „Menschen, Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume gegen schädliche oder lästige Einwirkungen“ zu schützen und natürliche Lebensgrundlagen, besonders biologische Vielfalt und Fruchtbarkeit des Bodens, dauerhaft zu erhalten. Diese Zielsetzung ist seit 1. Januar 2004 in dieser Form in Kraft. Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten von 1997 fordert Ehrfurcht vor Leben, die auch Tiere, Pflanzen, Erdboden, Wasser und Luft einschließt. Die Erd-Charta von 2000 nennt unter anderem die Sicherung der Fülle und Schönheit der Erde für heutige und zukünftige Generationen, den Schutz und die Wiederherstellung der Ökosysteme sowie das Vorsorgeprinzip.

Im Religionsunterricht ist der Begriff ebenfalls verankert. Schülerinnen und Schüler sollen an Beispielen aus ihrem Lebensumfeld beschreiben können, dass der Umgang mit Schöpfung und Mitmenschen ethisch herausfordert, biblische Weisungen erläutern und Möglichkeiten eigener Verantwortung für Zusammenleben und Bewahrung der Schöpfung nennen. Das Thema wurde über Konfessionsgrenzen hinweg auch an Bildungsstätten, Schulen und im Konfirmandenunterricht wichtig, weil Kriege und Umweltzerstörung als Gefahren für die Schöpfung verstanden wurden.

Kulturell erscheint das Thema in Liedern und Kunstwerken. Ein Kirchenlied von Traugott Wettach aus dem Jahr 1976 entfaltet den Kerngedanken mit dem Refrain: „Du schufst, Herr, unsre Erde gut, denn die Erde ist ja dein! Sie zu bewahren, gib uns Mut, denn die Erde ist ja dein!“ Das Oratorium Laudato si’ von Peter Reulein mit einem Libretto von Pater Helmut Schlegel OFM wurde am 6. November 2016 uraufgeführt und berührt wesentliche Aspekte der Bewahrung der Schöpfung.

Lernvideos zu Bewahrung der Schöpfung

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