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Schöpfung

Schöpfungsmythen in den Religionen · Alter Orient · Antikes Griechenland · Zoroastrismus · Judentum · Christentum · Islam · Hinduismus · Buddhismus.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Typen von Schöpfungsmythen
  3. 3. Alte Schöpfungsvorstellungen
  4. 4. Judentum und die Genesis
  5. 5. Christentum, Islam und weitere Religionen
  6. 6. Philosophie und moderne Deutungen

Begriff und Bedeutung

Schöpfung bezeichnet in Religionen und Kulten die Ursache für den Anbeginn der Welt durch einen Schöpfer. Auch die erschaffene Welt – Leben, Erde und Universum – wird als Schöpfung bezeichnet. Ein Schöpfungsmythos ist eine meist religiöse oder theologische Erklärung für die Entstehung der Welt, des Universums oder des Menschen.

Viele Schöpfungsvorstellungen gehen von der Erschaffung aus dem Nichts oder aus einem bereits vorhandenen Chaos aus. Sie setzen häufig eine eigenständige, personifizierte Macht, meist einen Gott, voraus, der aus eigenem Antrieb erschafft. Im Katholizismus und auch im Islam gibt es außerdem die Vorstellung der creatio continua: Die Schöpfung ist nicht abgeschlossen, sondern setzt sich dauerhaft fort.

Die naturwissenschaftliche Kosmologie erklärt die Existenz und Eigenschaften des Kosmos durch physikalische Prinzipien und Theorien. Der Ausdruck „Schöpfung“ verweist deshalb meist ausdrücklich auf einen religiösen Hintergrund, etwa in der Forderung nach der „Bewahrung der Schöpfung“. Wird ein Widerspruch zwischen religiöser Schöpfungsvorstellung und Naturwissenschaft zugunsten der Schöpfungsidee entschieden, spricht man teilweise von Kreationismus.

Typen von Schöpfungsmythen

Der Religionswissenschaftler Charles H. Long unterscheidet in seinem Standardwerk Alpha: The Myths of Creation (1983) fünf bis heute verwendete Typen:

  • Emergenzmythen: Menschen treten aus der Erde, etwa aus einem Loch oder aus einer Erdmutter, hervor. Die Erdmutter kann später selbst zur Erde werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Entstehung des Menschen; deshalb handelt es sich eher um eine Anthropogonie als um eine Kosmogonie.

  • Mythos der Ureltern: Die Welt entsteht durch Vereinigung und Teilung eines ursprünglichen Elternpaares, etwa von Erdmutter und Himmelsvater. Manchmal wird die Erdmutter oder ein Urwesen wie der nordische Riese Ymir geopfert; aus seinen Körperteilen entstehen Teile der Welt. Hierzu zählen der indische Purusha-Mythos und der babylonische Tiamat-Mythos.

  • Schöpfung aus dem Chaos oder aus dem Ur-Ei: Die Welt entsteht aus einer vorher existierenden, ungeordneten Masse, der prima materia, oder aus einem Ei. Dieses Material wurde nicht von einem Schöpfergott geschaffen.

  • Schöpfung aus dem Nichts: Ein schon immer existierender Schöpfergott erschafft die Welt. Diese Vorstellung ist nicht nur in monotheistischen Religionen verbreitet.

  • Erdtauchermythen: Ein Gott schickt Tiere in die Tiefe des Wassers, damit sie die prima materia heraufholen. Im Mittelpunkt steht die Entstehung der Erde, nicht des gesamten Kosmos. Beispiele sind Mythen indigener Völker Arizonas und New Mexicos.

Alte Schöpfungsvorstellungen

Zu den ältesten bekannten Schöpfungsmythen der westlichen Welt gehören sumerische Überlieferungen. Im Atraḫasis-Epos, das wahrscheinlich um oder vor 1800 v. Chr. entstand, beschließen die Anunna, die Menschen als nachfolgende Generation der göttlichen Igigu zu erschaffen. Die Menschen sollen die schwere Arbeit der Götter übernehmen. Der Urmensch entsteht, indem die Göttin Nintu Lehm mit Fleisch und Blut des getöteten Gottes Geschtu’e verbindet. Das Epos verbindet verschiedene sumerische Themen und ältere mythologische Vorstellungen.

Das babylonische Gilgamesch-Epos erzählt unter anderem von Enkidu, einem von der Göttin Aruru geschaffenen menschenähnlichen Wesen. Es behandelt vor allem Gilgameschs Suche nach Unsterblichkeit. Die Figur des biblischen Noach weist deutliche Ähnlichkeiten mit dem von den Göttern ausgewählten Uta-napišti auf.

Enūma eliš ist der Name und zugleich der Beginn eines babylonischen Weltschöpfungsmythos. Abzu und Tiamat sind die ersten Daseinsformen vor der Schöpfung. Aus ihnen entstehen weitere Götter; später werden beide in einem Götterkampf von jüngeren Göttern gestürzt. Die Einbindung Marduks, der Stadtgottheit Babylons, diente dazu, den babylonischen Herrschaftsanspruch religiös zu begründen.

Im Alten Ägypten begann die Schöpfung nach einer Vorstellung mit dem urzeitlichen Hügel, der sichtbar wurde, als das Wasser des Nils zurückging. In Hesiods Theogonie, die um 700 v. Chr. entstand, beginnt der Kosmos mit sechs Urgottheiten: Chaos, Gaia, Tartaros, Eros, Erebos und Nyx. Gaia bringt Uranos, die Berge und das Meer hervor. Platon nahm einen Demiurgen, also einen göttlichen „Handwerker“, als Schöpfer an. Aristoteles setzte dagegen einen unbewegten Erstbeweger als Anfangspunkt jeder Bewegung. Die Frage der creatio ex nihilo steht dabei der Aussage „Ex nihilo nihil fit“ – „Aus nichts entsteht nichts“ – gegenüber.

Judentum und die Genesis

Im Judentum dienen Schöpfungstexte auch der Abgrenzung von den Religionen der Umwelt. Die Bibel bezeichnet Gott als Schöpfer, der den Himmel und die Erde geschaffen hat und dessen Geist über den Wassern schwebt. Die ersten beiden Kapitel der Genesis enthalten zwei deutlich unterschiedliche Texte, die nach der Bibelkritik von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Zeiten stammen: Genesis 1,1–2,4a ist formalisiert und hymnenartig, Genesis 2,4b–3,24 erzählt die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden.

Genesis 1,1–2,4a beschreibt das Sechstagewerk. Nach der im Artikel dargestellten jüdischen Auslegung ist die Einleitung als Temporalsatz zu verstehen: Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, war die Erde öd und wüst; dann sprach Gott: „Es werde Licht!“ Am Anfang jedes Tages steht Gottes Wort, danach folgt die Bestätigung „und es geschah so“. Gott sieht sein Werk an und stellt fest, dass es gut ist; für den zweiten Tag fehlt diese ausdrückliche Bewertung. Der Mensch wird am sechsten Tag als letztes Lebewesen und als Ebenbild Gottes erschaffen.

Genesis 2,4b–3,24 ordnet die Ereignisse anders: Adam wird am Anfang geschaffen, danach kommen Bäume, Tiere und die Frau hinzu. Gemeinsam ist beiden Texten die Darstellung der Welt als Werk eines einzigen Gottes. Im Unterschied zum babylonischen Enūma eliš gibt es keinen Götterkampf und keinen Hinweis auf eine Existenz vor der Schöpfung. Der Begriff Tehom bedeutet „Abgrund“ und ist etymologisch mit Tiamat verbunden, bezeichnet in Genesis aber kein personifiziertes Wesen.

Das Buch der Sprichwörter stellt die Weisheit als bei der Schöpfung anwesende und personifizierte Gestalt dar. In Spr 8,22–31 wird sie als vor den Werken der Urzeit geschaffen und als Gottes „geliebtes Kind“ beschrieben. Im Christentum wurde sie mit Sophia und dem Heiligen Geist verbunden; in Gnosis und Kabbala spielt sie ebenfalls eine wichtige Rolle.

Christentum, Islam und weitere Religionen

Das Christentum übernimmt die jüdische Vorstellung von Gott als Schöpfer und verbindet sie mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Im Prolog des Johannesevangeliums wird der Logos mit Gott gleichgesetzt. Der Kolosserbrief bezeichnet Jesus als „Bild des unsichtbaren Gottes“, als „Erstgeborenen der ganzen Schöpfung“ und als den, durch den alles Sichtbare und Unsichtbare erschaffen wurde. Im Glaubensbekenntnis wird Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde“ bezeichnet.

Der Koran greift die jüdisch-christliche Schöpfungstradition in zahlreichen Suren auf. Einzelheiten werden wiederholt und dienen vor allem der Veranschaulichung religiöser Aussagen. Dazu gehören Hinweise auf das Sechstagewerk, etwa in Sure 7,54; 10,3; 11,7; 25,59 und 32,4. Auch die Geschichte vom Fall Satans in Sure 38,73ff. findet sich in außerbiblischen jüdischen und christlichen Schriften, nicht aber in der Genesis. Der Koran bezeichnet Gott unter anderem als al-Badīʿ, al-Bāriʾ und al-Chāliq; das Wort al-Chāliq wird dort über 200 Mal verwendet. In der islamischen Theologie war außerdem umstritten, ob der Koran erschaffen und damit kritisierbar sei oder als Kalām, also Logos, von Anfang an existiere. Diese Frage war im Bagdad des frühen 9. Jahrhunderts während der Herrschaft der Muʿtaziliten besonders brisant.

Im Hinduismus wird die Welt von Vischnu erschaffen, während er auf einer zusammengerollten riesigen Schlange liegt, die für die kosmische Substanz Wasser steht. Der Buddhismus behandelt die Frage nach einem Schöpfer grundsätzlich als nebensächlich. Brahmas können sich zwar selbst für ewige Schöpfer halten, irren sich nach den Texten des Theravada-Buddhismus jedoch über ihre Allmacht und Unvergänglichkeit. Buddha erklärte, Fragen nach dem Ursprung der Welt führten nicht zu einem Erkenntnisgewinn. Das Gleichnis vom vergifteten Pfeil verdeutlicht, dass die unmittelbare Aufgabe – den Pfeil herauszuziehen – wichtiger ist als spekulative Fragen nach Täter, Richtung oder Grund des Schusses.

Weitere Schöpfungsmythen stammen unter anderem aus der nordischen, japanischen, timoresischen, chinesischen und Maya-Mythologie sowie aus der Mythologie der Māori.

Philosophie und moderne Deutungen

Schöpfungsvorstellungen aus der Antike wirkten in der europäischen Geistesgeschichte weiter. Augustinus von Hippo vertrat die creatio continua, also eine fortdauernde Schöpfung; später wurde diese Vorstellung unter anderem von René Descartes und Baruch de Spinoza vertreten. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling verstand Schöpfung als einen durch Gott in Gang gehaltenen, schrittweise verlaufenden Prozess.

Thierry von Chartres vertrat eine platonisch ausgerichtete Vorstellung. Thomas von Aquin lehrte das Hervorgehen alles Seienden aus einer ersten Ursache. Nikolaus von Kues deutete die Welt als Ausfaltung, lateinisch explicatio, des Wesens Gottes.

Mit der Ausweitung naturwissenschaftlicher Erklärungen auf Ursprungsfragen griff auch die Theologie naturwissenschaftliche Zugänge auf. Im Spannungsfeld zwischen Evolutionstheorie, Kreationismus und Intelligent Design wurde weiter über die Rolle eines Schöpfergottes nachgedacht. Die Vorstellung eines Urknalls am Beginn des Universums wurde dabei mitunter mit einem Schöpfungsakt verbunden.

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