Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Hinduismus

Im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es im Hinduismus keinen Religionsstifter, vielmehr entwickelten sich die religiösen Systeme Indiens über einen Zeitraum …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wesen und Verbreitung
  2. 2. Grundideen, Gottheiten und religiöse Praxis
  3. 3. Wiedergeburt und Wege zur Erlösung
  4. 4. Entwicklung und heilige Schriften
  5. 5. Religiöse Formen und Hauptrichtungen
  6. 6. Gesellschaft, Ernährung und heilige Orte

Wesen und Verbreitung

Der Hinduismus, auch Sanatana Dharma („ewiges Gesetz“), ist mit rund einer Milliarde Anhängern und etwa 15 % der Weltbevölkerung die drittgrößte Religionsgruppe nach Christentum und Islam. Er entstand in Indien, hat keinen Religionsstifter und ist keine einheitliche Religion, sondern ein vielgestaltiger Komplex verschiedener Hindu-Religionen und Traditionen. Diese unterscheiden sich in Schriften, Lehren, Gottheiten und Ritualen, können aber gemeinsame Traditionen teilen und sich gegenseitig beeinflussen.

Es gibt kein gemeinsames Glaubensbekenntnis und keine zentrale Instanz für alle Hindus. Manche Richtungen sind monotheistisch, dualistisch oder polytheistisch; Gottheiten können persönlich oder unpersönlich verstanden werden. Als gemeinsame Merkmale nennt Axel Michaels unter anderem den Bezug zu Südasien, soziale und Heiratsvorschriften, vedisch-brahmanische Werte, die Verehrung bestimmter Gottheiten und einen gemeinsamen identifikatorischen Habitus.

Etwa 92 % der Hindus leben in Indien, wo sie rund 80 % der Bevölkerung ausmachen. Große hinduistische Bevölkerungsanteile gibt es außerdem in Nepal (81 %), auf Bali (90 %), Mauritius (49 %), Fidschi und Guyana (je 30 %). Hinduismus verbreitete sich früh über Handelswege nach Südostasien und später durch Migration innerhalb des britischen Kolonialreiches sowie in die USA, Golfstaaten und Europa. In Deutschland leben über 60.000 Hindus, überwiegend tamilische Flüchtlinge aus Sri Lanka; ein wichtiges Zentrum ist der 2002 eingerichtete Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm.

Grundideen, Gottheiten und religiöse Praxis

Wichtige Hauptrichtungen sind Vishnuismus, Shivaismus und Shaktismus. Vishnuiten verehren Vishnu als höchsten Erhalter und Bewahrer der Welt, Shivaiten Shiva als Vollender und Zerstörer, Shaktas die weibliche Urkraft Shakti. Brahma gilt als Schöpfer und gehört mit Vishnu und Shiva zur Trimurti, wird aber nur noch selten als oberster Gott verehrt. Viele Hindus verehren Vishnu oder Shiva als einzigen allumfassenden Gott; andere sehen zahlreiche Gottheiten als Erscheinungsformen des einen höchsten Göttlichen. Wichtige weibliche Gestalten sind Durga, Kali, Lakshmi und Sarasvati.

Dharma bedeutet Recht, Pflicht und Ordnung: Jedes Wesen soll sich seinem Platz in der Welt entsprechend verhalten. Der Kosmos wird als geordnet und zugleich zyklisch verstanden; Weltzeitalter und Weltzyklen heißen Yuga beziehungsweise Kalpa. Weitere verbreitete Begriffe sind Karma, Atman und Moksha. Karma bezeichnet die Folgen von Handlungen, Atman den unzerstörbaren Wesenskern, Moksha die Erlösung oder Befreiung.

Brahman ist der höchste kosmische Geist: eine ewige, allgegenwärtige, nicht körperliche und rational nicht fassbare Kraft, die Ursache, Quelle und Material aller Schöpfung ist. Die Upanishaden beschreiben Brahman als unteilbares Universalselbst. Es kann unpersönlich verstanden werden; daneben steht die Vorstellung eines persönlichen höchsten Herrn, Ishvara. Devas sind ihm unterstellte himmlische Wesen. Im Advaita Vedanta Shankaras (788–820) sind Atman und Brahman wesensgleich, während Ramanujas Vishishtadvaita einen qualitativen Unterschied zwischen Seele und Gott annimmt und Madhvas Dvaita Vedanta beide strikt trennt.

Zentrale Formen der Frömmigkeit sind Puja, die Verehrung im Haus oder Tempel, und Bhakti, die hingebungsvolle Beziehung zu einer persönlichen Gottheit. Samskaras sind etwa 40 Übergangsriten des Lebens; besonders wichtig sind Initiation, Heirat und Totenriten. Bedeutende Pilgerorte sind unter anderem Varanasi am Ganges und Tirumala Tirupati.

Wiedergeburt und Wege zur Erlösung

Die Vorstellung von Wiedergeburt ist nicht in allen hinduistischen Strömungen vertreten; im Ur-Hinduismus und frühen südindischen Religionen gab es sie nicht. In den ab etwa 800 v. Chr. niedergeschriebenen Upanishaden wurden Wiedergeburt und Karma ausgearbeitet. Samsara bezeichnet den Kreislauf von Geburt, Tod und neuer Verkörperung. Nach dieser Lehre prägt gutes oder schlechtes Karma, das durch frühere Taten entsteht, künftige Erfahrungen und Wiedergeburten.

Atman ist der unsterbliche Wesenskern und nicht einfach mit einer individuellen Seele gleichzusetzen: Im Brahman ist Atman immer derselbe. Jiva bezeichnet die Individualseele, also Atman, der sich mit begrenzenden Hüllen identifiziert. Die Lehre der drei Körper unterscheidet den physischen Körper (Sthula Sharira), den feinstofflichen oder astralen Körper (Sukshma Sharira) und den kausalen Körper (Karana Sharira). Die fünf Koshas, Hüllen des Selbst, heißen Annamaya, Pranamaya, Manomaya, Vijnanamaya und Anandamaya Kosha.

Moksha bedeutet Befreiung aus Samsara. Als Wege gelten Bhakti-Yoga, liebende Gottesverehrung, Karma-Yoga, der Weg der Tat, Jnana-Yoga, der Weg des Wissens, sowie häufig Raja-Yoga, der „Königsweg“. Im Advaita Vedanta wird Moksha durch das Überwinden von avidya (Unwissenheit) und Maya (Illusion) sowie durch die Erkenntnis der Identität von Atman und Brahman erreicht.

Entwicklung und heilige Schriften

Über vorvedische Religionen bis etwa 1750 v. Chr. ist wenig bekannt. Für die Indus-Kultur (ca. 2500–1500 v. Chr.) werden unter anderem Animismus, Ahnen-, Fruchtbarkeits- und Naturkulte vermutet. Deutungen von Figuren als Muttergöttin oder Proto-Shiva sowie des „Großen Bads“ von Mohenjo-Daro als Ort ritueller Waschungen bleiben jedoch unsicher oder spekulativ.

Die vedische Religion entstand nach dem Zusammenbruch der Indus-Kultur. Ihre vier Veden gelten als heilige Offenbarung (Shruti): Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda. Der Rigveda enthält 10.600 Strophen mit Götterhymnen; der Samaveda 1.800 Strophen für Gesänge; der Yajurveda 2.000 Opfersprüche und Ritualanweisungen; der Atharvaveda 6.000 Zaubertexte. In der frühvedischen Phase (1750–1200 v. Chr.) waren Nahrungsopfer und Soma wichtig. In der mittelvedischen Phase (1200–850 v. Chr.) gewann das Opferwesen an Bedeutung und die Brahmanen stärkten ihre Stellung. In der spätvedischen Phase (850–500 v. Chr.) entwickelten Brahmanas, Aranyakas und Upanishaden die Lehren von Brahman, Atman, Karma und Wiedergeburt weiter.

Von 500–200 v. Chr. kritisierten asketische Reformbewegungen das brahmanische Opferwesen; Jainismus und Buddhismus setzten sich dauerhaft durch. Im klassischen Hinduismus wurden lokale Gottheiten in das Pantheon aufgenommen; Shiva und Vishnu gewannen gegenüber vedischen Göttern an Bedeutung. Zwischen 300 und 650 entstanden Tempel, Pilgerwesen und Puja. In der Spätzeit (650–1100) prägten Regionalisierung, Bhakti und Tantrismus die Entwicklung; Shankara entwickelte Advaita Vedanta weiter.

Seit 1100 beeinflussten Islam, später Christentum und Kolonialherrschaft die hinduistischen Gesellschaften. Es entstanden Sekten, Mischformen religiöser Praxis und der Sikhismus. Im modernen Hinduismus ab 1850 bildeten sich Reformbewegungen wie Brahmo Samaj, Arya Samaj und die Ramakrishna-Mission. Vivekananda stellte den Hinduismus 1893 in Chicago als Universalreligion vor. Mit Hindutva entstand zugleich ein politisierter Hinduismus; Artikel 25 der indischen Verfassung fasst in einer Zusatzbestimmung auch Jainismus, Buddhismus und Sikhismus unter Hinduismus.

Religiöse Formen und Hauptrichtungen

Eine Einteilung unterscheidet drei nicht streng getrennte Formen: Der brahmanische Sanskrit-Hinduismus ist eine stark ritualisierte Priesterreligion mit den Veden, Sanskrit, Brahmanen und großfamiliären Haus- und Opferritualen. Hinduistische Volks- und Stammesreligionen sind meist lokal, polytheistisch und teilweise animistisch; sie kennen eigene Priester, lokale Gottheiten, vergöttlichte Helden und Geister. Gestiftete Religionen gehen auf Gründer oder Gurus zurück und sind oft asketisch, antibrahmanisch und missionierend. Im Hinduismus bedeutet „Sekte“ vor allem eine organisierte, meist von einem Stifter begründete Tradition, nicht notwendig eine ausgeschlossene Gemeinschaft.

Vishnuismus verehrt Vishnu als höchstes Allwesen. Seine wichtigsten verbundenen Strömungen sind der vedische Vishnu-Kult, der Kult Vāsudeva Krishnas und der Rama-Kult. Vishnu erscheint als Avatar, wenn Dharma gefährdet ist. Krishna unterweist Arjuna in der Bhagavad Gita auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra über die Pflicht des Kriegers und die Unsterblichkeit des Atman. Rama, der Held des Ramayana, wird besonders in dessen erstem und letztem Buch als Inkarnation Vishnus verstanden.

Shivaismus geht vermutlich auf Rudra zurück, den gefährlichen vedischen Gott von Krankheit und Tod. Shiva ist zugleich zerstörerisch, asketisch und segensreich; sein wichtiges Symbol ist der Linga. Zu seinen Richtungen zählen die dualistischen Pashupatas, der monistische kaschmirische Shivaismus, Shaiva Siddhanta, Natha-Yogis und Virashaivas beziehungsweise Lingayats. Shaktismus stellt Shakti, die weiblich gedachte Urkraft, über Shiva. Seine wichtigste frühe Schrift ist das Devi Mahatmya; Hauptformen sind Shri-Kula in Südindien und Kali-Kula in Nord- und Ostindien.

Gesellschaft, Ernährung und heilige Orte

Das Kastensystem verbindet soziale Hierarchie mit ritueller Reinheit. Die vier Varnas sind Brahmanen (weiß: Priester und Gelehrte), Kshatriyas (rot: Krieger, Aristokraten und Landbesitzer), Vaishyas (gelb: Händler, Geschäftsleute und Handwerker) und Shudras (schwarz: Diener, Knechte und Tagelöhner). Die Dalits stehen unterhalb dieser Ordnung und wurden als „Unberührbare“ ausgegrenzt. Jatis sind Hunderte von Geburtsgruppen, Großfamilien oder Clans. Forschende betonen, dass Kasten regional verschieden gestaltet und umkämpft sind; die indische Verfassung verbietet Praktiken der „Unberührbarkeit“, Diskriminierung besteht aber fort.

Frauen hatten je nach Zeit und Tradition unterschiedliche Möglichkeiten. Das Upanayana, die Initiation zum „Zweimalgeborenen“, war Angehörigen oberer Kasten männlichen Geschlechts vorbehalten. Sita aus dem Ramayana gilt vielen als Vorbild der opferbereiten Gattin. Schwangerschaft und Geburt werden durch Rituale begleitet. Töchter können wegen der Mitgift als Belastung gelten, was zu einer hohen Abtreibungsrate weiblicher Föten führt. Traditionell ist der Vater Familienoberhaupt; häufig lebt ein Sohn mit seiner Frau bei seinen Eltern. Das Ashrama-System sieht nach den Schülerjahren Familiengründung und nach dem Erwachsenwerden der Kinder Rückzug zu religiösem Studium und Erlösungssuche vor.

Vegetarismus ist weder allgemeine Pflicht noch Dogma, gilt aber wegen Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, oft als ethisch höher. Fast alle Hindus lehnen Rindfleisch ab. Nach dem Zensus von 2004 waren etwa 25 % der indischen Bevölkerung Vegetarier; eine Umfrage von 2021 ergab, dass 81 % der indischen Erwachsenen irgendeine Einschränkung beim Fleischkonsum praktizieren und 39 % sich als Vegetarier bezeichnen. Die sieben heiligen Orte sind Ayodhya, Dvaraka, Haridwar, Kanchipuram, Mathura, Ujjain und Varanasi; Kumbh Mela findet unter anderem in Ujjain und Haridwar statt.

Lernvideos zu Hinduismus

Weiterlesen

Om Om (auch Aum; Sanskrit: ॐ [oːm]) ist eine Silbe, die bei Hindus, Jainas und Buddhisten als heilig gilt. Der Laut ist eng verbunden mit dem durchdringenden … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Indien Indien ; Amtssprache · Hindi und Englisch (Amtssprachen der Union) 21 weitere, offiziell anerkannte Sprachen dienen auf regionaler Ebene teils als Amtssprachen. Polytheismus Es handelt sich um Religionsformen, in denen das Handeln mehrerer personaler Götter angenommen wird. Dieses Handeln wird dargestellt als aufeinander bezogen, … Henotheismus Der Begriff Henotheismus wurde von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling eingeführt und vom Indologen Friedrich Max Müller (1823–1900) popularisiert. Europa Europa ; 10.523.000 km² · 746 Millionen (2020) · 70 Einwohner/km² · ca. 50 · UTC±0 (Island) bis UTC+5 (Russland) … Heilige Schriften Als heilige Schriften bezeichnet die vergleichende Religionswissenschaft Texte, die für eine Religion normativ sind. In den unterschiedlichen Religionen … Götterwelt Unter Götterwelt wird die Gesamtheit von Göttern einer polytheistischen- und polylatrischen Religion oder Mythologie verstanden. In den meisten Religionen, … Ritual Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein (zum Beispiel Gottesdienst, Begrüßung, … Kaste Ein Kastenwesen im eigentlichen Sinne findet sich insbesondere in Indien und Nepal, auf den Inseln Sri Lanka und Bali, sowie bei der ethno-religiösen Gruppe der …