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Verantwortung

Verantwortung ist vorrangig die Fähigkeit, das eigene Können und die möglichen Folgen von Entscheidungen einzuschätzen und so zu handeln, dass die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff
  2. 2. Formen und Voraussetzungen
  3. 3. Zurechnung und Freiheit
  4. 4. Kollektive und gesellschaftliche Verantwortung
  5. 5. Bereiche der Verantwortung
  6. 6. Zukunft, Religion und Philosophie

Grundbegriff

Verantwortung bedeutet vor allem die Fähigkeit, das eigene Können und die möglichen Folgen von Entscheidungen einzuschätzen und so zu handeln, dass erwartete Ziele mit größter Wahrscheinlichkeit erreicht werden. Oft gehört dazu das Bewusstsein, bei Scheitern Schuld und Scham zu tragen, Rechenschaft abzulegen oder Strafen zu akzeptieren. Verantwortungsgefühl setzt Gewissen, Kenntnisse von Wertvorstellungen, rechtlichen Vorschriften und sozialen Normen voraus.

Im Recht wird Verantwortung als zugeschriebene Pflicht eines handelnden Subjekts gegenüber einem Objekt verstanden. Diese Pflicht entsteht aus einem normativen Anspruch und kann durch eine Instanz eingefordert werden. Grundlegend ist die Relation: jemand ist verantwortlich für etwas vor jemandem. Verantwortung setzt meist voraus, dass der Handelnde Handlungsfreiheit hat und wirksam auf das Ergebnis einwirken kann. Da Verantwortung Rechtfertigung verlangt, ist sie an Gründe, Vernunft und Normen gebunden und gehört deshalb zu den zentralen Themen der Ethik.

Formen und Voraussetzungen

Verantwortung kann prospektiv oder retrospektiv verstanden werden. Prospektiv meint sie eine Verpflichtung für die Zukunft, etwa eine Aufgabe zuverlässig zu erfüllen. Retrospektiv fragt sie nachträglich, wer für ein Ergebnis verantwortlich ist. Zur Verantwortung kann man aber nur gezogen werden, wenn man schon vorher in einem entsprechenden Verantwortungszusammenhang stand.

Verantwortung kann einzelnen Personen, Gruppen oder Institutionen zugeschrieben werden. Ein Träger von Verantwortung muss verstehen können, was Verantwortung bedeutet, die Anforderungen kennen, die Folgen beurteilen können und über Erfahrung oder Kompetenz verfügen. Verantwortung reicht über bloße Haftung hinaus: Haftung meint, dass man rechtlich in Anspruch genommen werden kann; Verantwortung umfasst auch Fürsorge, Haltung und den Sinn einer Aufgabe.

Schuld ist nur ein Teilbereich von Verantwortung. Sie ist rückblickend und setzt einen Verstoß gegen Normen voraus, obwohl anders hätte gehandelt werden können. Verantwortungsdiffusion bezeichnet eine Lage, in der alle Beteiligten der Verantwortung ausweichen, sodass kein klarer Verantwortungsträger benannt wird.

Zurechnung und Freiheit

Verantwortung wird jemandem zugerechnet, wenn er ein Handlungsergebnis verursacht hat und dieses Ergebnis mit Normen, Aufgaben oder Erwartungen verbunden ist. Das Ausmaß der Verantwortung kann abgestuft werden: von bloßer Verbindung mit einem Ereignis über Verursachung und Vorhersehbarkeit bis zur absichtlichen und nicht zu rechtfertigenden Herbeiführung. Dabei zählen persönliche Fähigkeiten, Sozialisation, Situation und mögliche Fahrlässigkeit.

Eine Person gilt als zurechnungsfähig, wenn sie handlungsfähig ist und durch ihre individuellen oder äußeren Bedingungen nicht entscheidend eingeschränkt wird. Einschränkungen können etwa bei Kindern, Dementen, geistig Behinderten, psychisch Kranken oder Menschen in einem unverschuldeten Affektzustand vorliegen. Auch Verantwortung für andere ist möglich, etwa bei Eltern gegenüber Kindern oder Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern.

Traditionell setzt Verantwortung Handlungsfreiheit voraus: Wer verantwortlich ist, hätte auch anders handeln können. Diese Voraussetzung ist philosophisch umstritten. Libertarische Positionen halten echte Freiheit für nötig; strikter Determinismus bestreitet Verantwortung, wenn alles kausal festgelegt ist; kompatibilistische Positionen verbinden eine deterministische Welt mit Verantwortlichkeit. Andere Autoren betonen, dass Verantwortung so tief zur menschlichen Lebenspraxis gehört, dass sie praktisch unvermeidlich bleibt.

Kollektive und gesellschaftliche Verantwortung

In modernen Gesellschaften handeln nicht nur Einzelne, sondern auch Staaten, Unternehmen, Vereine, Kirchen, Parteien, wissenschaftliche Institute und andere Organisationen. Dadurch wird Verantwortung schwieriger zuzuordnen, weil einzelne Beiträge oft klein oder schwer nachweisbar sind. Beispiele sind Klimaschäden, politische Katastrophen, technische Großunfälle oder Unternehmensentscheidungen.

Bei kollektiver Verantwortung unterscheidet man kooperative Verantwortung und korporative Verantwortung. Kooperative Verantwortung meint Mitverantwortung an einer gemeinsamen Aufgabe, die noch auf einzelne Beiträge bezogen werden kann. Korporative Verantwortung betrifft formale Institutionen als juristische Personen. Im Recht können juristische Personen etwa haften; strafrechtliche Verantwortung von Institutionen besteht jedoch nicht. In Ethik und Wirtschaft wird dennoch von Verantwortung von Unternehmen gesprochen, besonders unter den Begriffen Corporate Governance und Corporate Social Responsibility.

Bürgerverantwortung umfasst Pflichten wie Wahlteilnahme, politische Mitwirkung und die Übernahme öffentlicher Laienämter. Eine Bürgergesellschaft beruht auf Selbstverantwortung, Eigenverantwortung und Mitverantwortung: Bürger sollen nicht nur auf den Staat warten, sondern selbst an Gemeinwohl und politischer Ordnung mitwirken.

Bereiche der Verantwortung

Verantwortung erscheint in verschiedenen Lebensbereichen mit eigenen Regeln und Sanktionen. Im Recht bedeutet sie Rechenschaftspflicht gegenüber dokumentierten Vorschriften. Unterschieden werden Handlungsverantwortung, Ergebnisverantwortung und Führungsverantwortung. Rechtliche und moralische Verantwortung können auseinanderfallen, etwa wenn etwas legal, aber moralisch umstritten ist.

Politische Verantwortung steht zwischen Macht, Machtmissbrauch und Erfolg. Politiker erhalten Vertrauen von Wählern und müssen sich öffentlicher Meinung und Wahlen stellen. Dabei spielen Selbstverantwortung und Mitverantwortung eine Rolle. Liberalere Positionen betonen eher Eigenverantwortung und Hilfe zur Selbsthilfe; sozialdemokratische Positionen betonen stärker staatlich organisierte Solidarität.

Moralische Verantwortung gilt als übergreifend, weil sie fragt, wie Menschen überhaupt handeln sollen. Sie umfasst nicht nur eigene Aufgaben, sondern kann auch die Pflicht einschließen, erkannte Übel zu mindern, wenn man dazu in der Lage ist. In Wirtschaft, Wissenschaft und Medien entstehen besondere Verantwortungen: Unternehmen gegenüber Stakeholdern und Umwelt, Wissenschaftler gegenüber Wahrheit, Sicherheit und möglichen Folgen ihrer Forschung, Medien gegenüber Öffentlichkeit, Betroffenen und fairer Berichterstattung.

Zukunft, Religion und Philosophie

Seit den 1970er Jahren wurde Verantwortung stark auf Zukunft, Natur und kommende Generationen ausgeweitet. Hans Jonas prägte mit Das Prinzip Verantwortung von 1979 diese Perspektive. Verantwortung für die Zukunft bedeutet, Risiken abzuschätzen und Handlungen zu vermeiden, die Umwelt oder künftige Generationen existenziell gefährden könnten. Themen sind Kerntechnik, Umweltverschmutzung, Bioethik, Gentechnik und globale Erwärmung.

In christlich-jüdischen Religionen ist Gott die Instanz, vor der der Mensch sich verantwortet; der Mensch soll die Schöpfung „bebauen und bewahren“ und sich an Geboten wie den Zehn Geboten orientieren. Im Buddhismus steht die Verantwortung des Einzelnen für das eigene Leben, geistige Entwicklung, Mitgefühl und verantwortlichen Umgang mit Leben und Umwelt im Vordergrund. In der chinesischen Philosophie wird Verantwortung weniger ausdrücklich behandelt, ist aber in Lehren wie Konfuzianismus, Daoismus und Mohismus als richtiges Handeln für eine harmonische Ordnung enthalten.

In der Ideengeschichte wurde Verantwortung besonders wichtig, weil traditionelle Werte durch Aufklärung, Säkularisierung, technische Entwicklung und gesellschaftliche Komplexität an Selbstverständlichkeit verloren. Aristoteles verband Zurechnung mit Freiwilligkeit und Gesetz. Kant betonte Autonomie, Würde und Gewissen. Max Weber unterschied Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Schweitzer stellte die „Ehrfurcht vor dem Leben“ in den Mittelpunkt. Bonhoeffer verband christlichen Glauben mit politischer Verantwortung und Widerstand. Sartre radikalisierte Freiheit und Verantwortung: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt und trägt Verantwortung für seine Wahl.

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