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Bertolt Brecht
Bertolt Brecht (Künstlername seit Juli 1916; auch Bert Brecht), eigentlich Eugen Berthold Friedrich Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in …
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Bedeutung und episches Theater
Bertolt Brecht, eigentlich Eugen Berthold Friedrich Brecht (10. Februar 1898 in Augsburg bis 14. August 1956 in Ost-Berlin), war ein deutscher Dramatiker, Librettist, Epiker und Lyriker. Seine Werke werden weltweit aufgeführt. Er begründete und verwirklichte das epische beziehungsweise später „dialektische Theater“.
Brecht wollte ein analytisches Theater, das Zuschauer zum distanzierten Nachdenken und Hinterfragen anregt, statt sie vor allem zum Mitfühlen zu bringen. Dazu sollte das Bühnengeschehen absichtlich als Schauspiel erkennbar bleiben. Diesen Vorgang nannte Brecht „Verfremdungseffekt“: Die Illusion des wirklichen Lebens und des emotionalen Hineingezogenwerdens wird gestört.
Schauspieler sollten eine Rolle nicht vollständig innerlich übernehmen, sondern sie von außen analysieren und dann bewusst so handeln, wie die Figur handeln würde. Brecht verstand den Menschen als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse, glaubte aber zugleich an dessen Fähigkeit, diese Verhältnisse zu verändern. Das Theater sollte daher nicht nur die Welt interpretieren, sondern auch zur Veränderung beitragen.
Das epische Theater steht im Gegensatz zu Stanislawskis Lehre und zum „method acting“ Lee Strasbergs, die größtmögliche Realitätsnähe und das Hineinversetzen des Schauspielers in die Rolle anstreben. Der von Brecht geprägte Begriff „Misuk“ bezeichnet den Versuch, diese Theaterideen auf die Musik zu übertragen.
Kindheit, Jugend und erste Erfolge
Brecht wuchs in Augsburg in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen auf. Sein Vater Berthold Friedrich Brecht stieg in der Haindl’schen Papierfabrik vom kaufmännischen Angestellten zum Direktor der kaufmännischen Abteilung auf. Seine Mutter Sophie war protestantisch und pietistisch geprägt; sie litt an Depressionen und Brustkrebs und starb 1920. Brecht wurde trotz des katholischen Umfelds in Augsburg protestantisch erzogen.
Ab 1904 besuchte er die Volksschule, ab 1908 das Augsburger Realgymnasium. Er erhielt Musikunterricht, blieb aber vor allem der Gitarre verbunden. Seit etwa seinem 14. Lebensjahr litt er unter Herzbeschwerden; ob diese organisch oder neurotisch bedingt waren, blieb unklar.
Mit 15 Jahren gab Brecht gemeinsam mit Fritz Gehweyer die Schülerzeitung Die Ernte heraus. Er schrieb Gedichte, Prosa und das einaktige Drama Die Bibel. Während des Ersten Weltkriegs veröffentlichte er zunächst patriotische Reportagen, Gedichte, Prosatexte und Rezensionen in Augsburger und regionalen Zeitungen. 1915 wandte er sich in einem Aufsatz über den Horaz-Vers „Dulce et decorum est pro patria mori“ gegen das erwartete Todes-Pathos. 1916 erschien mit dem Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald erstmals ein Text unter der Namensform „Bert Brecht“; seit Juli 1916 verwendete er den Künstlernamen Bertolt Brecht.
Im März 1917 leistete er Kriegshilfsdienst, erlangte dadurch ein vereinfachtes Notabitur und wurde vom Kriegsdienst zurückgestellt. Anschließend begann er in München ein Medizinstudium, besuchte aber vor allem ein Seminar zur Gegenwartsliteratur bei Artur Kutscher. Dort entstanden unter anderem Baal, die Legende vom toten Soldaten und Gegen Verführung. Im Oktober 1918 wurde Brecht als Militärkrankenwärter in ein Augsburger Reservelazarett einberufen; am 9. Januar 1919 endete sein Dienst.
Brecht arbeitete früh in Freundesgruppen und eng mit Musikern und Bühnenbildnern zusammen. Besonders wichtig war Caspar Neher, der bis zu Brechts Tod als Grafiker und Bühnenbildner mit ihm arbeitete. 1919 schrieb Brecht unter anderem Spartakus, später Trommeln in der Nacht, und mehrere Einakter. Durch Lion Feuchtwanger, Theaterkritiken und gezielte Kontakte zum Berliner Kulturleben baute er sein berufliches Netzwerk aus.
Der Durchbruch kam 1922 mit der Uraufführung von Trommeln in der Nacht am 29. September in München. Brecht erhielt den mit 10.000 Reichsmark dotierten Kleist-Preis; Baal erschien im Druck, und weitere Aufführungen wurden vereinbart. 1923 wurde Im Dickicht in München uraufgeführt, aber nach sechs Vorstellungen wegen des Widerstands im Publikum abgesetzt. Ebenfalls 1923 entstand der Film Mysterien eines Frisiersalons. Ende 1923 begann Brecht mit einer erfolgreichen Regiearbeit an Leben Eduards des Zweiten von England. 1924 zog er endgültig nach Berlin.
Entwicklung vor dem Exil
1929 heiratete Brecht Helene Weigel; 1930 wurde die gemeinsame Tochter Barbara geboren. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entwickelte er sich zum überzeugten Kommunisten, trat aber nie in die KPD ein. Sein Denken wurde sowohl von parteilosen und undogmatischen Marxisten wie Karl Korsch, Fritz Sternberg und Ernst Bloch als auch von der offiziellen KPD-Linie beeinflusst.
Ab 1926 bildete sich sein episches Theater heraus. Brecht kritisierte das bürgerliche deutsche Theater und die traditionelle Schauspielkunst. Seine Werke sollten gesellschaftliche Strukturen durchschaubar machen, besonders im Hinblick auf ihre Veränderbarkeit. Literarische Texte mussten für ihn einen „Gebrauchswert“ haben, also einen praktischen Wert für die Mitteilung von Gedanken und für gesellschaftliche Erkenntnis.
Brecht arbeitete gattungsübergreifend: Neben Dramen schrieb er Gedichte, Lieder, Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen und Hörspiele. Die Zusammenarbeit mit Komponisten war für sein Theater besonders wichtig. Mit Kurt Weill entstanden unter anderem die Lehrstücke Lindberghflug, Der Jasager und Die Maßnahme. Der größte Theatererfolg der Weimarer Republik war die am 31. August 1928 uraufgeführte Dreigroschenoper. Sie beruhte wesentlich auf Kurt Weills Musik. 1928 lernte Brecht Hanns Eisler kennen, der anschließend sein wichtigster Komponist und enger künstlerischer Partner wurde.
Die Lehrstücke verbanden avantgardistische Musik, gemeinsames Üben und politische Bildung. Das Publikum oder Schüler sollten aktiv beteiligt sein; im Mittelpunkt stand das kollektive Lernen, nicht unbedingt die öffentliche Aufführung. Der Jasager wurde 1930 unter Beteiligung Berliner Schüler uraufgeführt. Nach Diskussionen mit den Schülern überarbeitete Brecht das Werk und ergänzte die Alternative Der Neinsager.
Brecht verfasste 48 Dramen und etwa 50 Dramenfragmente; von den Fragmenten gelten sieben als spielbar. Zu den zentralen Stücken zählen Baal, Trommeln in der Nacht, Mann ist Mann, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Die Dreigroschenoper und Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Viele Stücke wurden mehrfach umgearbeitet, weshalb Entstehungsdaten nur als Anhaltspunkte gelten. Die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny führte 1930 in Leipzig zu einem der großen deutschen Theaterskandale.
Exil und Rückkehr nach Berlin
Ab 1930 störten Nationalsozialisten Brechts Aufführungen. Nach einer polizeilichen Unterbrechung der Maßnahme Anfang 1933 verließ Brecht am 28. Februar, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, mit seiner Familie und Freunden Deutschland. Seine Bücher wurden am 10. Mai 1933 verbrannt, am folgenden Tag wurden seine Werke verboten. 1935 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.
Seine Exilstationen waren unter anderem Prag, Wien, Zürich, Carona, Paris, Dänemark, Schweden, Finnland und die USA. 1933 gründete er in Paris die Agentur DAD, den „Deutschen Autorendienst“, die emigrierten Schriftstellern Publikationsmöglichkeiten vermitteln sollte. In Svendborg lebte er mit seiner Familie etwa fünf Jahre. Dort und im weiteren Exil entstanden wichtige Werke wie Leben des Galilei (1938), Mutter Courage und ihre Kinder (1938–1939) und Herr Puntila und sein Knecht Matti (1940). Mutter Courage wurde am 19. April 1941 in Zürich uraufgeführt; die ursprüngliche Fassung von Leben des Galilei kam am 9. September 1943 ebenfalls in Zürich auf die Bühne.
1941 reiste Brecht über Moskau und Wladiwostok nach Santa Monica in Kalifornien. Im US-amerikanischen Exil hoffte er zunächst auf eine Tätigkeit als Drehbuchautor, fand aber nur wenige Möglichkeiten zur literarischen und politischen Arbeit. 1942 musste er sich als „Enemy Alien“ registrieren lassen und wurde vom FBI überwacht. Am 30. Oktober 1947 wurde er vom Ausschuss für unamerikanische Umtriebe befragt. Er verneinte, jemals Mitglied einer kommunistischen Partei gewesen zu sein. Danach ging er über Paris nach Zürich, da ihm die Einreise in die amerikanische Besatzungszone untersagt wurde.
1948 kehrte Brecht über Prag nach Ost-Berlin zurück, zunächst zur Sondierung der politischen und kulturellen Lage. 1949 inszenierte er gemeinsam mit Erich Engel Mutter Courage und ihre Kinder am Deutschen Theater; die Premiere am 11. Januar war ein außerordentlicher Erfolg. Nach der Ablehnung einer Schweizer Aufenthaltserlaubnis verließ Brecht Zürich am 4. Mai 1949 endgültig. 1950 erhielten Brecht und Helene Weigel die österreichische Staatsbürgerschaft.
Mit Unterstützung staatlicher Stellen gründete Helene Weigel 1949 ein eigenes Ensemble, das später Berliner Ensemble hieß. Brecht arbeitete dort mit erfahrenen Künstlern aus dem Exil und jungen Talenten zusammen. 1950 wurde seine Bearbeitung von Lenz’ Der Hofmeister uraufgeführt; sie war zu seinen Lebzeiten der größte Erfolg des Ensembles und machte ihn erstmals auch öffentlich als Regisseur bekannt. Brecht suchte in der DDR häufig Kompromisse mit Kulturfunktionären, geriet aber wiederholt in die Formalismusdebatte.
17. Juni 1953, letzte Jahre und Tod
Am 17. Juni 1953 reagierte Brecht widersprüchlich auf die Massenproteste der DDR-Arbeiter. In einem Brief an Walter Ulbricht erklärte er seine „Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“, forderte aber zugleich eine „Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus“. In einem unveröffentlichten Text bezeichnete er die Streiks als Folge verfehlter wirtschaftlicher Maßnahmen, besonders der Erhöhung von Arbeitsnormen ohne angemessene Gegenleistung. Zugleich übernahm er die offizielle Deutung, faschistische Elemente hätten die Unzufriedenheit für ihre Zwecke missbraucht.
Die DDR-Regierung veröffentlichte im Neuen Deutschland vom 21. Juni 1953 nur seine Solidaritätsbekundung zur Partei. Dadurch wurde Brecht in Westdeutschland nachhaltig diskreditiert; zahlreiche Bühnen nahmen seine Stücke vorübergehend vom Spielplan. Brecht versuchte, den vollständigen Brief zu verbreiten, und forderte öffentlich weiterhin eine „große Aussprache“ mit den Arbeitern. Eine solche Aussprache kam nicht zustande. In den Buckower Elegien, besonders im Gedicht Die Lösung, distanzierte er sich im Juli und August 1953 deutlich von der DDR-Regierung.
1954 wurde Brecht in den künstlerischen Beirat des DDR-Kulturministeriums berufen und zum Vizepräsidenten der Deutschen Akademie der Künste ernannt. Am 19. März 1954 eröffnete er mit seinen Mitarbeitern das Theater am Schiffbauerdamm. 1954 und 1955 führten Gastspiele des Berliner Ensembles mit Mutter Courage und Der kaukasische Kreidekreis in Paris zum internationalen Durchbruch. Am 21. Dezember 1954 erhielt Brecht den Internationalen Stalin-Friedenspreis, der ihm am 25. Mai 1955 im Moskauer Kreml überreicht wurde. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU und Chruschtschows Geheimrede schrieb er 1956 Gedichte, in denen er den Stalinismus verurteilte; sie wurden erstmals 1982 veröffentlicht.
Brecht starb am 14. August 1956 in der Chausseestraße 125 in Berlin. Seine chronischen Herzprobleme standen wahrscheinlich mit einem in der Kindheit erlittenen rheumatischen Fieber und einer damit verbundenen Chorea minor in Zusammenhang. Am 17. August wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Entsprechend seinem Wunsch wurde bei der Beerdigung nicht gesprochen. Seit 1997 ist sein Grab ein Ehrengrab des Landes Berlin; die Widmung wurde im August 2021 um zwanzig Jahre verlängert.
Werk, Nachlass und anhaltende Bedeutung
Brechts Lyrik umfasst etwa 2300 Gedichte in der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe. Die Formen reichen von ungereimten Texten über Paarreime bis zu klassischen Hexametern. Viele Gedichte sind aus konkreten Anlässen entstanden und beziehen sich auf politische Ereignisse, persönliche Erfahrungen oder Anfragen antifaschistischer Gruppen. Etwa 1000 Texte wurden vertont oder mit Musik verbunden. Bedeutende Sammlungen sind Bertolt Brechts Hauspostille (1927), Die Songs der Dreigroschenoper (1928), Lieder Gedichte Chöre (1934), Svendborger Gedichte (1939), Kriegsfibel (1955) und die Buckower Elegien (1953; zunächst nur einzeln veröffentlicht).
Auch als Prosaschriftsteller wurde Brecht anerkannt. Zu seinen wichtigen Prosatexten zählen die Kalendergeschichten, Der Augsburger Kreidekreis, Geschichten vom Herrn Keuner, Die unwürdige Greisin, Flüchtlingsgespräche und der Dreigroschenroman. Sein Arbeitsjournal 1938–1955 erschien 1973 vollständig.
Für den Film entwickelte Brecht zahlreiche Ideen, Skizzen und Drehbücher, setzte davon aber nur wenige um. Mysterien eines Frisiersalons entstand 1923 als etwa 32-minütiger Kurzfilm und wurde erst 1974 wiederaufgefunden und rekonstruiert. An Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? (1931) war Brecht als Drehbuchautor beteiligt. Gemeinsam mit Fritz Lang entwickelte er 1942 das Konzept zu Auch Henker sterben; Brechts großer Anteil daran wurde erst nach 1998 durch aufgefundene Verträge genauer bewertet. Die geplanten DEFA-Verfilmungen von Mutter Courage und Herr Puntila und sein Knecht Matti scheiterten beziehungsweise missrieten aus Brechts Sicht.
Der heute vorhandene Nachlass gehört zu den umfangreichsten literarischen Nachlässen in deutscher Sprache. Er umfasst mehr als 500.000 Dokumente, darunter 200.000 Handschriften und Manuskripte, und wird als Dauerleihgabe im Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste in Berlin aufbewahrt. Brechts Kinder Stefan Brecht, Hanne Hiob und Barbara Brecht-Schall übernahmen nach Helene Weigels Tod 1971 die Wahrnehmung der Rechte. Nach dem deutschen Urheberrecht laufen diese Rechte im Jahr 2027 aus.
Wichtige Gedenkstätten befinden sich im Brecht-Haus in Berlin, in Brechts Geburtshaus in Augsburg, in Svendborg und im Brecht-Weigel-Haus in Buckow. Die Rezeption blieb politisch geprägt: Brecht wurde im Nationalsozialismus verboten, in der DDR kanonisiert und in der Bundesrepublik zeitweise politisch ausgeblendet oder boykottiert. Seit den 1980er Jahren untersuchte die Forschung verstärkt das Avantgardistische seiner Opern, Lehrstücke und theoretischen Schriften; nach der deutschen Wiedervereinigung setzte sich ein stärker sachbezogener Umgang mit seinem Werk durch.
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