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Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Die heilige Johanna der Schlachthöfe, kurz Heilige Johanna genannt, ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht, seiner Mitautorin Elisabeth Hauptmann …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Quellen
  3. 3. Handlung
  4. 4. Figuren und Entwicklung
  5. 5. Deutungen und Theaterform
  6. 6. Aufführung und Überlieferung

Kern und Bedeutung

Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann und Emil Burri. Es erschien 1931, entstand 1929/30 während der Weltwirtschaftskrise und spielt in den Union Stock Yards, den Schlachthöfen von Chicago. Die Uraufführung fand erst am 30. April 1959 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg-St. Georg statt.

Im Mittelpunkt steht Johanna Dark, Leutnant der „Schwarzen Strohhüte“, einer von Brecht parodierten Heilsarmee. Sie will den ausgesperrten und verelendeten Arbeitern durch Glauben, Mildtätigkeit und moralische Appelle helfen. Ihr Gegenspieler ist Pierpont Mauler, der „Fleischkönig“ Chicagos, ein mächtiger Unternehmer der Fleischindustrie. Das Stück zeigt, wie Johannas religiös-moralische Hilfe an den wirtschaftlichen Machtverhältnissen scheitert.

Brecht verbindet die persönliche Entwicklung Johannas mit einer marxistischen Krisenanalyse. Das Stück zeigt Überproduktion, Börsenspekulation, Monopolbildung, Verdrängungskampf, Arbeitslosigkeit und Lohnsenkung. Zugleich kritisiert es religiöse Organisationen, wenn sie Elend nur lindern oder verklären, statt seine Ursachen zu verändern. Am Ende erkennt Johanna, dass ihre Hoffnung auf Gott, Verhandlungen und Wohltätigkeit den Arbeitern nicht geholfen, sondern den Mächtigen genutzt hat.

Entstehung und Quellen

Das Drama entstand 1929/30 im Zusammenhang der Weltwirtschaftskrise. Brecht verarbeitete dafür eigene Vorarbeiten, Literatur zur Jeanne-d’Arc-Figur, Material zur Heilsarmee und Gedanken aus Karl Marx’ Das Kapital. 1930 wurde das Stück unter Mitarbeit von Hermann Borchardt, Elisabeth Hauptmann und Emil Burri fertiggestellt; Umarbeitungen folgten 1932 und 1937.

Brecht und Elisabeth Hauptmann hatten sich seit 1927 intensiv mit der Heilsarmee beschäftigt. Sie besuchten Versammlungen, werteten Publikationen aus und nutzten diese Studien zunächst für das Songspiel Happy End (1929). Einige Heilsarmee-Gesänge daraus wurden in Die heilige Johanna der Schlachthöfe übernommen. In Brechts Dramenfragmenten Jae Fleischhacker in Chikago und Der Brotladen finden sich bereits wichtige Motive: die Kritik an Religion als sozial unwirksamer oder sogar schädlicher Macht und die Darstellung von Arbeitslosigkeit, Armut und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Wichtige literarische Anregungen waren Upton Sinclairs Roman The Jungle, der unmenschliche Zustände auf den Schlachthöfen von Chicago beschreibt, sowie Bearbeitungen des Jeanne-d’Arc-Stoffes. Brecht kannte Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans und George Bernard Shaws Die Heilige Johanna. Auch Shaws Major Barbara, ein Stück über die Desillusionierung einer Angehörigen der Heilsarmee, weist deutliche Parallelen auf. Brechts Johanna hieß zunächst Lillian Holliday; warum er sie in Johanna Dark umbenannte, ist nicht eindeutig geklärt.

Handlung

Pierpont Mauler verkauft seinen Anteil am Fleischgeschäft an seinen Kompagnon Cridle. Nach außen begründet er das mit Abscheu vor dem Töten von Tieren. Tatsächlich folgt er einem Insidertipp seiner New Yorker Börsenfreunde. Cridle will den Anteil nur kaufen, wenn zuvor der Konkurrent Lennox bankrottgeht. Das geschieht bald. Gleichzeitig verschärft sich die Krise: Es gibt zu viel Fleisch auf dem Markt und zu wenige Käufer. Die Arbeiter werden ausgesperrt und geraten in Not.

Johanna Dark und die „Schwarzen Strohhüte“ versuchen, das Elend mit Suppe, Musik und religiösen Worten zu lindern. Als das nicht mehr ausreicht, bittet Johanna Mauler um Hilfe. Mauler will ihr zeigen, dass die Arbeiter selbst „schlecht“ seien und ihre Lage verschuldeten. Doch Johanna erkennt auf dem Schlachthof, dass die moralische Verrohung der Arbeiter aus ihrer Armut entsteht. Sie fordert bessere Bedingungen, soziale Preise und Löhne.

Johanna zieht mit den Strohhüten in die Viehbörse. Scheinbar verbessert sich die Lage, tatsächlich aber rettet Mauler den Markt durch neue Spekulationen und kauft später möglichst viel Rindfleisch auf. Dadurch gewinnt er erneut eine Monopolstellung. Johanna wirft mögliche Geldgeber der Strohhüte aus deren Haus, weil sie deren wirtschaftliches Handeln durchschaut. Daraufhin verliert die Organisation ihre finanzielle Grundlage, und Johanna wird entlassen.

Als Johanna erkennt, dass Maulers Macht die Not vergrößert, bietet sie den Kommunisten ihre Unterstützung an. Doch beim Aufruf zum Generalstreik gibt sie eine wichtige Nachricht nicht weiter. Sie glaubt irreführenden Medienmeldungen und fürchtet Gewalt. Dadurch scheitert der Streik, Arbeiterführer werden verhaftet, und das System stabilisiert sich: Zwei Drittel der Arbeiter bekommen zwei Drittel ihres alten Lohnes, die übrigen bleiben arbeitslos. Banken und Staat unterstützen die Reform, der Fleischmarkt wird durch eine Verringerung des Angebots gefestigt.

Johanna bricht entkräftet zusammen. Damit ihre Erkenntnisse nicht wirksam werden, beschließen die Fleischhändler, sie zur Märtyrerin der Mildtätigkeit zu erklären. Ihre letzten Worte, die nun eine gewaltsame Veränderung der Gesellschaft fordern, gehen in Lobreden, Gesang und Musik unter.

Figuren und Entwicklung

Johanna Dark steht für den Typus des „tugendhaften Mädchens“, das durch moralisches Handeln die Welt verbessern will, aber an den gesellschaftlichen Verhältnissen scheitert. Ihre Entwicklung wird als dreistufiger Lernprozess beschrieben. Brecht nennt ihre Erfahrungen drei „Gänge in die Tiefe“: Zuerst vertraut sie auf Gott, Moral und Mildtätigkeit; dann versucht sie christliche Reformen innerhalb der Wirtschaft; zuletzt erkennt sie die Notwendigkeit des Widerstands gegen Ausbeutung.

Am Anfang predigt Johanna Gewaltlosigkeit und verteilt Suppe und religiöse Schriften. Die Arbeiter reagieren skeptisch, weil sie ihr Elend nicht als Folge fehlenden Glaubens, sondern als Folge des Konkurrenzkampfs zwischen den Fleischfabrikanten sehen. Im zweiten Schritt erkennt Johanna: Nicht die „Schlechtigkeit“ der Armen ist entscheidend, sondern ihre Armut. Sie versucht nun, Moral und Ökonomie zu verbinden. Dabei nähert sie sich ungewollt Maulers Interessen, weil ihre Reformvorschläge das bestehende System nicht grundsätzlich verändern.

Im dritten Schritt geht Johanna zu den ausgesperrten Arbeitern in den Schnee. Sie durchschaut nun das System als Abhängigkeit von „oben“ und „unten“. Trotzdem verhindert ihr Misstrauen gegenüber den Kommunisten und ihre Angst vor Gewalt, dass sie die entscheidende Nachricht weitergibt. Nach dem Scheitern des Streiks erkennt sie ihr Versagen. Sie verwirft eine Religion, die die Unterdrückten auf Trost vertröstet, und sagt, es helfe „nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“.

Mauler ist Johannas Gegenspieler und zugleich eine vielschichtige Figur. Er verkörpert den Kapitalismus, in dem Natur, Tiere und Menschen zur Ware werden. Er nutzt Religion und Moral für wirtschaftliche Zwecke und setzt Johanna und die Strohhüte geschickt ein. Zugleich wird er nicht nur als einfacher Bösewicht dargestellt: Sein Mitleid kann eine echte Schwäche sein, und sein Interesse an Religion geht teilweise über bloßen Nutzen hinaus. Er erscheint als Genie und Schurke, der die Regeln des Kapitalismus beherrscht und sie im richtigen Moment zu seinem Vorteil nutzt.

Deutungen und Theaterform

Eine wichtige Deutung versteht das Stück als Lehrstück marxistischer Krisenanalyse. Käthe Rülicke-Weiler ordnete die Handlung vier Phasen zu, die sie mit Marx’ Beschreibung des industriellen Zyklus verband: Szene 1–4 als Ende der Prosperität, Szene 5–8 als Überproduktion, Szene 9 (1–10) als Krise und Szene 10–12 als Stagnation. In der Schlussszene sei der industrielle Kreislauf wiederhergestellt. Andere Autoren kritisierten diese Deutung als zu stark auf den wirtschaftlichen Kern reduziert, weil das Bühnengeschehen für Zuschauer eher chaotisch wirken könne und Maulers Erfolg am Ende nicht vollständig aus dieser Logik erklärbar sei.

Das Stück steht auch in Beziehung zu Schiller. Brecht parodiert in der ersten Szene Schillers pathetischen Sprachstil, etwa durch Blankvers und gehobene Ausdrucksweise, um schönes Reden als mögliche Schönrednerei zu entlarven. Brechts Johanna ähnelt Schillers Johanna zunächst durch ihren Idealismus und ihren Glauben an Gottes Willen. Anders als Schillers Figur ist sie aber pazifistisch. Am Ende verliert Brechts Johanna ihre religiösen Illusionen und erkennt, dass Religion als Mittel der Manipulation wirken kann. Die Schlussszene parodiert Johannas Apotheose bei Schiller.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein Beispiel für Brechts episches Theater. Episches Theater will nicht nur Einfühlung erzeugen, sondern gesellschaftliche Vorgänge sichtbar und kritisierbar machen. Im Stück geschieht das durch Appelle und Reden an Figuren und Publikum, durch Verfremdungseffekte wie förmliche Sprache im Kontrast zu banalen Geschäftsinteressen, durch choreographierte Massenszenen und durch einen pädagogischen Lernprozess. Das Publikum soll mit Johanna von der Vorstellung weggeführt werden, die Welt sei schlecht, weil der Mensch schlecht sei. Stattdessen soll es erkennen: Der Mensch handelt schlecht, weil gesellschaftliche Verhältnisse ihm das Gutsein unmöglich machen.

Zur Religionskritik betonte Brecht in seinen Anmerkungen, Johanna spreche „keineswegs über Gott“, sondern über „das Reden über Gott“. Nicht die Existenz Gottes oder der Glaube an sich stünden zur Diskussion, sondern ein folgenloser Glaube, der die Umwelt nicht verändert. Einen solchen Glauben zu empfehlen, nennt Johanna ein soziales Verbrechen.

Aufführung und Überlieferung

Die erste öffentliche Präsentation war keine Bühnenaufführung, sondern eine gekürzte Hörspielfassung. Radio Berlin sendete Die heilige Johanna der Schlachthöfe am 11. April 1932 unter der Regie von Alfred Braun. Johanna sprach Carola Neher, Mauler Fritz Kortner, Frau Luckerniddle Helene Weigel; Peter Lorre sprach Slift und Graham. Jan Knopf urteilt, durch die Kürzungen seien die ökonomischen Abläufe „gänzlich undurchsichtig“ geblieben.

Brechts Versuche, Anfang 1933 Aufführungen in Berlin oder Wien zu ermöglichen, scheiterten an der politischen Situation. Eine geplante Inszenierung am Hessischen Landestheater Darmstadt wurde durch konservativen und nationalsozialistischen Widerstand verhindert; der Stadtrat drohte mit der Streichung von Theatersubventionen.

Die Bühnenuraufführung fand erst am 30. April 1959 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg statt, drei Jahre nach Brechts Tod. Regie führte Gustaf Gründgens, das Bühnenbild stammte von Caspar Neher. Hanne Hiob spielte Johanna Dark, Hermann Schomberg den Fleischkönig Pierpont Mauler. Die Inszenierung erhielt laut dem Kritiker Christoph Funke starken Beifall. Später wurde das Stück unter anderem 1961 in Dresden, 1968 am Berliner Ensemble, 1979/1980 in Bochum, 1983 in Weimar, 1997 in Wien, 2004 am Berliner Ensemble, 2009 am Deutschen Theater, 2010 am Burgtheater Wien und am Staatstheater Darmstadt, 2012 in Zürich, 2014 an der Schaubühne Berlin und in Heidelberg, 2015 in Augsburg, 2017/18 in Bonn und 2025 am Düsseldorfer Schauspielhaus aufgeführt.

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