Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Mutter Courage und ihre Kinder

Titel: Mutter Courage und ihre Kinder ; Gattung: Episches Theater ; Originalsprache: Deutsch ; Autor: Bertolt Brecht ; Erscheinungsjahr: 1941.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk, Handlung und zentrale Aussage
  2. 2. Verlust der Kinder und Verlauf des Krieges
  3. 3. Figuren und ihre Widersprüche
  4. 4. Geschichtsbild, Krieg und Gesellschaft
  5. 5. Episches Theater und Gestaltung
  6. 6. Entstehung, Aufführungen und Wirkung

Werk, Handlung und zentrale Aussage

„Mutter Courage und ihre Kinder“ ist ein deutschsprachiges Drama von Bertolt Brecht und ein Hauptwerk des epischen Theaters. Brecht verfasste es 1938/39 im schwedischen Exil unter Mitarbeit von Margarete Steffin; es erschien 1941 und wurde am 19. April 1941 am Schauspielhaus Zürich unter Leopold Lindtberg mit Therese Giehse uraufgeführt. Die zwölf Szenen spielen während des Dreißigjährigen Krieges von 1624 bis 1636.

Im Mittelpunkt steht die Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage. Sie folgt mit ihrem Verkaufswagen den Heeren, weil sie am Krieg verdienen und zugleich ihre Kinder ernähren und schützen will. Dieser Widerspruch bestimmt die Handlung: Der Krieg ermöglicht ihr Geschäft, zerstört aber nach und nach ihre Familie. Die Courage verliert Eilif, Schweizerkas und Kattrin, lernt daraus jedoch nicht und zieht am Ende allein weiter dem Heer nach.

Das Stück warnt die „kleinen Leute“ vor der Hoffnung, sich durch Geschick am Krieg bereichern oder seinen Folgen entziehen zu können. Zugleich kritisiert es den Krieg als Geschäft und die kapitalistische Gesellschaft, die ihn nach Brechts Auffassung hervorbringt. Es richtet sich gegen die Vorstellung vom Krieg als Glaubens-, Ehren- oder Heldentat und zeigt ihn aus der Sicht seiner gewöhnlichen Opfer. Zur Entstehungszeit bezog sich diese Warnung besonders auf den Zweiten Weltkrieg, die nationalsozialistische Propaganda und skandinavische Unternehmen, die auf Gewinne durch Geschäfte mit Deutschland hofften.

Verlust der Kinder und Verlauf des Krieges

Im Frühjahr 1624 trifft die Courage mit Eilif, Schweizerkas und ihrer stummen Tochter Kattrin auf einen Werber und einen Feldwebel. Obwohl sie ihre Söhne schützen will und allen durch Lose den Tod im Krieg voraussagt, lässt sie sich durch ein Geschäft ablenken. Der Werber nimmt Eilif mit. Später wird Eilif ausgezeichnet, weil er Bauern überlistet, niedergeschlagen und ihnen Vieh gestohlen hat. Was im Krieg als Heldentat gilt, wird während eines kurzen Friedens als Raub und Mord bestraft: Eilif soll hingerichtet werden. Seine Mutter erfährt davon nichts.

Schweizerkas wird Zahlmeister eines Regiments und soll dessen Kasse verwalten. Beim Überfall katholischer Truppen versteckt er sie, wird gefangen und gefoltert, verrät aber das Versteck nicht. Die Courage könnte ihn durch Bestechung retten, verhandelt jedoch zu lange über den Preis und will ihren Wagen nicht verlieren. Schweizerkas wird erschossen; um sich und Kattrin zu schützen, verleugnet sie vor seiner Leiche den eigenen Sohn.

Immer deutlicher zeigt sich die Verwüstung des Landes. Die Courage verweigert zunächst Leinen zur Versorgung verwundeter Bauern. Kattrin dagegen rettet unter Lebensgefahr einen Säugling aus einem einstürzenden Haus. Später wird sie beim Wareneinkauf überfallen und durch eine Stirnwunde entstellt. Die Courage verflucht daraufhin kurz den Krieg, preist ihn aber unmittelbar danach wieder als Grundlage ihres Geschäfts.

1634 bietet der Koch Pieter Lamb der Courage ein gemeinsames Leben in seiner geerbten Wirtschaft in Utrecht an, will die stumme und entstellte Kattrin jedoch zurücklassen. Die Courage entscheidet sich für ihre Tochter. Im Januar 1636 erfährt Kattrin, dass kaiserliche Soldaten die schlafende Stadt Halle überraschend angreifen wollen. Sie steigt auf ein Dach und warnt die Bewohner durch Trommeln. Obwohl die Soldaten sie bedrohen, hört sie nicht auf. Sie wird erschossen, doch die Stadt wird gerettet. Die Courage bezahlt die Bauern für Kattrins Begräbnis, spannt sich allein vor den Wagen und folgt erneut dem Heer.

Figuren und ihre Widersprüche

Mutter Courage ist zugleich fürsorgliche Mutter, vitale Überlebende und skrupellose Händlerin. Sie durchschaut die wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg, beteiligt sich aber bewusst daran. Ihr Geschäft soll die Familie retten, hindert sie jedoch wiederholt daran, ihre Kinder zu schützen. Brecht betonte: „Die Courage lernt nichts.“ Die Forschung diskutiert deshalb, ob sie vor allem schuldig, Opfer ihrer gesellschaftlichen Lage oder eine tragische Mutterfigur ist. Das Stück verbindet diese Seiten bewusst zu einer widersprüchlichen, „dialektischen“ Einheit.

Die drei Kinder verkörpern Tugenden, die in der „verkehrten Welt“ des Krieges tödlich werden. Eilif ist kühn, Schweizerkas redlich und Kattrin selbstlos. Eilifs Gewalttat wird im Krieg belohnt und im Frieden bestraft. Schweizerkas opfert sich sinnlos für die Regimentskasse. Kattrin überwindet dagegen den Eigennutz: Ihre Rettungstat für Halle ist ein kluger, konsequenter Widerstand gegen die Gewalt. Gerade die Stumme weckt die Schlafenden, und die Frau, der eine eigene Familie verwehrt scheint, rettet fremde Kinder.

Der Koch erkennt besonders klar, dass der sogenannte Glaubenskrieg Tod und Armut für die Bevölkerung, aber Gewinn für die Herrschenden bringt. Dennoch handelt er eigennützig, als er Kattrin nicht in Utrecht aufnehmen will. Der protestantische Feldprediger rechtfertigt zunächst den Krieg religiös und propagiert Opferbereitschaft und „Endsieg“. Nach dem Verlust seines Amtes lebt er selbst von den Geschäften der Courage und wird dadurch als widersprüchliche und komische Figur entlarvt. Die Lagerhure Yvette Pottier wurde vom Koch verlassen und fand im Krieg nur durch Prostitution eine Überlebensmöglichkeit. Später steigt sie durch Heirat gesellschaftlich auf, wird aber als menschlich verändert und ernüchtert gezeigt.

Geschichtsbild, Krieg und Gesellschaft

Der Untertitel „Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ verweist auf das Historiendrama, doch Brecht ersetzt die traditionelle Perspektive von Königen und Feldherren durch den Blick der „kleinen Leute“. Siege und Niederlagen bedeuten für sie gleichermaßen Tod, Hunger und Zerstörung. Der angebliche Glaubenskrieg erscheint als Bürgerkrieg um Herrschaft und Gewinn. Selbst der Tod des Feldhauptmanns Tilly ist für die Courage weniger bedeutsam als die Verletzung ihrer Tochter und der Verlust ihrer Söhne.

Ein Leitmotiv ist der barocke Topos der „verkehrten Welt“: Der Krieg kehrt Werte und Regeln um. Frieden gilt als „Schlamperei“, Krieg als Ordnung; Raub wird zur Heldentat; eine Warnung vor einem Angriff erscheint als herzlos; Tugenden führen ihre Besitzer in den Tod. Auch Sprache wird umgekehrt: Für die Courage „bricht“ der Frieden wie ein Unglück aus. Der Satz „Der Mensch denkt: Gott lenkt“ verändert durch den Doppelpunkt die geläufige religiöse Aussage und stellt den Glauben an göttliche Führung infrage.

Brecht kritisiert besonders die kriegerischen Werte Ehre, Heldentum und Treue. Mutige Soldaten braucht nach der Courage nur ein schlechter Feldherr; Eilifs Heldentum dient seinen Befehlshabern und führt zu seinem Tod. Religion, Nationalismus und Freiheitsversprechen erscheinen als Rechtfertigungen materieller Interessen. Anspielungen auf den Überfall auf Polen, „Schutzhaft“ und „Endsieg“ verbinden den Dreißigjährigen Krieg mit dem Nationalsozialismus. Das Werk ist dennoch kein Schlüsseldrama: Die historischen und zeitgenössischen Bezüge bilden eine allgemeine Kritik an Krieg und Geschäft.

Brecht formulierte die Absicht so: Die großen Kriegsgeschäfte werden nicht von den kleinen Leuten gemacht; der Krieg als Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln macht menschliche Tugenden für ihre Besitzer tödlich; für seine Bekämpfung sei kein Opfer zu groß. Umstritten bleibt, ob das historische Beispiel diese gesellschaftliche Veränderbarkeit überzeugend vermittelt oder den Krieg eher als zeitloses, unausweichliches Schicksal erscheinen lässt.

Episches Theater und Gestaltung

Als episches Theater soll das Stück nicht die gefühlvolle Identifikation mit einer positiven Hauptfigur fördern. Die Zuschauer sollen Abstand gewinnen, Zusammenhänge erkennen und das Verhalten der Courage beurteilen. Der Verfremdungseffekt unterbricht daher die Illusion, man beobachte ein wirkliches Geschehen. Gefühle werden nicht ausgeschlossen, dürfen aber das kritische Denken nicht dauerhaft verdrängen.

Vor jeder Szene fasst ein „Titularium“ die kommenden Ereignisse zusammen. Damit verlagert sich die Spannung vom „Was“ auf das „Wie“ und die Bewertung. Die offene Form verzichtet auf den klassischen Aufbau mit Höhepunkt und abschließender Lösung. Orte und Jahre wechseln; der Krieg begann vor der Handlung und dauert nach ihrem Ende weiter. Das Anfangs- und Schlusslied sowie der Wagen bilden einen Rahmen: Anfangs sitzt die vereinte Familie auf einem ausgestatteten Wagen, zuletzt zieht die verelendete Courage den leeren Wagen allein.

Doppelszenen zeigen gleichzeitig verschiedene Vorgänge, etwa Eilifs Auszeichnung beim Feldhauptmann und die Verhandlungen der Courage in der Küche. Dadurch weiß das Publikum mehr als die Figuren und erkennt Zusammenhänge, die ihnen verborgen bleiben. Helles Licht, sichtbare Ortsangaben, eine fast leere Bühne, genau gesetzte Gesten und ein bewusst distanziertes Schauspiel verhindern eine naturalistische Illusion.

Zwölf Songs unterbrechen und kommentieren die Handlung. Dazu gehören das Lied von der großen Kapitulation und der Salomon-Song, nach dem Tugenden in dieser Welt gefährlich sind. Musik und Lieder sollen Darsteller und Publikum auf Abstand zur Rolle bringen, bleiben aber eng mit dem Geschehen verbunden. Sprachliche Umkehrungen, ironisches Lob und veränderte Sprichwörter legen außerdem die Widersprüche von Kriegsideologie und herrschendem Denken offen.

Entstehung, Aufführungen und Wirkung

Als Anregung diente Brecht die Marketenderin Lotta Svärd aus Johan Ludvig Runebergs „Fähnrich Stahl“. Den Namen Courage übernahm er aus Grimmelshausens Roman „Trutz Simplex“ von 1670. Von Grimmelshausen stammen außerdem Impulse für den historischen Hintergrund, die unheroische Kriegsschilderung und die Vorstellung einer durch den Krieg umgekehrten Ordnung; Handlung und Hauptfigur übernahm Brecht jedoch nicht.

Nach der Zürcher Uraufführung störte Brecht, dass Kritiker die Courage vor allem als leidende „Urmutter“ verstanden. Für die Berliner Inszenierung gestaltete er ihre geschäftliche Rücksichtslosigkeit deutlicher. Die Premiere am Deutschen Theater fand am 11. Januar 1949 unter Brecht und Erich Engel mit Helene Weigel statt und wurde ein großer Erfolg. Das Stück traf die Erfahrungen des Publikums in der zerstörten Nachkriegsstadt, blieb aber umstritten: Im Osten widersprach die uneinsichtige Hauptfigur den Forderungen des sozialistischen Realismus; im Westen stieß die gesellschaftskritische Aussage auf politischen Widerstand.

Brecht ließ 1949 das „Couragemodell“ anfertigen: Fotos, Regieanweisungen und Kommentare dokumentierten die Berliner Inszenierung und sollten zunächst als verbindliche Vorlage dienen. Später rückte er von einer strikten Modellpflicht ab. Das Berliner Ensemble spielte die Inszenierung bis April 1961 insgesamt 405-mal; Gastspiele in Paris 1954 und London 1956 brachten internationale Anerkennung. Im Kalten Krieg wurden Brechts Stücke teilweise boykottiert, besonders von 1953 bis 1963 in Wien. Dennoch entwickelte sich „Mutter Courage“ zu einem weltweit häufig gespielten Drama, einer bedeutenden Schauspielerinnenrolle und verbreiteten Schullektüre.

Für das Stück entstanden mehrere Musiken. Die Fassung Simon Parmets von 1940 gilt als verschollen; Paul Burkhard komponierte für Zürich, Paul Dessau 1946 in Zusammenarbeit mit Brecht die später maßgebliche Musik. Ein Filmprojekt mit Wolfgang Staudte scheiterte an künstlerischen Konflikten. Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch realisierten schließlich einen DEFA-Film nach der Berliner Theaterinszenierung; er startete am 10. Februar 1961 in 15 Kinos der DDR. Ob sein rasches Verschwinden aus den großen Kinos am mangelnden Erfolg oder an politischen Gründen lag, ist umstritten.

Lernvideos zu Mutter Courage und ihre Kinder

Weiterlesen

Episches Theater Die einzelnen Szenen stehen für sich, häufig gibt es einen offenen Schluss wie in Brechts Der gute Mensch von Sezuan: „Verehrtes Publikum, jetzt kein … Deutsche Sprache Die heutige deutsche Standardsprache entwickelte sich überwiegend aus den hochdeutschen Dialekten und fungiert als überregionale Dachsprache für sowohl hoch- … Bertolt Brecht Bertolt Brecht (Künstlername seit Juli 1916; auch Bert Brecht), eigentlich Eugen Berthold Friedrich Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in … Dreißigjähriger Krieg Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich und in Europa, der als Religionskrieg begann und … Leben des Galilei Bertolt Brecht verfasste das Theaterstück Leben des Galilei, das er selbst meist als episches Stück und nicht als Drama bezeichnete, 1939 im dänischen Exil. Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Kapitalismus Die Epoche des modernen Kapitalismus bezeichnet eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die im 18. Jahrhundert in Europa mit der industriellen Revolution begann … Kalter Krieg Als Dauer des Kalten Krieges gilt im Allgemeinen die Nachkriegszeit von 1945 bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991. Michail Gorbatschow bezeichnet in seinen … Peter Zadek 1976: Frühlings Erwachen von Frank Wedekind, Schauspielhaus Bochum, mit Herbert Grönemayer; 1976: Othello von Shakespeare (Übersetzung von Erich Fried), … Kassandra (Mythologie) Bei Homer findet man Kassandra als die schönste Tochter des Priamos und der Hekabe; sie ist dort jedoch noch nicht als Seherin beschrieben. Diese … Oberst ↑ In Kenntnis der Etymologie des Wortes als Superlativ von „oben“ in der Kombination „oberste Hauptleute“ wird man „Oberst“ eher wie das Superlativ von „oben“ … Magdeburger Hochzeit Mai 1631 durch kaiserliche Truppen unter Tilly und Pappenheim im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges. Belagerung von Magdeburg. Teil von: Schwedischer Krieg, …