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Lyrik

Lyrik (altgriechisch λυρική (ποίησις) lyrikḗ (poíēsis), deutsch ‚die zum Spiel der Lyra gehörende Dichtung') ist eine der drei literarischen Hauptgattungen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Funktion
  2. 2. Sprachliche Form und Gedichtformen
  3. 3. Formen, Genres und Subgenres
  4. 4. Geschichtliche Entwicklung
  5. 5. Internationale Traditionen und Gegenwart

Begriff und Funktion

Lyrik ist neben Epik und Dramatik eine der drei literarischen Hauptgattungen. Lyrische Texte werden Gedichte genannt. Der Begriff bezeichnet heute meist eine sprachlich stark verdichtete, formal konturierte und häufig subjektiv geprägte Textform. Lyrik vermittelt Emotionen, Wahrnehmungen und/oder Gedanken eines individuellen Subjekts. Dessen Perspektive kann der des Verfassers entsprechen, muss es aber nicht; dafür wird auch der Begriff lyrisches Ich verwendet.

Lyrische Texte unterscheiden sich von epischen und dramatischen Texten vor allem durch ihr meist geringes Textvolumen, ihre semantische Dichte, ihre sprachliche Ökonomie und ihre konzentrierte Gestaltung. Beziehungen zwischen dem sprechenden Subjekt, seiner Umwelt und dem sprachlichen Medium werden häufig besonders stark reflektiert und abstrahiert.

Ein Gedicht ist seit etwa dem 17. Jahrhundert ein einzelner lyrischer Text. Martin Opitz verwendete den Begriff 1624 in diesem Sinn. Für ihn war entscheidend, dass Gedichte in Versen abgefasst sind. Versepische Werke können ebenfalls vollständig in Versen geschrieben sein, gehören jedoch zur Epik. Ein umfangreiches, oft mehrteiliges lyrisches Werk heißt Langgedicht; ein zyklisch angelegtes Werk heißt Gedichtzyklus. Ein Werk, das prosaförmige Textsequenzen und Gedichte verbindet, wird Prosimetrum genannt. Das Poem ist eine Sonderform des Langgedichts. Beim Prosagedicht werden Vers und künstlicher Zeilenbruch zugunsten anderer lyrischer Merkmale aufgehoben.

Sprachliche Form und Gedichtformen

Lyrik ist meist durch ihre äußere, textgrafische und/oder lautliche Form erkennbar. Wichtige Grundbegriffe sind Vers und Strophe. Der Vers entsteht durch einen absichtsvollen, sinnstiftenden Zeilenumbruch. Dieser unterscheidet sich von den technisch bedingten Zeilenumbrüchen eines Prosatextes, die für dessen Bedeutung normalerweise keine eigene Funktion haben. Ein Enjambement liegt vor, wenn ein Satz oder eine syntaktische Einheit über das Versende hinaus weitergeführt wird.

Die Bindung an feste Versmaße und Reime wurde im Lauf der Gattungsgeschichte zunehmend gelockert. Bei Friedrich Gottlieb Klopstock sowie später bei Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Hölderlin entstanden reimlose Gedichte in freien Rhythmen. Bei Novalis löste sich diese Versgestaltung endgültig von ihren antiken Vorbildern. Im 19. Jahrhundert wurde sie in Frankreich zum vers libre weiterentwickelt. Der freie Vers orientiert sich an der lebendigen Rede und nähert sich dadurch rhythmisch und prosodisch der Prosa an, bleibt aber ein lyrischer Vers.

Auch die lautliche Gestaltung ist bedeutsam. Dazu gehören Assonanzen, also Klangähnlichkeiten von Vokalen, und Onomatopoesie, also lautmalerische Sprache. Die Lautpoesie des 20. Jahrhunderts stellt solche Eigenschaften in den Mittelpunkt. Umgekehrt kann auch die grafische Gestalt eines Gedichts eigenständiges oder dominantes Formelement sein, etwa in der visuellen oder konkreten Poesie.

Gedichte verwenden häufig Reime, rhetorische Figuren und Metaphern. Dadurch können Wörter, Wortgruppen und Sätze anders angeordnet werden als in gewöhnlicher Sprache. Linguistisch orientierte Lyriktheorien sprechen von einem überstrukturierten Text: Die sprachlichen Ebenen wie Phonologie, Semantik und Syntax werden zusätzlich gestaltet, etwa durch Reime auf der lautlichen und Metaphern auf der Bedeutungsebene.

Formen, Genres und Subgenres

Auf verschiedenen Ebenen der Textgestaltung lassen sich lyrische Formen unterscheiden. Der Versfuß bezeichnet ein wiederkehrendes Muster betonter und unbetonter Silben, zum Beispiel Anapäst, Daktylus, Jambus oder Trochäus. Das Versmaß beziehungsweise Metrum beschreibt die übergeordnete rhythmische Ordnung, etwa im Alexandriner, Blankvers, Hexameter oder Pentameter. Strophenformen sind unter anderem Distichon, Terzine, Stanze, Sestine und verschiedene Odenstrophen wie die Alkäische, Asklepiadeische oder Sapphische Strophe.

Zu den Gedichtformen gehören beispielsweise Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Senryū, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett und Villanelle. Historische, heute seltener verwendete Formen sind Dithyrambos, Kanzone, Madrigal und Rondeau. Zeichenbezogene Formen organisieren die Sprache etwa als Anagramm, Lipogramm, Palindrom oder Akrostichon. Gedichte, die sich solchen Vorgaben entziehen, können eine explizit freie Form haben. Weitere Formen werden durch ihre Bedeutungseinheiten, ihre Perspektive, den Verzicht auf Verse oder die Materialität der Sprache bestimmt, etwa Bildgedicht, Rollenlyrik, Prosagedicht, Lautgedicht, Flächengedicht, Listengedicht und Flarf. Die Makkaronische Dichtung verbindet Sprachen oder Dialekte.

Über das einzelne Gedicht hinaus reichen der Sonettenkranz mit 14 Sonetten und einem „Meistersonett“, das japanische Renga als Kettengedicht und das Simultangedicht, bei dem mehrere Sprecher oder Vortragende einbezogen sind.

Funktionale Genres sind unter anderem Kinderlyrik, religiöse Dichtung, Gelegenheitsdichtung und Unsinnspoesie. Zur Unsinnspoesie gehören formal häufig genau bestimmte Formen wie Clerihew, Klapphornvers, Leberreim, Limerick und Wirtinnenvers. Thematische Genres sind beispielsweise Liebeslyrik, Naturlyrik und politische Lyrik. Historische Strömungen wie Trobadordichtung, Minnesang, Sangspruchdichtung, Bukolik beziehungsweise Schäferdichtung und Meistersang können ebenfalls als Genres verstanden werden. Im 20. Jahrhundert zählen etwa deutsche naturmagische Lyrik und US-amerikanische Confessional Poetry dazu. Genreübergreifende Formen sind Ballade, Romanze und Haibun; performativ geprägt sind Spoken Word, Hip-Hop, Rap und Liedtexte.

Geschichtliche Entwicklung

Lyrik gehört zu den ältesten überlieferten literarischen Formen. Als frühe Beispiele gelten Texte mit Versstrukturen, Endreimen und/oder Alliterationen, darunter die Merseburger Zaubersprüche. Religiöse frühe Zeugnisse sind der Aton-Hymnus des ägyptischen Pharaos Echnaton aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. sowie die Bücher Psalmen und Hoheslied der Hebräischen Bibel, deren Entstehung ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. angesetzt wird.

Im antiken Griechenland war Lyrik zunächst ein zur Lyra gesungenes Lied. Sie hatte ihren „Sitz im Leben“ in Chorgesängen antiker Dramen und im religiösen Kultus. Überliefert sind Werke griechischer Dichter vom 7. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. sowie lateinische Lyrik des Römischen Reiches, besonders aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Die heute übliche Einteilung in Lyrik, Epik und Dramatik geht auf die griechische Antike und insbesondere auf Aristoteles’ Poetik zurück. Als Gattungsbezeichnung wird „Lyrik“ seit der Neuordnung des Gattungsschemas im 18. Jahrhundert verwendet.

Im europäischen Mittelalter wurde Lyrik überwiegend gesungen und mündlich weitergegeben. Deshalb entstanden viele erhaltene Handschriften und Drucke erst lange nach den Texten; ursprüngliche Fassungen und Veränderungen vor der Niederschrift lassen sich oft nicht sicher rekonstruieren. Bedeutende volkssprachliche Formen waren Trobadordichtung, Minnesang und Spruchdichtung. Geistliche Lyrik und lateinische Vagantendichtung sind häufig anonym in Sammlungen wie der Carmina Burana aus dem 11./12. Jahrhundert überliefert. Die Meistersinger des Spätmittelalters verstanden Dichtung als lern- und abprüfbares Silben- und Töne-Handwerk.

In der englischsprachigen Entwicklung folgten auf altenglische religiöse, naturbezogene und heroische Gedichte mittelenglische Verserzählungen und Allegorien. Geoffrey Chaucer ersetzte im 15. Jahrhundert den germanischen Stabreim durch den Endreim und prägte den Rhyme royal: sieben Verse, jambische Fünfheber und das Reimschema [ababbcc]. Im 16. Jahrhundert setzte sich das englische Sonett durch; später prägten unter anderem metaphysische Dichtung, Romantik, viktorianische Lyrik, Symbolismus und Moderne die Entwicklung.

Die französischsprachige Lyrik reicht von den Trouvèren und der provenzalischen Trobadordichtung über Renaissance, Klassik, Aufklärung und Romantik bis zu Symbolismus und Moderne. In Italien waren Dante und Petrarca für die Renaissance bahnbrechend; im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Dichtung durch Erneuerer wie Leopardi, D’Annunzio, Ungaretti, Montale und Zanzotto weiterentwickelt. Für die spanischsprachige Lyrik stehen unter anderem der Barock, die Generación del 27 und bedeutende Dichter aus Spanien, Chile, Mexiko und Peru. Die russische Lyrik entwickelte sich von Puschkin und Lermontow über die Avantgarden bis zu Dichtern, die später außerhalb Russlands lebten.

Internationale Traditionen und Gegenwart

Die japanische Dichtung unterscheidet traditionell zwischen japanischen Gedichten, Waka, und chinesischen Gedichten, Kanshi. Das Tanka ist ein Kurzgedicht mit 5-7-5-7-7 Moren. Das Chōka ist ein Langgedicht mit der Folge 5-7-5-7- … -5-7-7 Moren. Aus der Verkettung von Tanka entwickelte sich das Renga; dessen Eröffnungsvers mit 5-7-7 Moren wurde später als Haiku selbstständig. Das ähnlich kurze Senryū ist außerhalb Japans nach dem Haiku die bekannteste japanische Gedichtform. Gedichte sind bereits in den Reichschroniken Kojiki von 712 und Nihonshoki von 720 n. Chr. enthalten. Die erste Gedichtanthologie Man’yōshū erschien 759 n. Chr. und umfasst knapp 4500 Gedichte. Von 905 bis 1439 wurden regelmäßig Waka-Anthologien zusammengestellt.

Zur persischen Lyrik gehören das mit nahezu 60.000 Versen sehr umfangreiche Nationalepos Schāhnāme von Abū ʾl-Qāsim Firdausī sowie die Dichtung Hafis’, die unter anderem Goethe zu seinem West-östlichen Divan inspirierte. Weitere klassische Dichter sind Saadi, Nezami, Rūmī und Omar Chayyām; im 20. Jahrhundert zählt Forugh Farrochzad zu den bekanntesten iranischen Dichterinnen. In Polen, Portugal, Slowenien, Tschechien und Griechenland werden jeweils eigene nationale und moderne lyrische Traditionen dargestellt.

Im Islam ist der Status der Dichtung ambivalent. Die Sure 26 des Korans widmet den altarabischen Dichtern einen kritischen Abschnitt und setzt sie teilweise mit Wahrsagern und ziellos Umherirrenden gleich. Zugleich werden einige Dichter als rechtgläubig anerkannt. Unter den Umayyaden erhielten muslimisch-arabische Dichter hohe Förderung, sofern sie die Quraisch verherrlichten und zur Arabisierung beitrugen. Ein Hauptthema der Dichtung vor beziehungsweise bis Mohammed war die Suche des liebenden, deshalb umherirrenden Dichters nach der verlorenen Geliebten.

Im 21. Jahrhundert bleiben Gedichte weltweit in vielen Kulturkreisen und Literatursprachen bedeutsam. Im deutschen Sprachraum nahm die Rezeption säkularer lyrischer Schreibweisen im 20. Jahrhundert eher ab, obwohl weiterhin produziert wurde. Zugleich entstanden neue Formen und Medien wie digitale Poesie, Poesiefilm, Hip-Hop, Sprechgesang, Spoken Word und Insta-Poetry. Auch die traditionelle Lyrik erweiterte ihre Formate, Darstellungsmittel und Gegenstände. Historische Formen werden adaptiert, etwa im US-amerikanischen New Formalism. Die Übersetzung von Gedichten zwischen verschiedenen Sprachen wurde durch neue technische Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung ausgeweitet und vielfältiger.

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