Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Apokalypse

Apokalypse (griechisch ἀποκάλυψις „Enthüllung“, im Christentum übersetzt als „Offenbarung“) ist eine thematisch bestimmte Gattung der religiösen Literatur, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Funktion
  2. 2. Jüdische Apokalyptik
  3. 3. Apokalyptik im Christentum
  4. 4. Grundmuster der apokalyptischen Theologie
  5. 5. Islam und Bahaitum
  6. 6. Bildliche Darstellungen

Begriff und Funktion

Eine Apokalypse ist eine religiöse Literaturgattung, in der „Gottes Gericht“, „Weltuntergang“, „Zeitenwende“ und die „Enthüllung göttlichen Wissens“ im Mittelpunkt stehen. Sie schildert in prophetisch-visionärer, also bildhafter und auf Visionen beruhender Sprache das katastrophale „Ende der Geschichte“ sowie das Kommen und Sein des „Reichs Gottes“. Auch säkulare Literatur, etwa Science-Fiction, kann im weiteren Sinn apokalyptische Merkmale besitzen.

Apokalyptik bezeichnet den gesamten Vorstellungskomplex solcher Schriften. Eschatologie ist der theologische Fachbegriff für prophetische und apokalyptische Zukunftserwartungen. Apokalypsen reagieren oft auf konkrete geschichtliche Ereignisse: Sie deuten radikale Veränderungen als Weltuntergang oder als endzeitliche Äonenwende und göttliches Endgericht. Nationen, Personen und Ereignisse erscheinen dabei als Symbole, häufig als Tiere. Engel offenbaren oder erklären Zukunftsvisionen; deshalb ist die Gattung eng mit der Angelologie, der Lehre von Engeln, verbunden. Apokalypsen deuten Geschichte theologisch: Vergangenes und Kommendes werden aufeinander bezogen, um den Weltlauf als Ganzes zu verstehen.

Vorstellungen eines Weltendes finden sich bereits in antiken Schöpfungsmythen Assyriens und Babyloniens, etwa im Gilgamesch-Epos. Der Zoroastrismus Persiens prägte die Idee eines Endkampfs zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“, die in den Hellenismus eindrang. Im nordischen Kulturkreis heißt der Weltuntergang Ragnarök, das „Schicksal der Götter“.

Jüdische Apokalyptik

Ihre Blütezeit als Literaturgattung hatte die Apokalypse im Judentum vom zweiten Tempel (539 v. Chr.) bis zu dessen Zerstörung 70 n. Chr. Sie unterscheidet sich von Prophetie: Ein Prophet spricht Gottes Mahnung, Gericht oder Verheißung in eine bestimmte geschichtliche Lage hinein, zum Beispiel Jes 7,1–16 EU. Ein Apokalyptiker vermittelt dagegen einen göttlichen Plan für den Ablauf der Weltgeschichte bis zum Endgericht und zur Erschaffung einer neuen Welt, etwa Dan 7,1–15. Ein Engel oder eine göttliche Stimme hilft ihm, die gesehenen Bilder zu deuten, beispielsweise Dan 7,16–28 EU.

Frühe Endzeiterwartungen erscheinen im 8. Jahrhundert v. Chr.: Amos kündigt für Israel einen „Tag JHWHs“ als „Finsternis, nicht Licht“ an (Am 5,18–20 EU). Micha verbindet Unheil mit der endzeitlichen „Völkerwallfahrt“ zum Zion (Mi 4,2–4 EU); Jeremia bezieht sich später auf politische Ereignisse bis zur ersten Tempelzerstörung und zur Exilierung der judäischen Oberschicht 586 v. Chr. Die exilische Prophetie verbindet Gerichte über Israel mit einem Völkergericht. Messiaserwartung kann apokalyptisch sein, weil der Messias die Gewaltgeschichte beendet; bei Jesaja ist damit eine endgültige Umgestaltung des Kosmos verbunden (Jes 9 und 11 EU).

Ezechiel verbindet das nahende Endgericht mit Visionen über vergangene und vorausgesagte Geschichte, darunter die Zerstörung des ersten Tempels und Nebukadnezars Sieg über Ägypten. In Ez 37 EU tritt die Vorstellung einer Totenerweckung hervor. Im Buch Daniel verdichten sich diese Motive: Gottes Endgericht wendet die Weltgeschichte endgültig, alle Gewaltherrschaft wird vernichtet, und der „Menschensohn“ erhält Gottes volle Macht. Weitere apokalyptische Bücher entstanden im 2. und 1. vorchristlichen Jahrhundert, etwa der äthiopische Henoch, das 4. Buch Esra und die „Kriegsrolle“ von Qumran. Die rabbinische Synode bei Jawne nahm um 100 n. Chr. nur das Buch Daniel in den Tanach auf.

Apokalyptik im Christentum

Jesu Predigt vom Reich Gottes und vom Menschensohn ist von biblischer Prophetie und Apokalyptik geprägt. Die erwartete Not wird jedoch stärker in eine Heilserwartung eingebettet: Auch verlorene und dem Endgericht verfallene Kreaturen sollen gerettet werden, wie die Seligpreisungen in Mt 5,3–10 EU zeigen.

Die Urchristen verstanden Jesu Kreuzigung als stellvertretende Übernahme des Endgerichts und seine Auferweckung als rettende Vorwegnahme der endzeitlichen Wende. Diese Ereignisse wurden nach 1 Kor 15,3ff EU zentral für das Glaubensbekenntnis. Ernst Käsemann nannte die Apokalyptik deshalb die „Mutter der christlichen Theologie“. In den Evangelien tritt sie hinter die Verkündigung des bereits gekommenen Christus zurück, bleibt aber ein wichtiger Denkrahmen.

Die synoptische Apokalypse, auch „kleine Apokalypse“, findet sich im Markusevangelium und entsprechend bei Matthäus und Lukas. Sie beschreibt das Ende des Tempels und große Not vor dem eigentlichen Ende und bezieht sich teilweise auf Dan 7 EU. Die Offenbarung des Johannes ist das einzige insgesamt apokalyptische urchristliche Buch im Kanon des Neuen Testaments. Der Seher erfährt durch Engel die Zukunft der Erde bis zum Weltende; das Buch knüpft an Daniel an. Trotz der durch Jesu Opferblut bereits geschehenen „Erlösung“ erwarteten Urchristen weiter die Verwandlung der Welt durch den Messias Jesus Christus (Offb 1,1.10 EU).

Grundmuster der apokalyptischen Theologie

Apokalyptik erwartet den Übergang vom Unheil zum Heil nicht mehr durch ein Eingreifen Gottes innerhalb der Weltgeschichte, sondern durch Gottes Kommen zu ihrem Abbruch. Daher gilt die gesamte Weltgeschichte als Unheilsgeschichte, die einem schrecklichen Ende entgegengeht. Zugleich bleibt Gottes Herrschaft unbestritten: Der plötzliche katastrophale Abbruch ist nach der Providentia Dei, der Vorsehung Gottes oder dem theologischen Determinismus, von Gott vorausbestimmt.

Das Ende erscheint oft als Endkampf Gottes gegen Satan sowie dessen dämonischen und menschlichen Anhang (Mt 24 EU). Daraus kann ein apokalyptischer Dualismus entstehen, also ein Gegensatz zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis. Im Zoroastrismus und später im Gnostizismus wird der Konflikt bis in die Schöpfung zurückverlegt, sodass zwei Gottheiten gegeneinander kämpfen. Die biblisch-jüdische Apokalyptik hält dagegen an der Einheit einer ursprünglich guten Schöpfung fest: Gott verwandelt die Welt von Grund auf, beendet die Herrschaft widergöttlicher Mächte und setzt endgültige Gerechtigkeit durch.

Wichtige Bilder sind die Cherubim bei Ezechiel, der Menschenähnliche in Dan 7,14 und die vier Apokalyptischen Reiter. Sie stehen für den siegreichen Messias, Krieg, Hungersnöte, Seuchen und den unmittelbar folgenden Tod. Auferstehung der Toten (Offb 11,18; 20,5-11 EU), Rettung durch die angenommene Taufe und das Loskaufsopfer Jesu (Offb 7,9-17 EU) sowie das Reich Gottes gehören zu den Erlösungsmotiven. Das Neue Jerusalem in Offb 21 EU ist das Bild erneuerter Schöpfung und des Friedens zwischen Gott und Menschen.

Islam und Bahaitum

Im Islam finden sich eschatologische Beschreibungen bereits in den frühesten Suren des Korans. Die Suren 81, 82, 84 und 99 heißen apokalyptische Suren, weil sie Naturkatastrophen und weitere Ereignisse am Ende der Tage schildern. Sure 81 beschreibt unter anderem die „Einhüllung“ der Sonne, den Lichtverlust der Sterne, das Beben der Berge und die Vernachlässigung trächtiger Kamele, bevor die Seelen im Endgericht Rechenschaft ablegen. Zeitpunkt, genaue Art und Ursache werden nicht genannt. Nach Rudi Paret sollen diese vielfältigen, lebhaften Bilder nicht objektive Realität oder eine genaue Zukunftsprognose beschreiben, sondern erschrecken und das Entsetzen am Ende der Tage ankündigen. Wissenschaftlich untersucht wurden Parallelen zu jüdischen und christlichen kanonischen und apokryphen Überlieferungen; zugleich gibt es typisch arabische Merkmale.

Das Bahaitum deutet Endzeitvisionen der abrahamitischen Religionen symbolisch. Der Bab und Baha’ullah beziehen vorausgehende Offenbarungen ein und verstehen deren Endzeitverheißungen als bereits erfüllte Allegorien einer Äonenwende zum Friedensreich. So werden der Tempel Jerusalems in Offb 11 und die apokalyptische Frau in Offb 12 vor dem Hintergrund der Verkündigung des Bab allegorisch gedeutet. Anhänger hielten den Bab zunächst für den Mahdi muslimischer Endzeiterwartungen; Baha’ullah erklärte den Messianismus später für bereits abgeschlossen.

Bildliche Darstellungen

In der christlichen Kunst ist besonders die Johannes-Apokalypse wichtig. Seit dem frühen Mittelalter wurde sie in Bilderhandschriften dargestellt und kommentiert. Bedeutende Bildtraditionen reichen von Beatus-Handschriften, die auf einen Kommentar von Beatus von Liébana aus dem Jahr 784 zurückgehen, über die Bamberger Apokalypse vor 1020 bis zu Blockbuch-Apokalypsen um 1430–1470. Albrecht Dürers 15 Holzschnitte von 1498, darunter die apokalyptischen Reiter, wurden besonders einflussreich. Die Apokalypse von Angers ist ein zwischen 1373 und 1382 in Paris gewebter, über 100 Meter langer Wandteppich mit 84 Szenen.

In der Kathedralplastik war die Majestas Domini, ein aus der Apokalypse stammendes Bildschema, bis etwa 1170 bedeutsam. Am Königsportal der Kathedrale von Chartres ist Christus um 1150 im Tympanon mit Mandorla, Evangelistensymbolen, Engeln, 24 Ältesten und Aposteln dargestellt. Danach verschwindet dieses Schema weitgehend aus der Kathedralplastik; das Jüngste Gericht bleibt an Kirchenportalen bis zum Ende des Mittelalters verbreitet.

In der Neuzeit verliert das Thema in Malerei und Bildhauerkunst an Bedeutung und erscheint meist in Einzelmotiven, etwa der Mondsichelmadonna oder dem Lamm Gottes auf dem Buch mit sieben Siegeln. Apokalyptische Züge tragen auch Bilder von Hieronymus Bosch und El Grecos Darstellung des fünften Siegels. Ein nennenswerter neuzeitlicher Zyklus entstand 1843 bis 1867: Peter von Cornelius zeichnete für Friedrich Wilhelm IV. 17 Kartons für einen geplanten Freskenzyklus in Berlin.

Lernvideos zu Apokalypse

Weiterlesen

Offenbarung Im religiösen Kontext bezeichnet „Offenbarung“ allgemein die Erschließung oder Mitteilung einer göttlichen bzw. transzendenten Wahrheit, die dem Menschen nicht … Jüngstes Gericht alttestamentliche endzeitliche Vorstellung der abrahamitischen Religionen von einem das Weltgeschehen abschließenden göttlichen Gericht. Es ist als Gericht … Reich Gottes Gottes Reich begrenzt, relativiert und kritisiert laut der Bibel alle menschliche Machtausübung und alle irdischen Herrschaftssysteme als ihre endgültige … Apokalyptik Apokalyptik (von griechisch ἀποκάλυψις „Enthüllung“, „Offenbarung“) bezeichnet Glaubensvorstellungen von einer bevorstehenden Endzeit, in der die … Eschatologie Der ursprünglich christliche Begriff wurde im lutherischen Protestantismus geprägt und nach seiner Akzeptanz als Beschreibung für bestimmte Inhalte auch auf … Metapher ... adverbiale Bestimmung lautet „im übertragenen Sinn(e)“. Im religionswissenschaftlichen Kontext findet auch der Begriff „Bilderrede“ Anwendung. Mythologie Das deutsche Wort „Mythologie“ fand erstmals 1712 Verwendung in dem Buch Die teutsche Mythologie oder Beschreibung heidnischer Götter. Theologie Theologie in anderen Religionen · Judentum · Islam · Hinduismus · Wicca und Neopaganismus. Antike Die Antike (von lateinisch antiquus ‚alt, altertümlich, altehrwürdig') war eine Epoche im Mittelmeerraum, die etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Zoroastrismus Der Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus sowie zoroastrische Religion und Zoroastrianismus) ist eine Religion, … Hellenismus Als Hellenismus (von altgriechisch Ἑλληνισμός hellēnismós, deutsch ‚Griechentum') bezeichnet man die Epoche der antiken griechischen Geschichte vom … Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und …