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Apokalyptik

Apokalyptik (von griechisch ἀποκάλυψις „Enthüllung“, „Offenbarung“) bezeichnet Glaubensvorstellungen von einer bevorstehenden Endzeit, in der die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Typische Merkmale und Funktion
  3. 3. Religiöse Traditionen
  4. 4. Mittelalter bis Moderne
  5. 5. Säkularisierte Endzeitszenarien

Grundidee und Abgrenzung

Apokalyptik bezeichnet Glaubensvorstellungen von einer bevorstehenden Endzeit: Die gegenwärtige Welt geht unter und wird meist durch ein Friedensreich abgelöst. Sie kommt in vielen Religionen vor, besonders in den abrahamitischen Religionen. Eine wissenschaftlich unumstrittene Definition gibt es nicht.

Teilweise meint der Begriff die literarische Gattung der Apokalypsen: Texte, die ein katastrophales Ende der Geschichte, Weltgericht und Reich Gottes prophezeien. Meist bezeichnet er heute jedoch deren Inhalt, also eine Form eschatologischer Vorstellungen. Eschatologie ist die Lehre von den letzten Dingen, etwa Weltende, Gericht und Erlösung.

Die Abgrenzung ist strittig. Hans G. Kippenberg unterscheidet Apokalyptik vom Messianismus, der einen persönlichen Erlöser erwartet, und vom Chiliasmus, der eine utopische Welt ohne Arbeit und Herrschaft erhofft. Lutz Greisiger fasst dagegen Messianismus und Chiliasmus beziehungsweise Millenarismus als mögliche Unterformen der Apokalyptik auf. Millenarismus enthält ein Tausendjähriges Reich als vorletzte Stufe der Geschichte; Messianismus verkündet einen kommenden Weltenretter. Keines von beidem ist nach Greisiger zwingend nötig.

Seit dem 20. Jahrhundert wird „apokalyptisch“ auch säkular, also ohne religiöse Bedeutung, für das Ende der Menschheit verwendet. Christian Jakob unterscheidet solche zeitgenössische Apokalyptik von Dystopien: Dystopien sind meist warnende Gegenbilder zu einer Utopie und fragen nach den Folgen fortbestehender Machtstrukturen. Apokalyptik prophezeit dagegen düster Weltuntergang und beansprucht absolutes Wissen.

Typische Merkmale und Funktion

Apokalyptische Vorstellungswelten enthalten nach David Hellholm „Agenten der Apokalypse“: eine oberste Gottheit, göttliche Gestalten oder Engel als Vermittler der Offenbarung sowie einen menschlichen Übermittler. Prophezeiungen werden oft als vaticinia ex eventu dargestellt, also als nachträglich formulierte Vorhersagen bereits geschehener Ereignisse.

Häufige Merkmale sind:

  • die Einteilung der Weltgeschichte in vier oder sieben Weltzeitalter;
  • eine meist lineare, manchmal zyklische Zeitvorstellung;
  • Endzeit, Weltuntergang und Weltenrettung einschließlich Auferstehung der Toten;
  • ein gewaltsamer Endkampf von Gut und Böse auf Erde und im Kosmos;
  • Naturkatastrophen sowie soziale und religiöse Unordnung.

Walter Sparn betont, dass die Menschheitsgeschichte in eine kosmische Geschichte eingebettet wird. Ihr Verlauf hängt nicht allein vom menschlichen Verhalten im Tun-Ergehen-Zusammenhang ab, sondern auch vom Konflikt übernatürlicher Mächte. Am Ende siegt die gute Macht und erlöst die ihr zugehörigen Menschen.

Apokalyptik tritt regelmäßig in Krisenzeiten auf. Die als übernatürlich autorisiert verstandene Offenbarung tröstet leidende Gruppen, weil sie die baldige Überwindung des Bösen und Wiederherstellung des Guten verspricht. Apokalypsen legen zudem ältere Schriften im Blick auf die Endzeit aus und schreiben sich häufig Autoritätspersonen zu; dies heißt Pseudepigraphie. So gibt sich das Äthiopische Henochbuch als Werk Henochs aus, die griechischsprachige Esra-Apokalypse als Werk des Esra.

Apokalyptik kann zugleich pessimistisch und optimistisch sein: Sie kritisiert Gegenwart und Geschichte radikal, verheißt aber nach Katastrophen eine bessere Welt. Diese wird oft als Rückkehr eines Goldenen Zeitalters vorgestellt, etwa des irdischen Paradieses, des davidischen Großreichs oder des Kalifats des 7. Jahrhunderts. Greisiger nennt dies „reaktionären Utopismus“. Die erwartete Erlösung kann außerdem die Theodizee-Frage beantworten helfen: Gegenwärtiges Leiden der Gläubigen erscheint im Hinblick auf die nahe Belohnung im Gottesreich mit der Liebe eines allmächtigen Gottes vereinbar.

Religiöse Traditionen

Die ältesten apokalyptischen Prophezeiungen finden sich im Zoroastrismus. Danach erscheint 3000 Jahre nach Zarathustra der Saoschjant und leitet das Weltgericht ein. Ein Meteor schmilzt das Metall der Berge; die Frommen durchqueren den entstehenden See schmerzlos, die Gottlosen werden darin geläutert oder verbrannt. Die Zeit des Sieges des Guten über das Böse heißt Fraschokereti. Ob die jüdische Apokalyptik vom Zoroastrismus beeinflusst wurde oder umgekehrt, bleibt unbeantwortet und wird unterschiedlich beurteilt.

Die jüdische Apokalyptik entstand um 200 v. Chr. und hatte im 2. Jahrhundert n. Chr. ihre Blütezeit. Als mögliche mittelbare Ursache gelten Hellenisierungsbestrebungen von Antiochos III. und Antiochos IV. Epiphanes. Zur Literatur zählen Sacharja 9–14 aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. sowie Daniel 7–11, verfasst in den 160er Jahren v. Chr. Seit dem 3. Jahrhundert wurden keine weiteren Apokalypsen verfasst. Das rabbinische Judentum grenzte sich von radikalen Eiferern und ihren eschatologischen Spekulationen ab, auch nach dem Bar-Kochba-Aufstand von 135 und der anschließenden Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land.

Im Neuen Testament erscheinen apokalyptische Vorstellungen unter anderem in Mk 13, in den Thessalonicherbriefen und besonders in der um 100 n. Chr. entstandenen Offenbarung des Johannes. Diese schildert die Errichtung der Herrschaft Gottes durch Jesus Christus, das Lamm Gottes, gegen widergöttliche Mächte wie die Hure Babylon, das Tier mit der Zahl 666 und Satan. Anteil daran haben Christen, die dem Bösen widerstehen. Als Anlass werden sowohl Bedrohungen der sieben kleinasiatischen Gemeinden durch Christenverfolgung als auch Konflikte mit benachbarten jüdischen Gemeinden und konkurrierenden christlichen Gruppen genannt. Nach der Konstantinischen Wende lehnte die zur Staatskirche gewordene Kirche das sozialutopische Potenzial der Apokalyptik ab. Die Parusieverzögerung, also die nicht erfüllte Erwartung einer baldigen Wiederkunft Jesu, trug dazu bei. Gericht, Himmel und Hölle wurden seit dem 2. Jahrhundert stärker auf das Schicksal einzelner Menschen nach ihrem Tod bezogen.

Im Islam kommt der Jüngste Tag plötzlich: Allah richtet nach der Auferstehung der Toten alle Menschen nach ihren Taten. Als Vorzeichen gelten der böse Daddschāl, der gute Mahdi und die Wiederkehr von ʿĪsā ibn Maryam, Jesus. Die nordgermanische Mythologie erzählt von Ragnarök, der Endschlacht der Götter gegen die bösen Jötunn. Ein Weltenbrand zerstört die Welt, aus dem eine neue entsteht.

Mittelalter bis Moderne

Für die Jahre 1000 sowie 1033/34, tausend Jahre nach Passion und Auferstehung Jesu Christi, gibt es nach Richard Landes Quellenbelege für Hoffnungen auf einen dauerhaften Gottesfrieden, häretische Volksbewegungen und Gewalt gegen die jüdische Minderheit.

Um 1500 nahmen apokalyptische Erwartungen erneut zu. Neben Krisen wie der Kleinen Eiszeit spielte die Annahme eine Rolle, die Welt habe 6000 Jahre nach der Schöpfung erreicht. Das Jahr 1500 galt vielerorts als Ende des letzten der vier Weltreiche aus Daniel 7,15–27, dem Gottes Friedensreich folgen sollte. Das ursprünglich mit dem Seleukidenreich verbundene vierte Reich wurde zunächst auf das Römische Reich, später von evangelischen Christen auf die Herrschaft des Papstes bezogen; Papst und auch Osmanisches Reich wurden als Antichrist gedeutet. Martin Luther erwartete eine nahe Parusie und sah seit 1518 den Papst als Antichristen.

In der Täuferbewegung entstand 1533 in Münster eine theokratische Herrschaft, die die Stadt mit dem endzeitlichen Jerusalem gleichsetzte. Sie hatte einen König als „dritten David“, Gütergemeinschaft und Vielehe. Im Juni 1535 eroberten bischöfliche Truppen die Stadt und richteten die Anführer hin.

Seit dem späten 17. Jahrhundert drängten Aufklärung, Naturgesetze und die Vorstellung einer offenen Zukunft den Glauben an ein bevorstehendes Weltgericht in den Randbereich von Sekten und Religionsgemeinschaften. In den USA verbreitete sich der Dispensationalismus, der biblische Aussagen zur Endzeit zu einem einzigen Szenario verbindet. William Miller kündigte die Wiederkunft Christi für 1843 an; ihr Ausbleiben führte 1844 zur „Großen Enttäuschung“. Auch mehrfach angekündigte Termine der Zeugen Jehovas für Harmageddon und Jehovas Königreich erfüllten sich nicht; später richteten sich Berechnungen auf 1975.

Säkularisierte Endzeitszenarien

Im 20. Jahrhundert kehrte Apokalyptik in säkularisierter Form wieder: Nicht Gott, sondern der Mensch wurde zum handelnden Subjekt der Apokalypse. Sie erschien nun als Zivilisationskollaps und nicht als Übergang zu einer besseren Welt. Beispiele um den Ersten Weltkrieg sind expressionistische Malerei und Lyrik sowie Karl Kraus’ Drama Die letzten Tage der Menschheit.

Die Atombombe machte 1945 die Selbstauslöschung der Menschheit zu einer realen Möglichkeit. Günther Anders sprach deshalb 1956 von „Apokalypse-Blindheit“. Während des Kalten Krieges entwarfen Literatur und Film zahlreiche mahnende oder satirische Endzeitszenarien. Michael Tilly nennt diese säkularisierte Apokalyptik „kupiert“, weil sie anders als religiöse Apokalyptik keine Hoffnung auf Heil oder Erlösung enthalte.

Spekulationen zum 21. Dezember 2012 bezogen sich auf ein angebliches Ende des Maya-Kalenders, einen möglichen Weltuntergang oder einen „Aufstieg der Erde“ in eine „höhere Dimension“. Angeführte astronomische Begründungen erwiesen sich als Mischung realer und erfundener Zahlen oder als wiederkehrende Konstellationen ohne besonderen Einfluss auf die Erde.

In der Polykrise der 2020er Jahre verbreiten sich Szenarien, nach denen menschengemachter Klimawandel den Planeten unbewohnbar mache, Bodenerosion nur noch maximal 60 Ernten zulasse, künstliche Intelligenz zur technologischen Singularität und Computerherrschaft führe oder ein globaler Finanzkollaps alle Vermögen vernichte. Hinzu kommt die Verschwörungstheorie des „Great Reset“, wonach internationale Finanzeliten die COVID-19-Pandemie oder die Maßnahmen dagegen inszeniert hätten, um Weltherrschaft zu übernehmen.

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