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Jüngstes Gericht
alttestamentliche endzeitliche Vorstellung der abrahamitischen Religionen von einem das Weltgeschehen abschließenden göttlichen Gericht. Es ist als Gericht …
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Bedeutung und religiöser Grundgedanke
Das Jüngste Gericht, auch Endgericht, Apokalypse, Jüngster Tag oder Letztes Gericht, bezeichnet die endzeitliche Vorstellung der abrahamitischen Religionen von einem göttlichen Gericht, das das Weltgeschehen abschließt. Es richtet alle Lebenden und Toten und ist deshalb eng mit der Auferstehung verbunden. Davon zu unterscheiden ist das Partikulargericht: Es betrifft die einzelne Seele.
Im Judentum verbindet sich die Vorstellung eines endzeitlichen Weltgerichts mit einer anschließenden messianischen Herrschaft. Der Tanach kennt dafür den prophetischen Topos des „Tags des Herrn“ oder „Tags des Gerichts“. Das Neue Testament übernimmt diese Erwartung und beschreibt das Gericht als Entscheidung über Himmel und ewige Verdammnis sowie als Teil der endgültigen Errichtung des Reiches Gottes. Im Islam ist der Glaube an das Jüngste Gericht und die Heimkehr zu Allah ein Kernbestandteil des Bekenntnisses; wer das Gottesgericht leugnet, verfällt nach dieser Vorstellung ewiger Verdammnis.
Im mittelalterlichen Europa war die Erwartung besonders bedeutsam, weil viele Menschen das Gericht als bald bevorstehendes geschichtliches Ereignis ansahen und ihren Glauben entsprechend zu zeigen versuchten.
Ursprünge und Entwicklung der Vorstellung
Als mögliche Vorläufer werden der Zoroastrismus, das babylonische Gottkönigtum und altägyptische Jenseitsvorstellungen genannt. Der Zoroastrismus kennt ein Totengericht und einen endgeschichtlichen Kampf zwischen Gut und Böse als Weltgericht. Im babylonischen Gottkönigtum bewahrt der König als oberster Richter die kosmische Ordnung. Im Alten Ägypten gibt es Vorstellungen individueller Totengerichte, etwa in Pyramidentexten, Jenseitsbüchern und dem Totenbuch.
Nach Jürgen Moltmann „theologisiert“ die jüdische Vorstellung die Gerechtigkeitsidee: Der göttliche Richter steht jenseits des Kosmos, statt wie in Babylon Teil des Kosmos zu sein. Im Neuen Testament dürfen Gläubige dem Gericht zugleich hoffnungsvoll entgegensehen, weil ihre Erlösung naht (Lk 21,28 EU) und der wiederkommende Christus die Strafe am Kreuz bereits getragen habe (Mt 8,17 EU).
Gericht in den Endzeitreden Jesu
Die überlieferten Reden Jesu stehen im Umfeld der endzeitlichen Erwartung und eines bevorstehenden Gerichts. Im Matthäusevangelium tritt Jesus als Richter auf und trennt Gerechte und Ungerechte. Maßstab ist der Umgang mit den „geringsten Brüdern“: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Den Ungerechten gilt die Aufforderung: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“ Der Abschnitt endet mit der Gegenüberstellung von „ewige[r] Strafe“ für sie und „ewige[m] Leben“ für die Gerechten (Mt 25,31–46 EU).
Ablauf in der Johannesapokalypse
Die Offenbarung des Johannes entwirft in visionären Bildern eine christliche Eschatologie, also eine Lehre von den letzten Dingen, und bezieht sich dabei besonders auf das Buch Daniel. Das Jüngste Gericht folgt auf die tausendjährige Herrschaft des Messias. Diese beginnt mit seiner ersten Wiederkunft, der ersten Parusie. Bei der „ersten Auferstehung“ (Offb 20,5 EU) gelangen zunächst die Märtyrer zur Herrschaft; Satan ist während dieses tausendjährigen Reiches gefangen.
Danach folgen die zweite Wiederkunft, die Freilassung Satans, ein letzter Kampf und die endgültige Verdammnis Satans und seiner Heerscharen (Offb 20,7–10 EU). Der Kampf der Engel gegen Teufel oder Satan gehört bereits zum Gericht. Christus richtet alle Toten; „Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken.“ (Offb 20,13 EU). Das Gericht endet mit der Überwindung und Vernichtung des Todes. Anschließend erscheinen der „neue Himmel“, die „neue Erde“ und das „Neue Jerusalem“ (Offb 21,1 EU) als Erfüllung der Verheißung vom Reich Gottes.
Bildmotive, Kunst und Musik
In der christlichen Ikonographie, besonders von der Romanik bis zur Renaissance und vor allem in der Gotik, folgt die Darstellung häufig einem festen Bildprogramm. Oben in der Mitte thront Christus als Pantokrator, also Allherrscher, und Salvator Mundi, Erlöser der Welt. Er wird von Aposteln oder Heiligen begleitet; seit dem Hochmittelalter zeigen seine Wundmale den Gekreuzigten. Engel tragen Leidenswerkzeuge oder blasen die Posaunen, die die Toten aus den Gräbern rufen.
Maria und Johannes bilden mit Christus oft die Deesis: Maria bittet für die Menschheit, Johannes ist Johannes der Täufer oder seltener Johannes der Evangelist. Vom Betrachter aus stehen links die Seligen, die in den Himmel auffahren, rechts die Verdammten, die zur Hölle stürzen; dies entspricht Mt 25,33 EU. Häufig erscheint außerdem Erzengel Michael mit Seelenwaage und Schwert. Ein weiterer Bildtypus zeigt Christus als Maiestas Domini, umgeben vom Tetramorph, den vier Evangelistensymbolen, und den 24 Ältesten der Apokalypse.
Die älteste bekannte Darstellung befindet sich im Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair und entstand um 800. Bedeutende spätere Werke sind Michelangelos Das Jüngste Gericht (1536–1541) an der Westwand der Sixtinischen Kapelle sowie Herbert Boeckls „Seckauer Apokalypse“ von 1952 bis 1960. In der Musik begegnet das Thema unter anderem im mittelalterlichen Hymnus Dies irae („Tag des Zorns“), in Oratorien und in Franz Schmidts Das Buch mit sieben Siegeln, das 1938 in Wien uraufgeführt wurde.