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Reich Gottes
Gottes Reich begrenzt, relativiert und kritisiert laut der Bibel alle menschliche Machtausübung und alle irdischen Herrschaftssysteme als ihre endgültige …
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Begriff und Grundgedanke
„Reich Gottes“ bezeichnet in der Bibel sowohl das dynamische Wirken JHWHs, des Gottes der Israeliten, als auch den Herrschaftsbereich, in dem sich sein Wille durchsetzt. Verwandte Bezeichnungen sind „Königreich Gottes“, „Königsherrschaft Gottes“, „Himmelreich“ und „Gottesherrschaft“. Auf Hebräisch heißt der Begriff מַלְכוּת הָאֱלֹהִים (Maləchūt haʾElohīm), auf Griechisch βασιλεία τοῦ θεοῦ (basileía toũ theoũ).
Der Begriff verbindet zwei Glaubensaussagen: Gott herrscht von Anfang an über die gesamte Schöpfung, zugleich wird erwartet, dass sich sein Heilswille in der Endzeit endgültig und weltweit gegen alle Widerstände durchsetzt. Prophetie und Apokalyptik verbinden damit die universale Geltung der Tora, die Befreiung Israels von Fremdherrschaft und aller Völker von Gewaltherrschaft, Gottes Kommen zum Endgericht sowie eine grundlegende Verwandlung der Schöpfung. Dabei sollen das Böse überwunden, Schuld vergeben und Leid, Schmerz und Tod beendet werden.
Gottes Reich relativiert und kritisiert nach der Bibel jede menschliche Macht und jedes irdische Herrschaftssystem, weil es deren endgültige Zukunft bestimmt. Deshalb ist der Begriff besonders für Millenarismus, Messianismus und politische Theologie bedeutsam.
Gottes Königsherrschaft im Tanach
Die Vorstellung der Königsherrschaft Gottes knüpft an den Titel „König“ (hebräisch מֶלֶךְ, melech) für JHWH an. Dieser Titel wurde in Israel seit der Königszeit, also ab etwa 1000 v. Chr., besonders im Jerusalemer Tempelkult verwendet. Nach der Darstellung des Artikels stammt der Motivkomplex aus der vorisraelitischen Religion Kanaans. Dort wurde El als höchster, thronender Gott und Baal als eingesetzter König vorgestellt. Israel übertrug diese Vorstellungen auf JHWH und verband beide Aspekte: Gott ist König beziehungsweise wird König.
Die ausdrückliche Rede vom „Königtum“ JHWHs ist im Tanach selten; einige Belege im Pentateuch werden einer späteren Bearbeitungsschicht zugeordnet. Als vermutlich ältester Beleg gilt Jes 6,5, also eine Stelle vor 722 v. Chr. Bilder von Gottes Thronbesteigung, seinem himmlischen Hofstaat und der Huldigung durch „Göttersöhne“ oder Fremdgötter weisen laut dem Artikel sprachliche Parallelen zu Tontafelfunden aus Ugarit auf. Alttestamentler gehen daher meist davon aus, dass Israels Vorstellung von JHWHs Königtum ein Erbe Kanaans ist. Werner H. Schmidt fasst dies so zusammen: Israels Gott habe das Königtum Els und Baals auf sich vereinigt. Dieser Prozess könnte mit der Wahl Jerusalems zur Hauptstadt unter David zusammenhängen; auch ältere Kultorte wie Schilo kommen in Betracht, da die Bundeslade als Thron JHWHs verstanden worden sei.
Das Abstraktum „Königsherrschaft JHWHs“ (malchuth) erscheint im Tanach nur sechsmal, nämlich in Ps 103,19; Ps 145,11–13; 1 Chr 17,14 und 1 Chr 28,5. Diese Stellen gelten als nachexilisch. Häufiger sind bildhafte Aussagen über JHWH als König, besonders in den Königspsalmen Ps 93 und Ps 96–99. In Ps 95 wird Gottes Königswürde mit seiner Schöpfungsmacht begründet: Ihm gehören die Tiefen der Erde, die Berge, das Meer und das trockene Land. Israel soll sich vor ihm verneigen, weil es das von ihm geführte „Volk seiner Weide“ ist, auf seine Stimme hören und Gottes Recht verwirklichen.
Gottes universale Königswürde schließt seine Herrschaft über alle Völker ein. Zugleich bleibt ein persönlicher Bezug zum Einzelnen und zum Volk Israel erhalten. Königswürde Gottes, die Existenz Israels im „gelobten Land“, Tempelkult und die Abgrenzung von anderen Göttern bilden in diesen Texten eine Einheit. In nach dem babylonischen Exil entstandenen Texten verändert sich die Bedeutung zunehmend: Die Königsherrschaft wird weniger als gegenwärtiger Zustand und stärker als zukünftige Verheißung beschrieben, etwa bei Deuterojesaja, in Jes 24–27, Sach 14,9 und in jüdischen apokalyptischen Texten.
Reich Gottes in den Evangelien
Im Neuen Testament erscheint βασιλεία τοῦ Θεοῦ (basileia tou theou, „Reich Gottes“) an 122 Stellen, davon 99-mal in den synoptischen Evangelien. Im Johannesevangelium kommt der Ausdruck einmal vor, in Joh 3,3.5. Matthäus verwendet häufig die gleichbedeutende Form βασιλεία τῶν οὐρανῶν („Reich der Himmel“). Gemeint ist vor dem Hintergrund des hebräischen und aramäischen Sprachgebrauchs nicht vor allem ein geografisches Gebiet, sondern die wirksame Ausübung der Gottesherrschaft. Zugleich kann das Reich als zukünftiger Ort der Geretteten bezeichnet werden.
Jesus beginnt nach dem Markusevangelium sein öffentliches Auftreten mit der Verkündigung: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Die Stelle ist eng mit dem Zusammenhang des Markusevangeliums verbunden; deshalb bleibt ein unmittelbarer Rückschluss auf den historischen Jesus hypothetisch. Wegen der Häufigkeit und Bedeutung des Begriffs in den synoptischen Evangelien gilt das Reich Gottes dennoch allgemein als ein zentrales Thema Jesu.
Jesus veranschaulicht die Gottesherrschaft durch Heilungswunder, Gleichnisse und Lehrreden wie die Bergpredigt. Sie zeigt sich bereits gegenwärtig in den Zusagen für Arme und Gewalt erleidende Menschen sowie in Jesu heilvollem Handeln. Nach Lk 17,20f ist sie „mitten unter euch“ und nicht an einem bestimmten Ort oder an äußeren Zeichen erkennbar. Das Thomasevangelium formuliert, das Königreich des Vaters sei über die Erde ausgebreitet, werde aber von den Menschen nicht gesehen. In der Kindersegnung der synoptischen Evangelien wird die demütige Haltung eines Kindes beziehungsweise des Geschöpfes gegenüber dem Schöpfer als wichtig für den Eintritt in das Reich dargestellt.
Jesu Aussagen verbinden eine gegenwärtige und eine zukünftige Erwartung. Diese Spannung wird als „sich realisierende Eschatologie“ bezeichnet: Die Endzeit beginnt bereits, verlangt aber zugleich geistliche Unterscheidung und moralische Verantwortung, besonders gegenüber Ausgegrenzten. Jesus verkündigt keine systematische Theologie und legt keinen Zeitpunkt fest. Einerseits sagt er, einige seiner Anhänger würden das Reich noch zu Lebzeiten „in Macht“ erleben (Mk 9,1); andererseits wisse nur Gott den Zeitpunkt (Mk 13,32). Vor seinem Tod betont er, dass die endgültige Vollendung noch aussteht und mit seiner Wiederkunft verbunden ist (Mk 14,25). Für das Urchristentum sind Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi der Einbruch des Reiches in die gottfeindliche Welt und der Beginn der Erfüllung prophetischer Zukunftsverheißungen.
Apostelgeschichte und Paulus
Die Apostelgeschichte übernimmt die Rede vom Königreich Gottes aus dem Lukasevangelium. Der Begriff hat dort zwei eng verbundene Bedeutungen: Er bezeichnet die gegenwärtig erfahrbare Herrschaft Gottes, wenn Menschen aus Vertrauen auf das Evangelium nach dem Liebesgebot leben, und die eschatologische Vollendung bei der Wiederkunft Christi.
In den Paulusbriefen kommt der Ausdruck „Königreich Gottes“ sechsmal vor. Röm 14,17 bestimmt das Reich nicht als eine Frage von Speisevorschriften, sondern als „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“. Damit ist eine konkrete Gemeindesituation angesprochen: Hier und jetzt zeigt sich, ob Menschen sich der Gottesherrschaft unterstellen. Zugleich bleibt die Hoffnung auf das kommende Reich erhalten.
Paulus spricht außerdem vom „Erben“ des Reiches. In Gal 5,21, 1 Kor 6,9–10 und Eph 5,5 nennt er ungerechte Lebensweisen, die dieses Erbe ausschließen, darunter Diebstahl, Habgier, Trunkenheit, Lästerung und Raub. Nach 1 Kor 15,50 können „Fleisch und Blut“, also die Bindung an irdische Maßstäbe, das Reich nicht erben. Das Erben des zukünftigen Reiches ist dennoch mit der gegenwärtigen Erfahrung des Lebens unter Gottes Herrschaft verbunden. In 2 Thess 1,5 geht es darum, am Gottesreich teilzuhaben oder seiner würdig zu werden. Kol 4,11 lobt Menschen, die „für das Reich Gottes arbeiten“.
Auslegung in der Christentumsgeschichte
Origenes (185–253/254 n. Chr.) bezeichnet mit autobasileia die enge Verbindung zwischen Jesus und der von ihm verkündeten Gottesherrschaft. Jesus Christus ist danach selbst der Inbegriff des Reiches und die bereits begonnene Verwirklichung seiner Verkündigung. Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) erklärt in „Der Gottesstaat“, die gegenwärtige Kirche auf Erden sei sowohl das Königreich Christi als auch das Königreich der Himmel. Sie sei nicht nur ein Abbild, sondern ein Teil dieses Reiches, allerdings als corpus mixtum mit der die Welt beherrschenden Macht des Bösen durchmischt.
Meister Eckhart deutet die „Nähe“ des Reiches nicht zeitlich. Durch die von Jesus geforderte Umkehr, die Bewegung von außen nach innen, erkenne der Mensch das Reich Gottes „in“ sich. Wer seine Nähe erkenne, sei dadurch belehrt und des ewigen Lebens versichert. Johannes Tauler beschreibt das Reich entsprechend als im „innersten, allerverborgensten, tiefsten Grund der Seele“ ruhend und verbindet es mit Lk 17,21.
Im Deutschen Idealismus war „Reich Gottes!“ eine Losung Hölderlins und Hegels. Hölderlin schrieb am 10. Juli 1794, sie werde beide nach jeder Metamorphose wiedererkennen lassen.
In der katholischen Kirche kam es trotz der Vorstellung einer Wiederherstellung des Reiches Gottes auf Erden zu keiner Lehrentscheidung über den Begriff. Bei deutschsprachigen Baptisten ist „Reich Gottes“ beziehungsweise „Herrschaft Gottes“ der Zentralbegriff ihrer Rechenschaft vom Glauben: Sie gliedert sich in die Aufrichtung der Gottesherrschaft, das Leben unter der Gottesherrschaft und deren Vollendung. Für den anglikanischen Neutestamentler Nicholas Thomas Wright ist das Reich Gottes das zentrale Thema der Gegenwart und Verkündigung Jesu. Jesus habe seine Zuhörer nicht auf eine individuelle Rettung in einem jenseitigen Himmel vertröstet, sondern sie in das gegenwärtige und kommende Reich eingeführt; in Glaubensbekenntnissen und kirchlicher Praxis habe diese Lehre jedoch nur wenig Niederschlag gefunden.