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Offenbarung
Im religiösen Kontext bezeichnet „Offenbarung“ allgemein die Erschließung oder Mitteilung einer göttlichen bzw. transzendenten Wahrheit, die dem Menschen nicht …
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Grundidee und religiöse Bedeutung
Eine Offenbarung ist die Eröffnung von etwas bisher Verborgenem. Im religiösen Kontext meint sie die Erschließung oder Mitteilung einer göttlichen oder transzendenten Wahrheit, die dem Menschen nicht allein durch Vernunft oder empirische Beobachtung zugänglich ist. Sie kann als „Durchbrechen einer transzendenten Wirklichkeit“ in die menschliche Erfahrungswelt verstanden werden.
Offenbarung kann verbal oder nonverbal geschehen, vor Einzelnen oder vor Vielen. Beispiele im Artikel sind die Massenoffenbarung Gottes am Berg Sinai für Israel sowie behauptete Einzeloffenbarungen bei Paulus, Buddha, Joseph Smith, Mohammed und Bahāʾullāh. Religionen, die ihre Lehre auf Offenbarungserlebnisse stützen, heißen Offenbarungsreligionen.
Offenbarungen dienen in vielen religiösen Traditionen auch als Legitimationsanspruch: Sie können religiöse Autorität, soziale Ordnungen oder politische Herrschaft begründen, wenn bestimmte Personen, Gruppen oder Institutionen als Träger eines göttlichen Auftrags gelten.
Offenbarung in der Bibel
Martin Luther verwendete „offenbaren“ zur Übersetzung des griechischen Wortes apokálypsis (ἀποκάλυψις), „Enthüllung, Offenbarung“. Davon stammen auch „Apokalypse“ und „Apokalyptik“. Das dazugehörige Verb apokalýptein bedeutet „enthüllen, entblößen, offenbaren, kundtun“ und setzt sich sinngemäß aus „weg“ und „verhüllen“ zusammen.
Im Tanach ist das hebräische Verb galah zwar häufig, aber meist nicht theologisch gemeint. Es kann „aufdecken“, „entblößen“, „fortgehen“ oder „in die Verbannung führen“ bedeuten. Dass Gott selbst etwas „offenbart“, ist dort eher selten. Gottes Wirken wird häufiger mit anderen Verben beschrieben, etwa „erscheinen“, „sehen“, „hören“, „schauen“ oder „antworten“. Erst später, etwa bei den Essenern in Qumran, erhält galah eine deutlichere theologische und apokalyptische Bedeutung.
Auch das Neue Testament kennt noch keinen einheitlichen theologischen Fachbegriff von Offenbarung. Bei Paulus bezieht sich Offenbarung besonders auf Jesus Christus: auf seine persönliche Erfahrung des auferstandenen Christus, auf die im Evangelium verkündete Offenbarung Gottes in Jesus Christus und auf das zukünftige „Offenbarwerden Jesu Christi“ bei der Parusie, also seiner erwarteten Wiederkunft. Spätere neutestamentliche Schriften entwickeln den Begriff weiter. Im Johannesevangelium erscheint Jesus als Offenbarer Gottes; in der Offenbarung des Johannes wird das erwartete Gerichts- und Heilshandeln Gottes bildhaft entfaltet.
Formen und Abgrenzungen
Offenbarungserlebnisse werden von den Betroffenen oft als einschneidend, überwältigend und verpflichtend beschrieben. Sie können das Leben eines Menschen nachhaltig verändern. Nach der Art der Wahrnehmung unterscheidet der Artikel vor allem Visionen, also „geschaut“ erfahrene Offenbarungen, und Auditionen, also „gehörte“ Offenbarungen. Offenbarungen können unmittelbar durch die Gottheit, durch Boten, im Traum, durch Orakel oder durch menschliche Mittler wie Propheten erfolgen.
Von Offenbarung werden verwandte Begriffe unterschieden. Eine Erscheinung oder Epiphanie ist ein Sichtbarwerden einer göttlichen oder übernatürlichen Gestalt. Erleuchtung bezeichnet Einsicht, besonders wichtig im Buddhismus, ohne dass ein personal gedachter Gott etwas mitteilen muss. Inspiration bedeutet im religiösen Sinn eine Eingebung Gottes. Wunder gelten als Zeichen Gottes oder seiner Nähe, sind aber ohne Deutung nicht schon eindeutig eine göttliche Kundgabe.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen natürlicher und übernatürlicher Offenbarung. Natürliche Offenbarung meint eine mögliche Erkenntnis Gottes aus der geschaffenen Welt mit den Mitteln des Verstandes. Übernatürliche Offenbarung meint eine Mitteilung, die nicht jedem Menschen verstandesmäßig zugänglich ist, etwa Glaubensgeheimnisse oder besondere Selbstbezeugungen Gottes.
Wahrheitsanspruch, Kritik und Toleranz
Offenbarungen erheben einen Anspruch auf Erkenntnis und Wahrheit. Der Glaube an biblische Offenbarungen umfasst zwei Annahmen: Eine Offenbarung sei von Gott bewirkt worden, und sie sei, sofern sie als Aussage verstanden wird, wahr. Dieses Problem wird schon in 5 Mos 18,21 EU formuliert: „Wie kann ich merken, welches Wort der Herr nicht geredet hat?“ Eine allgemein überzeugende Antwort gibt es laut Artikel bis heute nicht. Als biblisches Kriterium wird genannt, ob eine prophetische Vorhersage eintritt; doch dieses Kriterium kann nicht sicher zwischen echter Offenbarung und zufällig richtig erratenem Geschehen unterscheiden.
Kritiker verweisen darauf, dass Offenbarungserlebnisse für andere Menschen nicht experimentell-wissenschaftlich prüfbar sind. Naturwissenschaftlich lässt sich über den Wahrheitsgehalt solcher Berichte daher nichts aussagen. Manche Kritiker deuten Offenbarungen als Irrtum, Illusion, veränderten Bewusstseinszustand oder Wahnmanifestation. Der Artikel nennt auch mögliche psychologische und medizinische Zusammenhänge, etwa Psychosen, Epilepsie, Schizophrenie und den Forschungsbereich Neurotheologie.
Offenbarungsglaube kann mit Intoleranz verbunden sein, wenn eine Religion absolute Wahrheit und Unfehlbarkeit beansprucht. Der Artikel nennt Fundamentalismus, Kreationismus und politischen Missbrauch von Offenbarungsreligionen als Problemfelder. Zugleich werden Gegenströmungen beschrieben: religiöse Texte können auch tolerant gedeutet werden, etwa Koranstellen wie „Es sei kein Zwang im Glauben“ oder neutestamentliche Stellen, die Gottes Nähe zu allen Menschen betonen. Toleranz bedeutet hier, Andersgläubige auszuhalten, ohne den eigenen Glauben aufzugeben.
Vorstellungen in einzelnen Religionen
Im Judentum berichten die hebräischen Schriften von Offenbarungen an Propheten, unter anderem an Noach, Abraham, Mose, Elija, Jeremia, Jesaja und Daniel. Auch Prophetinnen wie Debora, Hulda und Anna werden als Überbringerinnen göttlicher Nachrichten genannt.
Im Christentum entwickelte sich Offenbarung von einem zunächst profanen Wortgebrauch zu einem theologischen Schlüsselbegriff. Seit dem 20. Jahrhundert wird sie häufig als „Selbstmitteilung Gottes“ verstanden. Die klassische katholische Theologie kennt drei grundsätzliche Offenbarungsquellen: Schrift, Tradition und Natur. Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Offenbarungsbegriff besonders wichtig. Theologisch werden verschiedene Modelle unterschieden: ein epiphanischer Begriff mit Erscheinungen Gottes, ein instruktionstheoretischer Begriff, nach dem Gott Sätze offenbart, und ein kommunikationstheoretischer Begriff, nach dem Offenbarung persönliche Zuwendung Gottes ist.
Im Islam gilt Offenbarung als Mitteilung Gottes an den Propheten durch den Erzengel Gabriel. Nach muslimischem Glauben wurde der Koran in wörtlicher Offenbarung über 23 Jahre an Mohammed herabgesandt, beginnend mit Sure 96. Umstritten ist, ob das „Tor der Offenbarung“ heute noch offensteht; die Positionen reichen von orthodoxer Ablehnung bis zu bejahenden Auffassungen bei Sufis und der Ahmadiyya.
Im Bahaitum ist Offenbarung durch Gottesboten ein zentrales Prinzip. Diese Mittler heißen „Manifestationen Gottes“. Nach Bahāʾullāh offenbart sich Gott der Menschheit seit vorgeschichtlichen Zeiten in einem fortdauernden Prozess, der „Fortschreitende Offenbarung“ genannt wird.
In asiatischen Religionen spielt Offenbarung meist eine geringere Rolle als in den drei Buchreligionen. Im Hinduismus gibt es dennoch wichtige Beispiele, etwa Krishnas Offenbarung in der Bhagavad Gita und die Offenbarung der Göttin im Devi Bhagavatam.
Welt, Schöpfung und mündliche Eingebung
Viele Religionen deuten die Welt über einen Schöpfungsmythos. Wenn die Welt als Produkt göttlichen Willens verstanden wird, können sich in ihr Eigenschaften ihres Schöpfers zeigen. Diese Vorstellung heißt Schöpfung als Offenbarung.
Im Monotheismus bezeichnet Offenbarung einen Akt Gottes, durch den Gott dem Menschen etwas über sich bekannt gibt, seinen Willen kundtut, Erkenntnis ermöglicht oder seine Verborgenheit überwindet. Christliche Theologie hat in verschiedenen Formen vertreten, dass Wunder und Werke als Belege für Gottes Wirken auf Erden dienen können.
Eine besondere Form ist die mündliche Offenbarung. Manche Religionen lehren, dass Gott Menschen den Text einer Offenbarung direkt eingeben oder diktieren kann; das heißt Verbalinspiration. Davon unterscheidet der Artikel Realinspiration, bei der der Mensch den Bibeltext verfasst und Gott ihn nachträglich „absegnet“, sowie Personalinspiration, nach der die Bibel zwei Ursachen hat: Gott und den Menschen.
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