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Antike Judenfeindschaft
Antike Judenfeindschaft gilt in der Antisemitismusforschung als eine der historischen Wurzeln des Antijudaismus und des Antisemitismus.
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Begriff und Voraussetzungen
Antike Judenfeindschaft meint Feindseligkeit gegen Juden in der antiken Geschichte Israels. Sie ist seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. im Tanach und in außerbiblischen Quellen fassbar. In der Antisemitismusforschung gilt sie als eine historische Wurzel des Antijudaismus und Antisemitismus. Sie hatte verschiedene Ursachen: politische Herrschaftsinteressen, wirtschaftliche Konflikte, kulturelle Abgrenzung und religiöse Gegensätze.
Israel entstand ab etwa 1200 v. Chr. und war häufig von Großreichen beherrscht, darunter Ägyptern, Assyrern, Babyloniern, Persern, Medern, Makedonen und Römern. Diese Reiche wollten politische Einheit sichern und ließen Religionen unterworfener Völker daher teilweise fortbestehen. Ein davidisch-salomonisches Großreich ist außerbiblisch nicht belegt; das Nordreich Israel ist erstmals auf der Mescha-Stele um 840 v. Chr. nachweisbar.
Das Judentum lehnte Polytheismus, Synkretismus und Gottkönigskulte ab. Polytheismus ist der Glaube an mehrere Götter, Synkretismus die Verbindung verschiedener religiöser Vorstellungen. Grundlage der jüdischen Abgrenzung war der Monotheismus, also der Glaube an den einen Schöpfergott JHWH. Juden verstanden sich als von Gott erwähltes Volk mit einem Auftrag für alle Völker (Gen 12,3). Deshalb konnten gläubige Juden an den Kulten ihrer Umgebung nicht teilnehmen. Besonders im Exil half diese Abgrenzung, die eigene Identität zu bewahren.
Ältere Historiker und Theologen erklärten antike Judenfeindschaft oft allein aus diesem exklusiven Erwählungsglauben. Der Artikel bewertet dies als unkritische Übernahme der biblischen Geschichtsschreibung: Die Ablehnung der Juden lässt sich nicht nur aus ihrer religiösen Sonderstellung erklären.
Exil, Persien und Hellenisierung
Deportationen von Oberschichten waren ein übliches Mittel antiker Großreiche zur Sicherung eroberter Gebiete. Assyrien deportierte 733 v. Chr. 6.000 Einwohner aus dem Nordreich Israel und 722 v. Chr. etwa 27.000 weitere aus Samaria; damit endete Nordisrael als Staat. 586 v. Chr. zerstörten die Babylonier unter Nebukadnezar II. Jerusalem und den Tempel und führten die Führungselite Judas nach Babylon. Im Babylonischen Exil entstanden jüdische Siedlungen, die auch nach der Rückkehrerlaubnis des Perserkönigs Kyros II. 539 v. Chr. weiterbestanden. Seit 586 bestand zudem eine jüdische Flüchtlingsgemeinde in Ägypten; als persische Söldner erhielten ihre Mitglieder um 550 v. Chr. die Erlaubnis zum Tempelbau in Elephantine.
Esra und Nehemia machten um 450 v. Chr. die Absonderung von anderen Völkern zur Grundlage des neuen jüdischen Staates. Das sollte die kulturelle Identität sichern, erzeugte jedoch Misstrauen und förderte eine innere Spaltung: Das einfache Volk hielt überwiegend am Gesetz fest, während sich Teile der Oberschicht für die hellenistische Kultur öffneten.
Das um 150 v. Chr. entstandene Buch Ester erzählt von einem angeblichen Ausrottungsplan des Staatsministers Haman gegen die Juden zur Zeit des Königs Ahasveros um 472 v. Chr. Haman begründet ihn damit, dass die Juden zerstreut und abgesondert lebten, andere Gesetze hätten und nicht nach den Gesetzen des Königs handelten; außerdem stellt er 10.000 Zentner Silber in Aussicht. Der Bericht verbindet also den Vorwurf der Fremdartigkeit und Illoyalität mit dem Interesse am jüdischen Besitz. Eine außerbiblische Bestätigung fehlt. Möglich ist, dass Angriffe Antiochos’ IV. in die Perserzeit zurückprojiziert wurden und der Text spätere Feindseligkeit nach den makkabäischen Aufständen widerspiegelt.
Im hellenistischen Großreich Alexanders des Großen wurden Juden in neu gegründeten Handelsstädten angesiedelt. Ethnisch organisierte Gruppen in fremder Umgebung hießen Politeuma und waren grundsätzlich akzeptiert, solange sie sich gegenüber der Obrigkeit loyal verhielten. Juden wurden als wirtschaftlicher Faktor oft privilegiert und behielten Schabbatruhe, Reinheits- und Speisegesetze. Ihre Ablehnung von Vielgötterei und Gottesbildern wurde meist respektiert, doch Handelsprivilegien konnten Spannungen mit der übrigen Bevölkerung hervorrufen. Theophrastos von Eresos und Megasthenes äußerten sich nach dem Artikel noch anerkennend über das Judentum.
Nach Alexanders Tod 323 v. Chr. versuchten die Seleukiden, ihre Macht durch stärkere Hellenisierung zu sichern. Soziale, wirtschaftliche, politische sowie religiös-kulturelle Konflikte verschärften die Ablehnung des Judentums. 168 v. Chr. veranlassten jüdische „Pro-Hellenisten“ Antiochos IV., die jüdische Religion zu verbieten. Das außergewöhnliche Religionsedikt löste einen Aufstand aus. Judas Makkabäus vertrieb nach Kämpfen von 175 bis 164 v. Chr. die seleukidischen Truppen aus Jerusalem. Die Makkabäeraufstände schufen ab 167 v. Chr. wieder relative staatliche Unabhängigkeit. Jüdische Gemeinden erhielten vielerorts Befreiung von der Verehrung lokaler Gottheiten und durften Tempelsteuer nach Jerusalem zahlen.
Konflikte unter römischer Herrschaft
Die Hasmonäer, Nachfolger Judas Makkabäus’, sicherten Judäa etwa 100 Jahre staatliche und religiöse Autonomie. Unter Griechen im Osten nahm die Judenfeindschaft jedoch zu. Der Zerfall des Seleukidenreiches wurde teils dem angeblichen „Verrat“ Judäas im Bündnis mit Rom zugeschrieben. Die Expansion der Hasmonäer und damit verbundene Zwangsjudaisierungen verschlechterten das Bild der Juden zusätzlich.
Jüdische Diasporagemeinden bestanden unter anderem seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. in Antiochia, Damaskus und Alexandria sowie seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Rom. Römische Autoren wie Cicero, Seneca, Quintilian, Juvenal und Tacitus übernahmen ägyptisch-griechische antijüdische Polemik. Jüdische Bräuche, etwa die Beschneidung, galten ihnen als „barbarisch“. Tacitus schrieb, Juden seien „den Göttern verhasst“ und „den übrigen Religionen entgegengesetzt“; stereotyp war auch der Vorwurf des odium humani generis, des Hasses auf alle Menschen. Der Artikel bezeichnet dies als antiken Antijudaismus in der römischen Bildungsschicht des 1. Jahrhunderts.
Pompeius eroberte Judäa 64 v. Chr. Zunächst schützten die Römer jüdische Privilegien. Die Herrschaftszentralisierung und der Kaiserkult führten aber zum Konflikt: Kaiserkult bedeutet die religiöse Verehrung des Kaisers, die Juden ohne Aufgabe ihres Glaubens nicht anerkennen konnten. Das Judentum war als religio licita, also zugelassene Religion, mit kurzfristigen Ausnahmen vom Kaiserkult befreit. Im Jahr 6 n. Chr. hob Augustus Privilegien auf und ließ Eigentum beschlagnahmen. Tiberius verfügte 19 die Vertreibung der Juden aus Rom. Pontius Pilatus provozierte in Judäa mit Kaiserstandarten im Jerusalemer Tempelbezirk und unterdrückte antirömische Regungen brutal; Lucius Aelius Seianus deckte ihn.
38 n. Chr. kam es mit kaiserlicher Duldung in Alexandria zu einem großen Pogrom: Synagogen wurden zerstört, viele Juden gefoltert und massakriert, andere vertrieben. Die verstärkte Abgrenzung der Diasporajuden – keine Tisch-, Ehe- und Kultgemeinschaft mit Andersgläubigen – wurde wiederum als Arroganz, Elitismus, Rückständigkeit oder Primitivität ausgelegt. Caligulas Plan von 41, seine Kolossalstatue im Tempel aufzustellen, hätte einen Krieg ausgelöst; er wurde zuvor ermordet. Danach folgten der Jüdische Aufstand 66–70, der Aufstand in Alexandria 115–117 und der Bar-Kochba-Aufstand 132–135.
Nach dem ersten Krieg zerstörten die Römer den zweiten Jerusalemer Tempel. Nach dem dritten verloren Juden das Recht auf Wiederansiedlung in Jerusalem und ihre relative Autonomie; Judäa wurde in Palästina umbenannt und direkter römischer Verwaltung unterstellt. Viele Bewohner wurden ermordet, vertrieben oder hungerten; andere Juden wurden im Reich zerstreut. Ziel der Römer war nach dem Artikel nicht die Ausrottung aller Juden, sondern Machtsicherung, die Vernichtung von Aufständischen und die Unterdrückung der Glaubenstraditionen, aus denen Rebellion hervorgegangen war.
Jüdische Reaktionen im 1. Jahrhundert waren erstens Anpassung und Apologetik, etwa bei Flavius Josephus und Philon von Alexandria. Zweitens gab es politisch-religiösen Widerstand der Zeloten mit strikter Absonderung, Attentaten und Bereitschaft zum Martyrium; als Beispiel nennt der Artikel den kollektiven Suizid in Masada. Drittens wurden Traditionen bewahrt und weiterentwickelt: Aus Halacha, der mündlichen Tora-Auslegung, und Mischna, der Sammlung rabbinischer Toraauslegungen, entstanden der Babylonische und der Jerusalemer Talmud.
Christliche Abgrenzung und ihre Folgen
Das Urchristentum verstand sich zunächst als Teil des Judentums und erkannte Israels Erwählung an. Um 100 entwickelte sich das Christentum zu einer eigenen, überwiegend nichtjüdischen Religion und grenzte sich zunehmend vom Judentum ab. Dabei übernahm es auch ägyptisch-römische antijüdische Stereotype.
Die frühe christliche Theologie erklärte, mit Jesus von Nazaret seien die alttestamentlichen Verheißungen erfüllt; die jüdische Heilserwartung sei dadurch überholt und beendet. Die Erwählung zum Volk Gottes sei nun auf die an Jesus Christus Glaubenden übergegangen. Damit wurde Israel grundsätzlich ein eigener Zugang zum Heil abgesprochen. Diese antijudaistische Theologie stellte nicht nur einzelne jüdische Bräuche infrage, sondern beanspruchte dieselben religiösen Traditionen und wandte sie gegen das Judentum. Nach dem Verlust des religiösen Zentrums in Jerusalem standen Diasporajuden somit neben einem feindlichen Staat auch einer konkurrierenden Religion gegenüber.
Die Entwicklung führte in der Antike nicht sofort zur vollständigen Ausgrenzung. Christliche Kaiser bewahrten teilweise die römische Rechtstradition und erließen Schutzvorschriften für Juden. Nach der Konstantinischen Wende wurden jüdische Gemeinden, die zuvor teilweise rechtlich privilegiert gewesen waren, jedoch zunehmend an den Rand gedrängt, verachtet und ausgegrenzt. Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion bis 380 wurde die Abwertung des Judentums und die Unterdrückung jüdischer Minderheiten in Europa zum verbreiteten Dauerzustand.