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Antisemitismusforschung
Antisemitismus sei ein Aufbegehren gegen die Triebverzicht verlangende monotheistische Religion: „Unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie …
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Gegenstand und Forschungsfeld
Antisemitismusforschung untersucht Ursachen, Formen und Wirkungen von Antisemitismus sowie antisemitische Tendenzen, Methoden und Praktiken. Das etwa 2500 Jahre alte Phänomen ist nicht abschließend definiert: Diskutiert werden seine Merkmale, Haupttypen, ihre Beziehungen zueinander und die Reichweite des 1879 von Wilhelm Marr eingeführten Begriffs „Antisemitismus“.
Die systematische Forschung entwickelte sich vor allem nach dem Holocaust. Sie verbindet Geschichtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Theologie und Literaturwissenschaft. Dabei untersucht sie Kontinuitäten und Unterschiede zwischen christlichem Antijudaismus, modernem Rassismus und heutigen Formen der Judenfeindlichkeit. 1982 entstanden unabhängig voneinander das Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism in Jerusalem und das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Das Jerusalemer Zentrum verwendet Antisemitismus als Oberbegriff für alle Formen von Judenfeindlichkeit; das Berliner Zentrum bezog ihn vorwiegend auf die völkisch-rassistische Judenfeindlichkeit seit dem 19. Jahrhundert.
Von Antijudaismus zum modernen Antisemitismus
Für Mittelalter und Frühe Neuzeit wird oft von Antijudaismus gesprochen: religiös begründeter Judenfeindlichkeit. Christliche Lehren erhoben etwa den Vorwurf der Blindheit gegenüber Jesus als Messias, der Kollektivschuld am Tod Jesu, der Abkunft vom Teufel und einer Verschwörung gegen die Christenheit. Seit der Konstantinischen Wende wurden Juden rechtlich ausgegrenzt; das Vierte Laterankonzil von 1215 legte unter anderem Ausschlüsse von öffentlichen Ämtern und unterscheidende Kleidung fest. In Krisenzeiten, etwa während Kreuzzügen sowie Pest- und Lepraepidemien des 14. Jahrhunderts, kam es verstärkt zu Pogromen, Vertreibungen und Zwangstaufen.
Der moderne Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert säkularisierte ältere Feindbilder, verband sie mit Rassentheorien, Nationalismus und politischer Organisation und erklärte die „Judenfrage“ zum angeblichen Kern- oder Weltproblem. Aufklärer kritisierten mittelalterlichen Judenhass zunächst als Vorurteil und forderten rechtliche Emanzipation. Zugleich verlangten viele die Assimilation, also die Aufgabe jüdischer religiöser und ethnischer Besonderheiten, als Bedingung der Gleichstellung. Die rechtliche Gleichstellung erfolgte in Frankreich 1791, in Deutschland schrittweise von 1812 bis 1871 und nochmals bis 1918.
Das Verhältnis von Antijudaismus und Antisemitismus bleibt umstritten. Raul Hilberg beschrieb eine Radikalisierung: vom Motto „Ihr habt kein Recht, als Juden unter uns zu leben!“ über „Ihr habt kein Recht, unter uns zu leben!“ bis „Ihr habt kein Recht, zu leben!“. Andere Modelle nehmen eine Parallelexistenz beider Formen an, sehen moderne Antisemiten ältere Motive in säkularisierten Kontexten entlehnen oder erklären den Übergang durch einen langfristigen Säkularisierungsprozess. Gavin Langmuir unterschied realistische, xenophobe und chimärische Einstellungen; letztere beruhen auf erfundenen Zuschreibungen und gelten ihm als Antisemitismus.
Gesellschaftliche, psychologische und kritische Erklärungen
Marxistische Ansätze deuten Antisemitismus als ideologische Ablenkung von sozialen Klassengegensätzen. Karl Marx verband in „Zur Judenfrage“ (1843) Kapitalismuskritik mit problematischen Aussagen über Judentum und Geld; Friedrich Engels bezeichnete Antisemitismus 1890 als reaktionäre Abwehr untergehender mittelalterlicher Schichten. August Bebel erklärte ihn 1893 als innerkapitalistische Strategie gegen den Sozialismus. Kritisiert wird, dass Antisemitismus nicht nur von einer „herrschenden Klasse“ verbreitet wurde, sondern in allen Bevölkerungsschichten Anhänger fand. Moishe Postone und Detlev Claussen entwickelten mit der „halbierten Kapitalismuskritik“ eine weiterführende, weniger einfache marxistische Erklärung.
Psychoanalytische Ansätze suchen Ursachen auch im Unbewussten und in Projektionen: Eigene Ängste, Aggressionen oder als negativ erlebte Wünsche werden auf Juden verschoben. Hugo L. Valentin sprach 1935 von einer „Antisemitenfrage“: Antisemitismus habe vor allem mit einem imaginierten Judenbild und seiner Funktion für Antisemiten zu tun. Freud erklärte 1939 Judenhass unter anderem mit Konflikten um monotheistische Religion. Andere Autoren beschrieben antisemitische Einstellungen als Abwehr von Angst, gekränktem Narzissmus oder Schuldgefühlen. Diese Ansätze können jedoch Schwankungen und politische Folgen des Kollektivphänomens nur begrenzt erklären.
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule verband Marxismus und Psychoanalyse. Horkheimer und Adorno betrachteten Antisemitismus als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaft, Warentausch und psychischer Projektion. Nach Auschwitz müsse Denken und Handeln so eingerichtet werden, „dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Studien zum autoritären Charakter untersuchten den „Resonanzboden“ antisemitischer Ideologie: Unterwürfigkeit, Aggressivität, Projektion und Manipulationsneigung. Die empirische Überprüfbarkeit dieser Thesen und Methoden ist umstritten.
Gruppen, Krisen und kulturelle Muster
Gruppensoziologische Ansätze verstehen Antisemitismus als Ausgrenzung: Eine Mehrheit stärkt ihre Identität und innere Geschlossenheit, indem sie Juden als „outgroup“ konstruiert. Forschung betont inzwischen, dass moderner Antisemitismus meist nicht auf realen Konflikten beruht, sondern auf einem chimärischen, also erfundenen Bild des „Fremden“. Klaus Holz hebt hervor, dass Juden im nationalen Antisemitismus als angeblich internationalistische und nicht klassifizierbare Gruppe erscheinen und damit als Negation des nationalen Prinzips gelten.
Die Krisentheorie verbindet das Anwachsen modernen Antisemitismus mit Industrialisierung, verzögerter jüdischer Emanzipation, dem Scheitern der Märzrevolution 1848, dem Gründerkrach von 1873, dem Niedergang des Liberalismus und Nationalismus. Hans Rosenberg stellte für die Zeit seit 1873 fest: „Seit 1873 stieg der Antisemitismus, wenn der Aktienkurs fiel.“ Nicht tatsächliche, sondern wahrgenommene Konflikte und die Suche nach Sündenböcken seien entscheidend gewesen. Andere Forscher betonen stärker, Antisemitismus sei eine antimoderne Protestideologie aus dem Bürgertum und nicht einfach eine staatliche Ablenkungsstrategie.
Kulturgeschichtliche Studien untersuchen Bilder, Motive und Sprache. Religiöse Vorstellungen wie Gottesmord- und Ritualmordvorwurf, Ahasver-Legende oder das Bild des „Wucherjuden“ wirkten weiter und wurden im Rassenantisemitismus umgedeutet. Shulamit Volkov bezeichnete Antisemitismus vor 1918 als „kulturellen Code“ einer nationalistischen und antiliberalen Gegenkultur. Zugleich wird davor gewarnt, gleiche Motive in verschiedenen Zeiten automatisch als direkte geistige Kontinuität zu behandeln; sie können in neuen historischen Kontexten andere Funktionen erhalten.
Gegenwärtige Formen und Kontroversen
Struktureller Antisemitismus bezeichnet Ideologien, die Juden nicht ausdrücklich nennen, aber klassische antisemitische Denkstrukturen übernehmen. Dazu zählt etwa die Gegenüberstellung von „Produktivkapital“ und personifiziertem „Finanzkapital“, für das bestimmte Gruppen verantwortlich gemacht werden. Solche Deutungen ähneln der nationalsozialistischen Gegenüberstellung „schaffender“ Deutscher und „raffender“ Juden. Der Begriff ist umstritten: Erfordert werden genaue Analysen von Zeit, Ort und Kontext. Michael Butter unterscheidet fast immer antisemitische Codes, kontextabhängige Begriffe wie „Globalisten“ und Begriffe wie „Freimaurer“ oder „Illuminaten“, die nur ausnahmsweise antisemitisch gemeint oder verstanden werden.
Sekundärer oder Post-Holocaust-Antisemitismus entstand nach dem Holocaust besonders in Deutschland und Österreich. Er verarbeitet Scham und Schuldabwehr, ohne Judenfeindlichkeit offen auszusprechen. Typisch sind Täter-Opfer-Umkehr, Holocaustrelativierung oder die Unterstellung, Juden nutzten ihre Opferrolle für Vorteile. Er wird als Antisemitismus „nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“ bezeichnet. Umstritten ist der Name: Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz bevorzugen „Post-Holocaust-“ oder „Post-Shoah-Antisemitismus“, weil „sekundär“ fälschlich nach weniger bedeutsam klinge.
Israelbezogener Antisemitismus überträgt antisemitische Stereotype auf Israel oder macht alle Juden für israelische Politik verantwortlich. Natan Sharanskys 3D-Modell nennt Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung, etwa NS-Vergleiche oder die Bestreitung des Existenzrechts Israels. Das Modell wird kritisiert, weil die Abgrenzung zu Kritik an konkreter Regierungspolitik nicht immer gelinge. Auch das Konzept selbst wird teils als Mittel zur Abwehr von Israelkritik kritisiert; andere fordern, bei jeder Äußerung Absicht, verwendete Stereotype und die Kollektivierung von „den Juden“ zu prüfen.
Zum Zusammenhang von Antisemitismus und Verschwörungstheorien gibt es unterschiedliche Positionen. Samuel Salzborn sieht beide strukturell eng verbunden. Michael Butter widerspricht einer vollständigen Gleichsetzung: Verschwörungstheorien gab es schon vor Antijudaismus und auch ohne antisemitische Untertöne. Zeitgenössischer Antisemitismus weise jedoch meist verschwörungstheoretische Züge auf.
Erfassung durch Meinungsumfragen
Seit dem 19. Jahrhundert werden antisemitische Einstellungen durch Umfragen untersucht; repräsentative Studien in Deutschland begannen 1946 durch US-Besatzungsbehörden. Regelmäßige Befragungen zeigten insgesamt einen Rückgang, schätzten judenfeindliche Einstellungen 2004 aber noch auf etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie traten bei älteren Menschen häufiger auf. Der 1990 festgestellte Unterschied zwischen Westdeutschen mit 15 Prozent und Ostdeutschen mit vier bis sechs Prozent war bis 2006 eingeebnet.
Andere Untersuchungen kamen je nach Fragen und Definitionen zu abweichenden Werten: in Ostdeutschland von sieben Prozent 1994 bis 12 Prozent 2006, in den alten Bundesländern von 17 Prozent 1994 bis 31 Prozent 2006. Frauen stimmten antisemitischen Aussagen seltener, Arbeitslose häufiger zu. Europaweite Untersuchungen betonen, dass Antisemitismus international vorkommt und nicht von der Größe der jüdischen Bevölkerung abhängt.
Die Aussagekraft von Umfragen bleibt begrenzt. Umstritten sind Repräsentativität, möglicherweise suggestive Fragen, Auswertung und besonders die Definition von latentem Antisemitismus. Deshalb gelten empirische Studien allein nicht als ausreichend und werden mit historischen, psychologischen und soziologischen Methoden verbunden.