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Kirchengeschichte
Die Kirchengeschichte ist eine Teildisziplin der Theologie und der Geschichtswissenschaft. Sie befasst sich sowohl mit der Dogmengeschichte bzw. der …
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Gegenstand und Epochen
Kirchengeschichte ist eine Teildisziplin der Theologie und der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht die Entwicklung christlicher Lehren und Theologien sowie die sozialen, politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und institutionellen Veränderungen der Kirchen. Ihre Methoden und Epochengrenzen entsprechen weitgehend denen der allgemeinen Geschichtswissenschaft. Frühere konfessionell-parteiliche Sichtweisen sind heute weniger bedeutend; daneben bestehen ökumenische Forschungsprojekte. Institutionell gehört das Fach meist zu theologischen Fakultäten. Im deutschsprachigen Raum wird die Geschichte der orthodoxen Kirchen seit dem Großen Schisma von 1054 häufig getrennt als Ostkirchengeschichte behandelt.
Üblich ist eine Einteilung in vier Epochen: Alte Kirche von den Osterereignissen bis ungefähr zum Untergang des Weströmischen Reiches; Mittelalter bis zur Reformationszeit; Reformation einschließlich Gegenreformation bis zum Dreißigjährigen Krieg beziehungsweise zum Beginn der Aufklärung; Neuzeit von der Aufklärung bis heute. Für die Ostkirchen gelten wegen ihrer eigenständigen Entwicklung andere Gliederungen.
Das Christentum entstand im 1. Jahrhundert aus dem Glauben einer jüdischen Minderheit an die Gottessohnschaft Jesu von Nazaret. Paulus von Tarsus, der Evangelist Johannes und andere Urchristen beschrieben diesen Glauben auch mit Begriffen der antiken Philosophie. Trotz Verfolgungen verbreitete sich die Religion im Römischen Reich. Nach etwa 300 Jahren waren ungefähr 10 bis 15 Prozent seiner Bevölkerung Christen; wichtige Zentren lagen in Kleinasien, Syrien und Nordafrika. Die Bildung hierarchisch organisierter Kirchen und Auseinandersetzungen über verbindliche Glaubenslehren führten wiederholt zu Trennungen und neuen Konfessionen.
Alte Kirche
Als Urchristentum oder apostolisches Zeitalter gelten ungefähr die Jahre 30 bis 130 n. Chr. Gemeinden bestanden unter anderem in Jerusalem, Ephesos und Alexandria. Griechischsprachige Christen verbreiteten den Glauben über Samaria und Antiochia nach Zypern, Kleinasien, Nordafrika, Griechenland und Rom. Briefe und reisende Missionare verbanden die Gemeinden. Im 1. Jahrhundert löste sich das Christentum schrittweise vom Judentum; einen deutlichen Einschnitt bildete die römische Eroberung Jerusalems im Jahr 70. Das Apostelkonzil behandelte die Frage, inwieweit nichtjüdische Christen an das jüdische Gesetz gebunden seien. Gleichzeitig entstanden die Schriften des Neuen Testaments und wurden neben dem Alten Testament liturgisch verwendet.
In der Zeit der Apostolischen Väter, früher Kirchenlehrer mit direktem oder starkem apostolischem Einfluss, entwickelte sich die Bischofskirche. Zunächst leitete ein Bischof jeweils eine örtliche Gemeinde. Der römische Staat erkannte Christen zunehmend als eigenständige nichtjüdische Gruppe. Unter Nero, Domitian (81–96) und Trajan (98–117) sowie bei späteren lokalen Verfolgungen starben zahlreiche Christen. Nach Trajans Regelung wurde nicht systematisch nach ihnen gesucht; Angezeigte mussten jedoch dem Kaiser opfern oder wurden hingerichtet. Reichsweite Verfolgungen unter Decius (249–253), Valerian (253–260) und besonders Diokletian (303–311) sollten das Christentum zurückdrängen oder vernichten.
Apologeten wie Justin der Märtyrer, Origenes und Tertullian verteidigten den Glauben schriftlich. Gegen die Gnosis, die eine nur Eingeweihten zugängliche Geheimlehre vertrat, betonten Kirchenväter die Apostolische Sukzession, also die Weitergabe der apostolischen Lehre. Die Auseinandersetzungen mit Marcion, dem Montanismus und neuen religiösen Schriften förderten die Entstehung des neutestamentlichen Kanons und kurzer Taufbekenntnisse. Bedeutende Kirchenväter waren Irenäus von Lyon, Tertullian, Clemens von Alexandria, Origenes, Cyprian von Karthago und später Augustinus von Hippo. In der Bibelauslegung betonte die Antiochenische Schule den Wortsinn, die Alexandrinische Schule die allegorische Deutung.
Nach den Verfolgungen wurde umstritten, ob abgefallene oder schwer sündige Getaufte wieder aufgenommen werden sollten. Novatian und später die Donatisten verlangten eine strenge Exkommunikation; Cyprian und Augustinus vertraten eine Kirche, die sich Sündern zuwendet. Christologische Streitfragen betrafen das Verhältnis Jesu zu Gott dem Vater. Modalistische und dynamisch-monarchianische Lehren wurden von Synoden verworfen, doch die Auseinandersetzungen dauerten bis ins 6. Jahrhundert.
Reichskirche, Lehrstreit und frühe Spaltungen
Das Toleranzedikt von Nikomedia beendete 311 die Verfolgungen im Wesentlichen; die Mailänder Vereinbarung von Konstantin I. und Licinius sicherte 313 freie Religionsausübung. Konstantin erhob das Christentum jedoch nicht zur Staatsreligion. Erst die Gesetze Theodosius’ I. von 380 und 390/391 schrieben den christlichen Glauben vor und werden häufig als Erhebung zur Staatsreligion gedeutet. Faktisch wurde das Christentum unter Justinian I. Staatsreligion.
Im 4. Jahrhundert entstand eine deutlichere Hierarchie. Metropoliten, die Bischöfe wichtiger Provinzhauptstädte, erhielten eine Führungsrolle. Ökumenische Konzilien wie Nicäa 325 und Konstantinopel 381 sollten mit höchster Autorität über Lehre und Kirchenorganisation entscheiden. Zentral war die Trinitätslehre, also die Frage nach dem Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Der Arianismus erklärte Sohn und Geist nicht für wesensgleich mit dem Vater, sondern für wesensähnlich oder wesensverschieden und geschaffen. Damit war auch das christliche Verständnis des Monotheismus berührt.
Das Mönchtum reagierte auf die zunehmende Verweltlichung. Im Osten verbreiteten sich Einsiedlerleben und Wüstenklöster, besonders seit Antonius dem Großen und Pachomios. Im Westen entwickelte Benedikt von Nursia gemeinschaftliche Klöster mit Gehorsam gegenüber dem Abt, Eigentumsverzicht sowie einem Gleichgewicht von Arbeit und Gebet. Klosterschulen und Schreibstuben bewahrten antikes Wissen.
Das Konzil von Chalcedon 451 führte zu dauerhaften Trennungen. Die Assyrische Kirche des Ostens trennte sich im Umfeld des nestorianischen Streits, ohne tatsächlich den Nestorianismus zu vertreten. Sie war im persischen Reich und unter den Abbasiden bedeutend und missionierte entlang der Seidenstraße bis nach China. Miaphysitische Kirchen wie die Koptisch-orthodoxe und die Armenische Apostolische Kirche lehnten Chalcedon aus theologischen und politischen Gründen ab. Sie blieben in ihren jeweiligen Sprachen und Kulturen fest verwurzelt.
Mittelalter und Trennung von Ost und West
Zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert erlitt das Christentum schwere Rückschläge: Das Weströmische Reich zerfiel, der Islam eroberte frühchristliche Kerngebiete in Vorderasien und Nordafrika, und das Papsttum geriet im 9. und 10. Jahrhundert in eine Krise. Danach förderten Mönche und Klöster die Christianisierung West- und Mitteleuropas. Iro-schottische Missionare und der Einfluss Roms spielten um das 6. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Karl der Große unterwarf um 800 die Sachsen; Teile des Baltikums wurden vom 10. bis 13. Jahrhundert im Zuge der deutschen Ostsiedlung gewaltsam christianisiert. Von Konstantinopel aus wurden der Balkan und Russland missioniert. Nach ersten Missionen im 9. Jahrhundert kam es unter Wladimir I. (960–1015) zur Massenbekehrung von Kiew und Umgebung; 991 wurde Nowgorod getauft.
Ost- und Westkirche standen bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts trotz unterschiedlicher Traditionen grundsätzlich in Kirchengemeinschaft. Konflikte entstanden unter anderem über päpstliche Herrschaftsansprüche und das Filioque, eine Ergänzung des Glaubensbekenntnisses zur Herkunft des Heiligen Geistes. Nach weiteren Spannungen legte Kardinal Humbert von Silva Candida am 16. Juli 1054 eine Exkommunikationsbulle gegen Patriarch Kerullarios und weitere orthodoxe Geistliche in der Hagia Sophia nieder. Kerullarios und ein Konzil exkommunizierten darauf Humbert und seine Begleiter. Dieses Ereignis steht für das Morgenländische Schisma.
Von der Abtei Cluny ging seit dem frühen 10. Jahrhundert eine Reform aus. Sie forderte strenge Beachtung der Benediktsregel, vertiefte Frömmigkeit, eine Reform der Klosterwirtschaft und die Befreiung der Klöster von bischöflicher Kontrolle durch direkte Unterstellung unter den Papst. Im Investiturstreit stritten Papsttum und weltliche Herrscher um die Einsetzung von Geistlichen. Der Konflikt zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. eskalierte 1076; 1077 folgte Heinrichs Bußgang nach Canossa. Das Wormser Konkordat beendete den Streit 1122: Der Kaiser verzichtete auf die Investitur, durfte aber bei Bischofswahlen anwesend sein und sprechen.
Die Kreuzzüge waren religiös begründete Kriege vom Beginn 1095/99 bis ins 13. Jahrhundert. Im engeren Sinn waren es Feldzüge westlicher Christen gegen muslimische Staaten im Nahen Osten; später wurde der Begriff auf andere militärische Unternehmungen übertragen. Im Osten entwickelte sich außerdem der Hesychasmus, eine orthodoxe Gebetsspiritualität, die durch wiederholtes Jesusgebet Gelassenheit und inneren Frieden anstrebte.
Reformation und Konfessionsbildung
Martin Luther (1483–1546) wurde zum theologischen Urheber der Reformation. Er betonte Gottes Gnade, richtete seine Lehre an Jesus Christus als dem „fleischgewordenen Wort Gottes“ aus und wollte kirchliche Fehlentwicklungen überwinden. Predigten, Schriften und die Lutherbibel veränderten Kirche und Gesellschaft nachhaltig. Entgegen seiner Absicht entstanden eine Kirchenspaltung, evangelisch-lutherische Kirchen und weitere protestantische Konfessionen.
Huldrych Zwingli (1484–1531) akzeptierte in der Kirche nur, was ausdrücklich in der Bibel stand. Im Marburger Religionsgespräch von 1529 konnten Luther und Zwingli ihren Streit über das Abendmahl nicht lösen. Heinrich Bullinger und Johannes Calvin (1509–1564) begründeten mit dem Consensus Tigurinus die reformierte Tradition. Der Calvinismus beeinflusste auch Anglikaner, Baptisten und Methodisten. Die anglikanischen Kirchen verstehen ihre Reformation als Reform, nicht als Bruch mit der katholischen Kirche; ihre Strömungen reichen von der katholisch geprägten High Church bis zur protestantisch-calvinistisch geprägten Low Church.
Die Täufer verstanden Kirche als Gemeinde bewusst Glaubender, praktizierten die Gläubigentaufe, wählten Älteste und Diakone, vertraten die Trennung von Kirche und Staat und forderten allgemeine Religionsfreiheit. Viele verweigerten Eid und Kriegsdienst. Zu ihren fortbestehenden Gemeinschaften gehören Hutterer und Mennoniten. Katholische, lutherische und reformierte Obrigkeiten verfolgten Täufer und andere radikale Reformgruppen hart; Tausende friedliche Täufer wurden inhaftiert, gefoltert, verbrannt oder ertränkt. Daneben bestanden antitrinitarische und spiritualistische Strömungen. Thomas Müntzer verband kirchliche Reform mit revolutionären politischen und sozialen Forderungen, die Luther ablehnte.
Die katholische Gegenreformation war die Reaktion der römisch-katholischen Kirche auf den Protestantismus. Seit dem Konzil von Trient ab etwa 1545 verband sie innere Reformen mit dem Versuch, den politisch und institutionell gefestigten Protestantismus zurückzudrängen.
Im späten Mittelalter und besonders in der Frühen Neuzeit wurden Frauen und Männer als Hexen angeklagt. Denunziationen und unter Folter erzwungene Geständnisse bestimmten viele Verfahren; Verurteilte wurden meist verbrannt. Kirchliche und staatliche Stellen sowie Teile der Bevölkerung wirkten mit. Ältere Schätzungen von mehreren Millionen Opfern gelten als widerlegt; angenommen werden einige zehntausend Hinrichtungen, mit Schwerpunkten im Alpenraum und in Mitteleuropa.
Neuzeit und weltweite Entwicklung
Nach der Reformation konsolidierte die Lutherische Orthodoxie etwa von 1580 bis 1730 die lutherische Lehre in umfangreichen Dogmatiken. Pietismus und Aufklärung verdrängten sie vielerorts. Der Pietismus wurde zur wichtigsten protestantischen Frömmigkeits- und Reformbewegung nach der Reformation. Philipp Jacob Speners Pia desideria von 1675 forderte persönliche Frömmigkeit, Bekehrung, Wiedergeburt und neue Formen gemeinschaftlichen Lebens. Zum Pietismus zählt auch die in den 1720er Jahren von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf gegründete Herrnhuter Brüdergemeine.
Die Aufklärung schwächte im 17. und frühen 18. Jahrhundert die politische Stellung der Kirchen und förderte die Trennung von Kirche und Staat, Religionskritik und die Möglichkeit des Kirchenaustritts. Zugleich entstanden neue persönliche Glaubensformen. Die Neologie übte radikale Dogmen- und Bibelkritik; Johann Salomo Semler gilt als Begründer der historisch-kritischen Methode. Die römisch-katholische Kirche lehnte diese weitgehend bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ab, obwohl Pius XII. 1943 in Divino afflante Spiritu erstmals einige ihrer Methoden akzeptierte. Seit der Aufklärung entstanden zahlreiche Strömungen, darunter Liberale Theologie, katholischer Modernismus, dialektische Theologie, Befreiungstheologie, feministische und Schwarze Theologie, Evangelikalismus und Charismatische Theologie.
Für die römisch-katholische Kirche endete in Deutschland mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 die Zeit der geistlichen Fürstentümer. Das Erste Vatikanische Konzil formulierte 1870 das Unfehlbarkeitsdogma; dessen Ablehnung führte zur Abspaltung der Altkatholiken. Leo XIII. entwickelte angesichts der Industrialisierung eine katholische Soziallehre. Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 leitete Modernisierung und Öffnung gegenüber der Moderne ein.
Während der nationalsozialistischen Zeit gewannen die Deutschen Christen am 23. Juli 1933 mit NS-Unterstützung die evangelischen Kirchenwahlen. Gegen ihre Gleichschaltung und Lehren entstand die Bekennende Kirche, die am 31. Mai 1934 die Barmer Theologische Erklärung verabschiedete. Dennoch gründeten 1939 die meisten evangelischen Landeskirchenleitungen ein Institut zur Beseitigung des angeblichen jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben. Die katholischen Bischöfe hatten 1932 die NSDAP-Mitgliedschaft für unvereinbar mit dem christlichen Glauben erklärt, zogen dies 1933 jedoch zurück; am 20. Juli 1933 schloss die Römische Kurie das Reichskonkordat. Freikirchen waren klein, vielfach patriotisch eingestellt und sahen den Nationalsozialismus teilweise als Schutz gegen den Sowjetkommunismus; einzelne Prediger übten dennoch Kritik.
Seit dem 16. Jahrhundert verbreitete sich das Christentum durch katholische und später protestantische Mission sowie durch die russisch-orthodoxe Expansion weltweit. Um 1965 lebten Christen je zur Hälfte in westlichen und nichtwestlichen Ländern; danach wurden Christen in Asien, Afrika und Lateinamerika zur Mehrheit. Für 2017 nennt der Artikel 2,2 Milliarden Christen, von denen zwei Drittel in diesen drei Weltregionen lebten. Wachstum und Schrumpfung verlaufen regional gleichzeitig. Die ökumenische Bewegung strebt Zusammenarbeit und möglichst weltweite Einheit der Kirchen an; ihre wichtigste institutionelle Form ist der Ökumenische Rat der Kirchen.