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Zionismus

Theodor Herzl während des ersten Zionistenkongresses in Basel im Jahr 1897 14. Mai 1948: David Ben-Gurion erklärt die Unabhängigkeit des Staates Israel unter …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte und Entstehung
  3. 3. Organisation und politische Richtungen bis 1914
  4. 4. Mandatszeit, NS-Zeit und Schoah
  5. 5. Staatsgründung und Entwicklung nach 1945
  6. 6. Gegenpositionen und Begriffsgebrauch

Grundidee und Bedeutung

Zionismus war eine ethnonationalistische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf Antisemitismus und Verfolgung in Europa entstand. Ihr Ziel war die Gründung eines Staates oder einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte, in der Juden sicher leben können. Die Bewegung war nie einheitlich: Einige Richtungen setzten auf Koexistenz mit der arabischen Bevölkerung in Palästina, andere auf einen jüdisch geprägten Nationalstaat und teils expansionistische Ziele.

Der Begriff bezieht sich auf Zion, den Tempelberg in Jerusalem, der in jüdischer Tradition für das Heiligtum, Jerusalem und das Land Israel steht. Nach der Zerstörung des ersten Tempels 586 v. Chr. und dem Babylonischen Exil wurde Zion zum Symbol der Hoffnung auf Rückkehr, Wiederaufbau und Erneuerung des jüdischen Gemeinwesens. Auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels 70 n. Chr., dem Bar-Kochba-Aufstand 135 n. Chr. und der jüdischen Diaspora blieb die Bindung an Jerusalem religiös und kulturell erhalten.

Mit der Gründung Israels 1948 veränderte sich die Bedeutung des Begriffs. Heute kann Zionismus Unterstützung für den Staat Israel, aktive Einwanderung nach Israel oder eine kulturelle Identität bedeuten. Seine Bewertung hängt stark von der Sprecherposition ab: Manche sehen ihn als nationale Befreiungsbewegung, andere kritisieren seine Folgen für die arabischstämmige Bevölkerung der Region.

Vorgeschichte und Entstehung

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit lebten Juden meist als Minderheiten in der Diaspora. In christlichen Ländern verschlechterte sich ihre Lage häufig; zugleich blieb die religiöse Sehnsucht nach Zion bestehen. Nach der Vertreibung aus Spanien 1492 und Portugal nahm das Osmanische Reich viele Juden auf, einige siedelten sich in Palästina an. In Safed entstand ein wichtiges jüdisches Zentrum. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es wiederholt messianisch geprägte Auswanderungsbewegungen, doch um 1800 lebten nur etwa 5000 Juden in Palästina.

Im 19. Jahrhundert verstärkten europäischer Nationalismus, Kolonialpolitik und Antisemitismus die Suche nach jüdischen Zufluchts- und Siedlungsprojekten. Einzelne Förderer wie Mordechai Immanuel Noah, Moses Montefiore und Adolphe Crémieux entwickelten unterschiedliche Pläne. Montefiore gründete 1857 Mischkenot Schaʾananim, die erste neue jüdische Siedlung außerhalb der Jerusalemer Altstadt.

Viele europäische Juden lehnten den Zionismus zunächst ab. Orthodoxe Gruppen sahen einen jüdischen Staat vor der messianischen Erlösung teils als Verstoß gegen die Tora; liberale Juden wollten als Bürger ihrer jeweiligen Staaten anerkannt werden. Zugleich bereiteten religiöse Autoren wie Judah Alkalai und Zwi Hirsch Kalischer sowie der Frühsozialist Moses Hess ein neues Denken vor: Juden sollten sich als Nation organisieren und ihre politische Selbstständigkeit anstreben. Der moderne politische Zionismus entstand besonders unter dem Eindruck des Antisemitismus, der Pogrome in Russland seit 1881 und der Enttäuschung über die Grenzen der jüdischen Emanzipation.

Organisation und politische Richtungen bis 1914

Als Beginn der zionistischen Bewegung gilt oft Chibbat Zion, die ab 1880 entstandene osteuropäische Sammlungsbewegung. Ihre Vereine, die Chovevei Zion, sammelten Auswanderungswillige für Siedlungsprojekte in Palästina. 1882 erreichte die Studentengruppe Bilu Palästina und baute Rischon LeZion auf; weitere Siedlungen wie Gedera, Rosch Pinnah und Sichron Jaʿaqov folgten. Die Erste Alija von 1882 bis 1903 brachte bis 1904 etwa 24.000 meist osteuropäische Juden nach Palästina.

Leo Pinsker forderte 1882 in Autoemanzipation, Juden müssten sich selbst als Nation befreien und eine eigene Heimat schaffen. Nathan Birnbaum prägte 1890 den Begriff Zionismus. Theodor Herzl wurde während der Dreyfus-Affäre zum zentralen Organisator des politischen Zionismus. In Der Judenstaat von 1896 entwarf er eine souveräne staatliche Lösung der „Judenfrage“. Am 29. August 1897 trat in Basel der erste Zionistenkongress zusammen. Die Zionistische Weltorganisation beschloss das Ziel einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“.

Der Zionismus spaltete sich in mehrere Richtungen. Der sozialistische Zionismus, geprägt etwa durch Poʿalei Zion und Ber Borochov, verband nationale Ziele mit Arbeiterbewegung, Kibbuz-Idee und egalitären Vorstellungen. Der Kulturzionismus Achad Haʿams stellte die Erneuerung jüdischer Kultur und die Wiederbelebung des Hebräischen in den Mittelpunkt. Der religiöse Zionismus verband nationale Ziele mit jüdischer Religion. Der revisionistische Zionismus Wladimir Seʾev Jabotinskys war bürgerlich, antisozialistisch und nationalistisch. Die Zweite Alija von 1904 bis 1914 brachte etwa 40.000 meist junge russische Juden nach Palästina; 1909 entstanden Tel Aviv und der erste Kibbuz Degania.

Mandatszeit, NS-Zeit und Schoah

Im Ersten Weltkrieg gewann die zionistische Bewegung britische Unterstützung. In der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 erklärte die britische Regierung, sie betrachte die Schaffung einer „nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk“ mit Wohlwollen. Zugleich sollten die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina nicht verletzt werden. 1920 übertrug der Völkerbund Großbritannien das Mandat für Palästina. Die britische Politik blieb widersprüchlich: Sie erlaubte jüdische Einwanderung, begrenzte sie aber wiederholt wegen arabischer Proteste und Gewalt.

Der Nahostkonflikt verschärfte sich, weil arabische Gruppen die jüdische Besiedlung als Teil britischer imperialer Politik und als Bedrohung eigener nationaler Ziele betrachteten. 1920 und 1921 kam es zu Angriffen auf Juden in Jerusalem und Jaffa. 1923 wurde das Mandatsgebiet geteilt; aus dem größeren Teil entstand Transjordanien. 1936 begann ein arabischer Aufstand gegen die palästinensischen Juden. Die Peel-Kommission schlug 1937 eine Teilung vor, die arabische Vertreter ablehnten. Das britische Weißbuch von 1939 begrenzte die jüdische Einwanderung auf maximal 75.000 Menschen in fünf Jahren.

Nach der Machtübernahme der NSDAP am 30. Januar 1933 begann die staatliche Judenverfolgung in Deutschland. Das Haʿavara-Abkommen vom 25. August 1933 sollte jüdische Auswanderung nach Palästina erleichtern. Von 1933 bis 1941 erreichten etwa 55.000 Juden aus dem Deutschen Reich Palästina. Mit der Schoah, dem Holocaust, begann ab 1941 die systematische Ermordung der europäischen Juden. Am 23. Oktober 1941 verbot Heinrich Himmler die Auswanderung aus deutsch besetzten Gebieten; am 20. Januar 1942 wurde auf der Wannsee-Konferenz die „Endlösung der Judenfrage“ koordiniert. Die WZO forderte 1942 auf der Biltmore-Konferenz die Öffnung Palästinas und ein jüdisches Commonwealth, doch Großbritannien lehnte dies ab.

Staatsgründung und Entwicklung nach 1945

Nach Kriegsende am 8. Mai 1945 wollten viele Überlebende der Schoah nach Palästina, doch Großbritannien erlaubte zunächst nur 1500 jüdische Einwanderer pro Monat. US-Präsident Harry S. Truman forderte die sofortige Aufnahme von 100.000 Juden. Zionistische Organisationen, die Hagana, die Jüdische Brigade und der Mossad organisierten die illegale Einwanderung von Überlebenden, die Bericha. Innerhalb der zionistischen Bewegung gab es Streit zwischen Befürwortern eines jüdischen Staates, Vertretern eines binationalen Staates und Gruppen, die offenen Widerstand gegen die britische Mandatsmacht forderten.

Am 29. November 1947 stimmten die Vereinten Nationen dem UN-Teilungsplan für Palästina zu, der einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah. Danach begann der Palästinakrieg und die Nakba. Am 14. Mai 1948 verlas David Ben Gurion in Tel Aviv die israelische Unabhängigkeitserklärung. Die USA erkannten Israel am selben Tag an, die Sowjetunion am 17. Mai. Nach Ende des britischen Mandats am 15. Mai griffen Armeen Transjordaniens, des Irak, des Libanon, Ägyptens und Syriens Israel an. Israel gewann den Krieg; israelische Kräfte vertrieben mehr als 700.000 Palästinenser. Zugleich begann die legale Masseneinwanderung von Juden nach Israel, darunter viele aus Europa und aus arabischen Staaten.

1950 beschloss die Knesset das Rückkehrgesetz, das allen nach dem Gesetz als jüdisch definierten Personen das Recht gibt, sich in Israel niederzulassen und sofort israelische Staatsbürger zu werden. 1951 ersetzte der 23. Zionistenkongress das Basler Programm durch das Jerusalem Programm. Es nannte als Ziele die Stärkung Israels, die Einsammlung der Zerstreuten in Eretz Israel und die Einheit des jüdischen Volkes. Nach dem Sechstagekrieg 1967 entstand ein religiös-national geprägter Neo-Zionismus, besonders in der Siedlerbewegung, der die Annexion des Westjordanlands befürwortet und teils die Vertreibung dort und in Gaza lebender Palästinenser unterstützt.

Gegenpositionen und Begriffsgebrauch

Antizionismus ist eine Gegenposition, die Zionismus und den Staat Israel ablehnt oder bekämpft. Viele Antizionisten betonen den Unterschied zum Antisemitismus; Kritiker heben Gemeinsamkeiten beider Ideologien hervor. Besonders viele Palästinenser und arabische Staaten werfen der zionistischen Bewegung die Vertreibung von Palästinensern vor und bezeichnen Zionismus als fortbestehende Form des Kolonialismus. Dieser Streit bildet einen wichtigen ideologischen Hintergrund des Nahostkonflikts.

1975 bezeichnete die UN-Generalversammlung in Resolution 3379 Zionismus als eine Form des Rassismus. Diese Resolution wurde am 16. Dezember 1991 durch Resolution 4686 mit 111 zu 25 Stimmen bei 13 Enthaltungen zurückgenommen. 1998 nannte UN-Generalsekretär Kofi Annan die Resolution 3379 einen Tiefpunkt in der Geschichte der Vereinten Nationen. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz erklärte 2005, dass sich in der Behauptung, Israel sei „ein rassistisches Vorhaben“, Antisemitismus manifestieren könne.

Der Begriff Zionismus wird laut Claudio Vercelli in Medien und Internet oft unsachgemäß, reduzierend und delegitimierend verwendet. Antisemiten nutzen „Zionist“ teilweise als Codewort für „Jude“, um Judenfeindlichkeit zu verschleiern. Dazu gehören Verschwörungsvorstellungen wie „Zionist Occupied Government“ oder Begriffe wie „Zionazi“, die Zionismus mit Nationalsozialismus gleichsetzen. Gerichte in Deutschland prüften und bestätigten in mehreren Fällen, dass „Zionisten“ in bestimmten Parolen als Codewort für Juden verstanden werden kann.

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