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Michael Wolffsohn
Michael Wolffsohn (* 17. Mai 1947 in Tel Aviv, Britisches Mandatsgebiet Palästina) ist ein deutscher Historiker und Publizist. Er lehrte von 1981 bis 2012 …
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Person und akademischer Werdegang
Michael Wolffsohn (* 17. Mai 1947 in Tel Aviv im Britischen Mandatsgebiet Palästina) ist ein deutscher Historiker und Publizist. Von 1981 bis 2012 lehrte er als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München; 1991 gründete er dort die Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte.
Seine Eltern waren 1939 als jüdische Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina gekommen. Wolffsohn besuchte zunächst in Israel die Schule, zog 1954 mit seinen Eltern nach West-Berlin und studierte ab 1966 Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin, der Universität Tel Aviv und der Columbia University in New York City. Von 1967 bis 1970 leistete er Wehrdienst in der israelischen Armee und wurde nach dem Sechstagekrieg auch in den Palästinensischen Gebieten eingesetzt. 1975 promovierte er an der FU Berlin; 1980 habilitierte er sich an der Universität des Saarlandes in Politikwissenschaft und Zeitgeschichte.
Seine Forschung befasst sich mit Internationalen Beziehungen, israelischer sowie deutsch-jüdischer Geschichte und historischer Demoskopie. Damit sind Umfragen beziehungsweise die Ermittlung öffentlicher Meinungen in einer Zeit vor modernen Meinungsumfragen gemeint. Neben seiner Hochschullehre veröffentlichte er zahlreiche Bücher, schrieb für Zeitungen und trat in Fernsehdiskussionen auf.
Gartenstadt Atlantic und Bildungsarbeit
Im Jahr 2000 erbte Wolffsohn die Gartenstadt Atlantic in Berlin-Gesundbrunnen, eine denkmalgeschützte Wohnanlage, die sein Großvater Karl Wolffsohn 1937 erworben hatte. Von 2001 bis 2005 wurde sie als Familienprojekt umfassend saniert. Zeitgleich gründeten Michael Wolffsohn und seine Mutter die Lichtburg-Stiftung, benannt nach einem Kino seines Großvaters.
Wolffsohn ist Vorsitzender ihres Vorstands. Die gemeinnützige Stiftung organisiert in der Gartenstadt Atlantic Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekte in acht Lernwerkstätten für Kinder, Jugendliche und Senioren. Die Anlage wird als deutsch-jüdisch-islamisch-interkulturelles Projekt beschrieben. Zudem ist Wolffsohn als Vorstand der Gartenstadt Atlantic AG Mitglied im Beirat Ost der Deutschen Bank.
Politisches Selbstverständnis und Sicherheit
Wolffsohn bezeichnet sich als „kosmopolitischen deutsch-jüdischen Patrioten“ und ordnet sich der Tradition der jüdischen Emanzipation zu. Er vertritt die Auffassung, dass die NS-Verbrechen die dauerhafte Integration von Jüdinnen und Juden in die deutsche Nachkriegsgesellschaft nicht belasten müssten und dass Juden seiner Generation auf Deutschland stolz sein könnten. Zugleich wirbt er um Verständnis für die israelische Position und stand der Friedenspolitik Jitzhak Rabins nahe.
Er wird häufig als konservativ eingeordnet und löste unter anderem mit Positionen zur Terrorbekämpfung der USA, zum israelisch-palästinensischen Konflikt und zur inneren Sicherheit Kritik aus. Er hält Integrationsdefizite in westeuropäischen Gesellschaften für ein zentrales Problem bei der Abwehr terroristischer Gefahren. Den deutschen Staat kritisiert er als zu wenig fähig, Bürger vor inneren und äußeren Gefahren zu schützen; nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine beanstandete er zudem die Arbeit deutscher Sicherheitsbehörden.
In der Debatte über eine mögliche Rückkehr des Eisernen Kreuzes als Bundeswehrorden verwies er 2008 darauf, dass dessen Ursprung in den Freiheitskriegen gegen Napoleon liege, nicht in der NS-Zeit. Er sprach sich dabei nicht ausdrücklich für eine Wiedereinführung aus. 2009 und erneut 2011 warnte er vor einer von ihm so bezeichneten „Ossifizierung“ der Bundeswehr und einer drohenden „Unterschichtenarmee“; dies führte zu öffentlicher Kritik. 2014 forderte er die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht.
Weitere Kontroversen entstanden durch seine Kritik an Franz Münteferings Vergleich von Private-Equity- und Hedge-Fonds mit „Heuschrecken“ im Jahr 2005. Wolffsohn verband den Vergleich mit nationalsozialistischer entmenschlichender Sprache. Paul Spiegel vom Zentralrat der Juden nannte Vergleiche von Menschen mit Tieren grundsätzlich unglücklich, hielt einen NS-Vergleich mit Müntefering und der SPD aber für absurd. In der Folterdebatte 2004 erklärte Wolffsohn Folter oder ihre Androhung zur Terrorabwehr für legitim. Später unterschied er ausdrücklich zwischen „legitim“ und „legal“: Etwas könne für einen Staat vertretbar erscheinen, ohne nach geltendem Recht erlaubt zu sein.
Nach der Abschiebung des früheren KZ-Aufsehers Jakiw Palij aus den USA nach Deutschland 2018 sprach Wolffsohn sich gegen ein Gerichtsverfahren aus. Stattdessen verlangte er die Veröffentlichung von Palijs Taten und schlug als Strafe eine Armbinde mit der Aufschrift „Ich war KZ-Wächter“ vor.
Nahostkonflikt, Föderalismus und Antisemitismus
Zum Nahostkonflikt vertritt Wolffsohn früh die These, Jordanien müsse und werde Teil eines zu schaffenden palästinensischen Staates sein, weil die Bevölkerung Jordaniens mehrheitlich aus Palästinensern bestehe und sein Gebiet zumindest zeitweise zum Mandatsgebiet Palästina gehörte. 2011 schlug er eine Bundesrepublik Jordanien-Palästina vor. In seinem Buch Zum Weltfrieden (2015) entwickelte er die Vorstellung einer föderalen Lösung weiter.
Föderalisierung bedeutet bei ihm, politische Gemeinschaften mit Selbstbestimmung zu verbinden. Bestehen räumlich zuordenbare Gemeinschaften innerhalb eines Staates, sollen sie Bundesländer innerhalb einer Bundesrepublik bilden; Minderheitenschutz müsse dabei garantiert sein. Auch eine Föderation von Bundesländern verschiedener Staaten sei denkbar, ohne selbst ein Staat zu sein. Wenn Gruppen nicht räumlich abgegrenzt werden können, soll ihre Selbstbestimmung personal gelten, also ihren Mitgliedern unabhängig von deren Wohnort. Wolffsohn hält solche föderalen Strukturen auch für mögliche Wege zur Befriedung von Konflikten im Nahen Osten, auf dem Balkan, in Nordafrika und in der Ost-Ukraine.
Im Krieg in Israel und Gaza empfahl er am 15. Oktober 2023 in der Sendung Anne Will den Einsatz von Hunger als Waffe als „elegante“ Alternative zu einer Bodenoffensive. Der Artikel bezeichnet dies als Kriegsverbrechen und verweist darauf, dass öffentliches Billigen von Kriegsverbrechen in Deutschland seit Oktober 2022 strafbar sei. Er erwähnt außerdem Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Joaw Galant im November 2024, unter anderem wegen des Einsatzes von Hunger als Kriegswaffe, sowie Angaben für August 2026: 1,4 Millionen Palästinenser seien von akuter Nahrungsmittelknappheit betroffen, mindestens 227 Menschen an Nahrungsmangel gestorben. Den im Oktober 2025 vereinbarten Waffenstillstand kritisierte Wolffsohn, weil er Hamas und Israel aus seiner Sicht völkerrechtlich auf eine Stufe stelle, Hamas legitimiere und ihre Herrschaft festigen könne.
Den zunehmenden Antisemitismus in Europa und Deutschland führt Wolffsohn maßgeblich auf Einwanderung aus muslimischen Ländern zurück. Er sieht drei Quellen von Judenfeindschaft: rechten, linken und muslimischen Extremismus. Nach seiner Auffassung ordne die Polizeiliche Kriminalstatistik antisemitische Straftaten den Tätergruppen nicht richtig zu und verharmlose muslimischen Antisemitismus aus integrationspolitischen Gründen. Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für Juden im Usus antiquior durch Benedikt XVI. nannte er 2008 den größten theologischen Rückschritt der katholischen Kirche in Bezug auf das Judentum seit 1945. In der Diskussion über religiöse Beschneidung von Jungen erklärte er 2012: „Nicht von der Vorhaut hängt das Judentum ab“, da die biblische Erzählung über Beschneidung seiner Ansicht nach nicht eindeutig und ungebrochen sei.
Spätere Debatten und Anerkennung
In seinem 2026 erschienenen Buch Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus verteidigte Wolffsohn Herbert von Karajan gegen den Vorwurf, Nationalsozialist gewesen zu sein. Der Musikhistoriker Friedrich Geiger kritisierte die Argumentation im Spiegel als „hanebüchen“ und warf Wolffsohn einen selektiven Umgang mit Fachliteratur und Belegen zu Karajans Antisemitismus vor. Der Historiker Oliver Rathkolb bewertete die Thesen als einseitigen Entnazifizierungsversuch und als Verunglimpfung bisheriger Forschung.
Wolffsohn erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz (1988), den Deutschen Schulbuchpreis (1993), die Auszeichnung Hochschullehrer des Jahres (2016), den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis (2018), den Verdienstorden des Landes Berlin (2023) und den Arik-Brauer-Publizistikpreis (2024). Seine Veröffentlichungen behandeln vor allem deutsche und jüdische Geschichte, Israel, den Nahostkonflikt, Antisemitismus, Sicherheitspolitik und politische Kontroversen.