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Prophetie im Tanach

Prophetie (zu hebräisch נְבוּאָה nevu'a) ist im Tanach, der hebräischen Bibel, ein wesentlicher Bestandteil der Offenbarung JHWHs (dessen vokalisierte …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wesen und Aufbau der Prophetie
  2. 2. Entstehung, Quellen und zeitliche Einordnung
  3. 3. Prophetische Typen und Bezeichnungen
  4. 4. Berufung und Unterscheidung wahrer Prophetie
  5. 5. Wichtige vorexilische Propheten
  6. 6. Schriftpropheten, Prophetentod und Entwicklung

Wesen und Aufbau der Prophetie

Prophetie ist im Tanach, der hebräischen Bibel, ein wesentlicher Bestandteil der Offenbarung JHWHs. Die vokalisierte Aussprache dieses Gottesnamens ist heute nicht zu 100 % gesichert. Die Propheten, hebräisch Nevi’im, bilden den zweiten Hauptteil des Tanach nach der Tora.

Prophetische Botschaften enthalten nur zum geringeren Teil Zukunftsverheißungen. Im Mittelpunkt stehen Kritik an Gegenwart und Vergangenheit der Angesprochenen sowie die aktive Auseinandersetzung mit ihren politischen, sozialen und religiösen Zuständen. Weil diese Botschaften bleibende Aktualität beanspruchen, wurden sie gesammelt, schriftlich überliefert und immer wieder auf neue Zeiten bezogen.

Die masoretische Textausgabe unterscheidet zwischen den „vorderen Propheten“ und den „hinteren Propheten“. Die vorderen Propheten umfassen Josua, Richter, Samuel und Könige. Sie erzählen die Geschichte Israels von der Einnahme Kanaans bis zum babylonischen Exil und deuten politische, militärische und soziale Ereignisse aus göttlicher Perspektive. Samuel und Könige gelten im hebräischen Tanach jeweils als ein Buch, obwohl Könige in 1. und 2. Könige geteilt wird.

Die hinteren Propheten umfassen Jesaja, Jeremia, Ezechiel und die zwölf kleinen Propheten: Hosea, Joel, Amos, Abdias, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephania, Haggai, Sacharja und Maleachi. Diese Einteilung wurde von den Masoreten im Zeitraum von 780 n. Chr. bis 930 n. Chr. gestaltet. Die Septuaginta, die ab 250 v. Chr. entstand, folgt ihr nicht vollständig und kennt keine genaue Entsprechung dieser Unterscheidung.

Entstehung, Quellen und zeitliche Einordnung

Israelitische Propheten traten seit Beginn der Königszeit um 1000 v. Chr. bis zum Abschluss des Tanach etwa 200 n. Chr. immer wieder auf. Insgesamt werden im Tanach 48 Propheten und 7 Prophetinnen im weiteren Sinn beschrieben. Auch einige Apokryphen erheben prophetische Ansprüche; außerdem wurden später Gestalten aus der Zeit vor der Staatsbildung als Propheten dargestellt.

Als mögliche Wurzeln der israelitischen Prophetie nennt der Artikel das nomadische Sehertum, das Ekstatikertum nach der Landnahme und das charismatische Richteramt der vorstaatlichen Zeit. Orakel und Mantik spielten dagegen kaum eine Rolle. Urim und Tummim, der Losentscheid bei einer Königswahl und Davids Befragung Gottes mit einem Ephod bestätigten nur Gottes bereits feststehende Wahl. Nach Dtn 18,10–14 waren Zeichendeutung und Wahrsagerei verboten.

Von den Propheten vor dem 8. Jahrhundert sind keine gesammelten Bücher erhalten. Ihre Aussagen, Erzählungen und Sagenkränze wurden zunächst mündlich überliefert und später in das Deuteronomistische Geschichtswerk eingebaut. Von den Schriftpropheten des 8. bis 6. Jahrhunderts gibt es dagegen Spruchsammlungen. In einem jahrhundertelangen Prozess wurden sie erweitert, umgestellt, ergänzt und miteinander verbunden; deshalb sind Eigenworte und spätere Redaktion vielfach kaum zu unterscheiden.

Inhaltlich unterscheidet man vor allem Gerichts- und Heilsprophetie. Gericht richtet sich gegen Israel oder gegen Fremdvölker; Sprüche gegen Fremdvölker bedeuteten meist Heil für Israel. Zeitlich unterscheidet man vorexilische, exilische und nachexilische Prophetie. Die Übersicht des Artikels nennt für vor-exilische und exilische Propheten jeweils das 6. Jh. v. Chr.; die Zeittafel ordnet die Entwicklung genauer von etwa 1200 v. Chr. bis 163 v. Chr. ein. Das Exil dauerte nach der Übersicht von 597 bis 539 v. Chr.

Prophetische Typen und Bezeichnungen

Ein Prophet ist im Tanach ein passiv von JHWH „Berufener“. Seine Botschaft entsteht nicht durch eigene Beobachtung und Analyse von Zeichen, sondern intuitiv durch Visionen, Träume und Hörerlebnisse, die ihn ohne eigenes Zutun überkommen. Die griechische Bezeichnung prophetes bedeutet „Fürsprecher“ oder „Sendbote“ und erhielt später auch den Nebensinn des Vorhersagers.

„Seher“ (ro’eh oder hozeh) und „Gottesmann“ sind weitere biblische Bezeichnungen. Seher empfingen Botschaften durch Visionen oder Träume. Samuel wurde früher Seher genannt; Amos wies die Bezeichnungen nabi und ben-nabi zurück, akzeptierte aber die Fremdbezeichnung hozeh. Bileam war ein nichtisraelitischer Seher, der nach Num 22–24 gegen seinen Willen zum Propheten JHWHs berufen wurde und Israel segnen musste. Gad war „Seher Davids“ und blieb als Hofprophet auch dem König gegenüber unabhängig.

Ekstatiker gerieten durch Musik, Tanz oder andere religiöse Praktiken in einen veränderten Bewusstseinszustand. Gruppen von Nevi’im werden in 1 Sam 10,5ff. und 1 Sam 19,18ff. beschrieben. Auch Baalsanhänger tanzten und verletzten sich selbst, empfingen aber keine göttlichen Wortbotschaften. Nach Num 11,24ff. legte Gott etwas von seinem Geist auf 70 Männer, sodass sie weissagten. Mose wünschte, dass das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde. Mit Mose redete Gott jedoch „von Angesicht zu Angesicht“, nicht nur durch Träume und Visionen.

„Gottesmänner“ verkünden in den Samuel- und Königsbüchern oft anonym Gottes Wort. Mose, Samuel und ein Gottesmann gegen Jerobeam gehören zu diesen Gestalten. Hofpropheten waren besoldete, häufig zugleich kultisch tätige oder priesterliche Berater des Königs. Oppositionelle Wortpropheten traten dagegen unabhängig und oft gegen Hof und Heiligtum auf. Prophetenschulen oder „Söhne der Propheten“ lebten im Umfeld von Elija und Elischa, lernten bei ihnen, trugen möglicherweise einen Prophetenmantel, halfen der Bevölkerung und wirkten als volkstümliche Heiler und Wundertäter. Aus solchen Schülerkreisen könnten Sammlungen und redaktionelle Zusätze der Prophetenbücher stammen. Frauen mit prophetischen Zügen waren Mirjam, Debora, Hulda und Jesajas Ehefrau; Noadja wird als Falschprophetin bezeichnet.

Berufung und Unterscheidung wahrer Prophetie

Einzelpropheten konnten ihr Amt weder erwerben noch erben. Es beruhte ausschließlich auf einer freien, unvorhersehbaren Berufung Gottes. Im Verlauf ihres Wirkens wurden sie jeweils vom Geist oder von der „Hand“ Gottes ergriffen. Berufungsgeschichten wie Ex 3, 1 Sam 3, Am 7, Jes 6 und Jer 1 zeigen ein wiederkehrendes Muster: Auf Gottes Anruf folgt die Distanzierung oder der Widerstand des Berufenen, danach Gottes Zusage „Ich will mit dir sein“.

Mose wehrte sich fünfmal gegen seinen Auftrag, Jeremia erklärte sich für zu jung, Jona floh aus Angst und Jesaja bekannte seine Unwürdigkeit, bevor er sagte: „Hier bin ich, sende mich“ (Jes 6,8). Die biblischen Autoren betonen damit, dass nicht besondere rhetorische Fähigkeiten, Amtsprivilegien oder menschliche Eigenmacht entscheidend sind, sondern Gottes Wille. Viele Prophetenbücher beginnen deshalb mit einer Botenformel wie: „Das Wort des Herrn geschah zu mir ... So spricht der Herr: ...“

Das Problem der falschen Prophetie entstand, weil mehrere Personen gleichzeitig beanspruchten, JHWHs Willen zu vertreten. Nach Dtn 13,2ff. können falsche Propheten sogar Zeichen und Wunder tun und zunächst zutreffende Vorhersagen geben. Entscheidend ist daher das erste Gebot: Wer einen anderen Gott verkündet, gilt als Lügner. Dtn 18,14ff. verspricht jeder Generation einen Propheten nach Art des Mose, der die bereits offenbarte Tora gültig aktualisiert; im Voraus lässt sich nicht erkennen, wer dies ist. Erst die Zukunft kann zeigen, ob ein Wort erfüllt wird: „Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat.“

Im Konflikt zwischen Jeremia und Hananja standen die Ankündigung einer baldigen Befreiung vom babylonischen Joch und Jeremias Gerichtsbotschaft einander gegenüber. Ezechiel kritisierte Lügenpropheten, die aus eigenem Antrieb handelten, falschen Shalom versprachen und die Menschen aus Gewinnstreben in Sicherheit wiegten. Nach biblischer Theologie kann letztlich nur JHWH selbst aufdecken, wer tatsächlich in seinem Namen gesprochen hat.

Wichtige vorexilische Propheten

Samuel steht am Übergang von der vorstaatlichen zur königlichen Zeit. Als Schüler Elis am Heiligtum Silo wurde er anstelle von Elis korrupten Söhnen erwählt. Er salbte Saul zum ersten König und deutete Gottes Tora für Israel. Zugleich warnte er vor den Folgen der Königsherrschaft: Aufrüstung, Landenteignung, Ernteabgaben, Sklaverei und einer sozialen Ordnung ähnlich der ägyptischen Knechtschaft. Politische Herrschaft sollte der Souveränität Gottes untergeordnet bleiben.

Der Hofprophet Natan legitimierte Davids ewige Thronfolge und dessen Plan eines Tempelbaus in Jerusalem. Aus dieser Verheißung entwickelte sich später die Messiaserwartung. Zugleich konfrontierte Natan David wegen des Mordes an Urija und des Ehebruchs mit Batseba. Damit zeigte sich, dass ein Prophet auch einen König an Gottes Recht binden und persönlich zur Verantwortung ziehen konnte.

Ahija von Schilo unterstützte die Teilung des davidischen Großreichs. Er gab Jerobeam I. zehn Teile seines zerrissenen Mantels und kündigte damit die Herrschaft über zehn Stämme im Nordreich Israel an, während Rehabeam das Südreich Juda erhielt. Später sagte Ahija Jerobeams Untergang voraus, weil dieser in Bet-El und Dan Stierbilder aufgestellt hatte. Die „Sünde Jerobeams“ wurde in der biblischen Geschichtsschreibung zur Ursache des Untergangs des Nordreichs.

Micha ben Jimla verkörperte den Gegensatz zwischen 400 Hof- und Heilspropheten, die König Ahab den Sieg versprachen, und einem unabhängigen Gerichtspropheten. Micha erklärte, JHWH habe den 400 einen Lügengeist eingegeben, weil er Ahabs Tod beschlossen habe. Ahab fiel dennoch in der Schlacht, obwohl er sich verkleidet hatte.

Elija bekämpfte im Nordreich die Verbindung von JHWH- und Baalskult. Auf dem Karmel wurde JHWHs Vorrang in einem Gottesurteil bestätigt. Elija kritisierte außerdem Ahabs Aneignung des Weinbergs des Bauern Nabot und kündigte der Dynastie wegen Mord und Landraub den Untergang an. In eigener Krankheit müsse der König Hilfe bei JHWH suchen, nicht bei einem Baal-Untergott. Am Horeb erlebte Elija JHWH nicht in gewaltigen Naturphänomenen, sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“. Die Erzählung macht deutlich, dass der Prophet trotz persönlicher Verzweiflung handeln soll, weil die Zukunft nicht von ihm allein abhängt.

Schriftpropheten, Prophetentod und Entwicklung

Die ersten Schriftpropheten traten etwa 750–700 v. Chr. auf, als Assyrien die Teilstaaten Israel und Juda bedrohte. Amos und Hosea wirkten im Nordreich Israel, Micha und Jesaja im Südreich Juda. Amos und Micha verkündeten fast ausschließlich den unvermeidlichen Untergang Israels; Hosea und Jesaja sahen nach dem Gericht einen völligen Neuanfang Gottes mit seinem Volk.

Alle setzten voraus, dass Israel als Gottesvolk eine gerechte Gesellschaftsordnung schaffen und bewahren müsse. Ihre Sozialkritik richtete sich besonders gegen die Enteignung ehemals freier Bauern durch Großgrundbesitzer, den Königshof und die Latifundienwirtschaft. Ihre Kultkritik betraf Opfer und Heiligtümer, die trotz sozialer Ungerechtigkeit fortbestanden. Amos kündigte die Zerstörung traditioneller Opferstätten an, Micha erstmals die Zerstörung des Tempels, und Jesaja erklärte sogar Gebete für sinnlos, wenn sie nicht mit gerechtem Handeln verbunden waren. Hosea wandte sich gegen die Vermischung JHWHs mit Baal und gegen die Vorstellung, Fruchtbarkeit könne durch sexuelle Riten erzwungen werden.

Die Zeittafel nennt als frühe Prophetinnen Mirjam und Debora für etwa 1200–1000 v. Chr. Für etwa 1000–750 v. Chr. werden Samuel, Gad, Natan, Ahija von Schilo, Micha ben Jimla, Elija und Elischa genannt. Amos, Hosea, Micha und Jesaja gehören etwa zu 750–700 v. Chr.; Zefanja, Jeremia, Nahum und Habakuk zu etwa 650–600 v. Chr.; Ezechiel und Deuterojesaja zum Exil von etwa 600–539 v. Chr.; Maleachi, Haggai und Sacharja zu etwa 520–470 v. Chr. Daniel wird für etwa 167–163 v. Chr. und die Apokalyptik genannt.

Propheten wurden nach dem Tanach mitunter von jüdischen Gegnern, Priestern und falschen Propheten verfolgt oder ermordet. Diese Tradition deutete das Exil als Folge der Weigerung Israels, auf Gottes Gesandte zu hören. Spätere jüdische Schriften, die Schriftrollen vom Toten Meer, das Neue Testament und der Koran griffen diese Vorstellung ebenfalls auf.

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