Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Tempelberg
Bis zum Ende des Osmanischen Reichs war der Tempelberg eine rein muslimische Stätte. · Soweit bekannt, war der Architekt · Erst ab 1885 wurde einigen hochrangigen …
Inhalt6 Abschnitte
Ort, Namen und Bedeutung
Der Tempelberg ist ein 743 m hoher Hügel im Südosten der Jerusalemer Altstadt oberhalb des Kidrontals. Sein Gipfel ist ein künstlich angelegtes Plateau von etwa 14 ha. Dort stand der Herodianische Tempel; seit dem 7. Jahrhundert befinden sich dort der Felsendom in der Mitte und die al-Aqsa-Moschee im Süden. Die Stätte zählt zu den weltweit umstrittensten heiligen Orten.
Die jüdische Bezeichnung lautet Har ha-Bajit, „Berg des Hauses [Gottes]“. Biblische Traditionen verbinden den Ort außerdem mit Zion und Morija. Die Gleichsetzung Morijas mit dem Tempelberg ist seit frühjüdischer Zeit verbreitet, doch ob Morija im Alten Testament ursprünglich ein Ortsname war, ist in der Forschung nicht nachweisbar.
Im islamischen Sprachgebrauch bezeichnet al-Masdschid al-Aqsa die gesamte Esplanade als „ferne Kultstätte“; das jordanisch-palästinensische Abkommen von 2013 definiert sie als 144 Dunam beziehungsweise 14,4 ha einschließlich Moscheen, Bauten, Mauern sowie zugehöriger Bereiche über und unter der Erde. Al-Haram asch-Scharif bedeutet „edles Heiligtum“. Weil die Namen unterschiedliche religiöse Ansprüche ausdrücken, verwendet die wissenschaftliche Literatur oft die Doppelbezeichnung „Tempelberg / al-Haram asch-Scharif“.
Religiöse Bedeutung
Im Judentum ist Jerusalem nach dem Deuteronomium der einzige legitime Kultort Israels. Nach der Chronik baute Salomo den Tempel auf dem Berg Morija, an einer von David bestimmten Stelle, der Tenne des Jebusiters Arauna. Zur Zeit des Zweiten Tempels war die Anlage in Höfe und Bereiche unterschiedlicher Heiligkeit gegliedert. Die Mischna nennt Regeln für den Tempelberg, etwa kein Betreten mit Stock, Schuhen, Geldgürtel oder Staub an den Füßen und keine Nutzung als Abkürzung.
Die Zerstörungen des Ersten und Zweiten Tempels, die nach der Mischna beide am 9. Av geschahen und 655 Jahre auseinanderlagen, sind zentrale Erinnerungsdaten. Der Wiederaufbau gehört zum Achtzehnbittengebet. Der heilige Felsen gilt in späterer jüdischer Überlieferung als Grundstein der Schöpfung und Ort des Allerheiligsten. An der Westmauer, einem Teil der herodianischen Umfassungsmauer, wird gebetet. Liberales Judentum erwartet keinen neuen Opferkult; orthodoxe und konservative Richtungen halten an der besonderen Heiligkeit fest, wobei das Oberrabbinat das Betreten verbietet.
Im Christentum wird der Tempel in den Jesusüberlieferungen als heilig vorausgesetzt. Die Tempelaktion Jesu wird weithin als historisch angesehen, ihr Umfang und ihre genaue Deutung bleiben aber unklar. Spätere christliche Autoren deuteten die Zerstörung des Tempels als Folge der Ablehnung Jesu; diese Substitutionstheologie versteht die Kirche als neues Gottesvolk. Das Christentum erwartet grundsätzlich keinen Tempelneubau, weil Christus als Ort der Versöhnung gilt.
Im Islam ist Jerusalem zuerst Gebetsrichtung gewesen und nach Sure 17,1 Ziel der nächtlichen Reise Mohammeds von Mekka zur „fernen Kultstätte“. Die Stätte gilt als durch frühere Propheten gesegnet und als Ort der Versammlung am Jüngsten Tag. Muslimische Traditionen verbinden sie mit David und Salomo sowie mit noch älteren Tempelbauten. Aussagen, seit der Schöpfung habe dort eine Moschee gestanden und kein jüdischer Tempel, sind Teil des aktuellen politischen Konflikts.
Tempel, Zerstörung und islamische Bauten
Der Erste Tempel wurde nach biblischer Überlieferung unter Salomo errichtet und 586 v. Chr. von Nebukadnezar II. und den Babyloniern zerstört. Ab 521 v. Chr. entstand mit persischer Hilfe der Zweite Tempel, der 516 v. Chr. fertig war. Von beiden Tempeln und ihren Geräten ist „strikt nichts mehr vorhanden“.
Herodes ließ den baufälligen Zweiten Tempel umfassend neu bauen. Das Tempelhaus bestand aus Vorhalle, Heiligem mit Menora und Schaubrottisch sowie dem nur jährlich vom Hohenpriester betretenen, leeren Allerheiligsten. Die Esplanade war über 14 ha groß; ihre Seiten maßen im Westen 485 m, Osten 470 m, Norden 315 m und Süden 280 m. Eine Balustrade, der Soreg, begrenzte den Bereich für Nichtjuden. Zwei griechische Warninschriften davon sind erhalten. Im Jüdischen Krieg brannte der Tempel 70 n. Chr. nieder, danach befahl Titus die Schleifung von Stadt und Tempel.
Für römische und byzantinische Zeit ist strittig, ob ein Jupitertempel auf dem Tempelberg stand. Stand 2019 gibt es dafür keinen Beweis; wahrscheinlich sind dagegen Kaiser- und Jupiterstatuen sowie kultische Handlungen. Auch eine byzantinische Kirche auf dem Berg ist nicht gesichert.
Unter Kalif Abd al-Malik entstand 684/689 bis 691/692 der Felsendom über dem heiligen Felsen. Er ist das älteste Bauwerk der islamischen Welt und wurde nicht grundlegend umgebaut. Seine Kuppel hat einen Durchmesser von 20,44 m. Die gesamte Esplanade wird islamisch als Moschee verstanden. Die al-Aqsa-Moschee liegt im Süden. Kreuzfahrer nutzten den Felsendom ab 1099 als Templum Domini und die al-Aqsa-Moschee als Palast beziehungsweise Templerquartier; Saladin ließ nach der Rückeroberung 1187 die meisten Umbauten entfernen.
Kontrolle seit dem 19. Jahrhundert und seit 1967
Bis zum Ende des Osmanischen Reichs war die Stätte rein muslimisch; Juden durften den Haram nicht betreten. An der nach einem Erdbeben 1546 entstandenen Freifläche vor der Westmauer wurde jüdisches Gebet erlaubt, jedoch gegen Abgabe und unter Anfeindungen. Unter britischer Mandatsregierung war Nichtmuslimen ab 1917 der Zugang zu bestimmten Zeiten gegen Eintrittsgeld erlaubt; nach den Unruhen von 1929 durften Juden den Haram nicht mehr betreten. Konflikte um die Westmauer, besonders die Gewalt von 1929, machten sie zu einem nationalen Symbol.
Unter jordanischer Regierung nach 1948 waren Juden von Ostjerusalem und dem Tempelberg ausgeschlossen, Christen konnten die Esplanade besichtigen. Nach der Einnahme der Altstadt im Sechstagekrieg am 7. Juni 1967 erklärte Mosche Dajan den Zugang zu allen heiligen Stätten für Angehörige aller Religionen. Eine Rabbinerkonferenz bekräftigte zugleich das jüdische Betretungstabu. Der Staat Israel gestaltete anschließend das Umfeld mit der Western Wall Plaza und archäologischen Grabungen an der West- und Südmauer stark um.
Status quo, Zugang und bauliche Konflikte
Der seit 1967 geltende Status quo bedeutet: Israel kontrolliert den Zugang; die Jerusalemer Waqf-Behörde verwaltet das Areal und die Heiligtümer; Jordanien finanziert den Waqf und vertritt die Einhaltung des Status quo. Die Westmauer entzog Israel 1984 der Waqf-Verwaltung. Nach Dayans Regelung dürfen Juden den Tempelberg betreten, dort aber nicht beten. Der israelisch-jordanische Friedensvertrag von 1994 nahm auf diesen Status quo Bezug.
Muslime können acht Tore an Nord- und Westseite nutzen. Bei Sicherheitslagen werden insbesondere nicht in Jerusalem wohnende Muslime beschränkt, oft Männer unter 40 oder 45 Jahren. Nichtmuslime dürfen nur über Marokkanertor und Mughrabi-Brücke, nach Kontrolle, außerhalb der Gebetszeiten sowie Samstag bis Donnerstag eintreten. Der Eintritt in Felsendom, al-Aqsa-Moschee und Islamisches Museum ist seit 2003 nicht möglich. Religiöse Bücher, Kultgegenstände und Gebete anderer Religionen sind verboten. Das Oberrabbinat untersagt Juden den Besuch wegen nicht erreichbarer ritueller Reinheit; einzelne Rabbiner und Aktivisten vertreten jedoch sichere Besuchsrouten.
Der Status quo wird nach dem Artikel zunehmend aufgeweicht: Im Mai und Juni 2024 fanden jüdische Gebete auf dem Gelände statt, ohne dass die Polizei einschritt, obwohl Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, der Status quo sei unverändert. Baumaßnahmen sind ebenfalls umstritten. Bei der Einrichtung der 6500 Quadratmeter großen Marwani-Moschee wurde Aushub ohne archäologische Begleitung abtransportiert. Das Temple Mount Sifting Project untersuchte ihn von 2004 bis 2017 nachträglich; wegen fehlenden Fundkontexts und mehrfacher Umlagerung bezweifeln viele Archäologen den wissenschaftlichen Wert der Ergebnisse.
Aktivismus und Krisen
Gruppen, die den Bau eines Dritten Tempels oder jüdisches Gebet auf dem Tempelberg anstreben, bleiben unterschiedlich ausgerichtet. Laut einer Umfrage von 2012 wünschten 17 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels einen Dritten Tempel, aber 52 Prozent jüdische Gebete dort; bei religiösen jüdischen Israelis waren es 92 Prozent, bei säkularen 43 Prozent. Zu den Gruppen zählen das Tempel-Institut, Chai wekajam, Temple Mount Faithful, die Bewegung für den Tempelbau und Chozrim laHar. Manche organisieren Rundgänge, Gebete oder symbolische Pessachopfer; andere Mitglieder planten oder versuchten auch gewaltsame Provokationen.
Wichtige Krisen waren der Brandanschlag des Australiers Denis Michael Rohan auf die al-Aqsa-Moschee am 21. August 1969, bei dem die hölzerne Kanzel aus ayyubidischer Zeit zerstört wurde, und die Schießerei des israelischen Soldaten Alan Harry Goodman am 11. April 1982 im Felsendom mit zwei Toten. Am 26. Januar 1984 verhinderte der Waqf einen Sprengstoffanschlag. Im Oktober 1990 führte das Gerücht einer geplanten Grundsteinlegung für den Dritten Tempel zu Gewalt; bei einem Polizeieinsatz starben 17 Menschen.
Am 14. Juli 2017 erschossen drei muslimische Palästinenser aus Umm al-Fahm zwei drusische israelische Grenzpolizisten vor einem Zugang. Israel schloss das Gelände 24 Stunden und installierte später Metalldetektoren und Kameras. Viele Muslime verweigerten die Schleusen, beteten außerhalb und sahen darin eine Status-quo-Verletzung. Nach Protesten und einer diplomatischen Krise mit Jordanien wurden die Metalldetektoren wieder entfernt.