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Schwerter zu Pflugscharen
„Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Teilzitat aus der Bibel, das zum geflügelten Wort wurde. Es drückt das Ziel des Völkerfriedens durch weltweite Abrüstung …
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Bedeutung und biblischer Kern
„Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Bibelzitat und ein geflügeltes Wort für Völkerfrieden durch weltweite Abrüstung und Rüstungskonversion, also die Umstellung militärischer Mittel und Produktion auf zivile, nützliche Zwecke. Seit 1980 wurde es in der DDR zum Zeichen unabhängiger Friedensinitiativen; seit 1994 verwenden ökumenische Friedensdekaden der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) den früheren DDR-Aufnäher als Markenzeichen.
Die grundlegende Stelle steht in Mi 4,1–4: Völker ziehen zum Zion, um Gottes Weisung für ihre Konflikte zu erhalten. Dann schmieden sie „ihre Schwerter zu Pflugscharen“ und „ihre Lanzen zu Winzermessern“ um, führen keinen Krieg mehr und lernen ihn nicht mehr. Das Bild endet damit, dass alle Menschen ohne Angst unter Weinstock und Feigenbaum leben. Frieden bedeutet hier nicht Untätigkeit: Pflug und Winzermesser stehen für Arbeit, deren Ertrag Menschen selbst und ohne Gewalt genießen können.
Bei Micha ist diese Verheißung mit Kritik an Unrecht, Ausbeutung und korrupten politischen sowie religiösen Autoritäten verbunden. Militärische Rüstung und politische Bündnisse garantieren demnach keinen Frieden. Die Vision setzt vielmehr Gottes Recht, Abrüstung, das Verlernen des Krieges und gerechte Lebensverhältnisse voraus. Mi 4,5 fordert die Gemeinde dazu auf, diesem Weg schon jetzt zu folgen, auch wenn andere Völker dies noch nicht tun.
Friedensvision in Bibel und Christentum
Jes 2,2–4 enthält die Verheißung fast wortgleich. Ihre Datierung ist in der Forschung umstritten: Manche Alttestamentler ordnen sie der Zeit Jesajas nach 722 v. Chr. zu, andere der Zeit nach dem Babylonischen Exil (597–539 v. Chr.). Joel kehrt das Motiv um 440 v. Chr. bewusst um: Fremdvölker sollen Pflugscharen zu Schwertern machen und zum Krieg aufbieten. Gerade dadurch wird ihre totale Aufrüstung als vergeblich vor Gottes Gericht dargestellt. Sach 9,9f. verheißt einen demütigen, gewaltfreien Messias auf einem Esel, der Streitwagen, Rosse und Kriegsbogen beseitigt und Frieden für die Völker verkündet.
Die Evangelien stellen Jesus von Nazaret als Bringer dieses verheißenen Friedens dar. Sein Einzug in Jerusalem auf einem Esel verweist auf Sacharja und verbindet den Messiasanspruch mit einer Absage an gewaltsame Herrschaft. Seine Feindesliebe, sein Dienstgedanke und seine waffenlose Verkündigung des Reiches Gottes stehen im Gegensatz zur Erwartung, er werde ein jüdisches Großreich errichten oder die Römer militärisch vertreiben. Die in Lk 2,14 verkündete Formel „Friede auf Erden“ grenzt sich zugleich von der Pax Romana ab, dem durch römische Macht gesicherten Frieden.
Viele Theologen der frühen Kirche lehnten Töten, bewaffnete Selbstverteidigung und Kriegsdienst ab. Justin der Märtyrer sowie Irenäus, Tertullian, Clemens von Alexandria und Origenes verstanden christliche Gewaltlosigkeit, Kriegsdienstverweigerung und die Bereitschaft zum Martyrium als beginnende Erfüllung der Friedensverheißung. Mit der konstantinischen Wende von 313 trat dagegen die Lehre vom Gerechten Krieg in den Vordergrund, die Augustinus um 420 formulierte und Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert weiterentwickelte. Die Friedensvision wurde nun meist als erst im Reich Gottes erfüllbar gedeutet. Friedenskirchen wie Waldenser, Täufer, Mennoniten, Quäker, Unitarier und Adventisten hielten demgegenüber am Verzicht auf Waffen- und Kriegsdienst fest.
Kirchen, Pazifismus und internationale Politik
Während der Weltkriege unterstützten die deutschen Großkirchen überwiegend die Kriegsanstrengungen des jeweiligen Staates. Im Ersten Weltkrieg befürworteten viele evangelische Theologen den Krieg; im Nationalsozialismus widersprachen die Kirchen dem Verbot pazifistischer Organisationen 1933 und der Wiederwehrpflicht 1935 nicht. Nach 1945 setzte eine stärkere Kritik an der traditionellen Kriegsethik ein. Der Ökumenische Rat der Kirchen erklärte 1948: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“
In den Debatten über Atomwaffen forderten Teile der Kirchen ab 1954 einen Stopp des atomaren Wettrüstens. Die EKD vertrat seit den Heidelberger Thesen von 1959 jedoch die Formel vom „Friedensdienst mit und ohne Waffen“: Sie achtet Kriegsdienstverweigerung, hält aber Abschreckung und gerechte Kriege unter Bedingungen für möglich. Papst Johannes XXIII. verlangte 1963 in Pacem in terris ein Ende des Rüstungswettlaufs, das Verbot von Atomwaffen sowie kontrollierte gegenseitige Abrüstung. Die Deutsche Bischofskonferenz verband im Hirtenwort Gerechter Friede (2000) Frieden mit Menschenrechten, nachhaltiger Entwicklung, Gewaltprävention und atomarer Abrüstung, gestand Staaten aber konventionelle Streitkräfte für Schutz- und Krisenaufgaben zu.
Der neuzeitliche Pazifismus knüpfte politisch an Immanuel Kant an. In Zum ewigen Frieden (1795) forderte er eine internationale Vertragsordnung und dass stehende Heere „mit der Zeit ganz aufhören“ sollen. Die UN-Charta von 1945 verbietet in Artikel 2 Absatz 4 grundsätzlich Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates. Das biblische Bild wurde weltweit aufgegriffen: Die Sowjetunion schenkte der UNO 1959 Jewgeni Wutschetitschs Skulptur Let Us Beat Swords Into Ploughshares. Zugleich setzten die Supermächte das Wettrüsten fort. In den USA und Großbritannien verbanden Ploughshares-Gruppen das Motiv mit gewaltfreien, aber gezielt sachbeschädigenden Aktionen gegen Atomwaffenanlagen; dabei unterschieden sie Gewalt gegen Sachen von Gewalt gegen Personen.
Symbol der DDR-Friedensbewegung
Die erste bekannte öffentliche Verwendung in der DDR war 1971 ein Gedenkstein in Gramzow mit Micha 4,3. Nach Einführung des Pflichtfachs „Wehrerziehung“ 1978 entstanden in evangelischen Gemeinden unabhängige Friedensinitiativen. Für die erste zehntägige Friedensdekade 1980 entwarfen Herbert Sander und Ingeborg Geißler ein Motiv nach der sowjetischen UNO-Skulptur: ein Schmied, der ein Schwert zum Pflug umschmiedet, mit dem Schriftzug „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Friedensdekade stand unter dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“.
120.000 Lesezeichen beziehungsweise Aufnäher wurden auf Vliesstoff gedruckt; dies brauchte keine staatliche Druckgenehmigung. Jugendliche trugen sie sichtbar an Kleidung, Taschen und Mützen und machten ihren Friedenswunsch öffentlich. Die SED wertete das Symbol zunehmend als westlichen Import, „Wehrkraftzersetzung“ und Zeichen einer nicht geduldeten unabhängigen Friedensbewegung. Ab Ende 1981 wurden Träger in Schulen und Betrieben unter Druck gesetzt; es kam unter anderem zu Schulverweisen, verweigerten Ausbildungsplätzen und Beschlagnahmungen. Manche Jugendlichen nähten danach weiße Kreise auf ihre Jacken oder schrieben: „Hier war ein Schmied.“
Die Friedensdekaden verbanden Kritik an Aufrüstung und Militarisierung mit der Forderung nach eigenen gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten. Kirchenleitungen versuchten, die Jugendlichen und kirchliche Freiräume zu schützen, hielten aber Abstand zu weitergehender offener Opposition gegen die staatliche Militärpolitik.
Unabhängige Initiativen und Revolution 1989
1981/82 forderten Gruppen einen zweijährigen Sozialen Friedensdienst als Alternative zum Wehrdienst in der NVA und zu den Bausoldaten; der DDR-Staat lehnte dies strikt ab. Rainer Eppelmanns Berliner Appell vom 25. Januar 1982 verlangte den Abzug aller Atomwaffen aus DDR, Bundesrepublik und Mitteleuropa. Beim „Forum Frieden“ am 13. Februar 1982 in der Dresdner Kreuzkirche versammelten sich etwa 5.000 Menschen. Es war die größte Versammlung gegen Militarisierung und gegen Einschränkungen friedenspolitischer Betätigung in der DDR.
Weitere Beispiele waren die Friedensgemeinschaft Jena, deren Mitglieder 1983 an einer öffentlichen Aktion gehindert und teils verhaftet wurden, und die Schmiede-Aktion in Wittenberg am 24. September 1983: Stefan Nau schmiedete vor etwa 4.000 Menschen ein Schwert zu einer Pflugschar um. Das Zeichen fand auch in der westdeutschen Friedensbewegung Verwendung, etwa bei der Bonner Demonstration gegen die Nachrüstung am 10. Oktober 1981 mit etwa 300.000 Teilnehmern.
1989 wurde das Motiv Teil der Bürgerrechtsbewegung. Das offene Montagsgebet in der Leipziger Nikolaikirche unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde zu einer Keimzelle der Montagsdemonstrationen. Das Symbol kehrte ein sowjetisches Bild gegen die DDR-Propaganda und stand für eine Welt ohne Wettrüsten und gesellschaftliche Militarisierung. Sein pazifistisches Erbe war ein wesentlicher Faktor für die Gewaltlosigkeit der Revolution von 1989. Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches sah in Artikel 43 sogar vor, es zum Staatswappen der DDR zu machen.
Nach dem Ende der DDR führt die AGDF die Friedensdekaden fort. Sie sicherte sich 2007 Markenrechte am Symbol; eine 2017 ausgesprochene Abmahnung gegen einen Kleinverlag wurde nach Protesten zurückgezogen. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 24. Februar 2022 wird der Aufnäher erneut verbreitet und unterschiedlich politisch verwendet.