Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Nationalstaat

Der Nationalstaat ist ein Staatsmodell, das auf der Idee und Souveränität der Nation beruht. Im Begriff Nationalstaat fällt das Staatsgebilde mit dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundmodell
  2. 2. Abgrenzung und Konfliktpotenzial
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Minderheiten und Assimilation
  5. 5. Separatismus und Irredentismus
  6. 6. Kritik und Alternativen im 21. Jahrhundert

Begriff und Grundmodell

Ein Nationalstaat ist ein Staatsmodell, bei dem Staatsgebiet und Nation möglichst zusammenfallen. Er beruht auf der Idee und Souveränität der Nation. Sprachliche, kulturelle oder ethnische Homogenität, also eine weitgehende Einheitlichkeit der Bevölkerung, wird häufig als Voraussetzung und Ziel eines „reinen“ Nationalstaates genannt. Nation und Nationalstaat gelten dabei nicht als natürliche Gegebenheiten, sondern als historisch entstandene Konstrukte.

Nach der Nationalstaatsidee soll ein Staat die wesentlichen Teile des staatstragenden und meist namensgebenden Volkes, der sogenannten Titularnation, vereinen. Dieses Volk soll sich durch eine gemeinsame Kultur oder Tradition verbunden fühlen. Im Idealtyp gehören alle Angehörigen dieses Volkes oder Kulturkreises dem Nationalstaat an, während keine Angehörigen anderer Völker in ihm leben. In der Wirklichkeit lässt sich dieses Ideal jedoch häufig nicht verwirklichen.

Abgrenzung und Konfliktpotenzial

Den Gegensatz zum Nationalstaat bildet der Vielvölkerstaat, in dessen Staatsgebiet Angehörige mehrerer Nationen leben. Wollen diese unterschiedlichen Völker bewusst in einem gemeinsamen Staat zusammenleben, wird dieser als Willensnation bezeichnet. Als heutige Beispiele nennt der Artikel die Schweizerische Eidgenossenschaft, das Königreich Belgien und die Vereinigten Staaten von Amerika.

Dem gesellschaftlich weitgehend einheitlichen Nationalstaat kommen unter anderem die Inselstaaten Japan und Island nahe. Schwieriger ist die Staatsbildung, wenn sich die Siedlungsgebiete verschiedener Völker überschneiden. Wollen mehrere Völker auf demselben Gebiet jeweils ihren eigenen Nationalstaat errichten, kann daraus ein Krieg entstehen. Als Beispiele werden der Deutsch-Dänische Krieg, die Balkankriege und der Nahostkonflikt genannt.

Konflikte entstehen auch, wenn ein Volk aus einem Vielvölkerstaat austreten will, weil es seine Interessen oder seine Kultur als unterdrückt, unterrepräsentiert oder bedroht empfindet. Da der bestehende Staat sein Gebiet gewöhnlich nicht verkleinern will, kann es zu Bürgerkrieg, Repression sowie kultureller oder sprachlicher Unterdrückung kommen. Genannt werden die Jugoslawienkriege, Kurdistan, Okzitanien und Katalonien. Friedliche Lösungsversuche sind nach Darstellung des Artikels seltener; als Beispiele erscheinen Québec und die Drusen in Israel.

Historische Entwicklung

Im europäischen Mittelalter beruhten politische Gemeinwesen vor allem auf persönlichen Bindungen an einen Herrscher, eine Dynastie oder einen genossenschaftlich organisierten Herrschaftsverband. Solche Personalverbände entsprachen noch nicht dem späteren Nationalstaat. Frühe Formen des Nationalbewusstseins entwickelten sich während der Kreuzzüge, besonders in Frankreich unter Ludwig VI. (1081–1137) und seit dem Albigenserkreuzzug unter einer vorherrschenden Nationalreligion.

Der Westfälische Friede von 1648 schuf eine Ebene internationaler Diplomatie und eine frühe Form nationalstaatlichen Handelns. Im sogenannten Westfälischen System begannen Staaten, sich als souveräne Subjekte des Völkerrechts zu etablieren.

Ab dem 18. Jahrhundert rückte die Idee des Nationalstaates in das Zentrum der Politik. Große Staatsschulden, hohe Steuern im Absolutismus und Merkantilismus sowie Kriege wie der Österreichische Erbfolgekrieg und der Siebenjährige Krieg hatten die Lebensbedingungen vieler Menschen verschlechtert. Vorstellungen der Nation als Gemeinschaft und idealisiertes Selbstbild verbanden sich mit Demokratie, Patriotismus, Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus. Ethnische oder kulturelle Minderheiten wurden dabei häufig kollektiv für schlechte Lebensverhältnisse verantwortlich gemacht. Während der Französischen Revolution kam es zur Terrorherrschaft und zu den Koalitionskriegen. Führende Vertreter nationalstaatlicher Politik strebten außerdem häufig ökonomische Autarkie an, also eine möglichst weitgehende wirtschaftliche Selbstversorgung.

Minderheiten und Assimilation

Als Minderheit bezeichnet der Artikel eine nennenswerte Gruppe von Bürgern, die nicht dem tragenden Staatsvolk eines Nationalstaates angehört. Ideologische oder ethnische Minderheiten können besonders in zentralistisch organisierten Staaten Autonomie verlangen, also eine größere politische oder kulturelle Selbstständigkeit. Stärke und Lösung möglicher Konflikte hängen vom Ausmaß des Zentralismus und des Autonomiewunsches ab.

Minderheiten können auf unterschiedliche Weise entstanden und verteilt sein. Die Dänen in Südschleswig und die Deutschen in Nordschleswig fühlen sich kulturell mit einer Nachbarnation verbunden. Solche nationalen Minderheiten können in Grenzgebieten entstehen, wenn Grenzen älter als der moderne Nationalitätsbegriff sind oder gemischte Siedlungsgebiete nicht räumlich getrennt werden konnten und auf Zwangsumsiedlung oder Vertreibung verzichtet wurde. Die Sorben sind ein westslawisches Volk, das weitgehend geschlossen in Deutschland lebt und nie einen eigenen Nationalstaat gebildet hat. Die Kurden leben dagegen verteilt auf mehrere Staaten, darunter die Türkei, Iran, Syrien und den Irak, ebenfalls ohne jemals einen eigenen Nationalstaat gebildet zu haben. Weitere Beispiele sind die Deutschen in Polen und die Südtiroler in Italien.

Assimilation bedeutet, dass sich eine Minderheit im Laufe der Zeit an die Mehrheit angleicht. Sie tritt nach Darstellung des Artikels regelmäßig ein, wenn eine Minderheit kein Interesse, nicht die nötige Größe oder nicht genügend Durchsetzungskraft besitzt, um einen eigenen Staat zu bilden oder sich dem Nationalstaat ihrer Nation anzuschließen. Über Generationen können sich Muttersprache, Nationalität, kulturelles Zugehörigkeitsgefühl und Identität verändern. Als Beispiel werden Elsässer und Lothringer genannt. Staaten mit einem unsicheren Verhältnis zur eigenen Identität können Assimilationsdruck auf Minderheiten ausüben.

Separatismus und Irredentismus

Separatismus ist das Bestreben einer Bevölkerungsgruppe, wegen ihrer eigenen Kultur oder einer von der staatstragenden Ethnie abweichenden ethnischen Zugehörigkeit einen eigenen Staat zu bilden oder sich einem anderen Staat anzuschließen. Die tatsächliche Abspaltung wird auch Sezession genannt. Als Beispiele separatistischer Gruppen nennt der Artikel Basken, Katalanen, Kurden, Albaner und Uiguren. Zwischen Separatismus und Nationalismus besteht häufig nur ein Unterschied der Perspektive: Entscheidend ist, ob die Lage aus Sicht des bestehenden Staates oder der Befürworter einer Abspaltung betrachtet wird.

Irredentismus bezeichnet Forderungen, außerhalb eines Nationalstaates lebende Angehörige seiner staatstragenden Nation beziehungsweise deren geschlossenes Siedlungsgebiet an diesen Staat anzuschließen. Der Begriff geht auf das italienische „irredenta“ für „unerlöst“ zurück. Als Beispiel nennt der Artikel die Forderung Irlands in Bezug auf Nordirland. Leben die Angehörigen der Nation nicht in einem geschlossenen Gebiet, kann es stattdessen zu Rückführungsaktionen kommen; als Beispiel werden die Spätaussiedler in Deutschland angeführt.

Kritik und Alternativen im 21. Jahrhundert

Im 21. Jahrhundert wird bezweifelt, dass sich eine Nation vollständig durch gemeinsame Merkmale wie Sprache, Tradition, Sitten, Bräuche oder Abstammung definieren lässt. Soziologen kritisieren besonders die Vorstellung, alle dauerhaft in einem Staat lebenden Menschen müssten ausschließlich Teil der zugehörigen Nation sein oder zumindest versuchen, es zu werden.

In jugendlichen Lebenswelten nehmen „mixing cultures“, also kulturelle Mischformen, zu. Deshalb gelten Vorstellungen politischer und gesellschaftlicher Bildung, die sich ausschließlich an nationalstaatlichen Kategorien orientieren, als wenig passend. Die zentrale Strategie bei der Entwicklung von Nationalstaaten war die Homogenisierung von Sprache, Bildung und Lebensformen. Demgegenüber zeigen die Lebensweisen Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund nach Darstellung des Artikels die integrierende Wirkung eines Diversity Managements. Dieses berücksichtigt Vielfalt und ermöglicht politische Beteiligung auf der Grundlage hybrider, also mehrfacher Zugehörigkeiten.

Eine Alternative ist der Verfassungspatriotismus: Die politische Zugehörigkeit richtet sich dabei auf die gemeinsame Verfassung statt auf eine einheitliche Abstammung oder Kultur. In den Sozialwissenschaften werden außerdem Staatsnation, Willensnation und Kulturnation als unterschiedliche Konzepte voneinander unterschieden.

Weiterlesen

Souveränität Dieser Artikel behandelt den Souveränitätsbegriff im Sinne der Unabhängigkeit nach innen und außen; für eine andere Bedeutung siehe Gelassenheit. Dieser Artikel … Nation Nation (um 1400 ins Deutsche übernommen, von lateinisch natio, „Volk, Sippschaft, Herkunft“ oder „Geburt“, ursprünglich für eine „Geburtsgemeinschaft“, … Duden Der Duden ist ein Rechtschreibwörterbuch der deutschen Sprache. Das Werk war erstmals am 7. Juli 1880 von Konrad Duden als Vollständiges Orthographisches … Kultur Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen … Staat Im weitesten Sinn bezeichnet er eine politische Ordnung, in der einer bestimmten Gruppe, Organisation oder Institution eine privilegierte Stellung zukommt. Es … Volk Seit dem 18. Jahrhundert ist er emotional hoch aufgeladen und wird zur Legitimation von Revolutionen, Kriegen und verschiedenen Herrschaftsformen verwendet. Selbstbestimmungsrecht der Völker Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein völkerrechtlicher Grundsatz. Er besagt, dass jedes Volk das Recht hat, frei über seinen politischen Status, … Belgien Belgien (amtlich Königreich Belgien, niederländisch, französisch) ist ein föderaler Staat in Westeuropa. Es liegt zwischen der Nordsee und den Ardennen und … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Japan Japan ist zu großen Teilen (68,4 %) von Bergwäldern bedeckt. · Japan hat neun Ökoregionen, die das Klima und die Geographie der Inseln widerspiegeln. Sie reichen … Island Island (isländisch [ˈist͡länt], ‚Eisland') ist ein Inselstaat im äußersten Nordwesten Europas. Mit rund 103.000 Quadratkilometern (davon Landfläche 100.250 … Nahostkonflikt Als Nahostkonflikt bezeichnet man den Konflikt um die Region Palästina, der dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen Juden bzw. jüdischen Israelis und …