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Wolfgang Borchert

Mit seinem Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür konnten sich in der Nachkriegszeit weite Teile des deutschen Publikums identifizieren. Kurzgeschichten wie Das …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Leben
  2. 2. Werk, Poetik und zentrale Themen
  3. 3. Stil und Aufbau der Geschichten
  4. 4. Wichtige Veröffentlichungen und Nachlass
  5. 5. Rezeption und bleibende Bedeutung

Bedeutung und Leben

Wolfgang Borchert (20. Mai 1921 in Hamburg – 20. November 1947 in Basel) war ein deutscher Schriftsteller. Sein schmales Werk aus Kurzgeschichten, Gedichten und dem Drama Draußen vor der Tür machte ihn nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten Vertreter der Trümmerliteratur. Diese Literaturepoche reagierte auf den Zusammenbruch der alten Strukturen und die traumatischen Kriegserfahrungen mit dem Anspruch eines inhaltlichen und formalen Neuanfangs sowie einer ungeschönten Darstellung der Wirklichkeit.

Borchert schrieb ab seinem 15. Lebensjahr zahlreiche Gedichte, strebte zunächst aber den Schauspielerberuf an. Nach dem Abbruch der Oberrealschule im Dezember 1938 begann er 1939 eine Buchhändlerlehre und nahm Schauspielunterricht. Im April 1940 wurde er von der Gestapo verhört; ihm wurden unter anderem die Verherrlichung der Homosexualität und regimekritische Äußerungen vorgeworfen. Am 21. März 1941 bestand er seine Schauspielprüfung und spielte drei Monate an der Landesbühne Osthannover.

Im Juni 1941 wurde Borchert zur Wehrmacht eingezogen. Er nahm am deutschen Angriff auf die Sowjetunion teil, erlitt eine Schussverletzung an der linken Hand, Diphtherie, Erfrierungen, Gelbsucht und weitere Infektionen. Wegen des Verdachts der Selbstverstümmelung wurde er zunächst freigesprochen, aber wegen Kritik am nationalsozialistischen Regime nach dem Heimtückegesetz zu sechs Wochen verschärftem Arrest mit anschließender „Frontbewährung“ verurteilt. Nach einer Goebbels-Parodie wurde er erneut festgenommen und am 21. August 1944 wegen Wehrkraftzersetzung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Im Mai 1945 floh er während der Überführung in französische Gefangenschaft und erreichte nach 600 Kilometern zu Fuß Hamburg.

In der Nachkriegszeit arbeitete Borchert kurz im Theater und Kabarett, wurde aber wegen schwerer Erkrankungen, Fußverletzungen und einer fortschreitenden Leberschädigung bald bettlägerig. Zwischen Januar 1946 und September 1947 entstanden zahlreiche Prosatexte. Borchert starb mit 26 Jahren an den Folgen seiner Lebererkrankung. Der Publikumserfolg setzte vor allem nach seinem Tod ein: Die Uraufführung von Draußen vor der Tür fand am 21. November 1947, einen Tag nach seinem Tod, in den Hamburger Kammerspielen statt.

Werk, Poetik und zentrale Themen

Borcherts wichtigstes Drama Draußen vor der Tür ist ein Heimkehrerdrama. Die Hauptfigur Beckmann kehrt aus dem Krieg zurück und findet keinen Platz in der Nachkriegsgesellschaft. Das Stück wurde zunächst als Hörspiel bearbeitet und am 13. Februar 1947 im Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt; die Sendung löste eine ungewöhnlich große Zahl von Hörerbriefen aus. Der Artikel nennt außerdem eine Bekanntwerdung durch eine Radioausstrahlung im Januar 1947; die ausführliche Darstellung datiert die Ausstrahlung auf den 13. Februar.

Borcherts Prosawerk umfasst klassische Kurzgeschichten, Grotesken, Monologe und programmatische Texte. In Das ist unser Manifest fordert er einen unmittelbaren, unverfälschten Ausdruck: „Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl.“ Sein literarischer Neubeginn soll alte, beschönigende Formen überwinden und die Not der Gegenwart durch einfache, deutliche Sprache festhalten. Zugleich ist sein „Nein“ kein Ausdruck reiner Verzweiflung, sondern Protest und Ausgangspunkt für ein neues „Ja“ und eine zukünftige Gesellschaft. Im Text Der Schriftsteller wird der Schriftsteller als Beobachter, Kritiker und Mahner der Gesellschaft beschrieben. Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck betont dagegen die Grenzen der Sprache und die Möglichkeit, dass Schweigen angesichts existenzieller Erfahrungen notwendig werde.

Viele Texte behandeln Krieg, Gefangenschaft, Krankheit, Einsamkeit, Schuld, Angst, fehlende Geborgenheit und die Schwierigkeit menschlicher Beziehungen. Besonders bekannt wurden Das Brot, An diesem Dienstag, Die Küchenuhr und Nachts schlafen die Ratten doch. Der pazifistische Aufruf Dann gibt es nur eins! endet in der wiederholten Forderung: „Sag NEIN!“ und wurde als Mahnung gegen die Vorbereitung neuer Kriege bei Friedenskundgebungen vorgetragen.

Borchert wird häufig der Trümmerliteratur und dem Expressionismus zugeordnet. Der Expressionismus zeigt sich in seinem moralisch motivierten Protest, der gefühlsbetonten und repetitiven Sprache sowie im Stationendrama Draußen vor der Tür. Borchert erklärte 1940: „Ich bin Expressionist – mehr noch in der inneren Anlage und Geburt als in der Form.“ Später nannte er Ernest Hemingway und Thomas Wolfe als Lieblingsautoren. Untersuchungen sehen bei seinen späteren Texten Einflüsse amerikanischer Short Stories, besonders in Aussparungen, Lakonie, sorgfältiger Komposition und Understatement. Die Einordnung als bloße zeitgeschichtliche Trümmerliteratur wurde allerdings auch kritisiert.

Stil und Aufbau der Geschichten

Borcherts Stil ist durch kurze, abgehackte Sätze und ein Stakkato geprägt. Dazu verwendet er Ellipsen, also unvollständige Sätze, Parataxen, also gleichgeordnete Satzreihen, eine eigenwillige Interpunktion sowie Konjunktionen und Adjektive am Satzanfang. Die schnelle Satzfolge kann die Erregung der Figuren ausdrücken oder Spannung erzeugen. Wiederholungen verstärken die Dringlichkeit.

Weitere wichtige Stilmittel sind Klimax und Antiklimax, Alliteration, Metapher, Vergleich, Hyperbel, Allegorie und Personifikation. Borchert verbindet Alltagssprache mit Komposita, Neologismen und auffälligen Attributen. Dadurch wirken seine Figuren wie Durchschnittsmenschen und zugleich sprachlich stark charakterisiert. Neben dem Leid der Kriegsopfer gibt es humoristische, ironische, sarkastische und satirische Elemente, etwa in Schischyphusch und Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr ißt.

Symbole, besonders Farben, tragen häufig zur Atmosphäre und Bedeutung bei oder ersetzen teilweise die Handlung. Grün steht meist für Leben und Hoffnung, Gelb wirkt in der Regel lebensbejahend. Rot bezeichnet eher Krieg als Liebe, Blau Kälte oder Nacht. Grau deutet auf Unbestimmtheit und Pessimismus, Weiß auf Krankheit oder Kälte und Schwarz auf Düsternis und Bedrohung.

Nach Károly Csúri folgt die „ideale Borchert-Geschichte“ drei Stadien: Zunächst befindet sich der Protagonist in einem „harmonischen Stadium virtuell-zeitloser Geborgenheit (oder Schein-Geborgenheit)“. Danach gerät er in das „disharmonische Stadium zeitlich-historischen Ausgestoßenseins (oder Schein-Ausgestoßenseins)“. Am Ende wird durch ambivalente Vermittlerfiguren erneut ein teilweise nur scheinbar harmonischer Zustand der Geborgenheit sichtbar; die Rückkehr dorthin bleibt oft unmöglich oder scheinbar unmöglich. Viele Geschichten beginnen bereits im Übergangszustand.

Die Figuren sind häufig Vertreter einer durch Krieg und Autorität geprägten Generation. Sie leiden unter Einsamkeit, Lebensangst, fehlender Liebe und Geborgenheit sowie unter Unruhe- und Angstzuständen. Ihre Schuldgefühle sind oft nicht an eine konkrete Schuld gebunden, sondern entstehen aus Einbildung und Missverständnissen. In Begegnungen gibt es drei typische Möglichkeiten: Menschen überwinden ihre Isolation nicht, nur einer von beiden ist zur Veränderung bereit, oder beide wenden sich gemeinsam der Zukunft zu. Die optimistische dritte Möglichkeit zeigt sich etwa in Nachts schlafen die Ratten doch.

Wichtige Veröffentlichungen und Nachlass

Borcherts erste Buchveröffentlichung war im Dezember 1946 die Gedichtsammlung Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg mit 14 Gedichten aus den Jahren 1940 bis 1945. Im Juni 1947 erschien die Erzählsammlung Die Hundeblume, im November 1947 An diesem Dienstag; beide starteten mit 5000 Exemplaren. Die Hundeblume beruht auf Erfahrungen aus der Untersuchungshaft. An diesem Dienstag verarbeitet unter anderem Borcherts Aufenthalt in einem Seuchenlazarett.

Zu den nachgelassenen Erzählungen aus Das Gesamtwerk von 1949 gehören unter anderem Der Schriftsteller, Schischyphusch, Das Brot, Das ist unser Manifest und Dann gibt es nur eins! Die Sammlung Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlaß erschien 1962 und stand vom 9. Mai bis zum 17. Juli 1962 auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Borcherts Gesamtwerk wurde 1949 vom Rowohlt Verlag veröffentlicht; eine erweiterte und revidierte Neuausgabe erschien 2007. Die Jugenddramen Yorick der Narr (1938), Käse. Die Komödie des Menschen (1939, gemeinsam mit Günter Mackenthun) und Granvella. Der schwarze Kardinal wurden 2007 als Privatdruck publiziert. Bei Granvella nennt der Artikel einmal 1940, in der Werkliste jedoch 1941.

Neben Draußen vor der Tür wurde bisher nur Käse aufgeführt, erstmals am 27. Februar 2015 am Theater Wasserburg. Borcherts Gedichte und Texte wurden vielfach vertont, unter anderem von Wilhelm Keller, Gottfried von Einem, Tilo Medek, Bayon, Rainer Kunad und Frederic Rzewski. Nachgelassene Gedichte erschienen im Gesamtwerk von 1949 und in der erweiterten Ausgabe von 2007; insgesamt sind 51 Gedichte überliefert.

Rezeption und bleibende Bedeutung

Borchert wurde durch Draußen vor der Tür zu einer Stimme der jungen Nachkriegsgeneration. Viele Zuhörer und Zuschauer konnten sich mit dem Heimkehrer identifizieren. Zeitgenössische Kritiker erklärten den Erfolg vor allem aus dem starken Zeitbezug, der zeitgemäßen Moral, der biografischen Situation des früh verstorbenen Autors und der Verbindung von Leben und Werk. Das Stück wurde zusammen mit Carl Zuckmayers Des Teufels General und Günther Weisenborns Die Illegalen als Beginn des Dramas in der Bundesrepublik bezeichnet.

Die Aufnahme wandelte sich später. In den 1950er und 1960er Jahren verlagerte sich das germanistische Interesse vom Drama auf die Prosa. Die Kurzgeschichten wurden zunächst als Zeugnisse der Nachkriegsliteratur, später als exemplarische Gattungstexte und häufige Schullektüre untersucht. Dadurch galt Borchert zunehmend als „Schulbuchautor“ und „leichter Autor“, was das wissenschaftliche Interesse in Deutschland verringerte. In der DDR wurde er in den 1960er Jahren zunächst abgelehnt, später als Kämpfer gegen Imperialismus und Faschismus gewürdigt.

Borchert beeinflusste die frühe Gruppe 47; Alfred Andersch sprach von einem „Borchertismus“. Auch Heinrich Böll, Dieter Wellershoff, Wilhelm Genazino und Jürgen Fuchs bezogen sich auf ihn, während Jan Philipp Reemtsma seine frühere Begeisterung später kritisch als Neigung zu „Kitsch in Gefühlen und Gedanken“ bewertete. Besonders dauerhaft wirkte Dann gibt es nur eins! mit der Formel „Sag NEIN!“. In Hamburg erinnern mehrere Mahnmale, ein Park und das Wolfgang-Borchert-Archiv an ihn. 1987 wurde die Internationale Wolfgang-Borchert-Gesellschaft gegründet. 1996 erschien eine Briefmarke zu seinem 75. Geburtstag, 2002 wurde der Asteroid (39540) Borchert nach ihm benannt.

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