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Nachkriegszeit in Deutschland
Als Nachkriegszeit bezeichnet man in Deutschland die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. In Deutschland und Österreich war sie …
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Begriff, Kennzeichen und zeitlicher Rahmen
Als Nachkriegszeit bezeichnet man in Deutschland die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Sie war durch alliierte Besatzung, den Verlust deutscher Souveränität und den Verlust der Ostgebiete des Deutschen Reiches geprägt. Flucht und Vertreibung, zerstörte Städte, Wohnungsmangel, Hunger, rationierte Lebensmittel, Schwarzhandel und die Kriegsgefangenschaft von rund 7 Millionen ehemaligen Wehrmachtssoldaten bestimmten das Leben vieler Menschen. Zugleich begann die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit durch Entnazifizierung und NS-Prozesse.
Ein weiteres Hauptziel war der Wiederaufbau von staatlicher Ordnung, Wirtschaft und Infrastruktur. Ab 1947 begann auch in Deutschland der Nachkriegsboom, der ab 1948 durch den Marshallplan zusätzlich gefördert wurde. In Westdeutschland wird die frühe Nachkriegszeit häufig bis zur Währungsreform vom 21. Juni 1948 als „schlechte Zeit“ bezeichnet; danach folgte das „Wirtschaftswunder“.
Ein eindeutiges Enddatum gibt es nicht. Österreich erhielt mit dem Staatsvertrag von 1955 seine Souveränität zurück. Die Bundesrepublik Deutschland erlangte ihre volle Souveränität erst mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990. Der Abzug der alliierten Truppen aus dem wiedervereinigten Deutschland im September 1994 gilt als symbolischer Schlusspunkt.
Europäische Folgen und Kalter Krieg
In ganz Europa führten Krieg und Grenzverschiebungen zu großen Bevölkerungsbewegungen. Besonders betroffen waren Deutsche aus den zunächst besetzten und später polnisch gewordenen deutschen Ostgebieten, aus der Tschechoslowakei und aus dem Balkan. Millionen ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Verschleppte lebten als „Displaced Persons“, also heimatlose oder nicht an ihren Herkunftsort zurückgekehrte Menschen, in Europa.
Bombenkrieg und Bodenkämpfe hatten Städte und Infrastruktur zerstört. Wohnungsnot, Hunger sowie körperlich und psychisch versehrte Überlebende prägten die Gesellschaften. Hohe Kriegsverluste, vor allem unter Männern im arbeitsfähigen Alter, veränderten zudem die Bevölkerungsstruktur mehrerer Länder dauerhaft. Außerhalb des Ostblocks setzte ab den frühen 1950er Jahren, verstärkt durch den „Korea-Boom“, meist ein schneller wirtschaftlicher Aufschwung ein. Der Wiederaufbau der Sowjetunion, der DDR und anderer Ostblockstaaten verlief deutlich langsamer.
Im Kalten Krieg standen sich in Europa bis zum Beginn der 1990er Jahre zwei gegnerische Machtblöcke gegenüber. Wegen des atomaren „Gleichgewichts des Schreckens“ kam es zwischen ihnen nicht zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung. Das geteilte Deutschland lag an der Frontlinie und bereitete sich unter anderem durch den Bau von Atombunkern auf einen befürchteten Dritten Weltkrieg vor, der jedoch ausblieb.
Besatzungspolitik und die fünf Ds
Deutschland wurde in vier Besatzungszonen der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs geteilt. Die Besatzungsmächte verständigten sich zunächst auf fünf Ziele, die „fünf Ds“, deuteten und verwirklichten sie aber unterschiedlich:
• Demontage: Industrieanlagen wurden abgebaut, um Deutschland militärisch zu schwächen und Reparationen zu leisten. Besonders umfangreich war dies in der Sowjetischen Besatzungszone. In den Westzonen wurden die Demontagen bald eingestellt; dort gab es dagegen sogar Streiks.
• Demilitarisierung: Wehrmacht und Waffen-SS wurden aufgelöst, Deutschland und auch Privathaushalte entwaffnet. Die militärische und mentale Entmilitarisierung gilt langfristig als das erfolgreichste Ziel.
• Entnazifizierung: Verantwortliche des NS-Staates wurden verhaftet und die Bevölkerung überprüft. In der amerikanischen Zone mussten Deutsche einen Fragebogen mit 131 Fragen beantworten. Insgesamt wurden 1.667 Hauptschuldige, 23.060 Belastete, 150.425 Minderbelastete, 1.005.874 Mitläufer, 1.213.873 Entlastete und 1.265.749 Nichtbetroffene eingestuft. Ab November 1945 standen Hauptverantwortliche in den Nürnberger Prozessen vor Gericht; damit begann das Völkerstrafrecht. Wegen der unterschiedlichen und wechselnden Politik der Besatzungsmächte sind die Einstufungsergebnisse jedoch nur begrenzt aussagekräftig.
• Demokratisierung: Im Mai und Oktober 1946 fanden wieder freie Wahlen auf Gemeinde- und Kreisebene statt. In den drei Westzonen war diese Demokratisierung von unten erfolgreich. In der sowjetischen Zone folgten nach den halbfreien Wahlen von 1946 die Gleichschaltung der Parteien und die Festigung der SED-Herrschaft.
• Dezentralisierung: Föderale Strukturen wurden gefördert; 1947 löste der Alliierte Kontrollrat Preußen auf. In den Westzonen blieb der Föderalismus bestehen. In der DDR wurden die 1945 geschaffenen Länder 1952 durch zentral gelenkte Bezirke ersetzt.
Der beginnende Kalte Krieg führte ab 1947 dazu, dass zahlreiche frühere Nationalsozialisten und politische Täter in Verwaltungen, Justiz und Regierungsämtern beider Seiten weiterbeschäftigt wurden. Erst 1968 verlangte die politisch aktive Jugend verstärkt Aufklärung über die NS-Zeit.
Gesellschaft, Erinnerung und Wiederaufbau
Die Alliierten verstanden ihre Politik auch als Befreiung vom Nationalsozialismus, doch große Teile der deutschen Bevölkerung sahen die Besatzung zunächst vor allem als Herrschaft der Sieger. Eine tatsächliche Befreiung bedeutete das Kriegsende besonders für Überlebende der Konzentrationslager, Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle, ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie weitere vom NS-Staat ausgegrenzte Gruppen.
Viele Deutsche betrachteten sich zunächst vor allem als Opfer des Krieges und verdrängten die eigene Verantwortung sowie das von Deutschland verursachte Leid. Vorführungen von Filmen über Konzentrationslager stießen teilweise auf Ablehnung; schon wenige Jahre nach dem Krieg wurde ein „Schlussstrich“ gefordert. Der Ausdruck „Stunde Null“ vermittelte den Eindruck eines vollständigen Neubeginns im Mai 1945. Neuere Betrachtungen kritisieren ihn, weil Einstellungen und gesellschaftliche Strukturen aus der NS-Zeit fortbestanden. Gleichzeitig empfanden viele Menschen große Erleichterung darüber, dass Bombenalarme und Krieg beendet waren.
Kriminalität nahm unter den schlechten Lebensbedingungen zu, während die Polizei schwach und überfordert war. Beim Städtebau galten im Westen die Charta von Athen von 1933 und im Osten die sowjetisch geprägten 16 Grundsätze des Städtebaus. In beiden deutschen Staaten entstand dennoch vielfach die autogerechte Stadt: Wohnen und Gewerbe wurden getrennt, und suburbane Satelliten- oder „Schlafstädte“ wurden geplant.
Westdeutschland
In Westdeutschland bildete die Währungsreform vom 21. Juni 1948 den Übergang von Hunger, Kälte, Mangelkrankheiten und Trümmerlandschaften zum wirtschaftlichen Aufschwung. Unmittelbar nach der Reform endete die Zwangsbewirtschaftung praktisch; vorbereitete Geschäfte boten plötzlich wieder viele Waren an. Der Wiederaufbau der 1950er Jahre wurde als „Wirtschaftswunder“ wahrgenommen. Diese Phase endete mit der ersten Rezession unter Bundeskanzler Ludwig Erhard und der kulturellen und politischen Mentalitätswende, die etwa 1965/1966 begann und später mit der „68er-Bewegung“ verbunden wurde.
Der Krieg hatte auch Familien- und Geschlechterrollen verändert. Viele Frauen sicherten den Lebensunterhalt und beseitigten als sogenannte „Trümmerfrauen“ Schutt. Heimkehrende Soldaten fanden ihren früheren Platz in der Familie teilweise nicht mehr vor. Die amerikanische Militärregierung wollte durch den Arbeitseinsatz von Frauen zugleich autoritäre Familienstrukturen lockern. Die politische Frauenkultur der ersten Nachkriegsjahre blieb jedoch eine subkulturelle Bewegung und setzte sich nicht dauerhaft durch.
Gemeinsame Erfahrungen wie Wohnraummangel, knappe Ernährung, Ruinenlandschaften, Swing, Jazz, Rundfunkserien und „Trümmerliteratur“ prägten Generationen: besonders die „Flakhelfergeneration“ der Jahrgänge 1926 bis 1929 und die „Trümmerkinder“ der Jahrgänge 1930 bis 1943. Zwischen April 1956 und Dezember 1958 registrierten die Behörden außerdem mehr als hundert „Halbstarkenkrawalle“ in deutschen Großstädten.
Ostdeutschland
In der Sowjetischen Besatzungszone verlief der Wiederaufbau langsamer. Die Sowjetunion gewährte keine Aufbauhilfe, sondern ließ Eisenbahnstrecken und Fabriken als Reparationen demontieren oder überführte Betriebe in Sowjetische Aktiengesellschaften. Ostdeutschland trug schätzungsweise 75 % bis 99 % der gesamtdeutschen Reparationsleistungen; die genaue Größenordnung wird also unterschiedlich angegeben.
Die Bodenreform von 1945/1946 enteignete Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar sowie Kriegsverbrecher und aktive NSDAP-Mitglieder entschädigungslos. Ihr Besitz ging an örtliche Bodenfonds. Stalin untersagte der DDR die Annahme von Krediten des Marshallplans. Als Reaktion auf die Währungsreform in der westlichen Trizone blockierte die Sowjetunion West-Berlin 1948 und 1949. Die ostdeutsche Währungsreform verbesserte die Lage nur wenig, sodass Schwarzmarkt, Tauschhandel und Lebensmittelmarken länger als im Westen bestanden.
Ab 1949 besserte sich die Versorgung langsam, ein begrenzter Aufschwung setzte Anfang der 1950er Jahre ein. Dennoch erhöhte die politische Führung 1953 die Produktionsnormen. Zusammen mit der schlechten Versorgung führte die allgemeine Unzufriedenheit zum Aufstand vom 17. Juni 1953, den das sowjetische Militär blutig niederschlug.
Wegen wirtschaftlicher Probleme und der Repression durch die SED flohen bis zum Bau der Berliner Mauer viele Menschen, darunter Fachkräfte, nach Westdeutschland. Das schwächte die DDR-Wirtschaft zusätzlich. Erst nach dem Mauerbau im August 1961 und der gleichzeitigen Schließung der innerdeutschen Grenze begann ein kurzzeitiger Aufschwung, weil in der DDR wohnende Fachkräfte nicht mehr im Westen arbeiten konnten und sich beruflich innerhalb der DDR neu orientieren mussten.